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Full text of "Sitzungsberichte"

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Sitzungsberichte 



der 



mathematisch - physikalischen Classe 



der 



k. b. Akademie der Wissenschaften 



zu JVEünchen. 



Band. IV. Jahrgang 1874. 




München. 

Akaclemisohe Buchdruckerei von F. Straul), 

1874. 

In Confimission bei G. Franz. 



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Uebemcht 

des lohaltes der Sitzungsberichte Band IV. Jahrgang 1874. 

Oeffentliche Sitzung zur Feier des 115, Stiftunffstages der 

Je, Akademie am 28, März 1874. 

Seite 

V. E o b 6 1 1 : Nekrologe der verstorbenen Mitf^lieder der mathe- 

matisoh-physikalisohen Classe 69 

Sitzung vom 3. Januar. 

Yolhard: lieber einige Derivate des Sulfoharnstoffs ... 1 

Erlenmeyer: Ueber verschiedene Arbeiten in seinem Labo- 

ratoriam 28 

Beetz: Ueber die Darstellung von Magneten auf eleotror 

lytischem Wege 35 

V. E ob eil: Die Aetzfigaren an Krystallen. Von Dr. Heinr. 

Baumhauer 48 

Sitzung vom 7. Februar, 

Volbard: Ueber eine neue Methode der massanalytischen 

Bestimmung des Silbers 54 

Sitzung vom 7. März. 

V. Schlagintweit-Sakünlünski: Mikrostructur derEünlun- 
Nephrite und verwandter Gesteine. (Nach Hofrath 
Fischer's Untersuchungen) 63 

Oeffentliche Sitzimg zur Vorfeier des Gehuris- tmd Namens- 
festes Seiner Majestät des Königs Ludivig II, 

nm 20. Juli 1874, 

Neuwahlen 231 




IV 

Sit£sung vom 2, Mai. 

Vogel: Ueber die specifische W^ärme der Milch und über 
die Volamenveränderang, welche die Milch beim Ab- 
kühlen bis auf 0® erleidet von Dr. W. Fleisch- 
mann in Lindau 97 

Nägeli: Verdrängung der Pflanzenformen durch ihre Mit- 
bewerber 100 

SiUung vom 6, Juni. 

V. K ob eil: Ueber Chrysotil, Antigorit und Marmolit und 

ihre Beziehungen zu Olivin 165 

Gümbel: Geognostische Mittheilungen aus den Alpen II. . 177 
Erlenmeyer: Ueber die Fermente in den Bienen, im Bienen- 
brot und im Pollen und über einige Bestand- 
theile des Honigs 204 

Sitzung vom 4, JulL 

Erlenmeyer: Ueber die relative Constitution der Diazo- 

Verbindungen . . ' 208 

Zittel: Beobachtungen über Ozon in der Luft der liby- 
schen Wüste 215 

Sitssung vom 7. November. 

Erlenmeyer: Ueber das Vorkonimen eines diastatischen und 

peptonbildenden Fermentes in den W^icken- 
samen von v. Gorup-Besanez . . . . 241 
V. Kobell: Die Aetzfiguren am Ealiglimmer, Granat und 

Eobaltnickelkiese von H. Baumhauer . . . 245 
Zittel: Ueber Gletscher-Erscheinungen in der bayerischen 

Hochebene 252 

Beetz: Ueber gesetzmässige Schwankungen in der Häufig- 
keit der Gewitter während langjähriger Zeiträume 

von W. v. Bezold 284 

V. Schlagintweit-Sakünlünski: Ueber das Genus Bosa 

in Hochasien und über Rosenwasser und Rosenöl . 323 

Sitzung vom 5. Dezember. 

V. Pettenkofer: Ueber den Kohlensäuregehalt der Luft in 

der libyschen V^üsteüber und unter der 
Bodenoberfläche 338 




Sitzungsberichte 

der 

königl. bayer. Akademie der Wissenschaften. 



Mathematisch - physikalische Classe. 

Sitzung vom 8. Januar 1874. 



Herr J. Volhard spricht: 

„lieber einige Derivate des Salfoharn- 
Stoffs". 

1. Senßlessig-Säure. 

Vor einigen Monaten beschrieb ich in einer kurzen 
Notiz *) eine Verbindung, welche durch Einwirkung von Mono- 
chlor essigsaure auf Sulfohamstoff entsteht, den Glycolyl- 
sulfohamstoff oder das Sulfhydantoin. Ich hatte die Ver- 
suche, welche zur Darstellung dieses Körpers führten unter- 
nommen, indem ich nach den Untersuchungen A. W. Hof- 
manns über das Verhalten der Sulfohamstoffe gegen Metall- 
ozyde erwartete, dass ein in das Radical der Essigsäure ein- 
geführter Sulfoharnsto&est durch Entschweflung in einen Gya- 
namidrest oder bei Gegenwart von Ammoniak in einen Gua- 
nidinrest übergehen würde. Ich* hoffte so synthetisch die 
schon so vielfach erörterte Frage nach der Constitution des 
Glycocyamins und Ereatins, sowie einiger Harnsäurederivate 
zur Entscheidung zu bringen. 

Die Untersuchung der Entschweflungsproducte des Gly- 
colylsulfoharnstoffs bot jedoch unerwartete Schwierigkeiten 

1) Annalen der Chemie und Pharmacie 166, 383. 
[1874, 1. Math.-phy8. GL] 1 

83436 



2 Sitzung der nKxtH.-phys, Classe vom 3, Januar 1874. 

die zu überwinden mir noch nicht gelungen ist. Wohl wird 
beim Erhitzen seiner wässerigen Lösung mit Quecksilber oxyd 
oder -Cyanid, mit Silberoxyd, mit Kupferoxyd und Ammoniak 
Schwefelmetall gebildet, die völlige Entschwefelung vollzieht 
sich aber nur schwierig und ist von Oxydationswirkungen 
begleitet, da neben Schwefelmetall auch Metall oder Oxydul 
ausgeschieden wird. Die Producte der Entschwefelung sind 
schmierige Massen deren Zusammensetzung ich noch nicht 
zu entwirren vermochte. 

um gleichzeitige Oxydationswirkung auszuschliessen wen- 
dete ich zur Entschweflung schweflige Säure an. Ich er- 
hitzte Glycolylsulfoharnstoff mit einer gesättigten wässrigen 
Lösung von schwefliger Säure in zugeschmolzenen Röhren 
auf 130 — 150^. Dabei wird allerdings Schwefel ausgeschieden; 
die Menge desselben erreichte jedoch nie die der Rechnung 
nach bei völliger Entschweflung zu erwartende, auch bildete 
sich viel Schwefelsäure und die Lösung enthielt reichlich 
Ammoniaksalz. 

War mit schwefliger Säure nur kurze Zeit erhitzt 
worden, so trat beim Erkalten, auch wenn eine Aus- 
scheidung von Schwefel noch nicht stattgefunden hatte, eine 
so reichliche Krystallabscheidung ein, dass die Flüssigkeit 
nahezu erstarrte. Die von den Krystallen abgesaugte Flüssig- 
keit enthielt reichlich Ammoniaksalz ^ während die Ery stalle 
sich als schwefelhaltig erwiesen. 

Der nämliche Körper, ausgezeichnet durch grosse Kri- 
stallisationsfähigkeit, wird nicht allein durch schweflige Säure 
sondern durch Einwirkung aller Säuren aus Glycolylsulfo- 
harnstoff erzeugt; er bildet sich aus letzterem ausserordent- 
lich leicht. Es genügt die wässerige Lösung des salzsauren 
Glycolylsulfoharnstoffs während einiger Zeit im Sieden zu 
erhalten um allen Glycolylsulfoharnstoff in diesen neuen 
Körper überzuführen. Die Zersetzung, welche der Glycolyl- 
sulfoharnstoff unter diesen Umständen erfährt ist die nämliche, 



VcHhard: Derivate des Sulfohaimstoffs, 3 

welche die Amide unter der Einwirkung von Alkalien oder 
Säuren zu erleiden pflegen, nämlich Ausscheidung von Am- 
moniak und Auihahme von Wasser oder Austausch von Amid 
gegen Hjdroxyl. 



CH, . NH 
CO .NH 



I CS + HCl + H,0 = H,NCI + CO*; oa 



Der neue Körper ist mithin eine Essigsäure, in welcher 
ein Atom Wasserstoff durch das dem Sulfocyan isomere 
Radical der Senföle ersetzt ist und wird daher zweckmässig 
als Senfölessigsäure bezeichnet. 

Bei der Analyse der Senfölessigsäure wurden folgende 
Zahlen erhalten: 

0,3395 grm. mit Kupferoxyd und Chromsaurem Blei 
verbrannt gaben 0,3880 Kohlensäure und 0,0948 Wasser. 

0,5766 grm. mit Natronkalk verbrannt gaben eine Am- 
moniakmenge, welche 4,8"* Normaloxalsäurelösung sättigte, 
entsprechend 0,0672 Stickstoff. 

0,1237 grm. mit Salpeter und Kalihydrat verbrannt 
gaben 0,2514 schwefelsauren Baryt entsprechend 0,0346 
Schwefel. 



In 100 Thnilen 










.berechnet 


gefanden 


c. 


36 


30.76 


30.92 


H, 


3 


2.56 


3.10 


N 


14 


11.96 


11.65 


S 


32 


27.35 


27.97 


0, 


32 


27.35 


— !• 



100 

Die Senfölessigsäure ist in heissem Wasser äusserst leicht 

löslich, schwer in kaltem. Sie krystallisirt in grossen, weissen, 

an den Rändern farblosen und durchsichtigen Blättern von 

rhombischer Gestalt. Sie schmilzt und beginnt zu sublimiren 

1* 



4 äitzung der math-phys, Ctasse 'üom 3. Januar 1874, 

schon unterhalb der Temperatur des siedenden Wassers. 
Sie zeigt saure Reaction. 

Die Senfölessigsäure bildet sich auch direct bei der 
Einwirkung von Monochloressigsäure auf Sulfoharnstoff in 
beträchtlicher Menge, wenn man der Mischung etwas Wasser 
zusetzt. Ihre Darstellung ist daher sehr einfach. 

Eine Mischung von 104 grm. Monochloressigsäure, 
78 grm. Sulfoharnstoff und 100 cc. Wasser wird in einer 
Porzellanschale auf dem Wasserbad unter Umrühren gelinde 
erwärmt. Sobald sich alles gelöst hat beginnt die Flüssig- 
keit stark zu rauchen. Man nimmt jetzt die Schale vom 
Wasserbad weg und lässt sie ruhig stehen. Die Flüssigkeit 
geräth nach einigen Augenblicken in lebhaftes Sieden, dies 
hält kurze Zeit an bis die Reaction vorüber ist. Beim Er- 
kalten krystallisiren salzsaurer Glycolylharnstoff und sein er- 
wähntes Zersetzungsproduct gemeinschaftlich aus. Man lässt 
nicht YöUig erkalten, sondern giesst die noch heisse Masse 
sobald sie zu krystallisiren anfängt in soviel kochendes 
Wasser, dass sie vollkommen gelöst wird. Die Lösung er- 
hält man nun während einiger Stunden unter Ersatz des 
verdampfenden Wassers im Kochen. Wenn eine etwas ver- 
dünnte Probe bei der Neutralisation mit Ammoniak keinen 
Niederschlag von Glycolylsulfohamstoff mehr gibt, lässt 
man erkalten, wodurch eine reichliche Erystallisation von 
Senfölessigsäure erhalten wird. Die Mutterlauge enthält 
wenn man nicht zuviel Wasser anwendete nicht mehr viel 
davon. Durch Waschen mit kaltem Wasser und Umkrystalli- 
siren unter Zusatz von Thierkohle wird die Verbindung sehr 
leicht vollkommen rein erhalten. 

Mit der Untersuchung der Senfölessigsäure bin ich noch 
beschäftigt; ich hoffe in Kürze weitere Mittheilungen über 
diesen Körper machen zu können. Es verdient bemerkt 
zu werden , da^ss derselbe in seiner Zusammensetzung sich 
von einem noch sehr wenig untersuchten schwefelhaltigen 



Volhard: Dericate des Sidfohamstoffs. 5 

Bestandtheil seltener Blasenconcretionen, dem Gystin, nur 
durch den Mindergebalt von vier Atomen Wasserstoff unter- 
scheidet. Mit dem Gystin hat die Senfölessigsäure die Eigen- 
schaft gemein beim Erhitzen der kaiischen Lösung Schwefel- 
kalium zu bilden. Auch zu dem Sarkosin, dem Zersetzungs- 
product des Kreatins, steht die Senfölessigsäure in einer 
gewissen Beziehung ; es wäre nicht undenkbar, dass sie durch 
die Einwirkung von Wasserstoff im Entstehungszustand unter 
Abspaltung von Schwefel vier Atome Wasserstoff aufnähme, 
am in Sarkosin überzugehen. 

2. Stdfohamstoff. 

Für die Fortsetzung dieser Untersuchung musste ich 
mir eine grössere Menge von Sulfoharnstoff darstellen. Bei 
dieser Arbeit machte ich einige Beobachtungen deren Ver- 
folgung mich zwar einerseits von dem eigentlichen Ziel der 
Arbeit etwas ablenkte, dafür aber andererseits reichlichen 
Ersatz gewährte durch Ergebnisse, welche an sich von hohem 
Interesse und mannigfacher Anwendung fähig, namentlich 
für die synthetische Untersuchung der Harnsäure und ihrer 
Derivate sowie der i|[iit der Harnsäure in naher Beziehung 
stehenden thierischen Auswurfstoffe eine nicht unerhebliche 
Wichtigkeit erlangen dürften. 

Man erhält den Sulfoharnstoff nach Reynolds'), wenn 
das ihm isomere Rhodanammonium während etwa zwei 
Standen einer Temperatur von 170^ ausgesetzt wird. Die 
auf 100^ erkaltete Schmelze wird mit dem gleichen Gewicht 
heissen Wassers behandelt und filtrirt. Sie erstarrt beim 
Erkalten zu einer Masse feiner langer Nadeln von Sulfoharn- 
stoff die man von der Mutterlauge trennt und durch Um- 
krystallisiren reinigt. Die Ausbeute ist nicht gross ; ich habe 
sie nicht genau bestimmt, schätze sie aber auf kaum mehr 
als 15 Procent des Rhodanammoniums. 



2) Annalen der Chemie und Pharmacie 150, 226, 



6 Sitzung der math-phys, Classe vom 3, Januar 1874. 

Es fiel mir zunächst auf, dass die Ausbeute an Sulfo- 
harnstoff durch längeres Erhitzen bei der gleichen Tempe- 
ratur nicht vermehrt wird. Wenn die hohe Temperatur eine 
Umlagerung der elementaren Atome des Bhodanammoniums 
veranlasst, so sollte man denken, dass durch das Fortwirken 
der gleichen Ursache zuletzt die ganze Menge des Bhodan- 
salzes in den isomeren Körper umgewandelt werden müsste. 
Dies ist aber wie gesagt nicht der Fall. Ob man zwei oder 
fünf oder sechs Stunden die angegebene Temperatur erhält, 
die Ausbeute bleibt sich ziemlich gleich. 

Diese auffällige Erscheinung findet eine Erklärung in 
dem merkwürdigen Verhalten des Sulfoharnstoffs bei hoher 
Temperatur. Erhält man nämlich Sulfoharnstoff während 
einiger Stunden bei 160— 170^ so wird er in Rhodanammo- 
nium zurückverwandelt. Eine durch mehrstündiges Erhitzen 
bei 150 — 170^ bereitete Schmelze enthält daher immer die 
beiden Körper, Sulfoharnstoff undRhodanammonium, gleich- 
gültig welchen von beiden Körpern man anfänglich anwendete. 
In dem gleichen Paraffinbad, dessen Temperatur zwischen 
160 und 170^ gehalten wurde, erhitzte ich eine Anzahl von 
Reagirröhren, die mit je gleichen Mengen Rhodanammonium 
oder Sulfoharnstoff beschickt waren. Die Schmelzen wurden 
nach dem Erkalten in Wasser gelöst und die Lösungen auf 
bestimmtes Volum gebracht. Mittelst eines weiter unten zu 
beschreibenden Titrirverfahrens wurde sodann der Gehalt an 
Sulfoharnstoff in den verschiedenen Proben ermittelt. Die 
Schmelzen enthielten Sulfoharnstoff in Prozenten der ange- 
wendeten trockenen Substanz: 
aus Rhodanammonium 

nach 1 stündigem Erhitzen 17,2 
» 2 „ „ 17,7 

» 3 „ „ 17,7 

aus Sulfoharnstoff 

nacb 3 stündigem Erhitzen 34. 



Vdhard: Derivate des Sulfohamstcffs. 1 

Offenbar ist der wechselseitige üebergang des einen 
Körpers in den andern ein den Dissociations-Erscheinungen 
ähnlicher Vorgang. Wie bei diesen tritt wohl auch hier 
nach einiger Zeit ein Zustand des Gleichgewichts ein, bei 
Reichem in der Zeiteinheit ebensoviel Rhodanammonium in 
Sulfoharnstoff, als Sulfoharnstoff in Rhodanammonium über- 
geht. 

Es kommt übrigens noch ein umstand hinzu, welcher 
die Anhäufung des Sulfohamstoffs in der Schmelze verhin- 
dert, dies ist seine leichte Zersetzbarkeit. Man kann Rhodan- 
ammonium nicht schmelzen, ohne dass durch Zersetzung ein 
Gewichtsverlust stattfindet und bei der Behandlung desselben 
in der angegebenen Weise beträgt der Gewichtsverlust, selbst 
wenn man die Temperatur nie über 160^ steigen lässt, 
immer mindestens 3 Procent, bei 170^ steigt er oft auf 5 
und 6 Prozent Dieser Gewichtsverlust rührt von einer 
Zersetzung des gebildeten Sulfohamstoffs her. Er ist um 
so geringer, je niedriger die Temperatur gehalten wird. Die 
von Reynolds angegebene Temperatur ist unnöthig hoch. Es 
genügt zur Erzeugung des Sulfohamstoffs das Rhodansalz 
eben im Schmelzen zu erhalten. 

Das Maximum des aus der Schmelze gewinnbaren Sulfo- 
hamstoffs erfahrt, man annähernd, wenn man eine abgewogene 
Probe der erhaltenen Schmelze zerreibt und mit soviel kaltem 
Wasser anrührt als zu ihrer völligen Lösung nöthig wäre, 
wenn sie nur aus Rhodanammonium bestünde, das ist etwa 
^/s ihres Gewichtes. Der Sulfoharnstoff bleibt zum grössten 
Theil ungelöst. Nach dem Absaugen der Lösung lässt man 
ihn auf einer Gypsplatte ausgebreitet trocken werden. Diese 
Behandlung der Schmelze ist auch bei grösseren Mengen 
dem von Reynolds angegebenen Verfahren vorzuziehen. 

54 grm. Rhodanammonium wurden in einem Eölbchen 
geschmolzen; dabei stieg die Temperatur während einiger 
Augenblicke bis 160^; die Schmelze wurde dann 3 Stunden 



v 



8 Sitzung der math-phys, Classe vom 3, Januar 1874. 

lang bei 135 bis 145^ erhalten; beim Auflösen blieben 
12 grm. oder 22 pG. Sulfoharnstoff. 

23,3 grm. Rhodanammonium 2 Stunden bei 170^ er- 
hitzt, hinterliessen 4,5 grm. oder 19 pC. Sulfoharnstofif. 

Wird die von dem auskrystallisirten Sulfoharnstoff ab-, 
gesaugte Mutterlauge etwas eingedampft, so liefert sie beim 
Erkalten und längerem Stehen noch eine weitere Krystalli- 
sation von Sulfoharnstoff, die dem Aussehen nach sehr be- 
trächtlich erscheint, da die langen Nadeln die Flüssigkeit 
so durcjiziehen, dass sie erstarrt. Wenn jedoch die Mutter- 
lauge auf dem Trichter abgesaugt ist, so bleibt so wenig 
zurück, dass eine besondere Verarbeitung nicht lohnt. 
Man kann die Mutterlauge, da sie mindestens noch zwei 
Drittel des angewendeten Rhodanammoniums enthält, auch 
geradezu bei gelinder Wärme eintrocknen, entwässern und 
der ganzen Operation zur Gewinnung von Sulfoharnstoff 
von neuem unterziehen. Ich habe das mit einer grösseren 
Menge von Rhodanammonium wirklich ausgeführt und die 
Mutterlaugen immer wieder verschmolzen, bis aus der Schmelze 
kein Sulfoharnstoff mehr zu gewinnen war. Es ist dies 
jedoch eine äusserst schmierige und durch Gestank belästigende 
Arbeit ; dabei nimmt die Ausbeute an Sulfoharnstoff bald ab, 
das Product fällt stärker gefärbt aus und ist schwieriger zu 
reinigen, so dass es nicht lohnt die Mutterlauge mehr 
als ein- oder höchstens zweimal auf Sulfoharnstoff zu ver- 
arbeiten, zumal sie eingetrocknet zur Darstellung vieler anderen 
werthvoUen Präparate benutzt werden kann; sie lässt sich 
auf Guanidinsalze verarbeiten, auch ist der beim Galciniren 
bleibende Rückstand ein ausgezeichnetes und viel zu wenig 
geschätztes Material zur Bereitung von Gyansaurem Kali, 
von Gyanursäure und manchen anderen interessanten Körpern. 

Bezüglich der Reinigung des rohen Sulfohamstoffs durch 
Umkrystallisiren ist Folgendes zu beachten. Aus der heissen 
concentrirten Lösung schiesst der Sulfoharnstoff beim Erkalten, 



Völhard: Derivate des Sülfohamstoffa, 9 

auch wenn er fast ganz rein ist und mit Eisensalzen nur 
noch geringe Rhodanreaction, zeigt in Nadeln an, die zwar 
keine so voluminöse Masse bilden, wie die erste Erystalli- 
sation aus der Rhodanammoniumschmelze, auch nicht den 
schönen Seidenglanz zeigen, sondern aus aneinandergereihten 
deutlich unterscheidbaren Würfelchen bestehen. In ihrem 
netzartigen Gewebe halten sie sehr viel Mutterlauge fest; 
aus der verdünnten Lösung dagegen, wenn diese auch ziemlich 
viel Rhodanammonium enthält i krystallisirt der Sulfoham* 
Stoff in derben Erystallen der bekannten Würfelähnlichen 
Form 9 die leicht von der Mutterlauge getrennt und ohne 
grossen Verlust mit kaltem Wasser gewaschen werden 
können. (1 Theil Sulfoharnstoff braucht etwa 11 Theile 
kalten Wassers zur Lösung.) Beim ümkrystallisiren ist es 
daher zweckmässiger etwas verdünntere Lösungen längere 
Zeit zur Krystallisation stehen zu lassen und wiederholt 
massig abzudampfen, als die Hauptmasse aus der stark ein- 
gedampften Lösung auf einmal zur Abscheidung zu bringen. 
Dem aus mehrfach eingedampften und wiederholt verschmol- 
zenen Mutterlaugen erhaltenen Sulfoharnstoff sind in der 
Regel und namentlich wenn die Temperatur bei der Schmelze 
zu hoch gestiegen war, Melaminverbindungen beigemengt, 
von denen er durch blosse Krystallisation nicht zu trennen 
ist. Man erkennt deren Gegenwart durch Zusatz von etwas 
verdünnter Schwefelsäure zu der wässrigen Lösung des rohen 
Sulfoharnstoffs, welche eine krystallinische Ausscheidung von 
sehr schwer löslichem Schwefelsaurem Melamin hervorruft. 
Dieselben werden entfernt, indem man der Lösung des Sulfo- 
harnstoffs nach dem Eindampfen Essigsäure zusetzt, wodurch 
das Melamin in Lösung gehalten wird, während der Sulfo- 
harnstoff auskrystallisirt. 

Sulfoharnstoff verbindet sich nach Art des gewöhnlichen 
Harnstoffs mit den Salzen schwerer Metalle zu meist kry- 
stalliniscben, manchmal auch eigenthümlichen öligen Doppel^ 



10 Sitzung der math.-phys, Classe vom 3. Januar 1874, 

salzen. Reynolds hat Doppelsalze mit Gold-, Platin-, Queck- 
silber- und Silbersalzen beschrieben. Aehnliche Verbind- 
ungen erhält man mit Kupfer-, Zink-, Thallium- und Cadmium- 
salzen. Frisch gefälltes Chlorsilber löst sich in einer warmen 
Auflösung von Sulfoharnstofif, die mit einem Tropfen Salz- 
säure angesäuert ist mit grosser Leichtigkeit auf. Beim 
Erkalten krystallisirt eine Verbindung von Sulfoharnstofif mit 
Chlorsilber in schönen, glänzenden, weissen Nadeln. Möglicher- 
weise Hesse sich diese Eigenschaft des Sulfoharnstofifs Chlor- 
silber aufzulösen in der Photographie verwerthen. Man 
schreibt allgemein das allmälige Verderben der nach dem 
gewöhnlichen Verfahren erzeugten Papiercopien einem durch 
Auswaschen nicht vollständig entfernten Eückhalt von unter- 
schwefligsaurem Natron zu. Durch Anwendung des Rhodan- 
ammoniums, welches ebenfalls die Fähigkeit besitzt Chlor- 
silber zu lösen, glaubte man diesen . Missstand beseitigt und 
völlige Haltbarkeit der Bilder erreicht zu haben. Doch 
stellten sich -seiner Verwendung zum Fixiren andere technische 
Schwierigkeiten entgegen, so dass man davon wieder zurück* 
gekommen ist. Es wäre wohl möglich, dass der Sulfoharn- 
stofif, der sich vor dem Rhodanammonium durch Luftbestän- 
digkeit und Unempfindlichkeit gegen verdünnte Säuren aus- 
zeichnet als Ersatz für das Natronbyposulphit sich geeignet 
erwiese, zumal seine Eigenschaft mit Goldchlorid, Platin- 
chlorid und anderen schweren Metallsalzen lösliche Doppel- 
salze zu bilden, vielleicht gestatten würde das Fixiren und 
Tonen der Bilder in einer einzigen Operation zu vereinigen. 
DasSchwefelcyanammonium war, so lange es in der Photo- 
graphie ausgedehnte Anwendung fand, ausserordentlich billig; 
man bezahlte das Pfund des reinen Salzes mit 10 bis 12 Sgr. ; 
jetzt wird es bei geringem Begehr wohl nicht mehr im 
Grossen fabricirt und ist daher beträchtlich theurer. Eine 
Verwendung in grösseren Mengen würde aber sicherlich den 
Preis wieder auf den früheren Stand zurückführen, so dass 



Völhard: Derivate des Sidfohamstoffs. 11 

I 

in dieser HinBicht der technischen Verwendung des Sulfo- 

harnstofifs ein Hindemiss wohl nicht im Wege stünde. 

3, Guanidin. 

Bei der fortgesetzten Verarbeitung der Rhodanammonium- 
mutterlaugen auf Sulfoharnstoff nahm die Ausbeute an Sulfo- 
harnstofiE rasch ab und schliesslich konnte aus der Schmelze 
Sulfoharnstoff gar nicht mehr erhalten werden, obwohl sich 
die Lösung ganz wie eine BhodanammoniumlösÜDg verhielt, 
mit Alkalien reichlich Ammoniak entwickelte und mit Eisen- 
salzen höchst intensive Rhodanreaction gab. Um die Natur 
des rückständigen Salzgemisches zu erforschen wurde die 
Lösung etwas eingedampft und der Erystallisation über- 
lassen. Die anschiessenden Krystalle gaben sich schon durch 
ihr äusseres Ansehen als ganz verschieden von Sulfoharnstoff 
wie vonRhodanammonium zu erkennen. Breite sehr dünne, 
stark glänzende, biegsame Erystallblätter, die sich nach dem 
Trocknen fettig anfühlten, leichter schmelzbar als Sulfoharn- 
stoff, in Wasser äusserst leicht löslich aber doch nicht zer- 
fliesslich wie Rhodanammonium. Der neue Körper wurde 
als Rhodansalz einer sehr stickstoffreichen Basis erkannt. 
Um die Basis dieses Salzes abzuscheiden wurde die wässe- 
rige Lösung des Salzes mit Schwefelsaurem Silber zersetzt; 
das so erhaltene Schwefelsaure Salz durch Aetzbaryt von 
Schwefelsäure befreit, gab eine stark alkalische Lösung, die 
auch nach langem Kochen und Eindampfen ihre alkalische 
Reaction behielt, in concentrirtem Zustand ätzende Eigen- 
schaften zeigte, Kohlensäure aus der Luft anzog und nach 
Einleiten von Kohlensäure oder Zusatz von kohlensaurem 
Ammoniak und hinlänglichem Eindampfen ein in schönen 
Quadratoctaedern anschiessendes kohlensaures Salz lieferte. 
Letzteres löste sich leicht in Wasser, nicht in Alkohol. Das 
salzsaure Salz, leicht löslich in Alkohol auch nach Zusatz von 
Aether gab mit Platin- und mit Goldcblorid schön krystalli- 



12 Sitzung der math,'phys. Glosse votn 3, Januar 1874. 

sirende Doppelsalze. Nach diesen Eigenschafteü und der 
Entstehungsweise des Körpers konnte die Basis dieses Salzes 
nichts anders sein als Guanidin. Dies wurde auch durch 
die Säurebestimmung im Rhodanat, die Bestimmung des Gold- 
uud Platingehaltes der Doppelsalze, sowie durch Bestimmung 
des Stickstoffs im kohlensauren Salz bestätigt*). 

I. Rhodanwasserstoffsaures Salz. 

0,3376 grm. des mehrfach aus Weingeist umkrystallisirten 
und bei 124^ geschmolzenen Salzes brauchten zur yölligen 
Ausfallung des Rhodans als Rhodansilber 29"^ Vio Silber- 
lösung, woraus sich berechnet Rhodanwasserstoff 0,1711 
entsprechend 50,5 pG. Das Rhodanwasserstoffsaure Guanidin 
besteht zur Hälfte seines Gewichtes aus Rhodanwasserstoff. 

II. Platinsalz; zur Analyse wurden Proben von drei 
nacheinander aus der gleichen Lösung anschiessenden Erystalli- 
sationen 1, 2 u. 3 verwendet. Die Erystalle wurden an der 
Luft blind wie wenn sie verwitterten, erwiesen sich aber 
wasserfrei. Substanz bei 100^ getrocknet. 

1) Substanz 0,4935; Platin 0,1829; in 100 Th. 37,06. 

2) „ 0,1686; „ 0,062; „ „ „ 36,77. 

3) „ 0,229; „ 0,0855; „ „ „ 37,33. 
Berechnet für CNsHe, HCc, pt Cci „ „ „ 37,3. 

III. Goldsalz. Glänzende, gelbe, flache Nadeln, von zwei 
verschiedenen Darstellungen, bei 103^ getrocknet. 

Substanz 0,1932; Gold 0,0983; in 100 Th. 50,87. 
0,3607; „ 0,1775; „ „ „ 49,21. 
Berechnet für CNaHs, HCl, AuCls „ „ „ 49,4. 

*) Herr Prof. Eolbe, dem ich am 21. December 1873 diese Be- 
obachtung mittheilte, schreibt mir daes in seinem Laboratorium Herr 
Deutsch die Bildung von Bhodanguanidin aus Bhodanammonium 
gleichfalls beobachtet habe und in dem nächsten Hefte des Journals 
für practische Chemie eine vorläufige Notiz darüber erscheinen werde. 



Völhard: Derivaie des Suifohamstoffa, 13 

IV. Kohlensaures Salz, Wasserfrei, bei 100^ getrocknet. 

0,2484 gaben 102*^ feuchtes Stickgas bei 10^ und 
720"*"* Barometerstand gleich 0,12313 Stickstoff oder 46,65 pC; 
berechnet 46,7 pC. 

Nachdem die Natur des aus den Mutterlaugen des Sulfo- 
harnstoffs erhaltenen Salzes erkannt war, musste sich sofort 
der Gedanke aufdrängen, die Zersetzung des Rhodanammoniums 
oder des Sulfoharnstoffs zur Darstellung des durch Zusammen- 
setzung und Eigenschaften, sowie durch seine Beziehungen 
zu den stickstoffhaltigen Producten des thierischen Stoff- 
wechsels so ausserordentlich interessanten Guanidins zu be- 
nutzen. Denn alle bis dahin bekannten Methoden der Dar- 
stellung dieses Körpers sind sowohl sehr kostspielig als 
schwierig in der Ausführung. Die Zersetzung des Guanins 
durch welche Strecker ^) das Guanidin entdeckte , kann als 
Darstellungsmethode nicht in Betracht kommen, ebensowenig 
die schöne Synthese, die man Erlenmeyer*) verdankt. Zur 
Umwandlung des Ghlorpikrins in Guanidin nach Ho&nann^) 
sind Apparate erforderlich, die nicht Jedem zu Gebot stehen« 
Die Umsetzung des Jodcyans mit alkoholischem Ammoniak 
endlich, durch welche neuerdings Bannow*) Guanidin erhielt, 
leidet gleichfalls an dem Misstand, dass sie in hermetisch 
verschlossenen Geiassen vorgenommen werden muss, und 
hat noch den weiteren Nachtheil, dass nicht allein die 
Preise der Materialien, sondern auch deren Atomgewichte 
sehr hoch sind. 

Meine Versuche zur Darstellung von Guanidin aus 
Bhodanammonium hatten ein so vollständig befriedigendes 
Ergebniss, dass man nunmehr diesen Körper mit geringer 



3) Annalen der Chemie und Pharmacie 118, 159. 

4) Ibid. 146, 253. 

5) Berichte d. deutsch, eh. Ges. z. Berlin 1. 145. 

6) Ibid. 4, 161. 



li Sitetuig ätr math.-phi/». <^asae vom 3. Januar 1874. 

Mühe Dnd kaum uennenewerthen EoBten io jeder beliebigen 
Menge gewinnen kann. 

Ich habe bereits erwähnt, dass das Rhodanamnionium, 
wenn es einige Zeit im Schmelzen erbalten wird, immer 
einen Gawichtsverlost erlddet. Die Grösse dieses Verlustes 
ist bei gleichbleibender Temperatur abhängig von der Dauer 
des Erhitzens. Die Ursache desselben ist eben äer Zer- 
setzungsprocess , welchem das Rhodanguanidin seine Ent^ 
stehung verdankt 

Bei fortgesetztem Erhitzen des Rhodanammoniums bei 
einer Temperatur, welche nicht höher ist, ab die zu seiner 
Umwandlung in SulfohamstofiF nötbige Temperatur wird d^ 
Khodansalz fast vollständig zersetzt, und der Menge nach 
das Hauptproduct dieser Zersetzung ist Rhodanwasserstofi- 
saures Guanidin. 

Erhitzt man ßhodanammonium '') in einer mit Vorlage 
verbundenen Retorte, so sieht man, dass die Zersetzung 
schon beginnt, bevor noch der Schmelzpunkt desselben er- 
reicht ist. Der obere Theil der Retorte erfüllt sich mit 
dicken , weissen Dämpfen , die sich als ^t farbloses oder 



1) Zur DarBtellnng sowohl des Snlfohunstoffa als des Rhodan- 
gosnidinB habe ich Eulben und Retorten , in welchen das Khodan- 
ammoninm gesohmoUen wurde', immer ohne Bad oder Drahtnete 
ftber &eiem Feaer erhitzt. Die primitivsten Gaskochapparate, die 
man kennt, sogenannte Ringbrenner leisten hieza vortreSliobe Dienste. 
Dieselben sind von äusserst einfacher Constmotioiy sie bestehen ans 
einem '/»zölligen sotuniedeeisernen Qasleitangsrobr , das einerseits 
%a einem mit einer Anzahl feiner Löolier versehenen Ring von etwa 
4 CM. lichtem Durchmesser gebogen ist, andererseits durch Schlanah 
mit dem Gaskahn in Verbindang steht. Der Ring kann concentrisoh 
in einen weiteren Cjlinder von Eisenbleoh, der das Kcxibg^an trägt 
in beliebiger Entfernung von dem Boden des letiteren doroh eine 
an dem Bohr uagebnwlit« Klemmsohranbe festgestellt «erden. Diese 
vortre£Fliohen A^puate sind in den da tt tichen Laboratorien viel 
wenigav fc " 



Volhard: Derivate des Stdfohamstoffs, 15 

kaum gelblich geßirbtes kyrstallinisches Sublimat au die 
Glaswand anlegen. Bei fortgesetztem Erhitzen, selbst wenn 
die Temperatur von 160^ nie überscbritten wird, vermehrt 
sich allmälig die Menge des krystallinischen Sublimates, zu- 
gleich geht seine Farbe durch entschiedenes Gelb nach und 
nach in feuriges Orange über und schliesslich findet man 
den ganzen Hals der Retorte, sowie die untere Hälfte der 
Vorlage mit einer dicken orangerothen Erystallkruste über- 
zogen. Der Vorgang ist ziemlich der gleiche, ob man die 
Temperatur bei 170^ erhält oder sie auf 180^ steigert; 
bei 185 — 190® etwa beginnt der Geruch nach Schwefel- 
kohlenstoff sich bemerklich zu machen, der in mederer 
Temperatur nicht wahrzunehmen ist. 

Es ist wie gesagt, um das Bhodanammonium voll- 
ständig zu zersetzen, nicht nöthig, die Temperatur über 170® 
zu steigern und ich habe Grund zu glauben, dass bei dieser 
niederen Temperatur die geringste Menge von Nebenproducten 
gebildet wird, doch muss dann das Erhitzen etwa 100 bis 
120^ Stunden fortgesetzt werden. Steigert man die Tem- 
peratur auf etwa 180 — 185®, so erreicht man denselben 
Erfolg in etwa 20 Stunden. 

Der Rückstand besteht in beiden Fällen der Hauptsache 
nach aus Rhodanwasserstoffsaurem Guanidin. 

Gasförmige Zersetzungsproducte treten, wenn die Tem- 
peratur innerhalb der angegebenen Grenzen gehalten wird, 
bei dieser Zersetzung des Rhodanammoniums nicht auf. 

Das krystallinische Sublimat raucht, wenn man es an 
die Luft bringt und verbreitet einen starken Schwefelam- 
moniumgeruch. Trocken in gut schliessenden Gläsern auf- 
bewahrt subUmirt es nach Art des Gamphers schon bei 
gewöhnlicher Temperatur und setzt sich in glänzenden, hell- 
gelben, wohlausgebildeten, durchsichtigen Erystallen an die 
Glaswand an. Es löst sich leicht in kaltem Wasser mit 
rothgelber, bei starker Verdünnung etwas bräunlicher Farbe, 



14 Sitzung der math.-phys, Clctsse vom S. Januar 1874, 

Mühe und kaum nennenswerthen Kosten in jeder beliebigen 
Menge gewinnen kann. 

Ich habe bereits erwähnt, dass das Bhodanammonium, 
wenn es einige Zeit im Schmelzen erhalten wird, immer 
einen Gewichtsverlust erleidet. Die Grösse dieses Verlustes 
ist bei gleichbleibender Temperatur abhängig von der Dauer 
des Erhitzens. Die Ursache desselben ist eben der Zer- 
setzungsprocess , welchem das Rhodanguanidin seine Ent- 
stehung verdankt. 

Bei fortgesetztem Erhitzen des Rhodanammoniums bei 
eioer Temperatur, welche nicht höher ist, als die zu seiner 
Umwandlung in Sulfoharnstoff nötbige Temperatur wird das 
Rhodansalz fast vollständig zersetzt, und der Menge nach 
das Hauptproduct dieser Zersetzung ist Rhodanwasserstofi- 
saures Guanidin. 

Erhitzt man Rhodanammonium ^) in einer mit Vorlage 
verbundenen Retorte, so sieht man, dass die Zersetzung 
schon beginnt, bevor noch der Schmelzpunkt desselben er- 
reicht ist. Der obere Theil der Retorte erfüllt sich mit 
dicken, weissen Dämpfen, die sich als fast farbloses oder 



*I) Zur Darstellung sowohl des Sulfoharnstoffs als des Bhodan- 
guanidins habe ich Kolben und Betorten, in welchen das Rhodan- 
ammonium geschmolzen wurde', immer ohne Bad oder Drahtnetz 
über freiem treuer erhitzt. Die primitivsten Gaskochapparate, die 
man kennt, sogenannte Bingbrenner leisten hiezu vortreffliche Dienste. 
Dieselben sind von äusserst einfacher Constructioiy sie bestehen aus 
einem '/* welligen schmiedeeisernen Gasleitungsrohr » das einerseits 
zu einem mit einer Anzahl feiner Löcher versehenen Bing von etwa 
4 GM. lichtem Durchmesser gebogen ist, andererseits durch Schlauch 
tnit dem Gashahn in Verbindung steht. Der Bing kann concentrisch 
in einem weiteren Cylinder von Eisenblech, der das Eochgefass trägt 
in beliebiger Entfernung von dem Boden des letzteren durch eine 
an dem Bohr angebrachte Klemmschraube festgestellt werden. Diese 
vortrefflichen Apparate sind in den deutschen Laboratorien viel 
weniger bekannt als sie verdienen. 



Volhard: Derivate des Stdfohamstoffs, 15 

kaum gelblich gefärbtes kyrstallinisches Sublimat an die 
Glaswand anlegen. Bei fortgesetztem Erhitzen, selbst wenn 
die Temperatur von 160^ nie überschritten wird, vermehrt 
sich allmälig die Menge des krystallinischen Sublimates, zu- 
gleich geht seine Farbe durch entschiedenes Gelb nach und 
nach in feuriges Orange über und schliesslich findet man 
den ganzen Hals der Retorte, sowie die untere Hälfte der 
Vorlage mit einer dicken orangerothen Erystallkruste über- 
zogen. Der Vorgapg ist ziemlich der gleiche, ob man die 
Temperatur bei 170® erhält oder sie auf 180^ steigert; 
bei 185 — 190® etwa beginnt der Geruch nach Schwefel- 
kohlenstoff sich bemerklich zu machen, der in niederer 
Temperatur nicht wahrzunehmen ist. 

Es ist wie gesagt, um das Rhodanammonium voll- 
ständig zu zersetzen, nicht nöthig, die Temperatur über 170® 
zu steigern und ich habe Grund zu glauben, dass bei dieser 
niederen Temperatur die geringste Menge von Nebenproducten 
gebildet wird, doch muss dann das Erhitzen etwa 100 bis 
120^ Stunden fortgesetzt werden. Steigert man die Tem- 
peratur auf etwa 180 — 185®, so erreicht man denselben 
Erfolg in etwa 20 Stunden. 

Der Rückstand besteht in beiden Fällen der Hauptsache 
nach aus Rhodanwasserstoffsaurem Guanidin. 

Gasförmige Zersetzungsproducte treten, wenn die Tem- 
peratur innerhalb der angegebenen Grenzen gehalten wird, 
bei dieser Zersetzung des Rhodanammonium s nicht auf. 

Das krystallinische Sublimat raucht, wenn man es an 
die Luft bringt und verbreitet einen starken Schwefelam^ 
moniumgeruch. Trocken in gut schliessenden Gläsern auf- 
bewahrt subhmirt es nach Art des Gamphers schon bei 
gewöhnlicher Temperatur und setzt sich in glänzenden, hell- 
gelben, wohlausgebildeten, durchsichtigen Erystallen an die 
Glaswand an. Es löst sich leicht in kaltem Wasser mit 
rothgelber, bei starker Verdünnung etwas bräunlicher Farbe, 



16 Sitzung der math.'phys4 Olasse vom 3. Jantuir 1874. 

Beim Kochen wird diese Lösung unter Entwicklung von 
Schwefelwasserstoff fast farblos und gibt dann mit Eisen- 
ohlorid intensive Rhodanreaction. Mit Salzsäure versetzt, 
wird sie milchig, wie wenn sich Schwefel ausgeschieden 
hätte, nach einiger Zeit sammeln sich am Boden rothbraune 
Oeltropfen an. Mit Zinkvitriol gibt die wässrige Lösung 
des rothen Sublimates einen hellgelben, mit Bleisalzen einen 
rothen, mit Quecksilberchlorid bei starker Verdünnung einen 
bräunlich gelben, mit Silberlösung einen braunschwarzen 
Niederschlag. Alle diese Niederschläge verwandeln sich, wenn 
sie mit der Flüssigkeit aus der sie entstanden erwärmt 
werden, in die entsprechenden Schwefelmetalle unter Ent- 
wicklung von Schwefelkohlenstoff. Durch diese Reactionen 
wird das orangefarbige Sublimat als Schwefelkohlenstoff- 
schwefelammonium , sulfokohlensaures oder trisulfocar bon- 
saures Ammoniak, als das Roth werdende Salz Zeise's ge- 
kennzeichnet. 

Der Verlauf der Zersetzung des Rhodanammoniums 
wird durch die Natur der beiden, dabei fast ausschliesslich 
entstehenden Zersetzungsproducte, nämlich des Guanidinsalzes 
und des Ammoniumsulfocarbonates, vollständig erklärt. Sie 
verläuft im Sinn der folgenden Gleichung 

6CNSNH4 = 2CNSCNsH6 -f CSsNiH». 

Dieser Gleichung entspricht ein Gewichtsverlust des 
Rhodanammoniums von 37, 9 pG. Bei den besseren Schmelzen, 
die durch 15— 20 stündiges Erhitzen auf etwa 185® erhalten 
waren, wurde ein Gewichtsverlust von 34 bis 38 pC. gefunden. 

Was den inneren Zusammenhang dieses Zersetzungs- 
vorgangs anlangt, so ist es im höchsten Grade wahrscheinlich, 
um nicht zu sagen gewiss, dass das Rhodanammonium vor 
seiner Zersetzung in Sulfoharnstoff übergeht. Letzterer ver^- 
hält sich offenbar beim Erhitzen so, wie er sich auch 
gegen Entschweflungsmittel verhält, er verliert die Elemente 



Vcihard: DerivcAe da Sidföhamstcffs. 17 

des Schwefelwasserstoffs, um in Cyanamid überzugeheB, 
welches im Moment seiner Bildung sich mit Bhodanammo- 
nium zu Rhodanguanidin vereinigt. Ich habe mich durch 
besondere Versuche überzeugt, dass Cyanamid und Etho- 
danammonium sich wirklich, wie nach Erlenmeyers Syn- 
these des Guanidins zu erwarten war, mit einander zu Rho- 
danguanidin verbinden. Die beiden Körper wurden in 
trocknem Zustand zusammengebracht, und bei 100^ erhitzt. 
Das Rhodanammonium löste sich rasch in dem geschmolzenen 
Cyanamid zu einer klaren Flüssigkeit auf. Nadidem die 
Masse während 10 Stunden im Wasserbad verblieben war, 
konnte nach dem später anzugebenden Verfahren leicht das 
durch seine alkalische Reaction, durch Erystallform, Verhalten 
beim Erhitzen und gegen Lösungsmittel so charakteristische 
kohlensaure Guanidin daraus abgeschieden werden. 

Auch die Bildung des rothen Zeise'schen Salzes ist 
leicht verständlich, wenn man sich erinnert, dass dieses Salz 
eigentlich aus Schwefelwasserstoff und Rhodanammonium be- 
steht; die Lösung des sulfokohlensauren Ammoniaks zerfällt 
ja beim gelinden Erwärmen geradeauf in diese beiden Be- 
standtheile. Man muss daher annehmen, dass der aus dem 
Sulfoharnstoff sich abspaltende Schwefelwasserstoff sofort 
mit einem andern Theil des Rhodanammoniums unter Er- 
zeugung von sulfokohlensaurem Ammoniak in Verbindung 
tritt. Diese Umsetzungen finden in folgenden Gleichungen 
Ausdruck : 

CSN2H4 = H«S + CN1H2 

Sulfoharnstoff Cyanamid 

CN2H2 + CN.S.NH4 = CNS.CNbHö 

Cyanamid Rhodanammonium Rhodanwasserstoff-Guanidin 

CSNsHi . HiS ^ (jg rSNH4 

Rhodanammonium HiS l SNH4 

Sulfokohlens. 
Ammoniak. 

[1874. 1. Math.-phys. GL] 2 



18 Sitzung der fmth.,'phy8, Classe wm 3. Januar 1874. 

Zur Darstellung von rhodanwasserstoSsaurem Guanidin 
erhält man also wohlgetrocknetes Schwefelcyanammonium in 
einem Kolben oder in einer Retorte mit Vorlage und ein- 
gesenktem Thermometer während etwa 20 Stunden bei einer 
Temperatur von 180 bis 190^. Dass die Operation gut ge- 
lungen, erkennt man sofort an dem Aussehen der erkalteten 
Schmelze. Diese ist durch und durch von grossen fast farb- 
losen Erystallblättern durchzogen, die, wie es scheint, die 
gleiche Erystallform haben, wie das aus wässriger Lösung 
krystallisirte Salz, die ganze Masse ist von grünlicher Farbe 
und zeigt beim Zerschlagen Höhlungen, die mit farblosen, 
stark glänzenden, prismatischen und blättrigen Kristallen er- 
füllt sind. Sie löst sich äusserst leicht in wenig mehr als 
ihrem gleichen Gewicht kalten Wassers, unter Hinterlassung 
eines der Menge nach sehr geringen grauen flockigen 
Schlammes ^). 

Die wässerige Lösung etwas abgedampft, gesteht beim 
Erkalten zu einer Masse dünner Erystallblätter von den 
schon erwähnten Eigenschaften. In der Flüssigkeit erscheinen 
die Erystalle farblos; nach dem Abfiltriren und Trocknen 
zeigen sie jedoch einen Stich ins Gelbliche. Die von den 
Erystallen abgesaugte Mutterlauge gibt bei weiterem Ein- 
dampfen weitere Erystallisationen der gleichen Substanz, nur 
mehr gelb bis braun gefärbt. Wenn man lange genug er- 
hitzt hatte, krystallisirt die Mutterlauge fast bis auf den 
letzten Tropfen in der gleichen Weise. Wurde das Erhitzen 
zu früh unterbrochen, so bedecken sich die aus der Mutter- 
lauge anschiessenden Erystalle, wenn sie an der Luft liegen 



8) Dieser Schlamm wurde hauptsächlicli dann beobachtet, wenn 
schon mehrfach auf Sulfoharnstoff verschmolzene Massen zur Be- 
reitung von Rhodanguanidin verwendet wurden. Einen in heissem 
Wasser löslichen und beim Erkalten in feinen, weissen, wolligen 
Nadeln krystallisirenden Bestandtheil dieses Schlammes habe ich 
zwar in kleiner Menge isolirt, aber noch nicht näher untersucht. 



Vcihard: Derivate des Stdfohamstoffs. 19 

mit einer schimmelartigen Efflorescenz, die aus kleinen Nadeln 
von Rhodanammoniam besteht. 

Das auskrystallisirte Rhodanwasserstoffsaure Guanidin 
mrä durch längere Digestion seiner wässrigen Lösung mit 
Thierkohle und wiederholtes Umkrystallisiren aus Wasser oder 
Weingeist in vollkommen farblosen, durchsichtigen Erystall- 
blättern erhalten. 

Um aus dem Rhodansalz andere Guanidinsalze zu be- 
reiten, kann man die Rhodanwasserstoffsaure nicht wohl 
durch stärkere Säuren ausscheiden und durch Abdampfen 
entfernen, da sie aus verdünnten Lösungen nur zum kleineren 
Theil abdunstet, in concentrirten Lösungen aber zur Bildung 
nicht unlöslicher Zersetzungsproducte Veranlassung gibt. Ich 
schied dieselbe daher anfänglich als Eupferrhodanür ab, 
durch Ausfallung mit einer Mischung von Kupfervitriol und 
schwefliger Säure oder mit einer Mischung von Kupfer- und 
Eisenvitriol. Dies Verfahren hat den Misstand, dass man 
für jedes Aequivalent Rhodan drei, resp. vier Aequivalent 
Schwefelsäure wieder entfernen muss, was enorme Mengen 
von Baryt, oder wenn man die Schwefelsäure als Gyps ab- 
scheidet eine weitere Behandlung zur Entfernung des in 
Lösung bleibenden Gypses erfordert; in beiden Fällen aber 
ist man durch grosse Mengen von Waschwasser belästigt. 

Dampft man eine Lösung des Rhodansalzes mit Salpeter* 
saurem Ammoniak ein, so setzen sich die beiden Salze 
gegenseitig um und das gebildete salpetersaure Guanidin, 
welches in kaltem Wasser ziemlich schwer löslich ist, lässt 
sich leicht vom Rhodanammonium scheiden. Zur Darstellung 
des salpetersauren Salzes ist dies der einfachste Weg. 

Diese Beobachtung veranlasste mich auch die Wechsel- 
zersetzung mit anderen Alkalisalzen zu versuchen, und so 
stellte sich ein Verfahren zur Verarbeitung des Rhodan- 
guanidins heraus, welches an Einfachheit ^ Raschheit und 

Sauberkeit nicht viel zu wünschen übrig lässt, zumal es die 

2* 



20 Sitzung der matk.-phifs» Glosse vom 3, Januar 1874. 

für die Darstellung aller übrigen Salze geeignetste Verbindung 
das kohlensaure Salz liefert. 

100 Theile mehrmals umkrystallisirtes und farbloses 
Rhodanguanidin in möglichst wenig heissem Wasser gelöst 
versetzt man mit der gleichfalls concentrirten Lösung von 
58 Theilen möglichst reinen kohlensauren Kalis. Die ge- 
mischte Lösung wird zuerst über freiem Feuer eingekocht, 
dann im Wasserbad stark eingeengt; der Rückstand wird 
mit 200 Theilen Weingeist einige Zeit im Sieden erhalten. 
(Rhodankalium braucht etwa 2 Vt Theile kochenden Weingeist 
von 92 pC. zur Lösung). Die Stärke des Weingeistes richtet 
man nach dem Grad des Eindampfens, man nimmt ihn um 
so weniger stark, je mehr sich das Eindunsten dem völligen 
Trocknen genähert hatte. Rhodankalium löst sich auf und 
kohlensaures Guanidin bleibt zurück; es wird heiss ab- 
filtrirt und mit Weingeist sorgfältig gewaschen. Nach dem 
Trocknen bleibt ein weisser, pulveriger Rückstand, der bis 
auf eine minimale Spur von kohlensaurem Eali aus reinem 
kohlensauren Guanidin besteht; durch einmalige Krystalli- 
sation aus Wasser wird es in kleinen Erystallen der cha- 
rakteristischen Form vollkommen rein erhalten. Wie viele 
andere Salze bildet auch das kohlensaure Guanidin grosse 
und wohlausgebildete Kristalle viel leichter aus unreinen als 
aus reinen Lösungen. 

Man erhält so etwa 70 pC. des aus der angewendeten 
Menge Rhodanguanidins berechneten kohlensauren Salzes. 
Der Alkoholische Auszug scheidet bei längerem Stehen 
noch etwas kohlensaures Guanidin ab; dasselbe ist stark 
kalihaltig und wird zweckmässig bei einer folgenden Dar- 
stellung mitverarbeitet Auch wird etwas Guanidin zer- 
setzt. Beim Einkochen des Rhodansalzes mit kohlensaurem 
Kali entweicht anfänglich etwas Ammoniak; durch längeres 
Kochen mit einem Uebersohuss von kohlensaurem Kali wird 



Volhard: Demate der SiOfohamataffs. 21 

das Guanidin unter fortwährender AmmoniakentwickelaDg 
zerstört. 

Es scheint mir bemerkenswerth , dass kohlensaures 
Natron in gleicher Weise angewendet, sich mit Rhodan- 
guanidin nicht umsetzt; der mit Weingeist ausgezogene Ab- 
dampfungsrückstand enthielt nur Kohlensaures Natron. 



4. Cyanamid. 

Ich erwähnte oben, dass ich durch besondere Versuche 
die Bildung von Rhodanguanidin aus Cyanamid und Rhodan- 
ammonium constatirt habe. Das zu diesen Versuchen ver- 
wendete Cyanamid war aus Sulfoharnstoff dargestellt und 
zwar nach einer neuen Methode, nach welcher es sehr 
leicht in grösseren Mengen erhalten werden kann. 

Eine leicht ausfuhrbare und ergiebige Methode zur Dar- 
stellung von Cyanamid erscheint ganz besonders wünschens- 
werth, da dasselbe durch seine nahen Beziehungen zu den 
meisten stickstoffreichen Ausscheidungsproducten des Thier- 
körpers ein hohes Interesse bietet und namentlich für die 
synthetischen Untersuchungen in dieser Richtung von her- 
vorragender Wichtigkeit ist; ich erinnere nur daran, dass 
die Harnsäure und viele ihrer Derivate als Gyanamidver- 
bindungen betrachtet werden, und dass das Ereatin, wie ich 
nachgewiesen habe, durch directe Vereinigung von Cyanamid 
mit Sarkosin synthetisch gebildet wird. 

Bei der Entschweflung des Sulfoharnstoffs mittelst Metall- 
ozyden erhielt Hofmann ^) nur das dem Cyanamid polymere 
Dicyandiamid ; er erklärte aber ganz richtig die Bildung, 
sowohl dieses Körpers, als auch der aus den substituirten 
Sulfoharnstoffen erhaltenen Entschweflungsproducte aus der 
Umwandlung von Sulfoharnstoff in Cyanamid. Neuerdings 



9) Berichte d. deutsoh. ohem. Gesellsch. z, Berlin 2,606, 



22 Sitsfung der math.-phys. Classe vom 3, Januar 1674» 

wies Baumann ^^) nach, dass in der That durch Einwirkung 
von Quecksilberoxyd auf Sulfoharnstoff Gyanamid gebildet 
wird, er zeigte, dass die mittelst Quecksilberoxyd entschwefelte 
alkoholische Lösung mit Silber- und Eupfersalzen die Reac- 
tionen des Cyanamids gibt. Von dem Versuch das Gyanamid 
in Substanz aus dieser Lösung darzustellen liess sich Bau- 
mann yermuthlich durch unrichtige Angaben der Entdecker ^^) 
des Cyanamids, über das Verhalten desselben beim Erhitzen 
seiner wässerigen Lösung, welche in alle Lehrbücher über- 
gegangen sind, abschrecken. 

Sehr viel leichter als die alkoholische Lösung wird, wie 
ich gefunden habe, die wässerige Lösung des Sulfoharnstoffs 
durch Quecksilberoxyd entschwefelt. Mit gelbem Quecksilber- 
oxyd bei nicht allzu niederer Temperatur, bei 15^ schon, 
ist die Reaction eine augenblickliche, das Oxyd wird mo- 
mentan schwarz und bei genügendem Zusatz von Quecksilber- 
oxyd wird aller Schwefel des Schwefelharnstoffs sofort als 
Schwefelquecksilber ausgeschieden. Wendet man eine kalt 
bereitete, nicht ganz gesättigte, wässrige Lösung von reinem 
Sulfoharnstoff und ein sehr sorgfältig ausgewaschenes Queck- 
silberoxyd an, das in Wasser aufgeschlämmt ist, und lässt 
man sich die nöthige Zeit, das Oxyd langsam und allmälig 
in kleinen Antheilen einzutragen, so enthält die entschwefelte 
Lösung fast nur Gyanamid. Man erreicht denselben Erfolg 
auch mit rothem Quecksilberoxyd ^'), wenn man dieses zuvor 



10) Ibid. 6, 1371. 

11) Cloez und Cannizzaro, Jahresbericht für Chemie 1851^ 382. 

12) Das rothe Quecksüberoxyd läset sich sehr leicht schlämmen, 
wenn man es vor dem Wasserzusatz mit wenig Alkohol befeuchtet 
sorgfältig abreibt. Man überzeuge sich zuvor durch Erhitzen einer 
Probe, dass das Oxyd von Salpetersäure völlig frei ist. Das gelbe 
Oxyd scheint so gut ausgewaschen, wie zu diesem Zweck nöthig, 
nicht im Handel zu «ein. 



Vdhard: Derivate des Sulfoharnatoffs. 23 

schlämmt und mit Wasser angerührt einträgt oder mit der 
wässrigen Lösung des Sulfobamstoffs längere Zeit abreibt, 
und zur Darstellung grösserer Mengen von Cyanamid hat 
dasselbe vor dem gelben manchen Vorzug, es wirkt weniger 
energisch und erspart das immerhin lästige Auswaschen. 

Auch ich wurde Anfangs durch die vorgefasste Meinung 
von der leichten Veränderlichkeit der Gyanamidlösung zu 
einer Reihe von Versuchen geführt, das Cyanamid aus seiner 
Lösung in Wasser an ein leichter flüchtiges und indifferentes 
Lösungsmittel zu übertragen. Durch wiederholtes Ausschüt- 
teln mit Aether wird der wässrigen Lösung nur ein kleiner 
Theil des Cyanamids entzogen; auch gelang es nicht, die 
Hauptmasse des Cyanamids aus dem Wasser an Aether zu 
überführen, als ich die wässrige Lösung unter einer Aether- 
Bchicht gefrieren liess. Ich versuchte dann das Wasser in 
anderer Weise fest zu machen , indem ich in die mit Aether 
überschichtete Lösung allmälig so viel entwässertes Glauber- 
salz eintrug, bis sie bei einigem Stehen gänzlich erstarrte. 
Das Resultat war immer das gleiche, der Aether nahm nur 
etwa den achten bis sechsten Theil des vorhandenen Cyan- 
amids auf. Als ich jedoch die wässrige Lösung nach Zusatz 
eines Tropfens Essigsäure auf das Wasserbad setzte und sie 
bei heftig kochendem Wasser eindampfte, bis eine Probe 
beim Erkalten völlig erstarrte, zeigte sich, dass der Ab- 
dampfungsrückstand bei der Behandlung mit wenig absolutem 
Aether nur eine kleine Menge Dicyandiamid und etwas 
flockiges Gerinsel zurückliess. Beim Verdunsten der äther- 
ischen Lösung hinterblieb reines Cyanamid in Aether völlig 
und leicht löslich. Aus 30 Grm. Sulfohamstoff wurden so 
in verschiedenen Proben 8 — 10,5 grm. bei 40® vollkommen 
geschmolzenes Cyanamid erhalten (die berechnete Menge 
wäre 16 grm.). 

Zum Gelingen der Operation ist es durchaus nothwendig, 
die angegebenen Vorsichtsmassregeb zu beobachten. Nament- 



24 Sitztmg der math-phys. Clame vom 3. Januar 1674, 

lieh muss man das Eintragen des Quecksilberoxydes nicht 
beeilen und für Reinheit und sorgfältige Yertheilung des 
Oxydes sorgen. Gelbes Oxyd in trockenem Zustande einge- 
tragen, gibt fast nur Dicyandiamid auch bei dem rothen ist 
es sicherer dasselbe feucht einzutragen. 

Selbstverständlich ist ein Ueberschuss von Quecksilber- 
oxyd sorgsam zu vermeiden. Die Farbe des Quecksilber- 
oxydes verschwindet jedoch in der von Schwefelquecksilber 
geschwärzten undurchsichtigen Masse sofort, auch wenn aller 
Sulfoharnstoff bereits zersetzt ist, und erst ein beträchtlicher 
Ueberschuss von Quecksilberoxyd macht sich durch bräun- 
lichen Ton des Niederschlages bemerklich. In folgender Art 
gelingt es jedoch sehr leicht die völlige Entschwefelung mit 
genügender Sicherheit zu erkennen. Man zieht von Zeit zu 
Zeit und gegen Ende der Operation vor jedem neuen Zusatz 
von Quecksilberoxyd eine kleine Probe, indem man mit einem 
Schnitzel Filtrirpapier die Oberfläche der Flüssigkeit berührt. 
Den neben dem schwarzen Schwefel- Quecksilberfleck ent- 
stehenden Wasserrand auf dem Papier betupft man mit einer 
ammoniakalischen Lösung von Salpetersaurem Silber. Solange 
noch unzersetzter Sulfoharnstoff vorhanden ist, entsteht so- 
fort ein schwarzer Fleck und auch die geringste Spur des- 
selben macht sich noch durch die nach einigen Augenblicken 
eintretende Bräunung des zuerst entstandenen hochgelben 
Fleckes von Gyanamid-Silber, die namentlich auf der Rück- 
seite des Papiers leicht erkannt wird, aufs unzweideutigste 
bemerklich. 

Die Reaction zwischen Sulfoharnstoff und Ammonia- 
kalischer Silberlösung vollzieht sich so rasch und die an- 
gegebene Probe ist so empfindlich, dass man sie recht gut 
zur Titrirung des Sulfohamstoffs verwenden kann. Man 
lässt eine V^o Silberlösung zu der mit Ammoniak versetzten 
Lösung von Sulfoharnstoff fliessen, bis die angegebene Probe 
die völlige Entschwefelung anzeigt. 



Völhard: Derivate des SUlfoharfUftoffe. 25 

Auch hier entsteht zuletzt ein Fleok, der vollkommen 
die Farbe des Cyanamidsilbers zeigt. Dies beweist zweierlei, 
einmal dass auch in der ammoniakalischen Lösung durch 
Entschwefelung des Sulfoharnstoffs in erster Linie Cyanamid 
gebildet wird, und sodann, dass das Gyanamidsilber durch 
Sulfohamstoff in Schwefelsilber übergeführt wird; was aus 
den Resten der beiden Körper wird, habe ich noch nicht 
untersucht. 

Bezüglich der Titrirung des Sulfoharnstoffs stimmten 
die bei einigen vergleichenden Vorversuchen erhaltenen Zahlen 
hinlänglich überein um zu erkennen, dass sich auf die er- 
wähnte Reaction eine recht gute Titrir- Methode gründen 
liesse, wenn dies einen Zweck hätte. Ich wollte nur annähernd 
die Menge des Sulfoharnstoffs in den Rhodanammonium 
schmelzen damit bestimmen. Die Gegenwart grösserer Mengen 
von Rhodanammonium verlangsamt zwar die Einwirkung des 
Silberozydes auf Sulfohamstoff sehr, erschwert damit auch 
das Erkennen der völligen Umsetzung; immerhin konnte wenn 
die Flüssigkeit etwas erwärmt wurde und die mit Silber- 
lösung betupfte Probe vor Licht geschützt kurze Zeit liegen 
blieb, eine für den gedachten Zweck völlig genügende An- 
näherung erzielt werden. 

5. Melam. 

Die Bildung des Rhodanwasserstoffguanidins wirft ein 
neues Licht auf die Entstehung der merkwürdigen Zersetzungs- 
produkte des Rhodanammoniums, welche v. Liebig vor längerer 
Zeit untersuchte. Der Rückstand, welchen man bei noch 
länger anhaltendem Erhitzen des Rhodanammoniums erhält, 
Liebig's Melam, ist offenbar ein Zersetzungsprodukt des 
Bhodanguanidins. Denkt man sich den gleichen Vorgang dem 
das Gnanidinsalz seine Entstehung verdankt, nochmals wieder- 
holt, aus der Zusammensetzung des Bhodanguanidins die 







xs^-^^'-' 



26 Sitzung der math.'phys. Glosse vom 3. Januar 1874. 

Elemente des Schwefelwasserstoffs weggenommen, so bleibt 
ein polymeres Gyanamid. 

CNS CNs He - HiS = CiNaH*. 

Die Zusammensetzung des Melams kommt der eines 
Gyananiids sehr nahe; durch wiederholt abwechselndes Aus- 
kochen mit Wasser und trockenes Erhitzen des ausgekochten 
Rückstandes erhält man daraus immer von Neuem kleine 
Mengen von Melamin ; es geht zum grössten Theil in Melamin 
über, wenn man es mit Ammoniakwasser in zugeschmolzenen 
Röhren bei 150® erhitzt. Bekanntlich hat v. Liebig aus 
diesem Melam eine Reihe von merkwürdigen Zersetzungs- 
produkten dargestellt. Ich habe die meisten dieser Körper 
eingehend untersucht, die Arbeit ist jedoch noch nicht 
ganz zum Abschluss gekommen. Nur folgende Punkte möchte 
ich hervorheben. 

Da die nach den verschiedenen Angaben bereiteten 
Ammelidartigen Körper sich verschieden zeigten, suchte ich 
nach einer neuen Methode und es ist mir gelungen ein 
Verfahren zu finden, welches constant ein gleichartiges 
Produkt liefert. Dasselbe hat die Zusammensetzung, welche 
Gerhardt dem Ammelid zuschreibt. Es verbindet sich so- 
wohl mit Säuren, als auch mit fast allen Basen zu Salzen. 
Die Salze mit schweren Metalloxyden sind im Wasser un- 
löslich die mit alkalischen Basen löslich, und krystallisirbar; 
namentlich die Salze mit Kalk, Magnesia und Baryt krystalli- 
siren schön und zeigen constante Zusammensetzung. 

Wird der Rückstand, welcher bei starkem und bis zum 
Aufhören der Gasentwicklung anhaltendem Galciniren des 
Melams bleibt, mit Kalihydrat geschmolzen, so erhält man 
bekanntlich Gyansaures Kali. Ich habe gefunden, dass er 
durch Schmelzen mit Kohlensaurem Kali fast reines Mellon- 
kalium lieferti welches durch Umkrystalliren unter Zusatz 



VcHhard: Derivate des Sulfdharmtoffa, 27 

von etwas Essigsäure sehr leicht in yolIkommeD reinem 
Zustand erhalten wird. Es ist dies eine sehr einfache er- 
giebige und leicht ausführbare Methode der Darstellung 
dieses merkwürdigen Körpers. Löst man den erwähnten 
Rückstand in heisser concentrirter Kali- oder Natronlauge, so 
erhält man sofort sehr schöne Krystallisationen der Salze 
der von Henneberg als Cyamelursäure beschriebenen Säure. 

Ich hoffe über diese Körper in Kürze eingehendere 
Mittheilungen machen zu können. 



28 Sitsfung der math.-phys, Classe ipom 3. Januar 1874. 



Herr Erlenmeyer spricht: 

„Ueber versohiedene Arbeiten in seinem 
Laboratorium*'. 

Ich habe im Jahre 1867 Untersuchungen über die Ana* 
logie der sauren schwefligsauern Salze mit den ameisensauren 
Salzen und über die Constitution des Taurins begonnen '), 
deren Resultate von Zeit zu Zeit theils von mir selbst, theils 
von Schülern meines Laboratoriums veröffentlicht wurden'). 
Es sind nua in der letzten Zeit besonders von Max Müller ') 
Notizen über Arbeiten veröffentlicht worden, welche in das 
Gebiet meiner Untersuchungen derart hineinreichen , dass 
ich mich genöthigt sehe, einige vorläufige Mittheilungen zu 
machen, um wenigstens für einen Theil unserer Arbeiten 
die Priorität zu behalten. 

Da die von mir noch in Heidelberg angestellten Ver- 
suche, nach Strecker's Methode künstliches Taurin darzustellen 
ein negatives Resultat ergeben hatten, so veranlasste ich Herrn 
Friedrich Carl derartige Versuche in grösserem Massstab 
und unter verschiedenen Bedingungen zu wiederholen. Es 
gelang aber niemals auch nur Spuren von Taurin zu gewinnen. 
Ich reiste desshalb in den Osterferien 1871 nach Würzburg, 
um mit Strecker über diese misslungenen Versuche zu sprechen. 



1) Yerh« des natarh..med. Vereins Heidelberg IV. 146 u. 162. 

2) Zeitschr. Ghem. 1868. 842. Ann. 148. 125 daselbst. 158. 260 
und 170. 828. ' 

8) Ber. d. deutsob. ehem. Ges. 6. 1081 n. 1441. 



Efienmeyer: Arbeiten aus seinem Ldboraimum. 29 

Strecker sagte mir, dass er selbst mindesten noch 20 mal ver- 
sucht habe, durch Erhitzen von isäthionsaurem Ammoniak wie 
früher Taurin darzustellen, aber er habe es nie wieder er- 
halten. Er gab mir damals die Erlaubniss, bei Gelegenheit 
der Veröffentlichung unserer Versuche diese Aeusserung von 
ihm zu publiciren. 

Ich hielt es nun für möglich, dass das isäthionsaure 
Ammoniak, welches Strecker bei seinem ersten Versuch ver- 
wendet und welches ihm, wie er mir sagte, Taurin mit allen 
Eigenschaften des natürlichen geliefert hatte, noch äthion- 
saures Ammoniak enthalten habe, das vielleicht in Taurin 
verwandelt werden könne. Herr Carl besdiäftigte sich dess- 
halb mit der Darstellung von Aethionsäure nach der Methode 
von Magnus. Mittlerweile wurden aber mit einem leichter 
zugänglichen Material Versuche angestellt, um vorerst zu ent- 
scheiden, ob überhaupt das mit Kohlenstoff verbundene 
Radical — CK-SO2ONH4 durch NHt ersetzbar sei. 

Aethylschwefelsaures Kali wurde mit weingeistigem Am- 
moniak in zugeschmolzenen Röhren bei 120^ erhitzt. Die 
Reaction verlief in der That nach der Qlcichung: 

(KSO4 Cf H5)2 + (NH8)f = KfSO* + S04(NH8C«H6)f 

und man kann sogar sagen, dass ^ch diese Reaction sehr gut 
zur Darstellung von Aethylamin eignet Es lässt sich eben so 
gut aethylschwefelsaurer Baryt verwenden. 

Da sich die Darstellung von Aethionsäure nach Magnus 
als sehr umständlich und unsicher erwies, so veranlasste ich 
Herrn Carl zu versuchen, ob sich nicht durch Wechselwirkung 
von Isäthionsaure und Schwefelsäure nach folgender Gleichung : 

CHjOH + SO,qJ} = CH,0-SO,OH + HÖH. 

CH, CH, 

I I 

SO.OH SO.OH 



30 SiUung der matk-phys, CJasse wm 3. Januar 1874. 

AethioDsäure darstellen lasse. Es wurde isäthionsaurer Baryt 
mit der nöthigen Menge Schwefelsäure, um die Isäthionsäure 
frei zu machen und obige Reaetion zu vollziehen zusammen 
gerieben, mit Wasser verdünnt, filtrirt und das Filtrat mit kohlen- 
saurem Baryt gesättigt. Das neuerdings gewonnene Filtrat wurde 
auf dem Wasserbad eingedampft mit Wasser angerührt, vom 
ausgeschiedenen schwefelsauren Baryt abfiltrirt, wieder ein- 
gedampft und diese Operationen so oft wiederholt, bis sich 
kein schwefelsaurer Baryt mehr abschied. Aus der Gesammt- 
menge des letzteren ergab sich, dass etwa V^ der ange- 
wendeten Isäthionsäure nicht in Aethionsäure übergeführt 
worden war. Ich hoffe, dass es bei Anwendung eines grösseren 
Ueberschusses von Schwefelsäure gelingen wird, die Isäthion- 
säure vollständig in Aethionsäure zu verwandeln. 

Zur Darstellung der Isäthionsäure bediene ich mich 
einer einfachen Vorrichtung, welche es möglich macht, die 
nöthige Menge Alkoholdampf in kürzester Zeit mit ^m Schwefel- 
säureanhydrid in Berührung zu bringen. Dieselbe wird in 
einer ausführlicheren Abhandlung beschrieben werden. Herr 
Carl hat so eine grössere Menge Isäthionsäure dargestellt, 
um ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften! ihre 
Salze und Ester genauer zu studiren und wenn möglich 
daraus die der Acrylsäur^ entsprechende Vinylsulfonsäure 
darzustellen. — Max Müller hat sowohl durch Einwirkung von 
Normalproppylalkohol auf Schwefelsäureanhydrid als auch 
durch Erhitzen einer Lösung von saurem schwefligsauren 
Kali mit AUylalkohol eine Säure von der Zusammensetzung 
CsHsSOa bekommen, deren sämmtliche Salze aus der wässe* 
rigen Lösung nicht in Erystallen zu erhalten sind. Wir 
haben früher, wie ich Ann. 158 260 mitgetheilt habe, durch 
Einwirkung von saurem schwefligsauren Natron auf Propylen- 
oxyd eine Säure von derselben Zusammensetzung dargestellt, 
deren Natronsalz durch Alkohol krystallinisch gefallt wird 
und aus Wasser umkrystallisirt werden kann, und deren 



ErUnmeyer: Arbeiten aus seinem Läbara^arium, 31 

Barytsalz aus wässeriger Lösung in Vs centimetergrossen, 
wohl ausgebildeten Erystallen anschiesst. Hiernach scheint 
unsere Säure von der von Max Müller verschieden zu sein. 

Herr Carl ist damit beschäftigt zu ermitteln, ob sich 
durch Reaction von Pseudopropylalkohol auf Schwefelsäure- 
anhydrid dieselbe Säure, wie aus Propylenoxyd oder eine 
isomere Säure bildet. 

Die Untersuchung der Salze einer weiteren Säure von 
der angegebenen Zusammensetzung aus Aceton und sauren 
schwefligsauren Salzen, welche Limpricht zuerst dargestellt 
bat, ist auf meine Veranlassung von Herrn Moss ausgeführt 
worden. Derselbe hat auch die Einwirkung von schweflig- 
sauren Salzen auf Methylchloracetol studirt und gefunden, 
dass hierbei Aceton zurückgebildet wird. 

Zur Fortsetzung meiner Studien über die Verbindungen, 
welche doppelt gebundenen Kohlenstoff enthalten, hat Herr 
Miller durch Einwirkung von Styrol einerseits, von Zimmt- 
alkohol andererseits auf saures schwefligsaures Natron oder 
Ammoniak Sulfosalze erhalten, mit deren Untersuchung er 
noch beschäftigt ist. Er hat auch die Addition von sauren 
schwefligsauren Salzen zu Styracin versucht. Hier scheint 
aber nicht der Ester als solcher in Verbindung zu treten; 
denn es hatte sich eine erhebliche Menge Zimmtsäure gebildet 

Dagegen vereinigt sich das Styracin in ätherischer Lös- 
ung sehr leicht mit Brom zu der krystallisirten Verbindung 
Gis Hi6 Ofl Brt, die bei 151® schmilzt, in Aether schwer, 
in Alkokol leichter, in Wasser nicht löslich ist. Ob dieses 
Bromür die beiden Atome Brom an dem Alkohol- oder dem 
Säureradical des Styracins gebunden enthält, ist noch zu 
ermitteln. Immerhin ist es bemerkenswerth, dass nicht an 
beiden Stellen Brom addirt wird. 

Herr Kayser hat auf Allylalkohol saures schwefligsaur.es 
Natron einwirken lassen, da aber Max Müller, der dieselbe 
Reaction ausführte mit deren Untersuchung schon weiter 



32 Siigtmg der math.'phys, Glosse vom 3. Januar lS74t, 

YoraDgeschritten ist, so wird dieselbe hier nicht weiter 
verfolgt werden. Ich selbst bin mit der Untersuchung des 
Verhaltens der Olene der Fettalkohole zu sauren schweflig- 
sauren Salzen beschäftigt. Herr Wassermann, dem ich die 
Vollendung der Untersuchung des Eugenols übertragen habe, 
hat es vergeblich versucht, diesen Körper mit saurem schweflig- 
sauren Natron zu verbinden. 

Herr Dr. Schäuffelen sucht die Bedingungen zu er- 
mitteln, unter welchen sich Anethol mit saurem schweflig- 
sauren Salz vereinigt. 

Herr Dr. Bunte hat versucht aus dem Sulfaldehyd durch 
Oxydation mit Salpetersäure eine Sulfonsäure von der Zu- 
sammensetzung CaHeSO« darzustellen, um dieselbe mit 
der Aethylaldehydschwefligsäure zu vergleichen. Er erhielt 
jedoch als Oxydationsproducte : Schwefelsäure, Essigsäure 
und wenig Oxalsäure. Als Gegenversuch soll die Oxydation 
von Aethensulfür mit Salpetersäure wiederholt werden, um 
zu sehen ob Isäthionsäure entsteht. 

Ich will hier noch bemerken, dass die Aldehydschweflig- 
sauren Salze möglicher, wenn auch nicht wahrscheinlicher 
Weise eine analoge Constitution haben könnten, wie die 
Polymeren der Aldehyde, da man die sauren schwefligsauren 
Salze ebenfalls als Aldehyde auffassen kann, z. B. 

CHs 



HC 

/\ 


\/ 
HSOONa 

Zum Schluss will ich mittheilen, dass ich noch eine 
weitere Versuchsreihe in Angriff genommen habe, nämlich 
die vergleichende Untersuchung des Verhaltens verschiedener 
Oxydationsmittel gegen organische Substanzen. Ich habe 



Erknmeym': Arbeiten aus seinem Ldbaratorimn. 33 

zunächst durdi die Herren 8igel und Belli die Einwirkung 
von Salpetersäure auf verschiedene Säuren präfen lassen. 
Es aeigte sich, dass sowohl Bemsteinsäure als Oxalsäure 
durch Salpetersäure Ton 1,4 spec. Gewicht bei 120 bis 130^ 
im zugeschmolzenen Rohr zu Kohlensäure und Wasser ozy- 
dirt werden. Reine Gährungscapronsäure liefert neben Bern* 
steinsäure und Essigsäure, Kohlensäure und Wasser, welche 
letzteren yielleicht nur die Zersetzungsproducte von anfangs 
gebildeter Bernsteinsäure sind. Es entsteht bei dieser Be- 
action keine Spur von Oxalsäure. Essigsäure, die ich in 
Glycolsäure, Glyoxylsäure und Oxalsäure überfuhren zu 
können glaubte, war unter den angegebenen Bedingungen 
nach mehrtägigem Erhitzen nicht angegriffen worden. 



Ueber die Darstellung des Methyläthers. 

Da der Methyläther in neuerer Zeit ganz besonders von 
Prof. Linde für die Fabrikation von Eis in Vorschlag ge- 
bracht worden ist, veranlasste ich Herrn Kriechbaumer die 
zweckmässigste Darstellungsmethode dieses Aethers zu er- 
mitteln. Ohne auf die verschiedenen zu diesem Zweck an- 
gestellten Versuche, welche an einem andern Orte beschrieben 
werden sollen, näher einzugehen, will ich hier nur das End- 
resultat mittheilen. 

Man erhitzt in einem Kolben mit in die Flüssigkeit 
eingesenktem Thermometer eine Mischung aus 1,3 Theilen Me- 
thylalkohol und 2 Theilen Schwefelsäure am Rückflusskühler 
auf 140^. Das sich schon bei 110° regelmässig entwickelnde 
Gas wird durch Natronlauge von schwefliger Säure gereinigt 
und in Schwefelsäure eingeleitet, die von kaltem Wasser um- 
geben ist. 

1 Vol. Schwefelsäure absorbirt 600 Vol. Methyläther 
(entsprechend einem Verhältniss von 1 Mol Gew. Schwefel- 
säure zu 1 Mol Gew. Methyläther)« Diese Lösung lässt sich 
[1874, 1. Math.-phyB. CL] 8 



^4 Sitzung der mäth-phys, Glosse vom 3, Januar 1874, 

beliebig lange aufbewahren. Wenn Methyläther in die Eis- 
tnaschine eingeführt werden soll, so hat man nur nöthig 
1 Gew. Th. der Lösung in 1 Gew. Th. Wasser eintröpfeln zu 
lassen und das in regelmässiger Entwicklung frei werdende 
Methyläthergas in den zu seiner Aufnahme bestimmten Be- 
hälter zu leiten. (Es werden ungefähr 92 ^/o des in Schwefel- 
säure gelösten Aethers in Freiheit gesetzt.) Auf diese Weise 
ist es möglich, den Methyläther in einer Fabrik darstellen 
zu lassen und in Schwefelsäure gelöst, beziehungsweise als 

Verbindung 

OH 

SO OH 
OCHs 

überall hin zu transportiren , ähnlich wie man das gas- 
förmige Chlor in dem Chlorkalk transportabel gemacht hat. 



Beetz: üeher die Darstdlwig von Magneten etc. 35 



Herr W. Beetz sprach: 

„Ueber die Darstellung von Magneten auf 
electrolytischem Wege," 

Herr Staatsrath von Jacobi beginnt einen Bericht an 
die mathematisch -physikalische Glasse der K. Akademie 
zu St. Petersburg mit folgenden Worten: „Die Frage, wie 
sich die Molecule des galvanisch reducirten Eisens gruppiren 
werden, wenn die Reduction unter Einwirkung eines kräftigen 
Magnetismus geschieht, kann nur auf experimentellem Wege 
beantwortet werden. Der Versuch wurde von mir angestellt 
unter der Voraussetzung, es sei recht wohl möglich, durch 
zweckmässige Anordnung das ohnehin im Bruche stahlartige, 
galvanische Eisen zu determiniren , sich unmittelbar zu per- 
manenten Magneten zu constituiren ^)." Als Herr von Jacobi 
diese Worte niederschrieb, war ihm gewiss der 111. Band 
von Poggendorffs Annalen nicht gerade zur Hand, er würde 
sonst gefunden haben, dass ich schon zwölf Jahre früher 
als er mir ganz dieselbe Frage gestellt und deren Beant- 
wortung versucht hatte ^). Ich würde mir nicht die Mühe 
geben, diese Thatsache in Erinnerung zu bringen, wenn ich 
weiter nichts beabsichtigte, als mein Erstenrecht zu wahren ; 
denn es werden wohl nicht alle Physiker so, wie Herr von 
Jacobi, meine Arbeit ganz übersehen haben. Aber es 
handelt sich hier um etwas ganz Anderes, nämlich darum, 
dass ich auf electrolytischem Wege Magnete erhalten habe, 



1) Pogg. Ann. CXLIX. (1873) p. 341; aus dem XVIII. Bd. der 
Balletins de l'acad. de St. Petersbourg, Mai 1872. 

2) Pogg. Ann. CXI. (1860) p. 107. 

3* 



36 Süsung der math-phys. Glosse vom 3. Januar 1874, 

Herr yon Jacobi aber nicht. Und da auch von anderen 
Seiten im Laufe der Jahre zum Theil einander wider- 
sprechende Angaben über die magnetischen Eigenschaften 
des electrolytisch dargestellten Eisens ausgesprochen worden 
sind, so erlaube ich mir, auf den fraglichen Gegenstand 
noch einmal zurückzukommen. 

Herr von Jacobi stellte gleichzeitig durch denselben 
Strom zwei hohle Eisencylinder dar, deren einer sich inner- 
halb einer starken Magnetisirungsspirale bildete, während 
der andere keinem solchen magnetisirenden Einflüsse aus- 
gesetzt wurde. Dass das erhaltene Eisen überhaupt Goer* 
citivkraft besass, geht daraus hervor, dass beide Gylinder 
in Folge ihrer verticalen Stellung einen permanenten, wenn 
auch schwachen Magnetismus der Lage annahmen. Ich habe 
dieselbe Thatsache an den von mir früher electrolytisch 
erzeugten Magneten ebenfalls bemerkt und auch erwähnt'). 
Dass trotzdem das in der Magnetisirungsspirale befindliche 
Eisen keinen stärkeren Magnetismus zeigte, als das andere, 
erklärt sich sehr einfach dadurch, dass dessen Magnetisirui^ 
unter Umständen versucht wurde, unter denen sie garnicht 
eintreten kann. Auch ich hatte Eisen im Inneren einer 
Magnetisirungsspirale niedergeschlagen und nachher magne- 
tisch^ gefunden ^), aber meine Kathode war eine ebene Platte, 
der als Anode eine ebene Eisenplatte gegenüber stand. Horr 
von Jacobi bediente sich als Kathode einer überkupferten 
Wachskerze, und stellte derselben eine cylindrisch aufgerollte, 
jene ganz umschliessende Eisenanode gegenüber. Hierdurch 
wurden die sich niederschlagenden Eisenmolecule von vom 
herein in den magnetischen Schatten gestellt; sie wurden 
äusseren magnetisirenden Einflüssen in derselben Weise ent- 



3) a. a. 0. p. 111. 

4) Fortschr. d. Physik XYL (1860) p. 522. 



Beetg: üeher die DartUUung van Magneten «tc. 37 

zogen, wie, nach Poisson^), eine kleine Magnetnadel, 
welche sich im Innern einer Hohlkugel von weichem Eisen 
befindet, keine maguetisirende Wirkung erledet durch Mag- 
nete, welche sich ausserhalb dieser Kugel befinden. Dm zu 
erkennen, wie weit ein solcher magnetischer Schatten in dem 
Falle, in welchem Herr von Jacobi experimentirte, eine 
Richtung der im Innern der Spirale befindlichen Molecule 
▼erhindern könne, stellte ich folgende Versuche an: 

Ein frisch gehärteter, von Magnetismus fireier Stahlstab, 
A, 238 mm lang, mit quadratischem Querschnitt von 6,6 mm 
Seite, 83 grm. schwer, wurde durch Korke in der Axe 
einer Magnetisirungsspirale befestigt, welche bei gleicher 
Länge, wie der Stab, aus 330 Windungen in 2 Lagen be- 
stand. Zuerst wurde der Stahlstab von einem in das Innere 
der Spirale geschobenen hohlen Eisencylinder von 2 mm 
Wanddicke umgeben und der Strom von drei Groveschen 
Elementen durch die Spirale geleitet. Nach mehrmaligen 
Unterbrechungen und Schliessungen des Stromes wurde der 
Stab aus der Spirale genommen, an einem Seidenfaden 
horizontal angehängt und seine Schwingungsdauer untersucht. 
Hierauf wurde der hohle Eisencylinder durch einen ähnlichen 
Messingcylinder ersetzt, der Stab in die Spirale zurückge* 
bracht, wieder denselben magnetisirenden Einflüssen ausge- 
setzt, und wieder auf seine Schwingungsdauer untersucht. 
Ganz dieselbe Versuchsreihe wurde dann mit einem zweiten 
Stahlstabe B, von ganz gleichen Dimensionen wiederholt. Die 
beobachteten Seh wingungsdauem waren nach der Magnetisirung 

A B 

in der Eisenhülse 96 84 See. 

in der Messinghälse 12 11,1 
and nachdem die Stäbe am Pole eines kräftigen Electro- 
magnets gestrichen worden waren 9 9,5. 

5) Pogg. Ann. I. (1824) p. 318; aua den Ann. de ohim, et de 
phys. XXV, 113. 



A 


B 


2,5 


3,3 


161,9 


199,2 


288,2 


258,3. 



38 SiUung der math.-phys. Glosse vom 3. Janua/r 1874, 

Die sich aus den mitgetheilten Daten ergebenden spe- 
cifischen Magnetismen der beiden Stäbe, d. h. deren magnet- 
ische Momente dividirt durch ihr Gewicht, waren demnach 
(die Horizontalcomponente des Erdmagnetismus T = 2,00 
gesetzt) nach der Magnetisirung 

in der Eisenhülse 
in der Messinghülse 
nach dem Strich 

Wenn nach diesen Versuchen schon das einfache Um- 
geben des Stabes mit einer Eisenhülse die magnetisirende 
Wirkung der Spirale auf denselben auf einen sehr geringen 
Werth hinabdrückt, so wurde dieser Werth noch weiter da- 
durch verringert, dass das Glas, welches die Eupferkathode 
und die röhrenförmige Eisenanode enthielt, auch von aussen 
noch von einer aus Eisenblech zusammengebogenen Röhre 
umgeben war, über welche dann die Spirale gewickelt wurde. 
Was der Zweck dieser Eisenröhre gewesen sein kann, weiss 
ich nicht, da es sich hier nicht um Inductions-, sondern um 
Magnetisirungsversuche handelt. 

Weshalb Herr von Jacobi keinen electrolytisch er- 
zeugten Magnet zu Stande brachte, ist demnach hinreichend 
verständlich. Es fragt sich aber noch, ob das von ihm dar- 
gestellte Eisen wirklich garnicht fähig war, permanenten 
Magnetismus anzunehmen. 

Der Gedanke liegt nahe, dass das electrolytisch nieder- 
geschlagene Eisen je nach der Lösung, aus welcher es er- 
halten ist, ein verschiedenes Verhalten gegen den Magnetis- 
mus zeigen kann. Nach übereinstimmender Angabe aller 
Beobachter ist das galvanische Eisen, ohne Rücksicht auf 
diese Lösungen, stets hart und spröde ; nur eine abweichende 
Angabe finde ich, nämlich die von Krämer^), welcher das 

6) Dingler polyt J. CXL (1861) p. 444. 









Beetz: lieber die Daretefking wm Magneten etc. 39 

aas EisenchlorürlösuDg niederschlagene Eisen so weich fand, 
dass 68 sich an den Rändern mit dem Messer schneiden 
liess, während das nach Böttgers Vorschrift') aus einem 
Gemisch von schwefelsaurem Eisenozydul und Salmiak ge- 
wonnene spröde und des bleibenden Magnetismus fähig war. 
Krämer sieht aber diesen Niederschlag nicht als reines 
Eisen, sondern als Stickstoffeisen an, eine Ansicht, welcher 
Meidinger^) entgegengetreten ist, der den Stickstoff in der 
Gestalt von Ammoniak dem Eisen beigemengt glaubt. Auch 
die Angabe Krämers, dass das stickstofffreie Eisen weich 
sei, hat directen Widerspruch gefunden, indem Stammer') 
auch aus Eisenvitriollösung, ohne allen Zusatz, glasharte 
Niederschläge erhielt und der Meinung ist, dass die Mole- 
cularbeschaffenheit des Eisens nur von der Stromstärke , der 
Nähe der Electroden und der Entwickelung von Gasblasen 
abhängig sei. Schon früher hat Matthiessen^^) darauf 
aufmerksam gemacht, dass das aus Eisenvitriol- und aus 
Eisenchlorürlösung erhaltene Eisen eine bedeutende Goercitiv- 
kraft besitze, und Hobler^ ^) hat sogar aus concentrirter 
Eisenvitriollösung in ganz ähnlicher Weise, wie ich früher 
aus der Böttgerschen, unter dem Einflüsse eines starken 
Magnets magnetische Eisenniederschläge dargestellt. Dagegen 
sagt Klein ^') selbst von dem aus einer Mischung aus 
Eisenvitriol- und schwefelsaurer Ammoniaklösung dargestellten 
Eisen, es scheine keinen permanenten Magnetismus zu haben, 
sondern, wie das weiche Eisen, den Magnetismus der Lage 
anzunehmen, und Herr von Jacobi^'), dem alle oben 



7) Pogg. Ann. LXVII. (1846) p. 117. 

8) Dingler polyt. J. CLXni. (1862) p. 295. 

9) Dingler polyt. J. CLXI. (1861) p. 308. 

10) Phü. Mag. (4) XV. (1858) p. 80. 

11) Proc. of the lit. and phiL soc of Manchester IL (1862) p. 1. 

12) Bull, de l'Acad. J. de St. P^tersbourg Xin. (1868) p. 48. 

13) Pogg. Ann. CXLIX. (1872) p. 349. 



40 SUswug der math.'-phys. Ckme vom S. Jamtar 1874. 

erwähnten Angaben entgangen oder der Beachtung nicht 
werth gewesen zu sein scheinen, denkt sogar daran, ob 
nicht dem galvanischen Eisen eine vortheilhafte Benützung 
im Gebiete des Electromagnetismus in den Fällen bevor- 
stehCi wo es sich, wie z. B. bei Indectionsapparaten u. a. w., 
darum handelt, einen starken, temporaren und ohne Residuum 
augenblicklich verscihwindendBi Magnetismus herzustellen, 
zu welchem Zweck er freilich gar nicht das galvanische 
Eisen direet untersudit hat, sondern erst, nachdem dasselbe 
durch Ausglühen u. dgl. in seiner Structur verändert worden 
war. Füge ich zu diesen, einander zum Theil geradezu 
widersprechenden Angaben hinzu, dass nadi den Versuchen 
von Lenz^^) das galvanische Eisen sdbr beträchliehe Mengen 
von Gasen, namentlich von Wasserstofifigas, absorbiren kann, 
so ist die Behauptung gewiss gerechtfertigt, dass man es je 
nach der Beschaffenheit der Lösungen, der Stärke und Dich- 
tigkeit des Stromes und nach andern Nebenumständen mit 
Niedersichlägen ganz verschiedener Natur zu thun haben 
kann, und dass erst durch den Versuch festgestellt werden 
muss, ob das nach Herrn von Jacob is Methode dar- 
gestellte Eisen wirklich aller Goercitivkraft bar ist, oder 
ob er electrolytische Magnete ebensogut, wie ich, erhalten 
haben würde», wenn er, wie er versprochen hatte, seinem 
Apparate eine „zweckmässige Anordnung" g^eben hätte. 

Ich habe desshalb folgende vergleichende Versuche 



14) BaU. de l'Aoad. J. de St. Peterabarg XIV. (1869) p. 252 
und 837. 

15) Ich habe bei meinen VerBuohen nie so dic^e Eisenschichten 
anwachsen lassen, wie es Herr von Jacobi gethan hat, weil mit 
zttnehmendor Dioka des Niedenohli^es dessen specifischer Hagnetis- 
moB* abnehmen m«8i. Vevgpleiohe meine frohere Abhandlung p. 112. 



Biete: Utber die DanMlung von MagiteU» eU. 41 




Ein fiinflameltiger Haarlemer Magnet von 75 Kgt. Trag- 
kraft wurde bo aufgestellt, dasB seine beiden Pole n and s 
sich lotlireolit übereinander befanden. Vor jede Polfläobe 
wurde horizontal ein Eisenanker , aa und bb , gelegt ; auf 
die Enden a and a worden zwei Bechergläser mit fast 
ebenem Boden gestellt, deren jedes eine Spirale aus etwa 
4 mm. diok«Q Kisendraht enthielt. In der Achse jedes 
Glases wurde eine überkapferte 60 mm. lange Wachskerze 
lotbrecht auf einen mit Firniss überzogenen Eisenklotz e 
aufgestellt und durch einen anderen Eisenklotz c, der an 
ein Ankerende b aufgehängt war, in dieser Lage festgehalten. 
Das eine Glas wurde mit der von Herrn von Jacobi be- 
nutzten, von Klein voi^eschlagenen, bittersalzhaltigea Lös- 
ung, das andere mit der Böttgerschen LÖsong geföllt 
Ilie erstere war durch kohlensaure Magnesia nahezu neotra* 
ÜEärt uni) ganz wie es Herr toq Jacobi vorscbreibt, bis 
zum Bpec. Gew. 1,270 verdüant; die letztere war concentrirt. 
Nun wurde der Strom eines Ledancha- Elementes durch 
beide Zersetzungszellen hintereinander geleitet, so dass die 
Eisenspiralen als Anoden, die Eupfercylinder als Kathoden 
dienten. Die Spiralform war für die Anoden desshalb ge- 
wählt, weil zusammenhängende Eisescylinder onter dem in- 
ducirenden Einfluss- der stark magnetisolien Anker selbst 



42 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 3. Januar 1874. 

einen kräftigen Magnetismus annehmen, der auf die Magne- 
tisirung des Niederschlages nachtheilig wirken muss. Der 
Firnissüberzug auf den Eisenklötzen cc und ee verhinderte 
die Entstehung eines Niederschlages auf den Klötzen selbst, 
sowie eine NebenschliessAng des Stromes durch den Eisen- 
anker bb. Das Gewicht der Kerzen war vor Beginn des 
Versuches bestimmt. Nachdem derselbe 3 Tage gedauert 
hatte, wurde der Apparat auseinander genommen. Beide 
Kerzen waren mit Eisen bedeckt. Der Niederschlag I aus 
der Böttgerschen Lösung war schön metallisch glänzend, 
ganz glatt, und nur mit kleinen Gruben, den Anzeichen einer 
massigen Wasserstoffentwicklung, bedeckt. Der Niederschlag 
n aus der Jacobischen Lösung war schwarz, ganz mit 
rauhen Aesten bedeckt in der Art, wie die Zeichnung, welche 
Herr von Jacobi seiner Mittheilung beigegeben hat, zeigt, 
nur waren die Aeste alle nach oben gerichtet, offenbar durch 
die ziemlich lebhaft aufsteigenden Gasblasen gedrängt. Dass 
die Gasentwicklung in dieser Zelle lebhafter gewesen war, 
als in der andern , war nicht nur während des Versuchs 
bemerkbar; es zeigte sich auch dadurch, dass die Gewichts- 
zunahme der Anode 

I = 7,47 gr., n = 6,46 gr. 

betrug. Die grössere Goncentration der Böttgerschen 
Lösung hatte wohl diese lebhafte Gasentwicklung gemässigt. 
Aus den beiden Magnetröhren wurde das Wachs nicht heraus- 
geschmelzt, weil die Erwärmung dem etwa vorhandenen 
Magnetismus Eintrag thun konnte; vielmehr wurden die 
ganzen Stäbe sorgfaltig getrocknet, durch Eintauchen in 
dünne Schellacklösung mit einem gegen Rost schützenden 
Ueberzug versehen, und dann nach der Methode der Ab- 
lenkung auf ihren Magnetismus untersucht. Dabei ergab 
sich der spedfische Magnetismus von 

I = 214,5, II = 59,0, 



Beetz: lieber die Barstdhmg von Magneten etc. 43 

Der Magnet I zog Eisenfeile kräftig an, 11 nur schwach. 
In der vorher beschriebenen Magnetisirungsspirale der 
magnetisirenden Wirkung von 3 Groveschen Elementen im 
Sinne ihres bisherigen Magnetismus ausgesetzt nahmen sie 
die specifi'schen Magnetismen an: 

I = 256,0, n = 65,5. 

In der That also ist das aus der Böttgerschen Lösung 
erhaltene Eisen des permanenten MagmBtismus in viel höherem 
Maasse fähig, als das Jacobische Eisen. Wenn aber am 
letzteren gar kein solcher gefunden wurde, so war das nur 
der unzweckmässigen Anordnung des Jacobischen Apparates 
zuzuschreiben. Der ästige Magnet zeigte sich auch bei 
weiteren Versuchen mit Coercitivkraft wohl begabt; in der 
Magnetisirungsspirale konnte er sowohl durch galvanische 
Ströme, als durch die Funkenschläge einer Holzschen Maschine 
nach Belieben in der einen oder anderen Richtung mit per- 
manentem Magnetismus versehen werden. 

Es war weiter zu untersuchen, ob der aus der Böttger- 
schen Lösung erhaltene Niederschlag als materiell verschieden 
(als Stickstoffstahl) eine grössere Coercitivkraft besass, als 
der aus der Kleinschen Lösung gewonnene (der dann nur 
als Eisen oder als Wasserstoffeisen zu betrachten wäre), 
oder ob lediglich die verschiedene Form der beiden Nieder- 
schläge ihre ungleiche Coercitivkraft bedingte. Ich versuchte 
desshalb aus beiden Lösungen möglichst gleichartige Nieder- 
schläge darzustellen. Auch die Kleinsche Lösung wurde 
concentrirt angewandt. Der electrolysirende Strom wurde 
wieder durch ein Leclanche-Element erregt, er wurde aber 
durch Einschaltung eines Widerstandes von 20 Q.E. soweit 
geschwächt, dass die Wasserstoffentwicklung nur eine geringe 
war. Sie ganz zu unterdrücken gelang, auch durch grössere 
Widerstände, nicht. Die sich abscheidenden Blasen vmrden 
mittelst pine9 Piosels vicm Zeit zu Zeit entfernt, was sehr 



44 Siigung der fiuUh.-phys, ClasH vom S. Januar 1874. 

lacht geschehen konnte, da die spiralförmige Electrode den 
Niederschlag dem Auge nicht verdeckt. Die beiden ersten 
auf diese Weise erhaltenen Niederschläge, III aus Böttger- 
scher, IV aus Eleinscher Lösung, wurden nicht gleichzeitig, 
sondern jeder für sich direct zwischen den Magnetpolen 
dargestellt. Das Gewicht von III war = 4,105 gr., das 
von IV = 1,405 gr. Bei allen folgenden Versuchen wurde 
dagegen jedesmal ein Magnetpaar zugleich an dem in der 
Figur dargestellten Apparat erzeugt, und durch ein gleich- 
zeitig eingeschaltetes Eupferroltameter ermittelt , welche 
Eisenmenge auf den Kathoden zu erwarten war. Als solche 
dienten von jetzt an polirte Messingstäbe von 130 mm. Länge. 
So wurde zunächst aus der Böttgerschen Lösung der Magnet 
V, 1,062 gr. schwer und aus der Eleinschen VI, 1,316 gr. 
schwer , erhalten , während nach Angabe des Voltameters 
1,100 gr. Eisen hätte niedei^eschlagen werden sollen. Die 
Magnete III und V waren vollkommen blank und silber- 
weiss, rV und VI schwarz, matt, mit kleinen Warzen be- 
d^kt, nach dem Trodcnen unter der Luftpumpe über Schwefel- 
säure ging ihre Farbe in mattes Grau über. Die spedfischen 
Magnetismen waren bd 

III = 1084 IV = 49,9 

V = 1225 VI = 66,6 

und nach dem Magnetisiren in der Spirale 

m = 1150 IV = 57,7 

V = 1261 VI = 73,5. 

Da es mir also nicht gelungen war, aus der Elein- 
schen Lösung glatte Magnete zu erhalten , so verliess ich 
dieselbe und wählte statt ihrer einfe Lösung von Eisendilorür. 
Es wurden wieder zweiMagne(paare nachdnander dai^estellt: 
Im eisten Versuch sollten 0,436 gr. Eisen gewonnen werden; 
der Magnet VU (aiis^ Böttgerscher Lotung) wog 0,426 gr., 
VIII- (am EisavcUorür) OM 1 gi^ In awMiteA Versuch waren! 



Beetg: üeber die DarsteUung vm Magneim Hc 45 

0,746 gr. Eisen zu erwarten ; der Magnet IX (aus Böttger- 
scher Lösung) wog 0,716 gr., X (aus Eisenchloriir) 0,660 gr. 
Die specifischen Magnetismen dieser Stäbe waren 

VII = 1419 Vm = 157,9 
IX = 931,4 X = 215. 

Nadi dem Magnetisiren in der Spirale hatte 

IX = 1466 X = 267. 

Wiederum waren VII und IX silberweiss und glänzend 
yill und X hellgrau, matt und mit etwas dunkleren Leisten 
in der Längsrichtung bewachsen. Eine solche 35 mm. lange 
Leiste wurde vom Stabe VIII losgesprengt; sie wog 0,116 gr. 
und zeigte den specifischen Magnetismus 374,7. Nachdem 
ich diese au£Eallende Beobachtung gemacht hatte, untersuchte 
ich die Stäbe VIII und X näher, und fand, dass jede dieser 
kleinen Leisten ein Magnet für sich war, dass ako der als 
Slectrode dienende Messingstab mit einer schwach magneti- 
sirten Unterlage bedeckt war, auf welche dann eine Anzahl 
von kleinen, aber ziemlich kräftigen Magneten aufgewachsen 
war. Die ganzen Stäbe verhielten sich daher wie Magnete, 
welche mit Folgepunkten versehen sind. Führt man sie an 
dem Pole einer Magnetnadel vorüber, so wird derselbe in 
der That bald angezogen, bald abgestossen. Ueber den Stab 
X zog sich fast der ganzen Länge nach eine solche etwa 
2 mm. breite Leiste hin, desshalb erscheint auch sein Gesammt- 
magnetismus höher, als der von VIII, an welchem nur kürzere 
Leisten vorhanden waren ^^). 

Hiernach darf ich nun wohl die Ergebnisse meiner Ver- 
suche in Folgendem zusammenfassen: 

„Das ans salmiakhaltiger Eisenlösung niedergeschlagene 
Eisen ist in ganz hervorragendem Maasse des permanenten 



16) Die sammtlklien Magaetproben wurden der iiiat)i.-;phy8. 
Glasse in deren Sitsimg vorgelegt 



46 Sitetmg der math^-phys. Clasae vom 3. Januar 1874. 

Magnetismus fähig ^^), das aus anderen Lösungen nur in ge- 
ringerem Grade. Entsteht der Niederschlag unter der Einwirk- 
ung eines starken Magnetismus (und unter Vermeidung schädlich 
wirkender Nebenumstände) so bilden sich aus der salmiak- 
haltigen Lösung starke Magnete von gleichmässiger Structur, 
während aus salmiakfreier Lösung Magnete gebildet werden, 
deren Structurunregelmässigkeiten Folgepunkte hervorrufen, 
und dadurch den von vornherein schon schwächeren Magne- 
tismus des Niederschlages noch schwächer erscheinen lassen. 
Ein nicht unbedeutender Grad von Goercitivkraft ist aber 
dem galvanischen Eisen unter keinen Umständen abzusprechen, 
es sei denn, dass es durch Glühen oder dgl. Processe in 
seiner Structur verändert worden ist'^ 

Als Grund der erwähnten Structurunregelmässigkeiten 
glaube ich die Beschaffenheit der Lösungen selbst ansehen 
zu müssen. Während die salmiakhaltige Lösung vollkommen 
klar bleibt, scheidet sich auf ihr eine feste krystallinische 
Kruste ab. Werden Stücke derselben losgebrochen, so fallen 
sie zu Boden, ohne den Stab zu verunreinigen. Die Chlorür- 
lösung trübt sich, und lagert beständig etwas von ihrem 
schlammigen Niederschlage auf dieElectrode ab. Die Klein- 
sehe Lösung bleibt zwar auch ziemlich klar, auf ihrer Ober- 
fläche bildet sich aber ein schlammiger Schaum; fällt von 
diesem etwas nieder, so wird ebenfalls die Electrode ver- 
unreinigt. Dadurch muss der Eisenniederschlag an Homo- 
genität verlieren, und durch theilweises Entfernen der Ver- 
unreinigung (durch Abpinseln, Aufsteigen der Gasblasen u. dgl.) 
kann die Bildung der oben erwähnten Partialmagnete ver- 
anlasst werden. Das auffallend hohe Gewicht des Nieder- 
schlages VI kann wohl auch nur durch Einmischung fester 
fremdartiger Bestandtheile erklärt werden, während das zu 

17) Nach F. Eohlrausch (dessen Leitfaden der praktischen 
Physik. 2. Aufl.) beträgt der specifisohe Magnetismus bei den besten 
Magneten von sehr langgestreckter Gestalt etwa 1000. 



Beetz: Üeber die DarsteUung van Magneten etc. 47 

kleine Gewicht der übrigen aus stickstofffreier Lösung er- 
zeugten Magnete auf eine lebhaftere Gasentwicklung schliessen 
lässt. 

In der k. k. Staatsdruckerei in Wien wird ebenfalls 
ein salmiakhaltiges Eisenbad angewandt, um die Eupferplatten 
mit einer silberweissen Schicht zu verstählen. Klein schlägt 
(a. a. 0.) mehrere ammoniakhaltige Bäder für den gleichen 
Zweck vor. Ob die in der k. Staatsdruckerei in St. Peters- 
burg von Scamoni dargestellten, „zum Kupferdruck voll- 
kommen geeigneten Eisenplatten'', welche Herr von Jacobi 
(Pogg. Ann. GXLIX. p. 345) erwähnt, aus ammoniakbaltiger 
Lösung gewonnen werden, ist nicht ang^eben. Gewiss aber 
ist eine solche für die Darstellung homogener Niederschläge 
die geeignetste« 



48 SÜMung der maih.'ph^8. Claase vom 3, Januar 1874, 



Der Glassensekretär v. Eobell legt vor: 

„Die Aetzfignren an Erystallen;'^ von 
Dr. Heinr. Baumhauer. 

Im Jahre 1862 beschrieb Herr v. Kobell in einer denk- 
würdigen Abhandlung (Sitzungsber. der königl. bayr. Akad., 
Bd. I.) eine ganze Reihe interessanter optischer Erscheinungen, 
welche er an geätzten Erystallfiächen bei transmittirtem 
oder reflektirtem Lichte beobachtete. Er zeigte selbst in 
einzelnen Fällen, dass diese sog. Asterien ihren Grund hätten 
in kleinen regelmässigen Vertiefungen auf den mit dem be- 
treffenden Lösungsmittel behandelten Erystallfiächen. So 
beobachtete er dreiseitige Vertiefungen auf den Hauptrhombo- 
ederflächen des Galcits und den Oktaederflächen des Alauns, 
vierseitige auf den Tafelflächen des rothen Blutlaugensalzes. 
Es lag demnach nahe, diese Vertiefungen einem eingehenden 
Studium zu unterwerfen, wie es früher schon von Leydolt 
für den Quarz und Arragonit geschehen war, dort freilidi 
hauptsächlich zu dem Zwecke, die Art der Zwillingsver- 
wachsung dieser Mineralien klar zu legen. Li der Absicht, 
die Aetzfiguren als solche besonders an einfachen Erystallen 
zu studiren, unternahm E. Haushofer 1865 eine Untersuchung 
verschiedener Flächen namentlich des Galcits, sowie des 
Dolomits und des gelben Blutlaugensalzes. G. Rose beschrieb 
gelegentlich die Aetzfiguren des Schwefelkieses sowie kurz 
vor seinem Tode die bei der Verbrennung des Diamants 
auf dessen Oktaederfiächen auftretenden mikroskopischen 
Vertiefungen. Letztere sind ebenfalls als Aetzfiguren zu 
betrachten, wobei der Sauerstoff das corrodirende Mittel 
bildet Ich selbst untersuchte ausser verschiedenen Alaunen, 



Baumhauer: Aetzfiguren an KrysiaUen. 49 

dem Galcit, Arragonit, rothem und gelben Blutlaugensalz 
noch eine Reihe anderer Körper, wie Seignettesalz, Zucker, 
Kaliumbichromat, Siderit, Eisen- und Kupfervitriol, schwefel- 
saures Nickeloxydul- Kali und Ammoniak , schwefelsaures 
Eisenoxydul- Ammoniak, essigsaures Kupferoxyd, Borax etc. '). 
Ich werde nun auf Grund der bisher über die Aetz- 
figuren angestellten Untersuchungen folgende Fragen in 
Kürze erörtern : 

1) In welcher Beziehung stehen die Aetzfiguren zu den 
Spaltungsrichtungen der Krystalle? 

2) Wie verhalten sich isomorphe Körper hinsichtlich 
ihrer Aetzfiguren? 

3) Geben die Aetzfiguren ein Mittel an die Hand, die 
absolute Gestalt der Krystallmoleküle festzustellen? 

1. In einzelnen Fällen scheint die Gestalt und Lage 
der Aetzfiguren direkt von den im Krystall herrschenden 
Spaltungsrichtungen abzuhängen. Dies findet z. B. statt auf 
der Geradendfläche des Galcits, für deren dreiseitige mit 
verdünnter Salzsäure erzeugte Aetzeindrücke ich einen be- 
stimmten Zusammenhang mit den Spaltungsrichtungen nach- 
gewiesen habe^). Man wäre demnach geneigt, eine tiefer- 
gehende Beziehung zwischen beiden Trennungsrichtungen zu 
vermuthen. Doch ergibt sich in anderen Fällen, dass die 
Aetzfiguren auch im geraden Gegensatz zu den Spaltungs- 
richtungen stehen können. So würde man u. a. statt der 
dreiseitigen Vertiefungen des Hauptrhomboeders des Galcits 
sowie der drei-, zuweilen fünfseitigen der tafelartigen Fläche 
M = a : 00 b : 00 c des Kaliumbichromats den Spaltungs- 
richtungen gemäss vierseitige Aetzfiguren erwarten. Der 
Diamant zeigt beim Verbrennen, wie oben erwähnt, auf 
seinen Oktaederflächen dreiseitige Vertiefungen, welche einem 

1) Die Resultate sind zum Theil schon in Poggendorfs Annalen 
veröffentlicht« Eine Fortsetzung soll demnächst folgen. 

2) S. Pogg. Ann. Bd. 140, S. 271. 

[1874, 1. Math.-phys. Cl.] 4 



50 Sitzung der math.'phys. Classe vom 3, Januar 1874. 

Ikositetraeder a : a : Vsa entsprechen, während seine Spalt- 
ungsrichtUDg oktaedrisch ist. Für die verschiedenen mti 
Salpetersalzsäure geätzten Flächen des Schwefelkieses be- 
schreibt G. Rose pyritoedrische Vertiefangen , während die 
Spalt angsrichtangen dieses Minerals hexaedrisch und okta- 
edrisch sind. Das Steinsalz zeigt, wenn es einige Zeit der 
feuchten Luft ausgesetzt war, nach Leydolt auf den Würfel- 
flächen kleine Vertiefungen, die einem Pyramidenwürfel 
entsprechen, wohingegen seine Spaltungsrichtung hexaedrisch 
ist. Man wird hieraus schliessen dürfen ^ dass, wenn sich 
auch in einzelnen Fällen eine gewisse Uebereinstimmung 
zwischen den Aetzfiguren und den Spaltungsrichtungen zeigt, 
doch im allgemeinen ein direkter und einfacher Zusammen- 
hang zwischen beiden Trennungsrichtungen nicht vorhanden 
ist. Die Flächen der Aetzeindrücke sind überdies manchmal 
solche, welche bisher noch gar nicht als Erystallflächen an 
den betreffenden Körpern beobachtet wurden. Dies gilt 
z. B. für den Diamant, an welchem man bisher noch keine 
Ikositetraederflächen gefunden hat. Man kann demnach nur 
allgemeinere Beziehungen zwischen den Aetzfiguren und den 
Symmetrieverhältnissen der betreffenden Krystalle aufsuchen, 
was denn auch stets gelingt. Warum aber die Flächen der 
Aetzeindrücke in jedem Falle grade diese und keine anderen 
sindy dies zu erklären, dazu fehlen uns bisher wohl noch 
alle sicheren Anhaltspunkte/ Allerdings ist das auch eine 
Frage, die das innerste Wesen der Krystallindividuen berührt. 
2. Von vornherein Hesse sich erwarten, dass isomorphe 
Körper auch hinsichtlich ihrer Aetzfiguren übereinstimmen 
würden. Dies ist jedoch nicht immer der Fall, und man 
kann hiernach zwei Arten von isomorphen Körpern unter- 
scheiden. Die Krystalle der ersten Art zeigen auf . ent- 
sprechenden Flächen dieselben Aetzfiguren nach Gestalt und 
Lage, bei denjenigen der zweiten Art hingegen unterscheiden 
sich die Aetzfiguren analoger Flächen namentlich durch 



Baumhauer: Äetsßgurm an Kry stauen, 51 

ihre Lage von einander. Zfl der ersten Gruppe gehören 
z. 6. Thonkalialaun, Chromkah'alann und Eisenkalialaun') — 
ferner schwefelsaures Nickeloxydul-Eali, schwefelsaures Nickel- 
oxydul-Ammoniak und schwefelsaures Eisenoxydul-Aromoniak. 
Zur zweiten Gruppe sind zu rechnen Galcit, Dolomit und 
Siderit, indem die beiden letzteren auf dem Hauptrhombo- 
eder die umgekehrte Lage der mit Salzsäure erhaltenen 
dreiseitigen Vertiefungen aufweisen wie der Galcit. Mit dem 
gleichen oder ungleichen Verhalten isomorpher Körper hin- 
sichtlich ihrer Aetzfiguren stimmt auch der namentlich von 
y. Kobell und K. Haushofer beobachtete gleiche oder un- 
gleiche Asterismus der betreffenden geätzten Flächen überein. 
So sagt z.B. V. Kobell in seiner oben angeführten Abhand- 
lung: „Kalialaun, Ammoniak- und Chromalaun verhielten 
sich (bezüglich ihres Asterismus) ganz gleich. — Die iso- 
morphen Verbindungen : schwefelsaures Nickeloxyd-Ammoniak, 
schwefelsaures Eisenoxydul-Ammoniak, schwefelsaures Nickel- 
oxyd-Kali und das ähnliche Kobaltsalz verhielten sich (der 
schwefelsauren Ammoniak -Magnesia) ganz ähnlich'^ Und 
an einer anderen Stelle: „Das Reflexionsbild beim geätzten 
Dolomit ist von dem des Galcits dadurch verschieden, dass 
der Winkel zwischen den (beiden gleichen) Strahlen a merk- 
lich stumpfer, und dass der (dritte) Strahl n sehr kurz und 
nicht wie beim Galcit dem Randeck, sondern dem Scheitel- 
eck zugewendet ist. Siderit aus dem Nassau' sehen verhielt 
sich, in Salzsäure gekocht, ähnlich wie Dolomit". 

3. Weniger bestimmt als auf die beiden vorhergehenden 
Fragen fällt die Antwort auf die dritte Frage aus, welche 
in naher Beziehung zu den unter 1) gemachten Bemerkungen 
steht. Leydolt^) war der Ansicht, die Vertiefungsgestalten 

8) Ich hatte noch nicht Gelegenheit, sämmtliche Alaune zu 
untersuchen, doch wird man das Gesagte wohl auch auf die noch 
nicht untersuchten ausdehnen dürfen. 

4} Sitzungsber. d. Wien. Akad. 1855, XY. 

4* 



52 Sitzung der tmith.'phys. CUme vom 3, Januar 1874. 

seien zugleich die Gestalten der Moleküle der Erystalle. Er 
sagt: 9,Die Gestalten, welche diesen Vertiefungen entsprechen, 
kommen, wie man aus allen Erscheinungen schliessen muss, den 
kleinsten regelmäsigen Körpern zu, aus welchen man sich 
den Erystall zusammengesetzt denken kann.'' Etwas anders 
spricht sich E. Haushofer ^) hierüber aus. „Zwei Umstände, 
sagt derselbe, geben uns die Berechtigung, an der Allgemein- 
gültigkeit des Leydolt'schen Satzes zu zweifeln. Die Beob- 
achtung, dass bei genauer Untersuchung solcher Formen 
stets noch regelmässig angeordnete Streifungen nnd Ver- 
tiefungen auf den Flächen derselben gefunden werden, sowie 
die Thatsache, dass man selbst nach der Anwendung ganz 
schwacher Lösungsmittel so häufig mit gewölbten Flächen 
zu thun hat, machen es wahrscheinlich, dass man nicht bei 
der Form der ersten Erystallindividuen angekommen ist, 
sondern immer noch Aggregate solcher vor sich hat. Damit 
ist keineswegs die Möglichkeit ausgeschlossen, dass diese 
Aggregate die Form der ersten Individuen repetiren und so 
mittelbar eine Eenntniss dieser gestatten''. 

Allein auch diese Auffassung der Sache dürfte noch zu 
weit gehen. Mir scheint nämlich der Umstand, dass zuweilen 
gewisse Flächen an den Vertiefungsgestalten erst sekundär auf- 
treten oder auch je nach der Art der angewandten Lösungs- 
methode ganz fehlen können, — der Arragonit liefert z. B. auf 
derselben Fläche unter Umständen ziemlich von einander ab- 
weichende Vertiefungen — darauf hinzudeuten , dass man 
die whrkliche Gestalt der einzelnen Erystallmoleküle auf 
diesem Wege allein wohl kaum zu ermitteln im Stande ist. 
Doch glaube ich, dass die Aetzfiguren in naher Beziehung 
zu den Molekularformen stehen, wenn sie auch nicht allein 
von diesen abhängen. Neben der Gestalt der Moleküle 
werden auch die nach verschiedenen Richtungen verschieden 



5) ,,Ueber den Asteriamus eto. München, 1865*' S. 19. 



Baumhauer: Äetzfiguren an KrystaUen. 53 

starken Anziehungskräfte zwischen denselben die Gestalt und 
Lage der Äetzfiguren bedingen. So viel ist wohl gewiss, 
dass man berechtigt ist, aus dem verschiedenen Verhalten 
gewisser isomorpher Körper hinsichtlich ihrer Äetzfiguren 
den Schluss zu ziehen, dass auch die Moleküle derselben 
keine vollkommene, sondern vielleicht nur eine einseitige 
Uebereinstimmung der Form zeigen. 

Freilich können uns, streng genommen, solche wenn 
auch noch so begründet erscheinenden Vermuthungen nie 
vollkommen befriedigen. Auch glaube ich, dass man durch 
direkte Beobachtung allein niemals die wahre Gestalt der 
Moleküle wird ermitteln können. Vielmehr bin ich der An- 
sicht, dass eine mathematisch begründete Theorie, welche 
nicht nur die Äetzfiguren, sondern auch andere ähnliche Er- 
scheinungen auf den natürlichen Erystallflächen (z. B. die 
von Scacchi so genannte Polyedrie) sowie das gesammte 
physikalische Verhalten der Erystallmasse umfasst und er- 
klärt, uns auch über die Gestalt der Moleküle Aufschluss 
geben wird. Damit aber eine solche Theorie überhaupt zu 
Stande komme, dazu werden ohne Zweifel die Beobachtungen 
über Äetzfiguren ihr Theil beitragen. 

Zum Schluss möchte ich hier den von mir schon an 
anderer Stelle ausgesprochenen Wunsch wiederholen, dass 
auch andere Forscher sich diesem Gebiete mehr zuwenden 
und so Schätze heben möchten, die eine einzelne Kraft allein 
unmöglich in genügender Menge und Ausdehnung zu Tage 
fördern kann. 



Sitzung vom 7. Februar 1874. 



Mathematisch - physikalische Glasse. 



Herr J. Volhard trägt vor: 

„Ueber eine neue Methode der massanaly- 
tischen Bestimmung des Silbers. 

Die löslichen Rhodanverbindangen erzeugen in sauren 
Silberlösungen einen weissen käsigen Niederschlag von Rhodan- 
Silber, der dem Aussehen nach von Chlorsilber nicht zu 
unterscheiden ist; derselbe ist in Wasser und verdünnten 
Säuren ebenso unlöslich wie Ghlorsilber, so dass die von 
dem Rhodansilber abfiltrirte Flüssigkeit, wenn genügend 
Rhodansalz zugesetzt worden war, durch Salzsäure oder 
Kochsalzlösung nicht im Mindesten getrübt wird. Den glei- 
chen Niederschlag von Rhodansilber gibt mit Silberlösung 
auch die blutrothe Lösung des Eisenoxydrhodanats, indem 
ihre Farbe augenblickUch verschwindet. Tropft man daher 
eine Lösung von Rhodan - Kalium oder Ammonium zu einer 
sauren Silberlösung, der man etwas schwefelsaures Eisenoxyd 
zugesetzt hat, so erzeugt zwar jeder Tropfen der Rhodan- 
Salzlösung sofort eine blutrothe Wolke, die aber beim Um- 
rühren ebenso rasch wieder verschwindet, indem die Flüssig- 
keit rein milchweiss wird. Erst wenn alles Silber als Rho- 
dansilber gefallt ist, wird die rothe Farbe des Eisenoxyd- 



Völhard: Mcteaanaly tische Bestimmung des Sühers, 55 

rhodanats bleibend. Bei der ausserordentlich intensiven Farbe 
dieses Eisensalzes gibt sieb schon die geringste Spur von 
überschüssigem Bhodansalz durch eine bleibende Röthlich- 
farbung der Flüssigkeit zu erkennen. Weiss man wie viel 
Rhodansalzlösung zur Ausfällung einer bestimmten Menge 
Silber nöthig ist, so kann man mit der Rhodansalzlösung den 
Silbergehalt jeder sauren Silberlösung massanalytisch be- 
stinuneu, und durch die ungemeine Empfindlichkeit des Indi- 
cators wird diese Bestimmung so scharf und zuverlässig, 
dass das neue Verfahren, was Leichtigkeit der Ausführung 
und Genauigkeit der Ergebnisse anlangt, von keiner bis jetzt 
bekannten Titrirmethode übertrofiFen wird. 

Diese Methode ist einer sehr allgemeinen Anwendung 
fähig, denn es lassen sich mit derselben alle durch Silber 
aus sauren Lösungen fällbare Körper, wie Chlor, Brom, Jod, 
ungemein rasch und sicher bestimmen, indem man dieselben 
mit Silberlösung von bekanntem Gehalt vollständig ausfällt 
und den Ueberschuss des zugesetzten Silbers mit einer Lös- 
ung von Rhodansalz zurücktitrit; besonders für die Bestim- 
mung der genannten Elemente in organischen Verbindungen 
wird die neue Methode einem längst gefühlten Bedürfniss 
abhelfen. 

Vor dem bekannten von Mohr angegebenen Verfahren 
der Titrirung des Chlors in neutralen Ghlormetallen, bei 
welcher die Farbe des chromsauren Silbers als Indicator 
dient, hat die neue Methode sehr wesentliche Vorzüge : 1) sie 
wird in saurer Lösung ausgeführt, während das Mohr'sche 
Verfahren neutrale Flüssigkeiten voraussetzt, was seine An- 
wendung sehr beschränkt; 2) die Verbindung deren Farbe 
als Lidicator dient ist löslich ; die Färbung einer vorher farb- 
losen Lösung ist aber viel leichter zu erkennen als das Ent- 
stehen eines gefärbten Niederschlags inmitten eines ihn um- 
hüllenden und seine Farbe verdeckenden weissen Nieder- 
schlags; 3) das Salz, welches man zusetzt, um mit der Titrir- 



56 Sitzung der math.-phys. Glasse t?ow 7. Febrxiar 1674. 

flüssigkeit die Färbung zu erzeugen, das schwefelsaure Eisen- 
ozyd, ist selbst ungefärbt und kann daher in beliebiger Menge 
zugesetzt werden. Dies ist für die neue Methode sehr wesent- 
lich. Da das Eisenoxydrhodanat sich in einer Flüssigkeit 
bildet, welche von Mineralsäuren stark sauer ist, findet nur 
partielle Umsetzung statt und bei diesen ist bekanntlich das 
Mengenverhältniss der auf einander wirkenden Körper von 
grossem Einfluss. Man kann sich leicht davon überzeugen, 
dass die Intensität der Färbung, welche durch eine gegebene 
Menge von Rhodansalz in einer Eisenoxyd haltenden Flüssig- 
keit hervorgebracht wird, im Verhältniss zu der Menge des 
Eisenoxyds steht; durch einen Tropfen [einer verdünnten 
Lösung von Rhodanammonium wird die concentrirte Eisen- 
oxydlösung viel stärker gefärbt als die verdünnte, wenn auch 
letztere schon viel mehr Eisenoxyd enthält als zur Bindung 
aller Rhodanwasserstoffsäure nöthig wäre. Man setzt also 
der Silberlösung, um sie mittelst Rhodanlösung zu titriren, 
eine beträchtliche Menge von Eisenoxydlösung zu; wenn ge- 
nügend Säure vorhanden ist verschwindet die braune Farbe 
der Eisenlösung vollständig. 

Bezüglich der Anwendung meiner Methode zur indirecten 
Bestimmung der durch Silber fällbaren Körper habe ich bis 
jetzt erst wenige Versuche anstellen können. Ich richtete 
mein Augenmerk vorerst auf die Anwendung derselben zur 
directen Bestimmung des Silbers in Silberlegirungen. 

In den Münzen und Scheideanstalten wendet man jetzt 
zur Bestimmung des Feingehaltes von Silberlegirungen ganz 
allgemein das Gay-Lussac'sche Titrirverfahren an. Die sal- 
petersaure Lösung der Legirung wird mit einer Kochsalz- 
lösung von bekanntem Gehalt versetzt, so lange bis ein erneu- 
ter Zusatz in der durch Schütteln geklärten Flüssigkeit keine 
Trübung mehr hervorruft. Dies Verfahren hat einen Vorzug, 
der es vielleicht unthunlich macht dasselbe durch ein anderes 
wenn auch einfacheres und eben so genaues Verfahren zu 



VdSharä: Massantüytiacke Bestimmung des Silbers, 57 

ersetzen. Mit bewunderungswürdiger Ingeniosität hat es der 
alte Meister verstanden das Resultat von dem subjectiven 
Urtheil und der Geschicklichkeit des Ausfährenden möglichst 
unabhängig zu machen, denn es gibt wohl kaum eine Er- 
scheinung deren Erkennen weniger Beobachtungsgabe, Urtheil 
und Uebung in Anspruch nimmt als das Entstehen einer 
Trübung in einer vorher klaren Flüssigkeit. Die ausser- 
ordentliche Einfachheit und Sicherheit in der Ausführung 
wird bei dem 6ay-Lussac'schen Verfahren dadurch erreicht, 
dass man zur Analyse immer solche Mengen von Legirung 
abwägt, welche die gleiche Menge von Silber enthalten. 
Gerade in diesem Umstand liegt aber auch der Hauptnach- 
theil der Gay-Lussac'schen Methode. Sie ist eigentlich gar 
nicht eine Methode den Silbergehalt zu bestimmen, sondern 
nur eine Methode, den schon bekannten Silbergehalt bis 
auf die Tausendtheile genau festzustellen; sie setzt voraus, 
dass der Feingehalt der zu untersuchenden Legirung schon 
sehr annähernd bekannt sei. In den Münzen und Scheide- 
anstalten geht daher der Titrirung immer die altbekannte 
Silberbestimmung auf trocknem Wege durch Abtreiben oder 
Gupelliren voraus und erst wenn so der Silbergehalt schon 
ziemlich genau bestimmt ist, wird mit der Kochsalzlösung 
titrirt. Im Ganzen ist daher das Verfahren doch nichts 
weniger als einfach und rasch auszuführen und eine ein- 
fachere Methode bei gleicher Genauigkeit dürfte vielleicht 
den Münzscheidem doch willkommen sein. 

Zur Darstellung der Titrirflüssigkeit wendete ich Rho- 
danammonium an. Man kann dieses Salz nicht wohl in be- 
stimmter Menge abwägen um die Titrirflüssigkeit zu berei- 
ten, es ist zu hygroscopisch ; man stellt daher die Lösung 
empirisch auf eine Silberlösung, die m9,n erhält indem man 
10 grm.*) reines Silber in Salpetersäure auflöst und auf 

*) Der Chemiker wird natürlich das Aequivalentverhältniss vor- 
ziehen und 10,8 grm. Silber auf 1000 co. nehmen. 



58 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. Februar 1874, 

1000 cc. yerdünnt. Andererseits löst man eine grössere 
Menge von Rhodanammoniutn in Wasser auf, so dass etwa 
8 grm. Rhodansalz auf 1 Liter Lösung kommen. Man misst 
10 cc. der Silberlösung in ein Becherglas, gibt etwa 5 cc. 
einer Lösung von schwefelsaurem Eisenoxyd (im Liter etwa 
50 grm. Eisenoxyd enthaltend) und 150— 200 cc. Wasser zu. 
Aus einer Bürette lässt man jetzt unter stetem Umschwenken 
die Rhodanlösung zufliessen bis die Flüssigkeit bleibend einen 
schwach-röthlichen Ton angenommen hat. Die Reaction ist 
so scharf und sicher, dass man nie über einen Tropfen mehr 
oder weniger im Zweifel sein und bei öfterer Wiederholung 
des Versuchs immer die gleiche Menge Rhodanlösung brau- 
chen wird, ohne auch nur die kleinste Differenz zu beobach- 
ten; vorausgesetzt, dass die Messgefässe gut sind, was aller- 
dings nur ausnahmsweise der Fall zu sein pflegt. 

Gesetzt, man habe für 10 cc. Silberlösung 9,6 cc. Rho- 
danlösung gebraucht, so verdünnt man je 960 cc. der letzteren 
auf 1000 cc. ; 1 cc. zeigt dann 10 mgrm. Silber an. Vor 
der Anwendung wird diese Lösung nochmals geprüft. Man 
wägt zu diesem Zweck 1 grm. reines Silber ab, löst in 8 bis 
10 cc. Salpetersäure, erhitzt auf einem Sandbad bis keine Spur 
von salpetrigen Dämpfen mehr entweicht, setzt etwa 5 ce. 
Eisenlösung zu und verdünnt mit etwa 200 cc. Wasser. Nach 
dem Erkalten lässt man unter fortwährendem Umrühren oder 
Umschwenken die Rhodansalzlösung zufliessen. Mit dem letz- 
ten Tropfen des hunderten Gubikcentimeters muss die röth- 
liche Färbung deutlich und bleibend eingetreten sein. 

Um mittelst dieser Lösung den Silbergehalt einer Silber- 
legirung zu bestimmen, lösst man 1 grm« der Legirung in 
Salpetersäure auf und verfährt damit wie für reines Silber 
soeben angegeben wurde. Die Anzahl der verbrauchten 
Gubikcentimeter der Rhodansalzlösung gibt den Feingehalt 
in Procenten an; Vio cc. Rhodanlösung entspricht 1 pro mille 
Silbergehalt. 



Volhard: Manaanalytüche Bestimmung des Silbers. 59 

In Büretten, welche 100 cc. fassen, können Zehntel eines 
Cubikcentimeters nur mehr geschätzt werden; um diese 
Schätzung, die immerhin einige Uebung erfordert, zu um- 
gehen, kann man zum Austitriren zehnfach verdünnte Silber- 
und lUiodansalzlösungen anwenden, die man aus sehr engen 
getheilten Pipetten zufliessen lässt. Man bringt die Färbung 
durch Zehntel - Silberlösung zum Verschwinden und ruft sie 
durch die Zehntelrhodanlösung wieder hervor. Die combi- 
nirte Anwendung dieser Zehntellösungen gibt gleichsam einen 
Nonius für die Ablesung der Bruchtheile von Cubikcenti- 
metern ab. Beispielshalber lasse ich zwei solcher Bestim- 
mungen hier folgen : . 

1) 1 grm. eines neuen Einmarkstückes wurde wie 
oben behandelt. Die röthliche Färbung war bleibend 
nachdem eine kaum zu schätzende Spur weniger als 90 cc. 
der Rhodanlösung zugelassen war; es wurde dann bis gerade 
90 cc. zugelassen. Nun wurde Zehntel - Silberlösung zuge- 
geben; nach Zusatz von Vs cc. Zehntel-Silberlösung war jede 
Spur von Röthung verschwunden, zugelassen wurde 1 cc. 
Zehntel-Silberlösung; zum Wiederhervorrufen der röthlichen 
Färbung war erforderlich 0,8 cc. Zehntel-Rhodanlösung. Der 
Silbergehalt der Probe ergibt sich hieraus zu 

90 —0,1 + 0,08 = 89,98 pC. 

2) 1 grm. von demselben Einmarkstück ; gebraucht 
Rhodanlösung gerade auf 90 cc; zugelassen Zehntel-Silber- 
lösung 1 cc. ; gebraucht Zehntel-Rhodanlösung 1,2 cc; Ge- 
halt = 90 -0,1 + 0,12 = 90,02. 

Differenz beider Bestimmungen 0,04 pG. 

Für den Chemiker wird, wie ich glaube, durch Anwen- 
dung der Zehntellösungen ein Vortheil nicht zu erreichen 
sein; dem Ungeübten könnten sich dieselben wohl von Nutzen 
erweisen. 

Der Eupfergehalt der Legirungen ist innerhalb gewisser 
Gränzeu ohne Eiufluss auf diese Bestimmungsmethode. Ich 



60 Sitzung der math.-phys. Clasae txm 7. Februar 1874. 

habe gefunden, dass ein Kupfergehalt bis zu 70 pG. die Ge- 
nauigkeit der Bestimmung nicht beeinträchtigt, ßei einem 
Silbergehalt von nur etwa 20 pG. ist schon einige Uebung 
erforderlich, um den Eintritt der röthlichen Färbung scharf 
zu erkennen; sinkt der Silbergehalt noch weiter, so wird 
die Gränze der Reactiou undeutlich, sei es, dass die blaue 
Farbe der Kupferlösung die rothe Farbe verdeckt, oder dass 
das Kupfersalz auf die Rhodanverbindung einwirkt. Man könnte, 
um in so silberarmen Legirungen das Silber zu titriren, der 
Probe eine bestimmte Menge reines Silber zusetzen; man 
kann aber auch in anderer Weise ohne grosse Umständlich- 
keit den Zweck erreichen. 

Rhodansilber wird durch concentrirte Schwefelsäure beim 
Erwärmen zersetzt und unter völliger Zerstörung des Rhodans 
als schwefelsaures Silber gelöst. Dieses Verhalten lässt sich 
bei der Titrirung silberarmer Legirungen sehr vortheilhaft 
benutzen. Man titrirt wie oben angegeben und setzt Rhodan- 
lösung zu bis die Flüssigkeit stark roth gefärbt ist. Lässt 
man jetzt ruhig stehen, so setzt sich der Niederschlag sehr 
rasch vollständig ab, so dass man vermittelst einer einfachen 
Saugfiltrirvorrichtung die Flüssigkeit leicht und gänzlich klar 
abziehen kann. Mit der Flüssigkeit wird das Kupfer bis 
auf einen unbedeutenden Rest entfernt. Das zurückbleibende 
Rhodansilber übergiesst man mit concentrirter Schwefelsäure 
und erwärmt im Sandbad. Unter Aufschäumen zersetzt sich 
das Rhodansilber, es entweichen Blausäure, wahrscheinlich 
auch Kohlenoxydsulfid, darnach schweflige Säure; nach einigen 
Minuten sieht man den Niederschlag schwarz werden und 
sich zusammenklumpen; giebt man jetzt einige Tropfen Sal- 
petersäure zu, so löst sich rasch Alles auf. Man erwärmt 
dann noch bis keine rothen Dämpfe mehr entweichen und die 
Flüssigkeit farblos geworden ist, lässt erkalten, versetzt mit 
Eisenlösung, verdünnt und titrirt nochmals mit der Rhodan- 
lösung. Man erhält durchaus zuverlässige Resultate. 



Vdhard: Mtissanalytische Bestimmung des Sühers. 61 

Ich bin darüber nicht im Zweifel, dass diese Methode 
der Silberbestimmung darch Titrirung mit Rhodansalz dem 
Gay-Lussac'schen Verfahren an Genauigkeit nicht nachsteht, 
an Einfachheit und Baschheit der Ausführung aber es weit 
übertrifft. Nichtsdestoweniger nehme ich vorerst noch An- 
stand meine Methode den Technikern zu empfehlen. Ich 
möchte zuvor noch einige Fragen erledigen, welche gerade 
für die technische Anwendung von wesentlicher Bedeutung sind. 

Es ist vor Allem zu entscheiden, ob die Rhodansalz- 
lÖsung bei längerer Aufbewahrung ihren Titre beständig er- 
hält; weiter ist ein etwaiger Einfluss anderer Metalle auf die 
Resultate der Silbertitrirung zu untersuchen; auch wäre es 
wünschenswerth, ein luftbeständiges Rhodansalz, das sich in 
trockenem Zustand genau abwägen lässt, zur Herstellung der 
Titreflüssigkeit verwenden zu können. Endlich scheint mir 
das oben für die Bestimmung des Feingehaltes sehr kupfer- 
reicher und silberarmer Legirungen gegebene Verfahren 
noch nicht einfach genug. Vielleicht dürfte sich eine für 
solche silberarme Legirungen geeignetere Titrirmethode 
entwickeln lassen auf Grund einer Beobachtung, die ich erst 
vor einigen Tagen machte. 

Es ist bekannt, dass Silber eine ausserordentlich grosse 
Verwandtschaft zu allen Kohlenstickstoffsäuren hat; die Salze 
solcher Säuren werden in der Regel, selbst wenn sie ganz 
unlöslich sind^ durch Silbersalze zersetzt. Salpetersaures Silber 
zerlegt z. B. die unlösliclien Ferrocyanmetalle ; Ferrocyan- 
kupfer wird durch Silberlösung augenblicklich entfärbt, Kupfer 
geht in Lösung und Silber tritt an Stelle des Kupfers mit 
dem Ferrocyan in Verbindung. In der salpetersauren Lösung 
einer Kupfer- Silberlegirung entsteht daher bei allmäligem 
Zusatz einer verdünnten Ferrocyankaliumlösung nicht eher 
die rothbraune Kupferverbindung, als bis alles Silber als 
Ferrocyansilber niedergeschlagen ist. Das Ferrocyansilber 
bildet jedoch, da es farblos und etwas durchscheinend ist, 



62 SitBung der math.-phys, Classe vom 7. Februar 1871, 

für die Farbe der Eapferverbindong keine gute Folie, es ist 
schwer die erste Spur von Färbung zu erkennen. Dagegen 
scheint man nach einigen Vorversuchen recht gute Resultate 
zu erzielen, wenn man nur eine abgemessene, zur Fällung 
des Silbers nicht ausreichende Menge von Blutlaugensalz- 
lösung zusetzt und dann mit verdünnter Salzsäure von be- 
kanntem Gehalt austitrirt. Sobald das noch in Lösung be- 
findliche Silber in Chlorsilber übergegangen ist, wird durch 
den nächsten Tropfen Salzsäure Ferrocyanwasserstoff aus dem 
Ferrocyansilber ausgeschieden, es bildet sich Ferrocyankupfer, 
das jetzt auf dem weissen Ghlorsilber auch in minimaler 
Menge eine deutlich erkennbare Färbung hervorbringt. 

Die Erledigung dieser Fragen verlangt mehr Zeit und 
Arbeit als ich, seither durch vielfache andere Arbeit in An- 
spruch genommen, auf diese Untersuchung verwenden konnte. 
Ich habe mich daher darauf beschränkt, die Methode kurz 
zu schildern, die ausführliche Beschreibung mit den Beleg- 
analysen werde ich nach Abschluss der angedeuteten Unter- 
suchungen an einem andern Orte veröffentlichen. 



Sitzung vom 7. März 1874. 



Mathematisch - physikalische Classe. 



Herr Hermann v. Schlagintweit-Sakünlünski 
spricht über 

„Mikrostructur der Eänlun-Neplirite and 

verwandter Gesteine". 
(Nach Hofrath Fischer's Untersuchungen.) 

« 

Von Herrn Hofrath Professor Heinr. Fischer in Frei- 
burg habe ich seit meiner Mittheilung „Ueber Nephrit nebst 
Jadeit und Saussurit im Eünlun*Gebirge" in der Juli-Sitzung 
1873^), eine Reihe sehr sorgfältiger Untersuchungen an Dünn- 
schliffen der damals vorgelegten Exemplare zugesandt er- 
halten, worüber ich mir zu berichten erlaube. 

Da von uns unmittelbare Beobachtung der geognostischen 
Verhältnisse in Verbindung mit dem Vorkommen solcher 
Gesteine vorliegt, und da jetzt das Vorhandensein zahlreicher 
quantitativer Analysen keine wesentliche Aenderung mehr 
in den für die chemischen Bestandtheile erhaltenen Resul- 
taten erwarten lässt, ist es die Frage nach dem Grade der 
Homogenität der Masse und nach dem Gharacter der Ab- 
weichung davon, sei es in Structur oder im Einschliessen 
fremder Körper, die zunächst sich bietet. Hofrath Fischer 
ist gegenwärtig mit einer ausgedehnten Arbeit darüber be- 
schäftigt und hat sich dazu ein sehr reiches, möglichst voll- 
ständiges Material verscha£Ft. 



1) Sitzungsberichte der math.-phys. Classe der k. b. Akad. d. 
Wissensch. 1873. 2; S. 227—267. 



64 Sitzung der matK-phys. Classe vom 7. März 1874, 

Unter den Exemplaren, von welchen Proben von mir 
eingesandt werden konnten, befand sich auch, aus der kgK 
bayer. Staatssammlung, ein sibirischer Nephrit, den ich der 
GefaUigkeit des Gonservators Herrn v* K ob eil zu danken 
hatte; dessgleichen erhielt ich von ihm, um unser eigenes 
Material complet zu haben, 2 Proben von Handstücken aus 
Turkistdn, die von mir an die Staatssamminng abgegeben 
waren. Krystallbildung war bei keinem dieser Stücke zu 
erkennen, obwohl an mehreren natürliche Flächen der 
Ablösung sowie der Spaltung sich boten, Flächen, deren 
Unebenheiten etwa Erystallprominenzen hätten erwarten 
lassen. Von dem dem Nephrit am nächsten stehenden 
Tremolit dagegen sind Exemplare in der Form eingewachsener, 
klinorhombischer Erystalle bekannt 

Ueber den Sibirischen Nephrit, signirt „Siberie'* 
ohne nähere Angabe von Fundort und AuftreteUi welcher 
aus der herzogl. Leuchtenberg'schen Sammlung der Münchner 
Akademie zugesandt wurde, schreibt mir Hofrath Fischer 
(dessen Mittheilungen über diesen sowie über die folgenden 
Gegenstände durch doppelte Anführungszeichen markirt sind) : 
„ „Schon bei 60facher Vergrösserung zeigt er deutlich strahlig- 
fasrige Textur, deren Individuen an einzelnen Stellen etwas 
grösser entwickelt sind, so dass die überall allein sichtbare 
Aggregatpolarisation daselbst etwas gröber erscheint. Ziem- 
lich reichlich sind diesem Nephrite opake, beim Pulvern 
desselben sich als magnetisch ergebende Körnchen einge« 
streut, welche vermöge ihrer etwas fahlen metallischen 
Farbe auf Magnetkies (Pyrrhotib) schHessen lassen. Diess 
bewährt sich auch: wenn man Pulver dieser Nephrite im 
Reductionsfeuer auf Kohle mit Soda zusammenschmilzt und 
befeuchtet, so gibt dasselbe auf Silberblech einen schwarzen 
Flecken. Im Gesteinsdünnschliffe zeigen sich nun ausserdem 
reichlich schmutzig gelbe Flecken, welche schon bei 120facher 
Vergrösserung äusserst feine opake Pünktchen in sich erkennen 




B. V. ScMagintweit: Mikrostmctur der KürUün-Nephrite etc. 6S 

lassen; es schienen mir diese feinst vertheilte Pyrrhotin- 
Stäubchen zu sein, welche bei ihrer Zersetzung die gelblichen 
Flecken produciren. Davon mehr oder weniger unabhängig 
erkennt man in der ganzen Fläche des Dünnschliffes nach 
yerschiedeuen Bicbtungen verlaufende feinste gelbliche Striemen, 
welche wohl feinste Klüftchen (Sprünge) des Minerales sein 
dürften, i^ welche sich vielleicht Spuren des zersetzten Pyr- 
rhotins eingeflösst haben."" — 

Die Handstücke aus den Steinbrüchen bei Gulba- 
shen') in Ehotan sind signirt nach dem Bande 32 unserer 
während der Reise geführten Beobachtungs - Manuscripte : 
,,32 pag. 246; loc. 244", und die chemisch analysirten sind 
noch durch die Lettern „A." bis ,,E" unterschieden. 

lieber diese Handstücke ist Folgendes anzugeben. 

Nephrit „Akademie-Stück". Schönstes Exemplar in 
Farbe, Glanz, Diaphaneität und Härte. Seit meinem Juli- 
vortrage ist es in der akademischen Sammlung. Nicht chemisch 
analysirt, aber mit dem Meissel auf Cohäsion geprüft ^). 

Mikrostmctur: „„Dieses Exemplar zeigte die grösste 
Homogenität, vollkommene Farblosigkeit des Dünnschliffes, 
feinste Aggregatpolarisation ohne deutliche Texturverhältnisse 
also noch bei 60-, 90- und 120facher Vergrösserung krypto- 
krystallinisch."" — 

Nephrit „A". Von einem Handstücke aus jener 
Gruppe, deren Atomverhältnisse sich ergeben hatten wie 

SiO»: MgO.-CaO = 3:3:1. 

Die eine Fläche des Plättchens war die natürliche 
Spaltungsfläche. 

Mikrostmctur: „„Kryptokrystallinisch mit einigen Striemen 
und Flecken in der übrigens homogenen Substanz."" 

2) Gulbaehen: Breite 36<>13' N.; Länge 78^ 16' östl. v. Greenw.; 
Höhe, Niveau des Earakäsh-Flusses , 12252 engl. Fuss. Sitz.-Ber. 
1. c. S. 237. 

3) Sitz.-Ber. 1. c. S. 255. 

[1874,1. Math.-phyB.Cl.] 6 



66 Sitzung der math.-phys, Oaase vofn 7. März 18? 4. 

Nephrit „G^^ Drei Stückchen von einem sehr flachen 
Handstücke, von dem auch die getrennten Theile sehr dünn 
and lamellenförmig sich ablösten. Der Typus der Atom- 
yerhältnisse war hier jener der zweiten Gruppe der Eünlizn- 
Nephrite; er zeigte 

SO» : MgO : CO = 10 : 10 : 4. 

Mikrostructur : „„Vollkommen homogen, durchsichtig 
im Dünnschliffe, kryptokrystallinisch noch bei 120facher 
Vergrösserung, da und dort mit schmutzig gelblichen Stellen 
im Dünnschliffe, welche nichts als Verwitterungspartieen zu 
sein scheinen, an denen der geringe Eisengehalt des kaum 
sichtbar gelblich gefärbten Minerals durch höhere Oxydation 
und Wasseraufnahme die verschiedene Färbung bedingt. 
Auch das Ausspringen solcher Stellen beim Schleifen sprach 
für Zersetzungszustand der am Mineralstückchen selbst schon 
erkennbaren opaken Rindenpartieen."" — 

Die drei folgenden Nephritproben sind von einem 
Handstücke abgeschlagen; da aber dieses ziemlich gross 
ist, Gewicht 620 Gramm, differirt das wegen seiner Aehn- 
lichkeit mit dem vorhergehenden Stücke als „c'* bezeichnete 
Exemplar in seiner Structur sehr bemerkbar von den beiden 
anderen, die ich e^ und e, markirte. Das Handstück ist 
nicht chemisch analysirt; physikalisch ist es nach Farbe, 
Glanz und Härte von sehr guter Qualität. Begrenzt ist das 
Handstück von 3 natürlichen und von 3 durch Behauen 
entstandenen Flächen. Liegt das Stück auf jener natürlichen 
Fläche, welcher eine behauene gegenüber steht, und denkt 
man sich der Länge nach eine Ebene vertical durch die Mitte 
gelegt, so zeigt sich die untere „Gontour der Ebene'' als 
nahezu geradlinig, (die obere als eine vielfach gekrümmte 
Linie in einer unregelmässig gestalteten Fläche; auch die 
Flächen, welche in ihrer Stellung zur durchgelegt gedachten 
Ebene die Vorderseite und die Rückseite des Stückes bilden. 



H. V. SdUagin^eit: MikrostrtACtur der Künlün-Nephrite etc. 67 

sind solche durch das Behauen entstandene Flächen. Die 
zwei anderen „Contouren der Ebene'' liegen in glatten natür- 
lichen Flächen, welche einander fast parallel sind; die Grösse 
des Winkels mit der unteren Fläche ist auf der einen 
Seite 74 Grad, auf der anderen 110 Grad. 

Die Steinmasse selbst erscheint mit freiem Auge oder 
mit der Loupe gesehen homogen; das Stückchen „c" ist 
trüber als „e^" und „e,**. 

Mikrostructur : „„Nephrit „c" zeigte sich homogen, 
farblos im Dünnschliffe und theilweise kryptokrystallinisch, 
theilweise soweit phanerokrystallinisch fein strahligfaserig, 
dass einzelne dickere Fasern sogar zur einheitlichen Polari- 
sation gelangen , d. h. bei Drehung des Schliffes zwischen 
gekreuzten Nicols abwechselnd farbig und dunkel werden; 
da und dort zeigen sich vereinzelt sprungartige Linien oder 
Striemen. 

Nephrit „e^'' und „e,'', die unter sich in jeder Be- 
ziehung Uebereinstimmung zeigten, waren auch von den 
Formen in ,^0'' nur wenig verschieden, darin nemlich, dass 
in Oj und e, die phanerokrystallinischen Stellen weniger 
entwickelt sind, so dass sie nicht mehr zur einheitlichen 
Polarisation gelangen.'''' 

Saussurit, „B von Gulbashen". Von diesem waren 
2 Exemplare für mikroscopische Untersuchung vorgelegt. 
Das grössere Stückchen entspricht jedenfalls auch seiner ur- 
sprünglichen Lage nach der mittleren Structur; das kleinere 
hatte näher der oberen Begrenzung der in Grünstein ein- 
geschlossenen Masse gelegen. Chemisch analysirt. 

Mikrostructur: „„Die beiden Stückchen haben Dünn- 
schliffe ergeben, welche die Substanz als nicht ganz homogen 
erkennen lassen. Erstlich werden einzelne (vielleicht ver- 
witternde) Stellen nicht ganz so durchsichtig wie der Rest 
der Masse, dann erweist sich aber in der Masse selbst 

ein Unterschitid zwischen kryptokrystallinischen, mit feinster 

5* 



68 Sitzung der matk-phys. Clasae vom 7, März 1874. 

Aggregatpolarisation behafteten Partieen und andererseits 
vielen zwischengelagerten Theilchen von verborgen faserigem 
Bau, wobei die Fasern ihre Enden schief in einander ver- 
schränken. Diese letztgenannten Partieen polarisiren natür- 
lieh viel lebhafter als die ersteren, d. h. mit viel feurigeren 
Farben." " 

Zum Schlüsse sei über Jadeit, bis jetzt untersucht 
an zwei chemisch analysirten, also wohl constatirten Exem- 
plaren (von Steinmeissein aus Pfahlbauten), noch die folgende 
allgemeine Bemerkung aus Hofrath Fischers Mittheilung 
beigefügt. 

„„Was diese Jadeit-Dünnschliffe ergeben haben, lässt 
dieselben ganz gut vom Nephrit unterscheiden. Der Jadeit 
9eigt nemlich eine verhältniss massig grobe, ganz verworren- 
faserige Textur, welche in den Dünnschliffen beider Meissel 
ein ganz eigenthümliches Bild, fast wie organisches Zell- 
gewebe, präsentirt (dies ist natürlich nur Vergleichung in 
der Configuration ohne Beziehung zu organischer Natur), 
wie ich es kaum von einem anderen Minerale mich erinnere. 
Trotzdem kann ich diese Mikrotextur des Jadeits nur als 
Diagnose gegen die mir bis jetzt bekannt gewordenen 
Nephrite benützen, möchte sie aber durchaus nicht als 
dem Jadeite allein zukommend hingestellt wissen, da sie bei 
irgend einem anderen Minerale, in einer Varietät wenigstens, 
gleichfalls sich finden könnte." '^ 



Oeflfentliche Sitzung der k, Akademie der Wissen- 

dchaften 

zur Feier des 115. Stiftungstages 

am 28. März 1874. 



Der Glassensecretär F r. v. E o b e 1 1 macht nachstehende 
Mittheilung : 

Die mathematisch-physikahsche Classe verlor seit dem 
Jahre 1873 durch den Tod an auswärtigen Mitgliedern die 
Herren: Christoph Hansteen in Ghristiania, G. Rose 
in Berlin, G. Fr. Naumann in Dresden, Aug. de la Rive 
in Genf, Ludw. Agassiz in Neu-Gambridge, Ad. Jaques 
Quetelet in Brüssel; an Gorrespondirenden Mitgliedern die 
Herren: Franz Zantedeschi in Padua, Aug. Breithaupt 
in Freiberg, Max Schnitze in Bonn, J. Heinr. y. Mädler 
in Hannover. 

Ausser dem Nekrolog auf Freiherrn von Liebig, 
welchen Herr v. Pettenkofer vortragen wird, sind dem 
Andenken des berühmten Gelehrten drei Denkschriften von 
den Herren Akademikern Professor Erlenmeyer, Prof. 
v. Bischoff und Prof. A. Vogel gewidmet worden, welche 
dessen Verdienste um die Allgemeine Ghemie, um die 
Physiologie und um die Agriculturchemie zum Gegenstand 
haben. 

Die der heutigen Fest-Sitzung zugemessene Zeit gestattet 
nicht, die wissenschaftlichen Verdienste der Genannten in 
ausführlicherem Vortrage zu würdigen ; es werden jedoch 



70 Oeffenaiche Sitzung vom 28. März 1874. 

diese Nekrologe in Bälde in den Sitzungsberichten der 
Akademie gedruckt erscheinen. 

Diese Nekrologe, verfasst vom Glassensecretär , folgen 
hiemit : 

Dr. Francesco Zantedeschi. 

Geb. 1797 am 18. August zu Dolce in der Provinz Verona, 
Gest. 1873 am 29. März zu Padaa. 

Zantedeschi hat seine ersten Studien über Philosophie, 
Mathematik, Physik und Theologische Wissenschaften in 
Verona gemacht und zwar mit solcher Auszeichnung, dass 
er 1821 als Professor der Naturwissenschaften am Lyceum 
zu Desenzano angestellt wurde. Bald darauf als Professor 
der Physik nach Pavia berufen, publicirte er 1829 die Ab- 
handlungen über electromagnetische Ströme, über die magne- 
tisirende Kraft des violetten Lichtstrahls, über den Einfluss 
heiterer oder bedeckter Atmosphäre auf die magnetische 
Polarität. Hierauf erhielt er den Lehrstuhl der Philosophie 
am bischöflichen Seminar zu Verona und 1834 wurde er in 
gleicher Eigenschaft an das Lyceum zu Brescia und 1835 
an das zu Porta Nuova nach Mailand berufen. Die Studien 
der Physik aber setzte er eifrig fort und kam dann als 
Professor der Physik und Mathematik an das Lyceum zu 
Venedig. Für eine Arbeit über Electrotypie erhielt er vom 
Gouvernement die Verdienstmedaille und vom Russischem 
Kaiser Nicolaus die grosse goldene Medaille. Als einem 
berühmt gewordenen Gelehrten wurde ihm dann die Professur 
der Physik in Padua übertragen. 

Zantedeschi hat sich um die Wissenschaft anerkannte 
Verdienste erworben und zählen seine Abhandlungen über 200. 
Er war der Herausgeber von „Raccolta fisico-chimico-italiana 
in 3 Bänden (1846 — 48), Annali di fisica und Giornale 
fisico-chimico-italiano in 2 Bänden (1851—52). 

Seine Arbeiten betreffen Untersuchungen und Experimente 



V. Kohell: Nekrolog auf Dr. Francesco ZantedeacM. 71 

über Wärme, Licht, Electricität, Magnetismus und Dia- 
magnetismus. Erstellte 1851 eine neue Theorie der Molecular- 
construction der Körper auf, wonach in der anziehenden 
Kraft der Moleciile und ihrer Elasticität der physische und 
chemische Charakter der Körper beruhe, entwarf eine Reihen- 
folge der magnetischen und der diamagnetischen Elemente, 
beschrieb ein Electroskop fiir Vertheilungserscheinungen und 
ein Differential-Densiskop zur Bestimmung der relativen 
Aenderungen der Dichtigkeiten verschiedener Flüssigkeiten 
durch Compression (1856), besprach die Electricitätserreguug 
durch Bewegung, entgegengesetzt electrische Ströme ; Ursprung 
des Electromagnetismus, die Diathermie des Steinsalzes und 
andere mannigfaltige Erscheinungen im Gebiete der Physik. 
Mehrere Arbeiten hat er mit Borlinetto ausgeführt. 

Im Jahre 1857 erblindete der vielseitig gebildete Ge- 
lehrte, aber sein lebhafter Geist bewegte sich dessenungeachtet 
in fortgesetzten Reflexionen und Studien seiner Wissenschaft. 
Er war Ritter des St. Mauritius- und Lazzarus-Ordens und 
Mitglied einer grossen Anzahl von Akademieen und Gelehrten 
Gesellschaften. Wie er als Lehrer beliebt war, davon giebt 
Zeugniss die 1857 von seinen Schülern herausgegebene 
Ehrenschrift : „Nascita, studi, posizione sociale e bibliografia 
delle principali opere e memorie di Francesco Zantedeschi. ^ 



Christoph Uansteen. 

Geb. 1784 am 26. Sept. zu ChriBtiania, 
Gest. 1873 am 11. April ebenda. 

Hansteen begann seine wissenschaftliche Laufbahn als 
Lehrer der Mathematik am Gymnasium zu Frederiksborg 



1) In Morte del. Cav. Francesco Zantedeschi emerito 
Professore di Fisica nella E. Universitä di Padova. Discorso letto 
da Professore Francesco Rossetti nella chiesa di S. Nicolo il 
lunedi 81. Marzo 1873 giorno delle esequie. 



72 OeffenÜiche Sitzung vmn 28. Ma/rz 1874. 

auf ^Seeland. Nachdem er für eine den Erdmagnetismus 
betreffende Abhandlung den Preis einer kgl. Gelehrten 
Gesellschaft errungen, wurde er an der Universität zu 
Christiania Professor und 1819 erschien sein berühmtes 
Werk „Untersuchungen über den Magnetismus der Erde/' 
Es war dann sein eifrigster Wunsch, betreffende Beobacht- 
ungen in Siberien anzustellen, wo eine stärkere magnetische 
Intensität als anderswo zu erwarten war, und 1828 — 30 
machte er auf Staatskosten die Reise in jene nordischen 
Länder, welche damals zu den unbekanntesten gehörten. 

Nach seiner Angabe wurde 1832 die grosse Sternwarte 
Ghristiania's erbaut und unter seiner Vorstandschaft fast 
ganz Norwegen trigonometrisch und geographisch bestimmt. 
Die Arbeiten über die Maasse und Gewichte des Staates 
wurden von ihm ausgeführt und nicht nur der Akademischen 
Jugend, sondern auch älteren Männern, darunter vielen 
Militärs, war er ein eifriger und geschätzter Lehrer. 

Die von ihm verfassten wissenschaftlichen Werke und 
Abhandlungen sind sehr zahlreich. Er schrieb ein Lehrbuch 
der Mechanik und Planimetrie und die erdmagnetischen Ver- 
hältnisse beschäftigten ihn fortwährend, so in den Abhand- 
lungen „Ueber die vier magnetischen Pole der Erde, Ueber 
magnetische Intensität im nördlichen Europa, Ueber die 
Variation des Erdmagnetismus, Ueber magnetische Inclination 
und ihre Veränderungen in der nördlichen temperirten Zone 
u. a. Auch eine Reihe von astronomischen und meteorolo- 
gischen Beobachtungen verdankt man seiner Thätigkeit. 

Hansteen war Mitglied vieler Gelehrten Gesellschaften 
und einer der Mondberge ist nach ihm benannt worden. 
Zu seinem 50jährigen Dienstjubiläum Hess die Universität 
eine Denkmünze prägen mit der Inschrift „SPLENDET IN 
ORBE DECüS.'* 



0. Kdbdli Nekrolog auf Dr. Gustav Boae. 73 

Dr. OiistaT Rose. 

Geb. 1798 am 18. Mira in Berlin, 
Gest. 1878 am 15. Joli ebenda. 

GustaT Rose, ein Bruder des berühmten Chemikers 
Heinrich Rose, war erst Berg-Eleve in Eönigshütte bei 
Tamowitz, dann, nachdem er sidi nadi Stokholm begeben 
und unter Berzelius gearbeitet^ Docent (1823) nnd Professor 
(extraord. 1826, ord. 1839) der Mineralogie an der Universität 
ZQ Berlin nnd nach Sam. Weiss' Tode Director des kgl. 
mineralogischen Mosenms. 

6. Rose hat schon in seiner Inauguraldissertation „De 
spheois atqne titanitae systemate crystallino'* sein Talent für 
krystallographische Entwickinngen dargethan nnd dasselbe 
an einer Reihe von Bfineralspedes bewährt, so u. a. an den 
Mineralien der Feldspathgmppe, welcher er als nrae Species 
den Anorihit zufügte. Berzelius sagt von der betreffenden 
1823 erschienenen Abhandlung, sie „trägt den Stempel eines 
erfahrenen Mineralogen nnd eines geschidden Chemikers an 
sidi und scheint mir ein Muster für die Art zu sein, auf 
welche Ifineralien untersucht und beschrieben werden müssen.*' 
Ein feiner und umsichtiger Beobachter, hat Rose mandie 
Ratfasel der Krystallverhaltnisse gelost, welche vor ihm 
unbeachtet geblieben waren, so am Quarz, wo er die seit* 
same Erscheinung glatter und matter Stellen auf den Pyra- 
midenfladien durch Zwillingsbildnng erklärte, ähnlich am 
Pyrit; und an den vielen Verzerrungen der Erystalle des 
gediegenen Eupfers und Groldes, des Ghrysoberili, Pistazit, 
Sphen u. a. hat er das normale Bild hergestellt. Durch 
Vergleidiung der Erystallisation des Apatits mit dem Pyro* 
morphit hat er den Isomorphismus beider erkannt und seine 
chemisdie Untersuchung hat ^tsprechend einen Chlor- und 
Fluorgehalt des Apatit dargethan; am gedi^enen Gold, am 
Guprit, Azurit, Topas, Olivin, Osnuridinm u. a. bat er n^e 



74 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1874, 

Formen nachgewiesen. — Wie seine Messungen genau, so 
waren auch seine Erystallzeichnungen meisterhaft* Eine Reise 
nach dem Ural und Altai und nach dem Easpischen Meere, 
welche er mit Humbold und Ehren berg 1829 ausführte, 
gab eine reiche Ausbeute seiner mineralogischen Studien. 
Er hat diese Reise in 2 Bänden beschrieben. Dabei wurden 
interessante Mineralspecies entdeckt: das Tellurblei und 
Tellursilber, der Perowskit, Tschewkinit, Xanthophyllit, Can- 
crinit, Rhodizit, Chlorospinell etc. Eine Beobachtung an den 
Augitporphyren des Ural, dass Erystalle mit der Form des 
Augit, aber mit der Spaltbarkeit des Amphibol vorkommen, 
gab Veranlassung zu genauen Untersuchungen dieser Species 
und zu der überraschenden Erfahrung , dass geschmolzener 
Diopsid ans dem Fluss unverändert, geschmolzener Amphibol 
aber nun in der Augitform krystallisire. Im Zusammenhang 
damit stehen auch Rose 's Untersuchungen der Felsarten, 
welche unter dem Namen „Grünstein'' bekannt waren. Er 
unternahm die mühsame Arbeit, ihre Gemengtheile zu be- 
stimmen am Diorit, Dioritporphyr, Hypersthenfels, Gabbro 
und Augitphorphyr. 

Die Erystallphysik bereicherte er durch seine Unter- 
suchungen über das Verhältniss der Form zu den electrischen 
Polen an den pyroelectrischen Erystallen. Er hat sie am 
Turmalin ausgeführt und weiter mit P. Riess auch an 
anderen Mineralien. Dabei zeigte sich, dass die electrischen 
Axen theils an den Enden der Erystallaxen mit verschiedenen 
Polen auftreten, wie am Turmalin und Galamin, theils aber 
auch in der Mitte solcher Axen liegen, wie am Prehnit und 
Topas. Die Entdeckung Marbachs, dass die verschiedenen 
Erystalle von Pyrit und Eobaltin sich thermoelectrisch ver- 
schieden verhalten, bestimmte Rose in Verbindung mit 
P.Groth diese Untersuchungen mit Rücksicht auf die Erystall- 
form fortzusetzen und wurde erkannt, dass das Verhalten 
mit der Hemiedrie zusammenhänge und dadurch positive 



V. KobeU: Nekrolog auf Dr. Gu^v Rose. 75 

and negative Krystalle unterschieden werden können, ebenso 
dass scheinbar holoedrische Formen hemiedrische Gombina- 
tionen sein können, wie auf anderem Wege Naumann zu 
diesem Resultat gelangt ist. 

Rose unternahm auch mancherlei Versuche der künst- 
lichen Mineral bildung und gehören dahin seine* Arbeiten über 
die Darstellung von Aragonit- und Galcitkrystallen und ihre 
Umbildung durch Einfluss der Temperatur, über Bildung von 
Anhydritkrystallen und über die Erystallausscheidungen aus 
Lösungen in Boraxglas und Phosphorsalz, Darstellung von 
Rutil und Anatas, Hämatit, Magnetit, Menakan und Tridymit 
vor dem Löthrohr. 

lieber die Meteorite hat Rose mehrere Abhandlungen 
geschrieben und mit Benützung der reichen Sammlung in 
Berlin, welche über 100 Meteorite zählt, eine Classification 
derselben nach ihrer mineralogischen Beschaffenheit ent- 
worfen. Damit waren mancherlei mikroskopische und che- 
misdie Untersuchungen verbunden, Rose unterschied mehrere 
Arten, denen er auch besondere Namen gab, so unter den 
Eisenmeteoriten: Pallasit, Mesosiderit, unter den Stein- 
metcoriten: Chondrit, Howardit, Ghladnit, Eukrit etc. 

Die letzte Arbeit, welche den thätigen Gelehrten be- 
schäftigte, war das Verhalten des Diamants und Graphits 
beim Erhitzen. Er gab damit u. a. einen Beitrag zu den 
Erscheinungen der regelmässigen Gorrosionen auf Krystall- 
flächen durch lösende Mittel. Der Sauerstoff der Luft war 
hier für die Kohle des Diamants das Lösende und Rose 
hat die dadurch entstehenden Vertiefungen genau untersucht 
und die Gestalt bestimmt, der sie angehören. Er constatirte 
die Schwärzung und Verwandlung in amphore Kohle beim 
Erhitzen unter Abschluss der Luft, untersuchte das sog. 
Carbonat und das Verhalten des Graphits. 

Es kann diese Skizze nur Einiges von Rose's Leistungen 
berühren, es gehört dahin auch sein treffliches Lehrbuch 



76 OeffenUtche Sitzung vom 28. März 1874, 

„Elemente der Erystallographie'S wovon kürzlich die dritte 
Auflage ausgegeben wurde, und sein krystallochemisches 
Mineralsystem. — 

Mit Recht sagt sein Schüler G. von Rath von ihm: 
„Er war ein ächter Naturforscher, ein treuer und starker 
Arbeiter und Baumeister an dem Wunderbau der Wissenschaft, 
an der Erkenntniss des Kosmos , des geordneten Natur- 
ganzen." — 

6. Rose war mehrfach decorirt und u. a. Ritter des 
Ordens pour le merite. 



Dr. Johann Friedrich Angust Breithaupt. 

Geb. 1791 am 16. Mai za Frobstzella bei Saalfeld, 
Gest. 1873 am 22. September zu Freiberg. 

Breithaupt war 1813 — 27 Edelstein-Inspector und 
Hülfslehrer an der Bergakademie zu Freiberg, dann (1826) 
Professor der Oryktognosie an derselben, 1853 wurde er 
zum Bergrath und 1863 zum Oberbergrath ernannt. Seine 
ersten Studien machte er auf der Universität Jena bei 
H. Voigt, Döbereiner und Lenz, dann in Freiberg, wo 
ihn vorzüglich Werner anzog und seine Vorliebe für Minera- 
logie weckte. Er hat das Handbuch der Mineralogie von 
Ho ff mann, welches die Werner'sche Lehre bis zur Charak- 
teristik der Species darlegte, nach Hoffmann 's Tod im 
4. Bande fortgesetzt und vollendet. Das Feld, auf welchem 
sich seine Forschungen mit besonderer Neigung bewegten, 
war die Erystallographie und die Eenntniss der Erystalle 
hat er durch genaue Winkelmessungen vielfach bereichert. 
Er ging dabei nicht leicht über Differenzen weg, welche 
andere Erystallographen zufalligen Störungen in der Erystall- 
bildung zuschrieben und so hat er unter andern am Spaltungs- 
rhomboeder der Calcite gegen 3000 Messungen vorge- 



V. Kohdl: Nekrolog auf J, P. Ä. Breithaupt 77 

nommen und glaubte in der von ihm aufgestellten Progressions- 
theorie, wonach alle Erystallgestalten aus wenigen tesseralen 
Formen abgeleitet wurden, ein gesetzliches Mittel zur Con- 
troUe der Winkelmessungen gefunden zu haben. Obwohl 
gegen diese Theorie gegründete Einwendungen gemacht 
wurden, so war ihm doch der Gedanke, dass ein gesetzliches 
Band für alle Erystallsysteme bestehe und in der Progressions- 
theorie erkannt werde, so lieb geworden, dass er die müh- 
same Arbeit nicht scheute, die nothwendigen Rechnungen 
dafür bei allen wohl bekannten Species durchzuführen. 
Seine sorgfaltigen Messungen bestimmten ihn auch, neue Ge- 
setze anzunehmen, welche die allgemein anerkannten Erystall- 
systeme vermehrten und da sich später optische Anomalien 
herausstellten, welche seine Ansichten unterstützten, so erhob 
er die Zahl dieser Systeme mit Unterabtheilungen auf 13, 
darunter optisch einaxige bei tesseralen Erystallen und 
optisch zweiaxige bei quadratischen und hexagonalen. Er 
hat über diese optischen Anomalieen viele Beobachtungen 
angestellt und namentlich im quadratischen System am 
Scheelit, Wulfenit, Zirkon, Mellit, Vesuvian und im hexa- 
gonalen am Dioptas, Apatit, Nephelin, Quarz, Berill etc. 

Wenn diese Arbeiten auch nicht erreichten, was sie zu 
versprechen schienen, so waren sie doch Veranlassung zu 
vielen genaueren Mineralbestimmungen. Seine grösseren 
Werke „Vollständige Charakteristik des Mineralsystems'' und 
„Vollständiges Handbuch der Mineralogie^', wovon 3 Bände 
erschienen, enthalten die bezüglichen Resultate. 

fireithaupt hat zuerst aufmerksam gemacht, dass 
dieselben Mischungen, welche man in Erystallen kennt, auch 
in einem festen Zustand vorkommen können, welcher keine 
Spur von Erystallisation zeigt. Diesen Zustand nannte er 
den poFodischen. Es ist derselbe, welchen Fuchs später 
mit amorph bezeichnet und eingehend untersucht hat. 

Wie Breithaupt die ächten Erystalle von normaler 



78 OeffentUche Sitzung vom <da. Märis 187 L 

Mischung beschäftigten , so auch die unächten oder dordi 
Zersetzung entstandenen, die Pseudomorphosen ^ deren er 
eine grosse Reihe bekannt machte und nachwies, dass 
manche, sogar als Feiart auftretende Gesteine, wie Serpentin 
und Steatit, nicht als ursprüngliche Gebilde angesprodien 
werden dürfen, sondern als Umwandlungsproducte gdten 
müssen, ein für die Geognosie und Geologie wichtiges Er* 
gebniss. 

Im Zusammenhang damit studirte er auch das gesell- 
schaftliche Vorkommen der, vorzüglich in Gängen gebildeten 
Mineralien und schrieb darüber ein Werk „die Paragenesis 
der Mineralien*^ Die seltsamen Erscheinungen, dass über- 
lagernde Species von gebotenen Unterlagen niit einer ge- 
wissen Regelmässigkeit Auswahl treffen, dass in den Zinn- 
walder*Gängen der Scheelit lieber auf Rauchquarz als auf 
dem dortigen Lithionit aufsitzt, der Freiberger Calcit lieber 
den dortigen Baryt als den begleitenden Eisenkies zur Unter- 
lage wählt und viele ähnliche Vorkommnisse nahmen seine 
Aufmerksamkeit in Anspruch, ebenso die stattfindenden 
Mineralfolgen und ihr Zusammenhang, wo er sich unter 
andern über die natronhaltigen Mineralien verschiedener 
Fundorte verbreitet und ähnliche Paragenesis findet. Er 
erkennt, dass die geselligen Mineralien oft chemische Um- 
wandlungen veranlassten, dass sich unter ihnen vielfach eine 
chemische Verwandtschaft kund gebe, dass aber auch massen- 
haft solche sich begleiten, die, wie er sich ausdrückt, „chemisch 
einander nichts angehen^', wie der Baryt und der Flussspath. 

Die paragenetischen Studien, welche Breithaupt an- 
geregt bat, sind für den Mineralogen und noch mehr für 
den Geologen und Bergmimn von Interesse und schon die 
Sammlung der Thatsachen von Wichtigkeit, wenn auch das 
Gesetzliche dabei noch ein Räthsel. Die übliche Mineral- 
Nomenklatur hat Breithaupt kritisch beleuchtet und die 
Namen nach Personen als eine leere Ciomplimentenmacherei 



V, Köbeü: Nekrolog auf A, Ä. de ta Bive. 79 

yerworfen. Er glaubte, dass eine lateinische Nomenklatur^ 
wie sie in der Botanik und Zoologie bestehe, auch in die 
Mineralogie einzuführen sei und er hat solche in seinem 
System gegeben, wobei er gegenüber den Beschwerden über 
die Vielzahl der Mineralnamen auf die „fast in's Unendliche 
gehende Synonimie" der Pflanzen-Namen hinwies, wo man 
sich dann beim Vergleichen wohl beruhigen könne. Seiner 
Ansicht in Betreff der Personen-Namen ist er aber nicht 
treu geblieben und hat später unter den zahkeich von ihm 
aufgestellten Species selbst mehrere nach Personen getauft, 
wie den Fauserit, Stübelit, Ferberit, Kölbingit, Beustit (nach 
dem sächs. Oberberghauptmann Freiherrn von Beust) u. a. ; 
Haidinger hat auch das Antimonnikel nach ihm Breit- 
hauptit getauft. — 

Breithaupt war mehrfach decorirt, (Ciomthur des 
Königl. Sächsischen Verdienstordens, des Herzoglich Erne- 
stinischen Hausordens etc.)) er war Mitglied vieler Akademieen 
und Gelehrten Gesellschaften, Gründer und Ehrendirector 
des Erzgebirgiscben Steinkohlen-Aktien-Vereins und Ehren- 
mitglied vieler Logen. Breithaupt war seinen Schülern 
ein geliebter und hochgeachteter Lehrer. Leider erblindete 
er kurz nach seinem Rückritt aus dem Staatsdienst. 



Aognst Arthur de la Bive. 

Geb. 1601 am 9. Oktober zu Genf, 

Gest 1878 am 27. November zu Marseille. 

A. de laRive hat sich schon mit seinen ersten Arbeiten 
über die Volta'sche Electricität an den wichtigsten Aufgaben 
der Physik und theoretischen Chemie betheiligt. Er suchte 
gegen Volta, Humphry Davy und Berzelius zu er- 
weisen, dass die Lehre der Contacts-Electricität unhaltbar 
sei, dass die galvanische Electricität eine Folge chemischer 



f 



80 Oeffenttiche Sitzung vom ^8. Märg 1874. 

Wirkung , die zwischen ungleichartigen Leitern in Flüssig- 
keiten oder durch Einfluss der Luftfeuchtigkeit eingeleitet 
werde. Es ist darüber ein langjähriger Streit unter den 
Physikern entstanden, aber auch diejenigen, welche die 
Contact'Electricität vertheidigten , mussten die ingeniösen 
Arbeiten de la Rive's anerkennen. Er hat eine Reihe von 
Abhandlungen darüber geschrieben und die schwierige Auf- 
gabe übernommen, von Zeit zu Zeit die verschiedenen An- 
sichten historisch und kritisch zusammenzustellen. DieCon- 
struction Volta'scher Säulen, die Untersuchung der Leiter, 
die Einflüsse auf die Stärke des electrischen Stromes und 
Messungen seiner Intensität beschäftigten ihn fortwährend 
mit den mannigfaltigsten Experimenten. Dabei entdeckte er 
ein technisch wichtiges Verfahren, um Silber und Messing 
auf electrochemischem Wege zu vergolden und erhielt dafür 
(1841) von der Pariser Akademie einen Preis von 3000 Frcs. 

Auch über Magnetismus und Diamagnetismus hat er 
mehrere Arbeiten publicirt; über den Einfluss electrischer 
Ströme auf magnetische Körper, über die Wirkung des 
Magnets auf alle Körper, über die Variationen der Magnet- 
nadel und über das Nordlicht. Andere Arbeiten betreffen 
die specifische Wärme der Gase, die Beziehung zwischen 
Electricität und Wärme, das Verschwinden grosser Gletscher etc. 

De la Bive redigirte: Archives de l'elSctricite 6. Vol. 
und mit Marignac un^ Anderen: Archives de Sciences 
physiques et naturelles (1846—60) und publicirte als selbst- 
ständiges Werk : Traite de Tel^ctricite tbSorique et appliquee 
in 3 Bänden (1854—58.) 

Er war Professor der Physik in Genf und Mitglied 
vieler Gelehrten Gesellschaften, unter andern auch Gorre- 
spondent der Pariser Akademie. Auch als Staatsmann diente 
er seiner Vaterstadt und wurde 1860 zur Zeit der Annexion 
von Savoyen, vom schweizer'scben Bundesrath mit einer 
bezüglichen Mission nach London betraut. 



V. Kohetli Nekrolog auf Dr. K. F. Naumann. 81 

Dr. Karl Friedrich Naumann. 

Geb. 1797 am SO. Mai zu Dresden, 
Gest. 1873 am 26. November ebenda. 

Naumann studirte seit 1816 in Freiberg unter Werner, 
dann in Leipzig und Jena. Nach einer mineralogischen Reise 
durch Norwegen 1821 und 1822 wurde er 1823 Privatdocent 
in Jena und 1824 in Leipzig, dann 1826 Professor der 
Krystallographie und von 1835 an auch Professor der 
Geognosie an der Bergakademie in Freiberg , und in gleicher 
Eigenschaft 1842 in Leipzig, wo er bis zum Oktober 1870 
wirkte und sich dann in den Buhestand nach Dresden begab. 
Er war Königl. Sachs. Geheimer Bergrath. 

Naumann hat die Mineralogie durch mehrere, dass 
Allgemeine der Lehre umfassende Werke gefördert, wie 
wenige Forscher vor ihm. Sein Lehrbuch der reinen und 
angewandten Krystallographie und sein Handbuch der Mi- 
neralogie, welchem er den bescheidenen Titel „Elemente der 
Mineralogie" gab und wovon 9 Auflagen erschienen sind, 
zeigen sich vor allen ähnlichen Arbeiten hervorragend. In 
der Krystallographie sind seit Hauy Bezeichnungen der 
Krystallformen angewendet 'worden, welche den Zusammen- 
hang mit der gewählten Grundgestalt darthun und zu den 
nöthigen Berechuungen geeignet sein sollten. Von mehreren 
Methoden, die sich durch Bernhardi, Hausmann, 
Kupffer, Weiss, Mohs u. a. ausbildeten, haben die 
Zeichen von Weiss und Mohs am meisten in der Wissen- 
schaft Eingang gefunden. Naumann befolgte eine Methode, 
die er gegenüber von Weiss und Mohs eine eklektische 
nennt und indem er die nach Potenzen fortschreitenden 
Reihen des letzteren aufgab, gelangte er zu einer Einfachheit 
und Bestimmtheit der Zeichen, welche sich schnell Aner- 
kennung verschaffte und mit wenigen Abänderungen sehr 
allgemein gebraucht wird. Bei den Berechnungen gab er 

[1874, l.Math.-phys. Cl.] 6 



82 Oeffentiiche Sitzung vom 38, März 1874. 

der analytisch-geometrischen Methode vor andern den Vor- 
zug. Er besprach die Winkelmessung mit dem Befiexions- 
goniometer und die Bedingungen genauen Messens und gab 
auch eine Anleitung zum Zeichnen der Erystallformen. Seine 
umsichtigen Studien im krystallographischen Gebiete und seine 
betreffenden theoretischen Speculationen haben früher un- 
bekannte Hemiedrieen und Tetartoedrieen im tesseralen, 
quadratischen und hezagonalen System entdeckt. Er hat 
am Stolzit und Wulfenit die Pyramiden von abnormer Stell- 
ung und den Hemimorphismus zuerst beobachtet und die 
seltsamen z. Thl. mit Hemimorphismus verbundenen Krystalle 
des Salmiaks, ihre tetragonalen Trapezoeder und scheinbar 
rhomboedrischen Gombinationen ; an vielen Mineralspecies 
hat er die Erystallreihen genauer bestimmt und neue Formen 
nachgewiesen. Das genannte Werk „Elemente der Mineralogie^' 
giebt die Hauptresultate seiner Forschungen und eine bis in 
die neueste Zeit reichende, kritisch bearbeitete Uebersicht 
der Mineralspecies, die er nach dem Princip der Aehnlichkeit 
in ihrem Totalhabitus systematisch in Gruppen zusammen- 
gestellt hat. 

Naumann hat aber auch auf dem Gebiete der Geognosie 
mit Auszeichnung gearbeitet. Zu den betreffenden Schriften 
gehören seine Beiträge zur Eenntniss Norwegens, 2 Bde., 
und seine geognostischen Notizen über Scandinavien. In 
Gemeinschaft mit B. Gotta hat er eine geognostische Karte 
des Königreichs Sachsen und der angränzenden Länder 
herausgegeben und in mehreren Abhandlungen die Formation 
des sächsischen Mittelgebirges, des Ochatzer- und Lausitzer- 
Gebirges und das Erzgebirgische Bassin besprochen, ebenso 
den basaltischen Scheibenberg, die Gegend von Tschermig 
in Böhmen, die Voigtländische und Fichtelgebirgische Grau- 
wackenformation u. a. Seine Beobachtungen über den 
Flächenparallelismus und Linearparallelismus in den Ge- 
steinen und der Anordnung ihrer Gemengtheile gaben interes* 



V. Kohell: Nekrolog auf Dr. K, F, Naumann. 83 

sante Beiträge für die grösseren Structurverhältnisse der 
Schichtung. 

Naumann hat seine reichen geognostischen Kenntnisse 
zum Gemeingut gemacht in seinem Lehrbuch der Geognosie, 
welches in 2. Aufl. in 3 Bänden erschienen und mit der 
diesem Gelehrten eigenen Gründlichkeit und Umsicht bear- 
beitet ist. — Zu seinen früheren Publicationen gehört auch 
ein Entwurf der Lithurgik oder ökonomischen Mineralogie. 

Wie vielseitig die Beobachtungsgabe und der Forschungs- 
eifer Naumann 's gewesen, zeigt sich durch die Abhandlung, 
welche er der Blattstellung der Pflanzen und den Formen 
der Gonchylien widmete. Die Arbeiten vouSchimper und 
Braun gaben dazu Veranlassung. „Mit freudigem Staunen, 
sagt er, muss jeder erfüllt werden, der sich die Mühe nimmt, 
Brauns Abhandlung zu studiren und reichlich wird solche 
MüLe belohnt, indem sich uns Wunder der Pflanzen- Welt 
offenbaren, von welchen wir bei der gewöhnlichen Betracht- 
ung derselben kaum eine Ahnung erhalten.'^ Naumann 
machte seine Ansichten in einer Schrift bekannt „Ueber den 
Quincunx als Grundgesetz der Blattstellung bei den Pflanzen 
mit Nachweis an lebenden wie an fossilen Pflanzen." — 
Bei Betrachtung der Petrefacten von Goncliylien erkannte 
er und machte aufmerksam^ dass die Conchylien die Erystalle 
in der Regelmässigkeit der Form übertreffen, da bei diesen, 
obwohl ohne Aenderung der £lächenstellung, die veränderte 
Grösse und ungleiche Ausdehnung der Flächen, die Gestalt 
an verschiedenen Individuen sehr verschieden erscheinen 
lasse, die allgemeine Configuration bei den Individuen einer 
Conchylienspecies aber eine sehr beständige sei. Errichtete 
seine Untersuchungen zunächst auf die Schraubengewinde 
von Trochus, Cerithium etc. und erkannte, dass die Wind- 
ungsabstände einem Gesetz der geometrischen Progression 
folgen und solchen Gewinden eine Abtheilung der logarith- 
mischen Spiralen zu Grunde liege, die er Conchospirale 

6* 



84 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1674. 

nennt, er bestimmte solche auch bei den Ammoniten und 
hat so ein Feld für die Anwendung der Mathematik an den 
Naturproducten eröffnet, welches bis dahin fast ganz uner- 
forscht geblieben war. — 

Naumann ist in mannigfacher Weise von Gelehrten 
Gesellschaften und Akademieen ausgezeichnet worden, die 
philosophische Facultät der Universität Wien ernannte ihn 
zum Ehrendoctor und die Londoner Geological Society ver* 
lieh ihm die goldene Wollaston-Medaille. 



Dr. Ludwig Joh. Bud. Agassiz. 

Geb. 1807 am 28. Mai zu Orbe im Kanton Waadt, 
Gest. 1873 am 14. December zu New- York. 

Agassiz, der Sohn eines protestantischen Geistlichen, 
begann seine naturwissenschaftlichen Studien in Lausanne, 
Zürich, Heidelberg und München, wo er promovirte und 
(1830) ein Werk über die von Spix in Brasilien gesammelten 
Fischarten herausgab , welches ihn schon als umsichtigen 
Ichthyologen kennzeichnete. Er begab sich dann nach Paris, 
und weiter als Professor der Naturgeschichte nach Neuchätel. 
Im Jahre 1846 ging er nach Amerika und nahm an der 
Lawrence Scientific School zu Neu-Gambridge bei Boston 
eine Professur der Zoologie und Geologie an, gründete auch 
daselbst ein Museum für vergleichende Zoologie. 

Agassiz hat sich besonders um das Studium der 
fossilen Fische verdient gemacht, seine 1833 — 44 in Liefer- 
ungen erschienenen „Recherches sur les poissons fossiles, 
reich mit Illustrationen ausgestattet, bilden ein ausgezeichnetes 
Werk, wie kein ähnliches dieser Art erschienen. Er hat zu 
dessen Bearbeitung die wichtigsten Museen Deutschlands, 
Frankreichs, Englands und der Schweiz studirt und sich der 






) 



V. Kübell: Nekrolog auf Dr. L, J, B, Agassiz, 85 

Unterstützung der ersten Autoritäten des Faches zu erfreuen 
gehabt, wie es denn auch Guvier war, der ihn, sein glän- 
zendes Talent erkennend, besonders dazu aufforderte. „Es 
ist durch diese Arbeit, sagt Bronn, das Studium der fossilen 
Fische ebenso erleichtert worden, als es seiner Zeit durch 
Cuviers Recherches sur les ossemens fossiles für die Säuge- 
thiere und Reptilien geschehen, nur mit dem wesentlichen 
Unterschied, dass die Grundlage zu allen diesen Forschungen 
eine verhältnissmässig noch unbekanntere gewesen ist und 
da die fossilen Fische sich durch die ganze Reihenfolge der 
Gebirgsscliichten erstrecken, während sich die Säugethiere 
wenigstens nur auf deren Oberfläche beschränken , das Feld 
zu neuen Forschungen ein weit grösseres ist." Von gleicher 
Auszeichnung wie dieses Werk sind seine Monographieen der 
Echinodermen , welche die lebenden und fossilen Arten be- 
greifen. Er widmete ihren Versteinerungen auch deshalb 
seine Studien, um damit zu einer bestimmten Charakteristik der 
Sedimentär-Formationen der Alpen zu gelangen, da die Echino- 
dermen auch in unvollkommenen Exemplaren eine grössere 
Zahl von Merkmalen zur Erkennung bieten als die Conchylien. 

Weitere Arbeiten waren seine kritischen Studien fossiler 
Molusken, der Trigonien und Myen des Jura und der Kreide 
der Schweiz, und Vergleichung der Tertiär-Conchylien mit 
lebenden Arten. Er hat einen Nomenclatur zoologicus her- 
. ausgegeben, welcher die systematischen Namen der Geschlechter 
der lebenden wie der fossilen Thiere verzeichnet. — 

Berühmt sind seine vielfachen Untersuchungen über die 
Gletscher, über ihre Bewegung, die er vorzüglich der Aus- 
dehnung infiltrirten Wassers beim Gefrieren zuschreibt, über 
ihr Alter und über den Ursprung der erratischen Blöcke. 
In dem Hauptwerk, wdches davon handelt, „Etudes sur les 
Glaciers" (deutsch von C. Vogt 1841), bespricht er die 
Schleifungsphänomene und die Riefen, welche die Gletscher 
durch ihr Abrutschen hervorbringen, dass man also äuä 



86 OeffentUche Sitzung vom 28. März 1874, 

solchen Riefen auch auf die frühere Gegenwart von Gletschern 
schliessen könne und daraus ergibt sich eine einstige gross- 
artige Gletscherverbreitung auf der Erde, jene interessante 
geologische Epoche, welche die Eiszeit genannt wird. Mehrere 
dieser Untersuchungen hat er mit S t u d e r und D e s or aus- 
geführt. Eine betrefifende Arbeit vom Jahr 1867 ist seine 
Schrift „Glacial Phenomena in Maine." 

Agassiz hat auch auf die organischen Beziehungen 
zwischen Thieren in weiterem Gesichtskreise seine Forsch- 
ungen ausgedehnt und für die Erscheinungen des Form- 
wechsels und der Vervollkommnung gewisse Stadien fest- 
zustellen gesucht, die er progressive, prophetische und 
embryonische Typen nennt. Er nimmt an, dass nicht bloss 
eine Schöpfung stattgefunden hat, sondern eine ganze Reihe 
von Schöpfungen der jetzigen vorhergegangen sei und be- 
streitet überall die Abstammung der Thiere von einem 
Paar. Betreffende Abhandlungen sind die: „Ueber die 
geographische Verbreitung der Thiere; über natürliche Be- 
ziehungen zwischen Organisationsstufe und Wohn-Element der 
Thiere; über die Verschiedenheit des Ursprungs der Menschen- 
rassen; über die natürlichen Provinzen der Thierwelt und 
ihre Beziehungen zu den Menschen-Typen. Er vergleicht 
dabei vielfach die Mosaischen Ueberlieferuugen und gesteht 
den grossen Einfluss des Glima's und anderer Natuiverhält- 
nisse auf die Menschenrassen nicht zu. Er vindicirt diesen 
Rassen constante Eigenthümlichkeiten. 

In einer Abhandlung „Ueber die ursprünglichen Ver- 
schiedenheiten und Zahlen der Thiere in geologischen Zeiten" 
gelangt er zu dem Schlüsse, dass Thiere und Pflanzen zu 
allen Zeiten und in allen geologischen Perioden so wie jetzt 
reichlich mit- und durcheinander über die ganze Erdoberfläche 
verbreitet waren. 

Im März 1865 machte Agassiz auf Kosten des Bostoner 
Kaufmanns NathanaelThayer in Begleitung seiner Frau 



V. Kobelh Nekrolog auf Dr. Max Schnitze, 87 

und einer Anzahl von Gelehrten und Künstlern eine Reise 
nach Sädamerika und besonders nach Brasilien und an den 
Amazonenstrom. Er wurde dort auf das glänzendste 
empfangen und von dem Kaiser ausgezeichnet. Die Resultate 
der Expedition sind in dem Werk „Scientific results of a 
journey in Brazil by Louis Agassiz, and his travelling com- 
panions (1870) publicirt, wobei die Geologie und physika- 
lische Geographie von Fr. Hartt, Prof. an der Gornell- 
üniversität bearbeitet sind. — 

Wenige Forscher haben auf ihrem Gebiete mit so un- 
müdlicher und fruchtbarer Thätigkeit gearbeitet wie Agassiz, 
dessen Namen unter den hervorragendsten Gelehrten zu allen 
Zeiten genannt werden wird. 



Dr. Max Schnitze. 

Geb. 1825 am 25. März zu Freibarg im Breisgaa, 
Gest. 1874 am 16. Januar zu Bonn. 

Max Schnitze, ein Sohn des bekannten Anatomen 
und Physiologen Sig. Schnitze in Greifswald, vollendete 
seine Studien unter Johannes Müller in Berlin und trat 
zuerst als ein specieller Schüler desselben seit 1849 mit 
mehreren Untersuchungen über die Entwicklung niederer 
Seethiere auf, welche ihm bald den Ruf eines geschickten 
und genauen Beobachters namentlich mittelst desMikroskopes 
verschafiPten. Seinen in den folgenden Jahren zahlreich 
fortgesetzten, theils im Archiv für Anatomie und Physiologie, 
tbeils in der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie, theils 
als Monographieen veröffentlichten Arbeiten, vorzüglich über 
niedere Seethiere, verdankte er die verhältnissmässig frühe 
Berufung auf den anatomischen Lehrstuhl in Bonn. Seine 
Arbeiten haben sich später ganz vorzüglich auf die feinere 
Anatomie der Sinnesorgano, Auge, Ohr und Geruchsorgane 



rj 



88 * Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1874, 

gewendet und verdankt ihm die Wissenschaft die schätz- 
barsten Beiträge zur Kenntniss dieser schwierigen und 
wichtigen Materien. Seit 1865 war er Herausgeber eines 
Archivs für mikroskopische Anatomie, welches anerkannt als 
das wichtigste Organ für diese Disciplin sich geltend gemacht 
hat. In demselben finden sich zahlreiche seiner Arbeiten 
über die feinere mikroskopische Anatomie niederer Thicre, 
und solche, welche für die Lehre von den einfachsten Organi- 
sationsverhältnissen überhaupt und für die Zellenlehre ins- 
besondere von grosser Bedeutung geworden sind. Auch für 
die Technik der Mikroskopie hat er sich bedeutende Ver- 
dienste erworben. — 

Der Tod entriss diesen allgemein geschätzten Mann 
ganz unerwartet, da er das neue eben fertig gewordene 
Anatomiegebäude bei Poppeisdorf zu erweiterter Thätigkeit 
beziehen sollte. Kurz zuvor war in seinem in der Nähe 
befindlichen Wohnhaus ein bezügliches Fest in Freundeskreis 
freudig begangen worden. Die ganze Stadt Bonn bezeugte 
ihre Theilnahme bei seinem Begräbniss. 



Lambert Adolphe Jaqnes Qnetelet. 

Geb. 1796 am 22. Februar zu Gent, 
Gest. 1874 am 17. Februar zu Brüssel. 

Quetelet machte seine ersten Studien am Lyceum zu 
Brüssel und auf der Universität zu Gent. Er war schon 
im J. 1814 als Professor der Mathematik am College royale 
zu Gent angestellt und nach 1819 in gleicher Eigenschaft 
am Athenäum zu Brüssel. Im Jahre 1824 begab er sich 
zum Zweck astronomischer Studien nach Paris und nach 
4 Jahren zurückgekehrt, wurde er zum Director der nach 
seinen Angaben in Brüssel erbauten Sternwarte ernannt. 
Im J. 1836 wurde er Professor der Astronomie und Geodäsie 
an der Kgl. Militärschule daselbst* 



V, Kobdl: Nekrolog auf L, A, «7. QueteUL 89 

Quetelet hat viele astronomische Arbeiten publicirt, 
unter andern die Annales de robservatoire roy. de Bruxelles 
in 10 Bänden, Annuaire de i'observatoire de Bruxelles und 
als Goaiplement einen Alroanach seculaire, auch schrieb er 
eine populäre Astronomie« Andere Arbeiten betrafen mathe- 
matische Probleme, magnetische und meteorologische Beob- 
achtungen : Histoire des Sciences mathematiques et physiques 
chez les Beiges 1864. Recherches sur l'intensite magnetique 
des differents lieux de TAllemagne et des Pays-Bas 1830. 
Sur Temploi de la Boussole dans les mine? 1843. Meteoro- 
logie de la Belgique comparee ä Celle du Globe 1867. 
Physique populaire de la chaleur. 1852. 

Seine Thätigkeit erstreckte sich aber auch und mit Vor- 
liebe in die Gebiete der Statistik und 1832 publicirte er mit 
Smits: Recherches sur la reproduction et la mortalite de 
rhomme aux differents ages et sur la population de la Belgique. 
Indem er schon frühzeitig den Werth der Probabilitäts- 
rechnung erkannt, schrieb er 1828 „Instructions populaires 
sur les calculs des probabilites u. 1846 und 1853 eine 
Theorie des probabiUtes, z. Thl. mit Anwendung auf die 
moralischen und politischen Wissenschaften. Mit den Mitteln 
dieses Calculs suchte er die grossen Gesetze festzustellen, 
welchen die organische Welt und namentlich der Mensch in 
den Entwicklungsperioden und im Verlauf des Lebens unter- 
worfen ist. Er bespricht die periodischen Phänomene, die 
sich bei Pflanzen und Thieren beobachten lassen und analog 
wie der Wechsel von Tag und Nacht und der Wechsel der 
Jahreszeiten mit Beziehung zu diesen auftreten. Solcher 
Wechsel und gesetzliche Wiederkehr übt weit sich erstreckende 
Wirkungen auf die Erdoberfläche wie auch auf das Erdinnere, 
auf das Bestehen und Vergehen der Organismen. Quetelet 
macht aber aufmerksam, dass es noch andere Perioden gebe, 
deren Einflüsse nur wenig und z. Thl. noch gar nicht ge- 
kannt seien, so für die Bewegung der Planeten, für die 



90 Oeffentliche Sitzung vom 28. März 1814. 

Mondsphasen, SoDoenflecken, Sternschnuppen und Meteorite; 
gleiches gelte für die Electricität der Atmosphäre und für 
die magnetischen Erscheinungen. Seine Betrachtungen dehnt 
er aus auf die Gränzen der Vegetation, den Zug der Vögel 
und Insecten und zeigt wie analog dfem Gesetz für die In- 
dividuen des Menschen periodische Vorkommnisse im Grossen 
der Völker sich wiederholen. Seine Abhandlung über perio- 
dische Phänomene (Bulletin de l'Academie royale de Belgique, 
2"' Serie tome XVII Nro. 3) giebt eine interessante Ueber- 
sicht der Probleme, die der geistreiche Mann als die wesent- 
lichen bezeichnet zu näherer Erkenntniss dessen, was die 
Erde und ihr Leben beherrscht. — Speciell beschäftigte ihn 
der Mensch und das Maass seiner verschiedenen JFähigkeiten. 
Sein hierüber zuletzt erschienenes Werk „Anthropometrie** 
geht in zahlreiche Details der betreffenden Untersuchungen 
ein, wobei er auf dem Mittelwerth der Beobachtungen fort- 
baut und die Gonstructionen der Kunst für idealen Normal- 
typus berücksichtigt. Dazu dienen vergleichende Messungen 
lebender Individuen mit antiken Statuen und die Proportionen 
bei verschiedenen Völkern, und man muss staunen über die 
Masse des beigezogenen Materials. Er knüpft daran Schlüsse 
über die Beziehungen zu den intellectuellen Kräften und 
findet einen Zusammenhang der physischen Verhältnisse mit 
den Verhältnissen der Intelligenz und Moral. ^) Er hat 
dieses Werk über Anthropometrie seinem Freunde Sir W. 
Her sehe 1 dedicirt, welcher den Quetelet'schen Arbeiten 
stets grosse Anerkennung bezeugt hat. 

Quetelet war seit 1820 Mitglied der Belgischen Aka- 



') p. 883 sagt er nach Zosammenstellang des Lebensalters aus- 
gezeichneter Gelehrten und Künstler: les poetes et les auteurs dra- 
matiqnes out la vie plus courte; les mathemathiciens et les philosophes 
au contraire, atteignent un age plus avance ; les musiciens, les peintres 
et les artistes meurent aux differents ages. Dabei komme aber auch 
der Charakter des Talents, Yielseitigkeit etc. in Betracht. 



V. KöbeU: Nekrolog auf Dr, J. H, v. Mädkr. 91 

demie der Wissenschaften und seit 1834 beständiger Secretär 
derselben, er war auch Präsident der Central-Gommission 
für die Statistik des Königreichs und es giebt kaum eine 
Akademie oder hervorragende Gelehrte Gesellschaft, die ihn 
nicht durch Uebersendung ihres Diploms ausgezeichnet hätte. 



Dr. Johann Heinrich yon Mädler. 

Geb. 1794 am 29. Mai zu Berlin, 
Gest. 1874 am 14. März zu Hamiover. 

Mädler war 1817 — 28 beim städtischen Schullehrer- 
Seminar in Berlin angestellt und ist aus dieser Zeit ein Lehr- 
buch der Schönschreibekunst (1825) von ihm erschienen. 
1830 bekam er eine Stelle am königl. Seminar und 1836 
bei der Sternwarte. Seine Neigung zur Astronomie fand 
Unterstützung bei dem Berliner-Banquier Wilhelm Beer, 
einem Bruder des Dichters Michael und des Gomponisten 
Meyerbeer. 

Wilhelm Beer beschäftigte sich mit Astronomie und 
besass eine Privat-Stern warte, auf welcher Mädler beob- 
achtete. Beide gaben gemeinschaftlich mehrere astronomische 
Schriften heraus, so: Physikalische Beobachtungen am Mars 
in der Erdnähe (1830), Mappa selenographica totam Lunae 
hemispheram visibilem complectens (1836), eine allgemeine 
vergleichende Selenographie in 2 Bänden und Fragments sur 
les Corps Celestes du Systeme solaire 1840. Mädler wurde 
dann an die Universität Dorpat berufen und Director der 
Sternwarte daselbst seit 1840. In den Jahren 1840—1846 
publicirte er populäre Schriften über Astronomische Gegen- 
stände, die sich durch correcten Inhalt wie durch klare 
leichtfassliche Darstellung auszeichnen. Es gehören dahin 
seine populäre Astronomie in 2 Bänden, welche 4 Auflagen 
erlebte, und seine astronomischen Briefe in 3 Lieferungen. 



92 Oe/fentUche Sitzimg vom Stf. März 1874, 

Diese Briefe eröffnet eine sehr werthvolle historische Ein- 
leitung und von nicht minderem Interesse ist der Schluss 
„die Aufgaben der künftigen Himmelsforschung^', woMädler 
seine gediegene üebersicht aller bezüglichen Forschungen 
documentirt und seine genialen Speculationen entwickelt. — 
Seine Untersuchungen über die Fixsternsysteme veranlassten 
den Gedanken, dass ein Gentralkörper existiren müsse, um 
welchen das gesammte Heer der Fixsterne seine ungeheuren 
Bahnen beschreibe und diesen Gentralkörper glaubt er in 
die Plejadengruppe stellen zu können. Er sagt darüber in 
seiner Schrift „die Centralsonne" (1846) : „Ich bezeichne 
die Plejadengruppe als die Gentralgruppe des gesammten 
Fixsternsystems bis in seine äusserten, durch die Milchstrasse 
bezeichneten Gränzen hin; und die Alcyoue als denjenigen 
einzelnen Stern dieser Gruppe, der unter allen übrigen die 
meiste Wahrscheinlichkeit für sich hat, die eigentliche Gen- 
tralsonne zu sein/' Er berechnet für Alcyone die Entfernung 
von uns auf 34 Millionen Sonnenweiten, zu deren Durch- 
messung der Lichtstrahl eine Zeit von 537 Jahren gebraucht, 
ferner die Umlaufszeit der Sonne um den Gentralkörper 
u. a. Die betreffende Abhandlung zeigt von seinen vielfachen 
Kenntnissen und von der Vertrautheit mit den Arbeiten von 
Bessel, Argelander, Herschel u. a. Mehrere Ab- 
handlungen behandeln die Doppelsterne und die Beobachtungen 
auf der Üniversitäts-Sternwarte zu Dorpat, z. Thl. in S c h u - 
mach er 's Nachrichten niedergelegt. Noch im Jahre 1872 
publicirte der thätige Gelehrte eine „Geschichte der Himmels- 
kunde^^ Seit 1866 privatisirte er, meist in Bonn. Mädler 
war Kaiserl. Russischer wirklicher Staatsrath. 



Eimmdungen von Druckschriften. 93 



Terzeichniss der eingelaufenen Bflehergeschenke. 



Von der k. k. Akademie der Wissenschaften in Wien: 

1) Sitzungsberichte. MathematiBoh- Naturwissenschaftliche Classe. 

I. Abtheilung. 6t>. 67. Bd. Jahrg. 1872. 8. 

IL „ „ 66. 67. Bd. „ 1873. 8. 

m. „ „ 66. Bd. „ 1872. 8. 

2) Untersuchungen über die Härte an Krystallflächen. Eine von 
der k. k. Akademie der Wissenschaften gekrönte Preisschrift 
von Dr. Franz Exner. 1873. 8. 

Von der k, k, geologischen Beichsanstalt in Wien; 

1) Geologische Uebersichtskarte der Oesterreichisch- ungarischen 
Monarchie. Blatt No. lY. Ost-Earpathen. YII. Ungarisches Tief- 
land. YIII. Siebenbürgen. IX. XI. XII. Farbenschema und 
tabellarische Uebersicht der Sediment-Formationen. 1872. 8. 

2) Abhandlungen. Bd. VI. Das Gebirge um Hallstatt. Eine geo- 
logisch-paläontologische Studie aus den Alpen von Edmund von 
Mojsisovics. I. Theil. Die Mollusken-Faunen der Zlambach und 
Halstätter Schichten. 1873. gr. 4. 

Von der k. k. Central -Anstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus 

in Wien: 

Jahrbücher. Neue Folge. YII. Band. Jahrgang 1870. Der ganzen 
Eeihe XY. Bd. 1873. 4. 

Von der Senkehbergischen naturforschenden Gesellschaft in 

Frankfurt a/M.: 

Bericht. 1872-1873. 8. 

Von der naturforschenden Gesellschaft in Zürich: 
Yierteljahrsschrift. 17. Jahrgang. 1872. 8. 

Vom naturhistorischen Verein der preussischen Bheinlande und 

Westfalens in Bonn: 

Verhandlungen. 29. 80. Jahrg. 3. Folge. 9. 10. Jahrg. 1872/73. 8. 



94 Einsendungen van Druckschriften. 

Von der k. k. Universität in Graz: 

Zur Jahresfeier am 15. November 1873. Die acinösen Prüsen der 
Zunge und ihre Beziehungen zu den Geschmacksorganen. Eine 
anatomische Untersuchung von Victor Ritter von Ebner 1873. 4. 

Von der SociHe royale des sciences in üpscda: 

Bulletin m^teorologique mensuel de l'observatoire de l'Universite 
D'üpsal. Vol. IV. 1872. Vol. V. 1873. 4. 

Vom Institut national Genevois in Genf: 
Bulletin. Tom XVIII. 1873. 8. 

Von der medical and chirurgicäl Society in London: 
Medico-chirurgical Transactious II. Ser. Vol. LVI. 1873. 8. 

Von der Bedaction du Moniteur sdentifique in Paris: 
Moniteur scientifique 1874. Livr. 385. 8. 

Vom Observatoire Central Nicolas in St. Petersburg: 

a) Observations de ' Poulkova publiees par Otto Struve. Vol. 
IV. V. 1873. gr. Fol. 

b) Jahresbericht für 1871—72 u. 1872—73. Am 18. Mai 1873 
dem Comite der Nikolai -Hauptsternwarte abgestattet von 
0. Struve. 1873. 8. 

Von der Sociite Vaudoise des sciences naturelles in Lausanne: 
Bulletin. No. 70. 2. Ser. Vol. XII. 1873. 8. 

Von der naturforscherkden Gesellschaft in Dorpat: 
Archiv für die Naturkunde Liv-Ehst- und Kurlands. Bd. VII. 1872/73. 8. 

Von der Berliner medidnischen Gesellschaft in Berlin: 
Verhandlungen aus den Jahren 1871—73. Bd. IV. 8. 

Vom Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den k, preussischen 

Staaten : 

Monatsschrift für Gärtnerei und Pflanzenkunde. 16. Jahrgang. 1873. 

Vom internationalen meteorologischen Congress in Wien: 

Bericht über die Verhandlungen. Vom 2.— 10. Septbr. 1873. Proto- 
kolle und Beilagen. 1873. 8. 



te ■ 



Einsendungen von Druckschriften, 95 

Von der Gesellschaft böhmischer Chemiker in Prag: 
Zpravy spolku chemikuv ceskych. Bd. IL 1874. 8. 

Von der deutschen chemischen Gesellschaft in Berlin: 
Berichte. Jahrg. VIL 1874. 8. 

Vom naturforschenden Verein zu Biga: 
Arbeiten. Neue Folge. Heft 5. 1873. 8. 

Von der k, sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften in Leipzig: 

a) Berichte: Mathem.-physikal. Classe 1873. 8. 

b) Abhandlungen: Mathem.-phy8ikal. Classe. Bd. K. 1878. 4. 

Von der deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens 

in Yokohama: 

Mittheilungen. Heft 3. 1873. gr. fol. 

Von der Societe hotanique de France in Paris: 

a) Bulletin. Tom. 19. 1872. Session extraordinaire. 

Tom. 20. 1873. Revue bibliogr. C— D. 8. 

b) Liste des membres, 1. Fevrier 1874. 8. 

Von der Wisconsin Äcademy of Sciences in Madison : 
Transactions 1870—1872. 8. 

Von der Bedaction des American Journal of Science and Ärts 

in New Ha/oen: 

The American Journal. III. Series. YoL 5. 6. 1873. 8. 

Fo» der California Äcademy of Sciences in San Francisco : 
Proceedings. Vol. 5. 1878. 8. 

Von der Boston Society of natural history in Boston: 
Proceedings. Vol. 15. 1872—78. 8. 

Von der Äcademie Boyale de mededne in Brüssel: 
Bulletin. III. Serie, tom. 8. 1874. 8. 

Von der geological Society in Glasgow: 
Transactions. Palaeontological Series, Part. I. 4. 



96 Einsendtmgen von Druckschriften, 

Vom Herrn Ernst Hiieckel in Bonn: 

a) Zur Morphologie der Infusorien. Leipzig 1873. 8. 

b) Die Gastraea- Theorie , die phylogenetische Glassifikation des 
Thierreichs und die Homologie der Keimblätter. Leipzig 1873. 8. 

Vom Herrn Ä, Kölliker in Würzhurg: 
Enochenresorption und interstitielles Enochenwachsthum. 1873. 8. 

Vom Herrn Henry Draper in New York: 
On diffraction spectrum photography. 1873. 8. 

Vom Herrn E, Flantamour in Genf: 
Congres meteorologique de Yienne en 1873. 8. 

Vom Herrn P. Biccardi in Modena: 
Biblioteca matematica Italiana. Faso. P. (Vol. II.) 1678. 4. 

Vom Herrn L, Kronecker in Berlin: 
Ueber Schaaren von quadratischen Formen. 1874. 8. 

Vom Herrn Charles Grad in Türkheim (Elsass) : 
Resultats scientifiques des explorations de l'Ocean glacial. Paris. 1873. 8. 



Sitsang vom 2. Mai 1874. 



Mathematisch - physikalische Classe. 



Herr Vogel legt vor: 

„lieber die specifische Wärme derMilch 
und über die Volumenveränderung, 
welche die Milch beim Abkühlen bis 
auf 0« erleidet" von Hrn. Dr. W. Fleisch- 
mann in Lindau. 

Vor etwa einem Decennium wurde in Schweden eine 
neue Methode der Milchaufrahmung erfunden, welche sich im 
Lauf der letzten Jahre nicht nur rasch über ganz Schweden, 
Norwegen und Dänemark verbreitete, sondern auch in Deutsch- 
land, Oesterreich und der Schweiz die Aufmerksamkeit der 
Landwirthe mehr und mehr auf sich zu ziehen beginnt. 
Nach dieser Methode schüttet man die Milch in ovalen 60 
bis 4C Liter fassenden 50 Gm. hohen Gefassen aus Weiss- 
bleob auf, setzt die Gefasse sodann in Wasser, welches 
durch eingelegte Eisstücke auf einer Temperatur von 4 bis 
7^ G. erhalten wird, und lässt dort den Aufrahmungsprocess 
vor sich gehen. 

Das Studium der Theorie und Praxis dieses Verfahrens 
stellte uns zunächst vor die Aufgabe, den Eisbedarf einer 
schwedischen Sennerei zu berechnen, in welcher täglich ein 
gewisses Milchquantum von bestimmter Temperatur und 
gleichzeitig ein gegebenes Quantum Kühlwasser ebenfalls 
[1874, a Math.-phys. CIJ 7 



98 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 2, Mai 1874, 

von einer bestimmten angenommenen Wärme auf 4^ abzu* 
kühlen ist. Dabei wurden wir auf die Frage geführt, in 
wie weit sich wohl die specifische Wärme der Milch von 
der des Wassers entfernen möchte. Diese letzte Frage be- 
schlossen wir, obschon sie für die Praxis augenscheinlich 
von grosser Tragweite nicht sein kann, doch wegen des 
theoretischen Interesses, das sie bietet, weiter zu verfolgen. 

Die normale unverfälschte Milch enthält meistens zwischen 
85 und 89 >, im Mittel 87<^/o, Wasser. Da die näheren Be- 
standtheile der Trockensubstanz höchst wahrscheinlich alle eine 
etwas geringere specifische Wärme als das Wasser besitzen, 
so lässt sich schon von vornherein vermutheUi dass die 
specifische Wärme der Milch etwas kleiner als die des Wassers 
sein wird. Bedenkt man ferner, dass die Milch eine sehr 
wechselnde Zusammensetzung, sowohl hinsichtlich ihres Ge- 
haltes an Wasser und Trockensubstanz, als auch hinsichtlich 
der Zusammensetzung der Trockensubstanz selbst zeigt, so 
erkennt man, dass bei der Prüfung verschiedener Milch- 
sorten auf ihre specifische Wärme nicht eine bestimmte 
constante Zahl als Ergebniss erwartet werden darf, sondern 
dass sich für die gesuchte Grösse nur Grenzwerthe aufstellen 
lassen werden. 

Da besondere Apparate, wie sie zur Bestimmung der 
specifischen Wärme der Körper in den physikalischen Labo- 
ratorien benützt werden, nicht zu unserer Verfügung standen 
und auch nicht zu beschaffen waren, so mussten wir uns 
entschliessen , die Lösung unserer Au%abe nach der soge- 
nannten Mischungsmethode zu versuchen. Dieselbe bietet 
zwar in ihrer Ausführung grosse Schwierigkeiten und ist 
mit vielen Unsicherheiten behaftet, aber sie setzt uns doch 
in den Stand , uns einstweilen wenigstens annäherungsweise 
eine Vorstellung von einer Grösse zu verschaffen, über welche 
uns bis jetzt noch alle näheren Angaben vollständig abgehen. 
Auch desshalb schien uns die Unsicherheit der Methode 



Fhischmann: Die $peci fische Wanne der Müch etc. 99 

weniger bedeuklich zu sein , weil es sich für uns, wie mr 
sahen, nicht um die Gewinnung einer innerhalb bestimmter 
Temparaturgrenzen constanten Zahl, sondern vielmehr um 
die Feststellung von Grenzwerthen , welche Functionen der 
chemischen Constitution der Milch sind, handelt. 

Setzt man die specifische Wärme des Wassers = 1, 
die der Milch = s, das Gewicht der verwendeten Milch = m, 
ihre Temparatur = t, , ferner das Gewicht des Wassers = w, 
seine Temperatur = t^ uud endlich die Temperatur der 
Mischung der Milch- und Wassermenge = tj, so erhält man 
für die Wärmemengen von Milch, Wasser und Mischung, die 
wir beziehungsweise M, W und S nennen wollen: 

M = m . 8 . tj W = w . tg S = (m • 8 + w) . tj 

Da M + W = S sein muss, so ergibt sich durch Ein- 
setzen der Werthe: 

m . s . tj + w • tj = (m . 8 + w) . tj, 

und hieraus: 

w t« •— t- 

s = — • — 

m tj — tj 

Um zunächst zu sehen, wie gross die Unrichtigkeit von 
s in Folge von Beobachtungsfehlern etwa werden kann, 
nehmen wir der Reihe nach an, die einzelnen Grössen ent* 
hielten die Fehler : //tj, //t^, ^^t,, //w und //m, und nennen 
die bezüglichen Aenderungen von s: ^sti, '^st29 ^^tsy ^^^w, 
und z/sm* Leiten wir uns die Differenzenverhältnisse ab, so 
ergibt sich aus denselben: 

^St2 = —Jt 







s 






^Sw = 


^w 


8 


8 


t. 


— 


t* 


W 








^Sm 


= 


-^m 


S 

m 







7* 



100 Sitzung der math.-pkys. Glosse vom 2. Mai 1874. 

Aus diesen Gleichungen ist ersichtlich, dass sämmtliche 
Fehler um so kleiner werden, je weiter die Temperaturen 
tj , t, und t, auseiuanderliegen , und je grössere Mengen 
von Wasser und Milch man zum Versuch benützt. 

Für einen concreten Fall erhalten wir eine Vorstellung 
von der Grösse der Fehler, die wir machen können, wenn 
wir //tj, Jt^ und //tg, femer auch ^w und Jm gleich der 
Einheit, ferner tj = o, tg = 100 und tj = 50 und w = ro 
=:= 100 setzen. Es wird dann: 

8 .8 



^St2 = 3^ ^Sw = 



50 " 100 

8 



^Sm = 



100 



Würden unter diesen Voraussetzungen alle Fehler im 
gleichen Sinne gemacht, so dass sich dieselben sämmtlich 
summirten, so erhielte man für den Gesammtfehler F: 

^^lÖ' 

es würde sich also der Fehler bis auf 0,1 des Werthes von 
8 steigern können. 

£ei der Anstellung der Versuche verfuhren wir folgender- 
massen : Mit Hülfe genauer Messgefässe wurde eine Quantität 
destillirten Wassers und eine Quantität Milch abgemessen. 
Das absolute Gewicht der Milch wurde aus dem specifischen 
Gewicht derselben, welches man vorher mit Hülfe einer 
feinen Senkwage bestimmt hatte, berechnet. Das Gewicht 
des bei etwa 7^ G. eingemessenen Wassers wurde in der 
Weise bestimmt, dass man einen Cubikcentimeter zu 1 Gramm 
in Rechnung brachte. Das Gewicht des in einigen Versuchen 
verwendeten Raluues wurde durch Wägung festgestellt. Die 



Fleückmann: Die specifische Wärme der Mäch elc. 



101 



iVtilch und derRshm wurden in den meisten Fällen durch Eis 
sbgekühlt, und zwar anfangs durch Eis allein nnd später durch 
£is und Kochsalz. Nachdem die Temperatur von Milch, 
Tespective Rahm, nnd Wasser genau abgelesen war, goss 
man beide FiiiHsigkeitea zusammen nnd beobachtete die 
Misch ungB wärme. Alle diese Manipulationen wurden mit 
inögUchster Sorgfalt und nuter thunlichster Vermeidung von 
Wärmeverlusten ausgeführt. Da ein kleiner Theil des Wassers 
durch das Erhitzen yerdunstete, liess man nach Beendigung 
der Versuche die Mischung gehörig abkühlen, mass ihr 
Volumen nnd brachte das gegen die Summe der ursprüng- 
lichen Volumina sieb ergebende Deficit von der ursprünglich 
abgemessenen Wassermenge in Äbzng. 

Die Resultate der Verencbe sind in folgender Tabelle 
znsammengestellt : 



s „ 


j5 


g 









8 ä 




■d 5 
1 = 




^ 1 


ti 

c. 


C. 


c. 




Bemerkungen, 


i^ 


.9 


.9 








[^S 




1. 


411,98 


320 


0" 


98,8" 


46" 


0,89 


1,0324 




3, 


411,29 


320 


2 


98,8 


49 


0,82 


1,0334 




3. 


409,60 


369,4 


1 


98,8 


53,B 


0,B1 


1,0318 




4. 


407.7 


362,5 


1 


90 


51,5 


0.84 


1,0310 




5. 


48B,6 


261 


1,& 


9B.8 


40,B 


0,80 


1,0310 




6. 


411,29 


648 


0,3 


98,B 


eo 


0,86 


1,0360 


blaue Milch. 




309,6 


448 


12 


99 


66 


osa 


1,0320 




8. 


^77,5 


385 


19 


98,8 




ö;a3 


1,0367 


blaue Milch. 


9. 


300,66 


394 


13,3 


98,5 


64 


0,87 


1,0316 




10. 


206,2 


337 


13 


98,6 




0,87 


1,0310 




11. 


99,84 


174,5 


2,5 


96,8 


69 


0,76 


1,0240 


Bahm. 


12. 


97,67 


76 


3 


98,8 


60 


0,78 


1,0257 


Rahm. 



Hieran^ würde folgen, dass die beiden Grenzwerthe für 
die sped&iche Wärme der Milch oberhalb nnd unterhalb 
der Mittelzahl; 

0,847 



102 Sitzung der math.-phya. Classe vom 2, Mai 1874. 

ZU suchen sein dürften. Die specifische Wärme des nach 
24 Stunden abgenommenen Rahmes ergab sich in beiden 
Versuchen übereinstimmend zu 0,78. 

Unsere Betrachtung des schwedischen Aufrabmungsver- 
fahrens gab uns aber auch noch zu anderen Untersuchungen 
Veranlassung. 

Von Seiten der dieses Verfahren befolgenden Praktiker 
hörte man nämlich verschiedene Behauptungen hinsichtlich 
der für die Aufrahm ung passendsten Temperatur. Die einen 
waren für die beständige Einhaltung einer zwischen 4 und 
7® C. liegenden Wärme, und die anderen wollten bei den 
unter 4® liegenden Temperaturen die besten Resultate ge- 
wonnen haben. Um diese widersprechenden Berichte näher 
verfolgen und prüfen zu können, musste man nothwendig 
wissen, ob die Milch, wie das Wasser, ein Dichtigkeits- 
maximum in der Nähe von 4^ zeigt, oder ob dies nicht der 
Fall ist. 

Kühlt man Wasser, welches z. B. 10^ warm ist, in 
einem Bassin durch Einbringen von Eis ab, so wird allmählich 
die Temperatur des ganzen Quantums auf 4^ herabsinken. 
Ist aber diese Temperatur erreicht, so wird die weitere Ab- 
kühlung durch die schwimmenden Eisstücke vorwiegend nur 
mehr an der Oberfläche stattfinden und wird das Wasser 
also mit der Zeit oben kälter werden, als unten. Wir 
massen am 1. März d. J. die Temperatur des durch Eis 
gekühlten Wassers in einem Aufrahmungsbassin einer Sennerei 
und fanden in der That, dass sie oben 2^, und in der Nähe 
des Bodens noch 4^ betrug. Zeigte nun die Milch, wie das 
Wasser, ein Dichtigkeitsmazimum in der Nähe von 4^, so 
könnten, wenn sie, in einem solchen Bassin aufgestellt, eben- 
falls oben kälter, als unten geworden wäre, doch Strömungen 
im Serum nicht eintreten, weil die wärmeren Schichten 
zwischen und 4^ ein höheres specifisches Gewicht besässen, 
als die kälteren. Zöge sich dagegen die Milch bis auf eine 



Fleischmann: Die specifische Wanne der Milch etc, 103 

Temperatur von 0^ ununterbrochen zusammen, so mfissten 
sich nothwendig, sobald sie oben kälter als unten würde, 
Strömungen im Serum einstellen : die oberen kälteren Schichten 
müssten als die schwereren untersinken und die unteren 
wärmeren dagegen aufsteigen. Solche Strömungen wären 
aber der Butterausbeute sehr nachtheilig, da sie unfehlbar 
eine Menge von Fettkügelchen, welche die Rahmschichte 
bereits erreicht hatten, wieder mit sich nach unten fähren 
würden. 

Verhält sich also die Milch während des Abkühlens 
wie das Wasser, so ist zunächst, wenn man nur die physi- 
kalischen Umstände ins Auge fasst, nicht einzusehen, warum 
man beim Einhalten einer Temperatur von bis 6^ ver- 
schiedene Ergebnisse in Bezug auf Rahmausbeute erhalten 
sollte. Besitzt dagegen die Milch kein Dichtigkeitsmaximum 
bei 4^, sondern zieht sie sich bis auf 0^ continuirlich zu- 
sammen, so ist es entschieden schädlich, das Kühlwasser an 
der Oberfläche bis unter 4^ zu erkälten, und man muss bei 
der Ueberwachung des Aufrahmungsvorgaiiges darauf bedacht 
sein, die Wasserwärme auch an der Oberfläche nicht merk- 
lich unter 4^ herabsinken zu lassen. Um Klarheit über 
diese Verhältnisse zu bekommen, stellten wir uns die Frage: 
Welches Verhalten zeigt die Milch beim allmählichem Ab- 
kühlen bis auf 0^? 

An einer beiderseits offenen 1,4 bis 1,5 Cm. im Durch- 
messer haltenden etwa 1 Meter langen geraden Glasröhre 
wurde vermittelst durchbohrter Korke an dem einen Ende 
ein Thermometer und an dem anderen eine etwa 200 Gm. 
lange cylindrische Pipette, welche 2 Gubikcentimeter fasste 
und in 0,1 Gubikcentimeter getheilt war, befestigt. Ehe die 
Pipette eingefügt wurde füllten wir die genau 180 Cubik- 
centimeter fassende Glasröhre sorgfältig und unter Beseitigung 
aller Luftblasen. Durch Aufsetzen des Korkes stieg die 
Flüssigkeit in der Pipette empor und konnte dadurch in 



104 Sitzung der math.'phys, Glosse vom 2, Mai 1874, 

beliebiger Höhe festgestellt werden, dass man auf der an- 
deren Seite das Thermometer ohne Verschiebung des Korkes 
tiefer oder weniger tief in die Röhre einführte. Dieser 
einfache Appai*at setzte uns in den Stand, eine Volumen- 
veränderung der eingeschlossenen Flüssigkeit mit ziemlicher 
Genauigkeit zu verfolgen. Die Entfernung zweier Tbeil- 
striche der Pipette von einander betrug nämlich 13 Mm. 
Dieselbe wurde auf einem Massstab abgetragen und in 10 
gleiche Theile getheilt, von denen einer immer noch 1,3 Mm. 
lang war und bequem durch Schätzung in weitere Zehentel 
zerlegt werden konnte. Wir vermochten also eine Volumen- 
veränderung der eingeschlossenen Flüssigkeit auf ^lioo Cubik- 
centimeter ganz genau, und auf V^ooo Gubikcentimeter durch 
Schätzung zu bestimmen. Diese gefüllte Röhre wurde nun 
in horizontaler Lage während der Versuche zunächst in 
einem Zimmer aufgestellt, in welchem die Laftwärme den 
ganzen Tag über nicht um einen Grad schwankte, sondern 
Gonstant bis 1^ betrug, und später, als sich hier die 
Luftwärme in Folge der Witterungsverhältnisse allmählich 
hob, in einer ßlechrinne in Schnee eingebettet, dem, als 
die Temperatur der Flüssigkeit dem Gefrierpunkt nahe ge- 
kommen war, eine Mischung von Schnee und Kochsalz bei- 
gegeben wurde. 

Zunächst füllten wir den Apparat mit Wasser, um zu 
sehen, ob sich dessen bekanntes Verhalten während des 
Abkühlens genau beobachten liesse, und ob wesentliche 
Störungen durch die Volumenänderungen des Apparates, 
deren Berücksichtigung wir unterliessen, nicht hervorgerufen 
würden. 

Die gewonnenen Resultate waren folgende: 



Fleischmann: Die specifische Wärme der Milch etc. 105 



Versuche mit Wasser. 



Tempe- 
ratur. 


Yolumen. 

Das Yolamen des Wassers bei 4^ ^ 
gleich 1 gesetzt. 


Wasservolumina 
nach Jolly. 


C. 


I. Versuch. 


II. Versuch. 


11« 
10 

9 

8 

7 

6 

5 

4,5 

4 

8,5 

3 

2,5 

2 

1,5 

1 

0,5 




1,000228 
1,000172 
1,000144 
1,000089 
1,000034 
0,999978 
0,999961 
0,999978 
1,000000 
1,000034 
1,000034 
1,000061 
1,000061 


0,999995 

1,000000 

1,000000 
1.000028 
1,000088 
1,000111 
1,000167 
1,000250 


1,000336 
1,000257 
1,000148 
1,000109 
1,000059 
1,000029 
1,000006 

1,000000 

1,000010 

1,000038 

1,000098 

1,000126 



Eine genauere Uebereinstimmung unserer Zahlen mit 
denen, welche Jelly aufstellte, konnten wir unmöglich er- 
erwarten: einmal weil wir die Volumenänderungen des 
Apparates ausser Acht Hessen, und zweitens, weil die von 
uns angewendete Glasröhre doch zu dick war, als dass eine 
allmähliche in allen Theilen der Flüssigkeit vollkommen 
gleichmässige Abkühlung hätte eintreten können. In natür- 
licher Folge des Umstandes, dass wir die Volumenänder- 
ungen des Apparates nicht berücksichtigten, erhielten wir für 
Temperaturen über 4® zu niedere, für tiefere Temperaturen 
zu hohe Werthe und in der Nähe des Deberganges, zwischen 
4 und 6^ Zahlen, die nicht erkennen lassen, bei welchem 
Wärmegrad das Dichtigkeitsmaximum liegt. 

Nachdem wir uns also überzeugt hatten, dass unser 
Apparat die Existenz des Dichtigkeitsmaximums des Wassers 



106 



Sitzung der math.phys. Classe vom 2, Mai 1874. 



mit einer nichts zu wünschen übrig lassenden Deutlichkeit 
zeigte, füllten wir denselben mit Milch und stellten 4 weitere 
Versuche an, deren Ergebnisse in folgender Tabelle vor- 
geführt sind: ^ 

Versuche mit Milch. 



Tempe- 


Yolamina, 


JVolumen der Milch bei 0^ = 


= 1 gesetzt. 


ratur. 










C. 


I. Versuch. 


II. Versuch. 


III. Versuch. 


IV. Versuch. 


17® 

16 

15 


1,002674 


1,002866 


1,008009 


1,003884 


1,002127 


1,002142 


— 


— 


14 


— 


— 


— 


c- ~~" 


13 


1,001737 


1,001810 


— 


— 


12 


1,001682 


1,001697 


1,001880 


— 


11 


1,001347 


1,001474 


1,001616 


— 


10 


1,001181 


1,001808 


1,001381 


1,002165 


9 


1,001014 


1,001206 


1,001115 


— 


8 


1,000902 


1,001030 


1,000892 




7 


1,000791 


1,000866 


1,000752 


— 


6 


1,000569 


1,000750 


1,000557 


— 


5 


1,000401 


' 1,000667 


1,000418 


— 


4 


1,000290 


1,000472 


1,000278 


1,000523 


8 


1,000234 


1,000361 . 


1,000188 


1,000298 


2 


1,000100 


1,000193 


1,000055 


1,000150 


1 


1,000011 


1,000110 


1,000000 


1,000000 


0,5 


• 


-^ 


0,999955 


0,999888 





1,000000 


1,000000 


1,000000 


1,000000 


—0,5 


— - 


0,999916 


1,000030 


— 


—1 


0,999899 


— 


1,000166 


1,000450 


—1,25 


0,999717 


— 


1,000806 


1,001045 


-1,50 


— 


— 


1,000641 


1,001494 


—1,75 


— 


— 


1,000886 


— 


—2 


"""• 


"""• 


1,001198 


^^^ 



Aus diesen Versuchen geht unzweifelhaft hervor, dass 
der Ausdehnungscoefficient der Milch grösser als der des 
Wassers ist, und dass die Milch ein Dichtigkeitsmaximum 
über VC. nicht besitzt, sondern dass sie sich erst, wenn 



Fletschmann: Die spccifische Wärme der Milch etc. 107 

«ie fast bis auf den Gefrierpunkt abgekühlt ist, stark aus- 
zudehnen beginnt. Während des Versuches III sprang die 
Temperatur, nachdem sie sich längere Zeit auf — 2^ gehalten 
hatte, plötzlich auf 0® zurück und gleichzeitig begann sich 
das Volumen sehr rasch zu vergrössern. Beim IV. Versuch 
hob sich die auf — 1,50^ gesunkene Wärme langsam wieder 
auf 0^ und sank dann bis auf — 3,5^ herab, bei welcher 
Temperatur die Röhre barst; das Volumen nahm unterdessen 
ununterbrochen zu. Die Unregelmässigkeiten im Gang der 
Temperatur und der Volumenänderung von 1^ Wärme an 
abwärts scheinen dadurch bedingt gewesen zu sein, dass es 
uns mit Hülfe der angewendeten Kälteniischung nicht gelang, 
in allen Theilen der Röhre die gleiche Temperatur für jeden 
Zeitmoment herzustellen und das ganze Milchquantum auf 
einmal zum Gefrieren zu bringen. Vielleicht hängen diese 
Unregelmässigkeiten auch damit zusammen, dass die Milch 
bei 1 bis 0^ ein Dichtigkeitsmaximum besitzt. Das Ver- 
halten der Milch im Moment des Erstarrens und unmittel- 
bar vorher ist also durch unsere Experimente nicht klar 
gelegt, sondern muss erst durch weitere Untersuchungen fest- 
gestellt werden. Sobald in der Röhre das Frieren der Milch 
begann, machte sich ein auffallend rasches Wachsen des 
Volumens bemerkbar und zugleich verlor der in der Pipette 
befindliche Theil so sehr an Gonsistenz, dass er nicht mehr 
wie anfangs die ganze Weite des engen Röhrchens ausfüllte 
und eine scharfe Begrenzung zeigte, sondern nur in der 
unteren Hälfte desselben als dünnes Fluidum abfloss. Eine 
ähnliche dünnflüssige Masse fanden wir auch, als uns ein- 
mal ein grösseres Milchquantum in einer Glaswanne voll- 
ständig einfror, stellenweise in der gefrorenen Masse ein- 
geschlossen. Als dieser grosse herrlich kiystallinische Milch- 
block aufzuthauen begann, liessen sich von demselben grosse 
glashülle Platten mit hübschen milchweissen dendridisclien 
durch die eingeschlossenen Butterkügelchen hervorgebrachten 



108 Sitzung der math.-phys, Classe vom 2, Mai 1874. 

ZeichnuDgen abheben. Wir versäamten es leider damals 
diese Beobachtungen weiter zu verfolgen und behalten uns 
vor, bei künftigen Versuchen die gefrorenen Platten und das 
Serum für sich einer chemischen Analyse zu unterwerfen, 
um zu ermitteln, wie sich die verschiedenen festen Stoffe 
der Milch beim Gefrieren derselben gruppiren und verhalten. 
Nicht unerwähnt darf schliesslich bleiben, dass wir 
sämmtliche oben beschriebene Versuche gemeinschaftlich mit 
dem Lehrer der Physik an der hiesigen k. Gewerbschule, 
Herrn J. A. Ritz, ausführten und dass wir demselben für 
seine der Sache gewidmete Ausdauer, Sorgfalt und Umsicht 
zum grössten Danke verpflichtet sind. 



Nägelii Yerd/rängung der Pflaneenformen. 109 



Verdrängung der Pflanzenformen durch 
ihre Mitbewerber von C. Nägeli.*) 

Kampf um's Dasein und Verdrängung sind in den 
letzten Jahren vielfach besprochen worden und unter den 
Naturforschern, welche sich mit diesen Fragen beschäftigt 
haben, dürfte darüber im Allgemeinen Einstimmigkeit be- 
stehen. Wenn namentlich von den Gegnern der Trans- 
mutationslehre beides zuweilen bestritten oder angezweifelt 
wird, so ist diess nur aus Unkenntniss der Thatsachen oder 
aus einer unrichtigen Beurtheilung derselben zu erklären. 

In der That, wir mi^en die Entstehung der Organismen 
uns denken wie wir wollen , so genügt schon eine ober- 
flächliche Einsicht in ihre biologischen Erscheinungen, um 
uns zu überzeugen, dass die allseitigste und durchgreifendste 
Concurrenz fortwährend zwischen ihnen besteht und dass 
die weniger existenzfähigen der Vernichtung preisgegeben 



1) Dieser Vortrag wurde schon im Frühjahr 1873 in der math.- 
pbys. Classe gehalten. Er konnte damals wegen des Bachdrucker- 
strikes und später wegen meiner Abwesenheit, die bis in den Herbst 
dauerte, nicht gedruckt werden. Nachdem einmal ein Aufschub 
eingetreten war, wollte ich ihn erst mit einem folgenden Vor- 
trag, welcher die Verdrängung zwischen mehr als 2 Mitbewerbern, 
namentlich diejenige zwischen den Gliedern einer ganzen Formen- 
reihe behandeln soll, veröfientlichen. Da ich aber bei der Aus- 
arbeitung dieses zweiten complicirteren und schwierigeren Theiles 
finde, dass noch weitere Beobachtungen auf den Standorten wünsch- 
bar sind, so will ich den ersten Theil, welcher die gewöhnlichen 
Fragen betreffend die Verdrängung zu erledigen im Stande sein 
dürfte, nicht länger zurückhalten. 



110 Sitzung der math.-phys, dasae. 

sind. Schon lange hat die Päanzengeographie erkannt, dass 
die Vertheilung der Gewächse auf der Erdoberfläche durch 
einen Kampf Aller gegen Alle bedingt wird. Darwin hat 
das grosse Verdienst die Lehre vom Kampfe ums Dasein 
und von der Verdrängung vielfach erweitert und auf die 
Speziesbildung angewendet zu haben. 

Die Ursache^ warum dagegen oft polemisirt wird, scheint 
mir nicht zum geringsten Theil in der Terminologie zu 
liegen. Das Wort tritt um so mehr an die Stelle des 
wissenschaftlichen Begriffes, in je grösseren Kreisen es sich 
verbreitet. Kampf um's Dasein und Verdrängung sind 
glücklich gewählte Schlagwörter, um rasch populär zu 
werden. Sie erwecken das allgemeine Interesse, indem sie 
einen passiven und oft wenig bemerkenswerthen Vorgang 
dramatisiren, und sie entheben von weiterem Nachdenken, 
indem sie eine Reihe von verwickelten Thatsachen durch 
einen leichtverständlichen Ausdruck ersetzen. Aber sie ver- 
anlassen auch leicht irrige Vorstellungen und in Folge davon 
dann Zweifel an der Sache selbst. 

Besonders ist man geneigt, in dem Kampf um's Dasein 
sich viel mehr selbständige Action zu denken, als sie dem 
wirklichen Vorgange zukommt. Sogar im Thierreiche be- 
steht bekanntlich der eigentliche Kampf ums Dasein nicLt 
zwischen Raubthier und Wiederkäuer, die mit einander um 
ihr Leben kämpfen, sondern einerseits zwischen den Raub- 
thieren unter sich, die gemeinschaftlich den Angriff unter- 
nehmen, anderseits zwischen den Wiederkäuern unter sich, 
die mit einander zur Abwehr verbändet sind. Im Pflanzen- 
reiche vollends äussert sich die Goncurrenz nicht als Kampf; 
sie ist hier die harmloseste Thätigkeit und zum grossen 
Theil ein rein passives Verhalten gegenüber den Einflüssen 
der Aussenwelt. 

Die Rolle, welche die Pflanzenform bei dem sogen. 
Kampfe um^s Dasein spielt, kann ich am besten durch 



Nägeli: Verdrängung der Pflanzenformen. 111 

folgendes Gleichniss anschaulich loacheu. Ein Landwirth 
erntet von seinem Gut eine gewisse Menge von Frucht 
(Weizen, Erbsen etc.). Der grösste Theil davon wird ver- 
kauft oder findet eine andere Verwendung. Ein kleiner 
Theil wird zur Aussaat aufgehoben und zu diesem Zwecke 
sortirt, da der Besitzer nach rationellen Grundsätzen handelt. 
Es werden durch ein Sieb die grösseren Samen von den 
kleineren, oder durch ein anderes Mittel die schwereren von 
den leichteren geschieden, oder es findet nach irgend 
welchen anderen Merkmalen eine Auswahl des Saatgutes 
statt. Von den ausgesäeten Samen gehen manche früher 
oder später durch Thiere, durch die Unbill der Witterung 
u. 8. w. zu Grunde. Der Rest gelangt zur Blüthen- und 
Fruchtbildung und liefert das Saatgut für das folgende Jahr. 

Wenn man diesen Vorgang ohne weitere Vermittlung 
einen Kampf um's Dasein zwischen der grossfrüchtigen und 
kleinfrüchtigen , zwischen der schwersamigen und leicht- 
samigen Form nennen wollte, so wäre es gewiss ein ziemlich 
kühnes Bild, das man eher der Poesie als der wissenschaft- 
lichen Prosa gestatten möchte. In der freien Natur verhält 
e.s sich nun aber gerade so, wie ich es eben für die ratio- 
nell behandelte Kulturpflanze geschildert habe. Ich will 
zum Vergleiche eine perennirende krautartige Pflanze wählen, 
da sie das Mittel zwischen den einjährigen und den holzigen 
Gewächsen hält. 

Die wildwachsende Pflanze erreiche ein durchschnitt- 
liches Alter von 20 Jahren, und jeder Stock bringe jährlich 
durchschnittlich 100 Samen hervor. Von 2000 Samen ist 
es demnach nur Einem vergönnt, aufzuwachsen und zur 
fruchttragenden Pflanze sich auszubilden, während 1999 um- 
kommen müssen. Davon gehen sicher wenigstens 97 Procent 
(von 2000 Samen etwa 1950) zu Grunde, ohne dass irgend 
eine Auswahl stattfindet, indem in manchen Jahren für 
keinen einzigen keimenden Samen Platz ist und in den 



112 Sitzung der math.-phys, Glosse, 

anderen Jahren die meisten Samen auf Stellen gerathen, wo 
sie sich nicht entwickeln können. Diese 97 Prozente sind 
zu vergleichen dem Weizen, welchen der Landwirth vericauft 
oder in die Mühle schickt, die übrigen 3 Prozente (von 
2000 etwa 50 Samen) dem Beste, aus welchem der Land- 
wirth sein Saatgut auswählt. Diese 3 Prozente werden von 
den natürlichen Verhältnissen, unter denen sich die Samen 
befinden, gesiebt und gesichtet, bis zuletzt nur V>o Prozent 
übrig bleibt. Die anderen gehen als Samen oder Keim- 
pflanzen zu Grunde durch die Winterkälte, durch Frühlings- 
fröste, durch die Trockenheit des Sommers, durch Feuchtig- 
keit, durch Schatten und Traufe, durch Nahrungsmangel, 
durch Krankheiten, durch Thiere u. s. w. Derjenige von 
den 2000 Samen, welcher zur blühenden Pflanze aufwächst, 
ist nicht etwa der bestbegabte und stärkste von allen; 
aber er ist existenzfähig und wir können mit Sicherheit an- 
nehmen, dass er so gut oder etwas besser ausgerüstet war, 
als diejenigen, vielleicht nur wenigen Samen, die in der 
Lage waren, mit ihm zu concurriren. 

Wenn vnr also für den Vorgang in der freien Natur 
einen deckenden Ausdruck anwenden wollten, so müssten 
wir 9 statt die Pflanzen und Thiere um ihr Dasein kämpfen 
zu lassen, eher sagen, jedes Wesen habe unter allen übrigen 
die Probe seiner Existenzfähigkeit, zu bestehen. Doch ist 
für die Wissenschaft die Wahl des Ausdruckes gleichgültig; 
die ungenaue Bezeichnung wird erst gefährlich, wenn sie 
aus den strengwissenschaftlichen Kreisen der Fachgenossen 
heraustritt. 

Bei der Sichtung, welche die Natur fortwährend mit 
ihren lebenden Produkten vornimmt, bleiben nur existenz- 
fähige erhalten und unter den existenz&higen begünstigt die 
Concurrenz, soweit sie sich geltend machen kann, die den 
bestehenden Verhältnissen besser angepassten; die weniger 
gut ausgestatteten werden beseitigt. So weit müssen alle 



Nagelt: Verdrängung der Pflangenformen. 113 

erfahrenen und denkenden Naturforscher übereinstimmen 
und das folgenreiche Darwin'sche Gesetz unbedingt an- 
nehmen. Damit ist aber bloss ein allgemeines und un- 
bestimmtes Schema gegeben, welches noch verschiedene An- 
sichten aber den wirklichen Verlauf und den Ausgang des 
Processes erlaubt. 

Ueber jene allgemeinen und unbestimmten Angaben 
sind Darwin und seine Nachfolger nicht hinausg^angen. 
Nach denselben verdrängt die besser angepasste Lebeform 
die unvollkommnere auf demjenigen Gebiete, auf welchem 
sie die vortheilhaftere Anpassung besitzt, wobei ausdrücklich 
gesagt oder stillschweigend vorausgesetzt wird, dass die 
schwächere local gänzlich verschwinde, indem die stärkere 
ihre Stelle einnimmt. Nichts scheint in der That bei bloss 
oberflächlicher Betrachtung natürlicher, als dass von zwei 
concurrirenden Formen die stärkere vollständig die schwächere 
verdränge. Auch gibt es gewiss manche Beispiele für 
diesen Vorgang. Dennoch ist er^ soweit es sich um wirk- 
liche nachweisbare Beispiele handelt, im Grossen und Ganzen 
als Ausnahmsfall zu betrachten. Allgemeine Gültigkeit be- 
sitzt er bloss für die hypothetischen nicht existenzfähigen 
Formen, welche in Folge der individuellen Veränderlichkeit 
fortwährend entstehen und auch sofort wieder untergehen 
sollen. 

Verwandte oder analoge Lebeformen, zwischen denen 
die Mitbewerbung am intensivsten zu wirken pflegt, ver- 
drängen sich in der Regel nicht etwa so, dass jede in dem 
Gebiete, wo sie die stärkere ist, allein übrig bleibt. Sondern 
sie dulden einander auf dem gleichen Standorte oder in 
dem nämlichen Gebiete, indem durch die Goncurrenz nur 
das gegenseitige Zahlenverhältniss bestimmt wird. Die Ver- 
drängung hat man sich somit im Allgemeinen nicht als eine 
totale, sondern als eine partielle zu denken. Man 
konnte die beiden Begriffe als Verdrängung und Bc- 

[1874, 2. Matb.-phys. Cl.] 8 



114 Sitzung der matK-phys, Classe, 

schränkung unterscheiden. Doch scheint es mir zweck- 
mässiger, den Ausdruck Verdrängung für den allgemeinen 
Begriff, dass eine Lebeform gegenüber ihren Goncurrenten 
Boden gewinnt, zu gebrauchen und demselben die voll- 
ständige und die tlieilweise Verdrängung unterzuordnen. 

Dass nahe verwandte Pflanzenformen bei der Mitbe- 
werbung meistens sich nicht vollständig verdrängen, dass 
sie vielmehr sich dulden und auf dem gleichen Standorte 
neben einander leben, ist eine allgemeine Thatsache, wie 
ich in meiner letzten Mittheilung nachgewiesen habe. In 
wiefern die Thatsache mit Nothwendigkeit aus den bei der 
Verdrängung wirksamen Factoren hervorgehe, diess zu zeigen, 
ist meine heutige Aufgabe. 



Schon vor längerer Zeit habe ich in einer Mittheilung 
an die math.-phys. Glasso von der Art und Weise ge- 
sprochen, wie die Concurrenz bei den Pflanzen wirkt, und 
an einem numerischen Beispiel gezeigt, wie man sich etwa 
die vollständige Verdrängung einer Form durch eine andere 
nahe verwandte zu denken habe.') Es war diess eine ge- 
legentliche Erörterung bei der Betrachtung des Vorkommens 
von Arten und Varietäten innerhalb ihres Verbreitungsbe- 
zirkes. Die Frage, wie die Mitbewerbung und die Ver- 
drängung wirken, ist aber von so grosser Bedeutung für 
die Formenbildung und die systematische Gliederung der 
Reiche, sowie für die geographische Verbreitung, dass sie 
eine durchgreifende und erschöpfende Behandlung verlangt. 

Ich muss gestehen, dass ich mich lange vergeblich be- 
mühte, zu einer befriedigenden Lösung der Frage zu ge- 
langen. Erst als ich sie mathematisch zu behandeln anfing, 
wurde mir die Sache ganis klar. Ich werde mich auch 

2) Sitzungsberichte vom 15. Dec. 1865. — Sachs, Lehrbuch der 
Botanik 3. Aufl. p. 827. 



Nägeli: Verdrängung der PfianMenformen. 115 

jetzt dieser Art der Darstellung bedienen , weil sie dio 
kürzeste und präciseste ist. Vorher aber sind die Grund- 
lagen für den richtigen Ansatz zu gewinnen. 

Die erste Voraussetzung ist natürlich die, dass die Mit- 
bewerbung wirklich bestehe, wozu es einerseits innerhalb 
gewisser Grenzen gleichartiger Pflanzen, anderseits gleichartiger 
äusserer Verhältnisse bedarf. So können wir z. B. nicht von 
einer Goncnrrenz zwischen Baum und Moos, Baum und Flechte, 
zwischen Nährpflanze und Schmarotzer sprechen; wohl aber 
concurriren die Bäume unter einander, ebenso die krautartigen 
Pflanzen, die Schmarotzer, die Moose, die einzelligen Algen, die 
Pilze. — Was die äusseren Verhältnisse betrifft, so müssen die- 
selben namentlich mit Rücksicht auf Lage, Bodenbeschaffenheit 
und anderweitige Vegetation in einer gewissen Ausdehnung 
sich gleich bleiben, und dadurch einen homogenen Standort 
bewirken. Aber die Gleichartigkeit des Standortes hat für 
verschiedene Pflanzen eine verschiedene Bedeutung. Eine 
Oberfläche von mehreren Morgen kann für Bäume, die ihre 
Wurzeln weit ausbreiten, oft als homogene Lokalität gelten, 
während sie für krautartige Pflanzen, deren Wurzeln inner- 
halb des Raumes eines Quadratfusses bleiben, mehrere un- 
gleiche Lokalitäten darbieten kann. Dasselbe Verhältniss 
besteht zwischen krautartiger Pflanze und Moos oder Alge. 

Eine andere Voraussetzung ist die, dass die äusseren 
Verhältnisse während einer gewissen Dauer die nämlichen 
bleiben. Wäre diess nicht der Fall, würde der Standort 
im Laufe der Jahre sich verändern, so könnte man irriger 
Weise die eintretende oder ausbleibende Verdrängung auf 
Rechnung der Concurrenz setzen, während sie in Wirklichkeit 
durch die Variation der äusseren Einflüsse bedingt wäre. 

Eine dritte Voraussetzung ist noch die, dass eine 
Pflanzenform, nachdem die gegenseitige Verdrängung zu 
einem Gleichgewichtszustande gelangt ist, während einer 
gewissen Dauer in gleichbleibender Individuenzahl auf dem 

8* 



116 Sitzung der math.'-phys, Classe, 

m 

Standorte vertreten sei. Diess ist, wenn die vorhergebendo 
Voraussetzung erfüllt ist, in der That auch immer der Fall, 
und hängt damit zusammen, dass die ungestörte Bodenober- 
fläche ganz mit Vegetation bedeckt ist. Jede Pflanzenform 
erscheint darin in einer bestimmten, durch die Goncurrenz 
geregelten Individuenzahl. Diese Zahl kann nicht zunehmen, 
denn für mehr Individuen mangelt Platz und Nahrung; sie 
kann auch sich nicht vermindern, denn die Lücken werden 
sofort von den in so grosser Zahl vorhandenen Keimen, die 
sonst wegen Mangel an Raum dem Tode preisgegeben sind, 
ausgefüllt. ^) 

Dieser Beharrungszustand war nicht von Anfang an 
vorhanden und er muss aufhören, sowie irgend eine 
Aenderung in den bedingenden Verhältnissen, in der physi- 
kalischen oder chemischen Bodenbeschaffenheit, oder im 
Klima oder in der Vegetation eintritt. Wenn z. B. eine 
neue existenzfähige Pflanzenform einwandert, so verdrängt 
sie einen Theil der früheren Bewohner und stört das bisher 
zwischen denselben bestandene Gleichgewicht. Nach und 
nach bildet sich ein neuer Gleichgewichtszustand aus, in 
welchem jede Form mit Rücksicht auf die veränderten Ver- 
hältnisse der Bewohner mit einer neuen, aber bis zu aber- 
maliger Störung constant bleibenden Zahl vertreten ist. 

Unter stationärem Zustand datf man sich jedoch nicht 
vorstellen, dass die Individuenzahl einer jeden Pflanzenform 
absolut gleich bleibe, sondern nur, dass sie einen constanten 
mittleren Werth behalte, indem sie zwischen bestimmten 
Extremen hin und her schwankt. Diese Schwankungen in 



3) Eine Ausnahme von der obigen Regel findet man nur da, 
wo die Bedingungen für das Pflanzenleben sehr ungünstig werden, 
— so an der Schneegrenze, wo die Vegetation, ehe sie ganz auf- 
hört, spärlich wird und wo der kahle Boden oft nur von einzelnen 
weit zerstreuten Pflänzchen bedeckt ist. Dieser exceptionelle Fall 
würde eine besondere Betrachtung verlangen. 



NägeH: Verdrängung der Pflanzen formen, 117 

der Zahl werden bedingt durch die Schwankungen in den 
ursächlichen Verhältnissen, namentlich durch den Wechsel 
der klimatisch ungleichen Jahre, wodurch bald die einen, 
bald die andern Pflanzenformen auf Kosten der übrigen be- 
günstigt werden. 

Die durchschnittliche Individuenzahl einer Pflanzenform 
auf einem Standorte drückt ihre relative Stärke gegenüber 
allen andern Mitbewohnern aus. Sie hängt von zwei 
Factoren ab, von dem durchschnittlichen Alter der Individuen 
und von der durchschnittlichen Anzahl von jungen Pflanzen, 
die jährlich aufwachsen. Wenn mit z die Individuenzahl 
einer bestimmten Pflanzenform auf einer bestimmten Localität, 
mit d die Lebensdauer in Jahren ausgedrückt, mit e der 
jährliche Ersatz an jungen Pflanzen bezeichnet wird, so ist 

z = d.e. 

Wir können daher für den Fall, dass der stationäre 
Zustand auf einer Localität noch nicht eingetreten ist, so- 
fort, wenigstens im Allgemeinen bestimmen, was einer 
Pflanzenform bei der Goncurrenz mit allen übrigen und bei 
der gegenseitigen Verdrängung förderlich sein und ihr eine 
möglichst grosse Indiyiduenzahl verschaffen muss. Günstig 
wirkt Alles, was die individuelle Lebensdauer erhöht, und 
was die Quote in dem jährlichen neuen Aufwuchs steigert. 

Mit Rücksicht auf beide Factoren kommt es eben so 
wohl auf die inneren Anlagen als auf die äusseren Einflüsse 
an. Bezüglich der inneren Anlagen sind die verschiedenen 
Pflanzen schon von Natur zu einem ungleichen Alter und 
zu ungleicher Fruchtbarkeit bestimmt, und die Keime sind 
in mannigfaltigen Richtungen mit ungleichen Eigenschaften 
ausgerüstet. Ich kann hier nicht auf Einzelheiten eingehen. 
Die Darlegung der von Natur gegebenen spedfischen Ver- 
hältnisse und ihre Reaction auf die äusseren Einflüsse wäre 
pioe Recapitulation der ganzen Pflanzenphysiologie. 



118 Sitzung der tnath.-phys, Cliisse, 

Lebensdauer und jährlicher Ersatz bedingen sich gegen- 
seitig; sie stehen im umgekehrten Verhältniss zu einander. 
Der Nachwuchs kann bloss die Lficken ausfüllen, welche 
durch die zu Grunde gehenden Pflanzenstocke in der Vege- 
tation sich ö£fnen. Diese Lücken sind natürlich um so 
spärlicher, je älter die Stöcke werden. Bei perennirenden 
Gewächsen wird oft Jahre lang nicht ein einziger Platz für 
eine junge Pflanze frei , worauf dann in einem ungünstigen 
Jahre eine grössere Zahl von Stellen für neue Besetzung 
vakant wird. 

Die Abgrenzung der Gebiete der beiden Factoren ver- 
anlasst mich noch zu einer Bemerkung. Beim Menschen 
wird der Ersatz durch die Zahl der jährlichen Geburten 
ausgedrückt und die mittlere Lebensdauer von der Geburt 
an berechnet. Bei den Pflanzen lässt sich dieses Princip 
der Statistik nicht anwenden, und es können selbst nicht 
alle Pflanzen gleich behandelt werden. Für die grosse 
Mehrzahl unserer einheimischen Phanerogamen dürfte es 
sich empfehlen die Ersatzperiode bis zur Blüthezeit aus- 
zudehnen und somit nur diejenigen Keimpflanzen zu dem 
jährlichen Ersatz zu zählen, welche zur Blüthe gelangen. 
Diess gilt für alle einjährigen und unter den perenniren- 
den für diejenigen Gewächse, welche schon im ersten 
Jahre blühen. Für dieselben wird das Alter nach der 
Zahl der Blüthenjahre (d. h. der Jahre, in welchen sie 
wirklich blühen oder nach ihrem Alter blühen könnten) 
berechnet, und die Lebensdauer kann nie unter 1 Jahr 
heruntergehen. Bezüglich derjenigen krautartigen Ge* 
wachse, welche nicht schon im ersten Jahre, sondern erst 
später blühen, dürfte es zweckmässig sein , nur diejenigen 
Pflanzen als Nachwuchs zu zählen, welche den ersten 
Winter fiberdauern; denn sie haben erst jetzt eine den 
übrigen Individuen einigermassen entsprechende Grösse 
und nehmen annähernd den Raum und die Nahrungsmenge 



Nagelt: Verdrängung der Pflanzenformen. HD 

eines Individuums in Anspruch. Für Bäume und Sträucher 
muss die Ersatzperiode viel weiler ausgedehnt werden. 

Die Gleichung z = d.e drückt die Beziehungen 
zwischen Individuenzahl, Lebensdauer und jährlichem Ersatz 
einer einzelnen Pflanzenform aus und zwar unter einigen 
beschränkenden Bestimmungen, von denen ich später noch 
sprechen werde. Es Hesse sich nun sogleich der allgemeine 
Fall für eine beliebige Zahl von Pflanzenformen, die zu- 
sammen auf einem Standorte wachsen, unter Berücksichtigung 
aller möglichen Verhältnisse behandeln. Doch ist dieses 
Verfahren nicht nothwendig, und ich glaube im Allgemeinen 
ein besseres Verständniss zu finden, wenn ich mit bestimmten 
einfachen Fällen beginne. Ich werde daher zunächst nur 
die Goncurrenz zweier Formen behandeln. Dieses Problem 
ist auch für die Theorie von der Speciesbildung von be- 
sonderer Wichtigkeit, wo es sich um die Verdrängung 
zwischen Mutter- und Tochterform handelt. 

Um nun den Fall zweier mitbewerbender Pflanzen- 
formen aufs AUereinfachste zu gestalten, will ich zuerst 
annehmen, dass dieselben auf einem Standort, der gar keine 
Vegetation trägt, zusammen kommen. Die klimatischen und 
die örtlichen Verhältnisse seien so beschaffen, dass jede 
der beiden Formen, wenn sie allein da wäre, gedeihen und 
den Platz ganz ausfüllen würde. Nach kürzerer oder längerer 
Zeit wird sich der durch die gegenseitige Stärke bedingte 
Gleichgewichtszustand einstellen. Jede der beiden Formen, 
ist dann mit einer bestimmten constant bleibenden Individuen- 
zahl auf dem vollständig besetzten Standorte vertreten, 
wenn nicht etwa die eine durch die andere ganz verdrängt 
wird. *) 



4) Ans dem stationären Zustand, welcher die Folge der Concarrenz 
ist, kann man auf die Stärke der beiden Formen scbliessen. Halten 
sie sich genau die Waage, so sind sie gleich stark; überwiegt die 
eine mehr oder weniger, so ist sie die relativ stärkere; vermag 



120 Sitzung der matK-pl^s. Classe. 

Diesem einfachsten Falle, wie er wohl selten in der 
Natur vorkommt, ist ganz analog ein anderer scheinbar 
complicirterer , der häufig beobachtet wird und der darin 
besteht, dass zwei nahe verwandte Formen unter einer 
ganzen Vegetation von andern Pflanzen leben. Die Analogie 
wird aus folgender Betrachtung hervorgehen. Eine Form 
A befinde sich unter vielen Gewächsen, die andern Gattungen 
und Ordnungen angehören, und sei in der durch die Con- 
currenz bestimmten constanten Zahl Z vertreten. Es komme 
eine andere mit A nahe verwandte Form B (vielleicht durch 
Variation aus A entstanden) auf den gleichen Standorten. 
In Folge ihrer nahen Verwandtschaft mit A macht sie gegen- 
über den Pflanzen anderer Gattungen und Ordnungen die 
gleichen oder nahezu gleichen Ansprüche, und concurrirt in 
gleicher Weise mit ihnen wie A. Die beiden Formen A 
und B sind daher fortan zusammen annähernd in der 



•ie die andere ganz za verdrängen, so ist sie die absolut stärkere. 
Die beiden ersten Fälle bedingen die partielle, der letzte die totale 
Verdrängung. 

Wenn die ooncurrirenden Formen gleiche Individuengrösse 
haben, so kann man die Stärke anmittelbar nach der Individnenzahl 
bemessen. Ist jede der beiden mit 50 Prozent vertreten, so sind sie 
von gleicher Stärke. Dagegen ist die mit 90 Prozent repräsentirte 
9 mal so stark als die mit 10 Prozent vertretene Mitbewerberin. 
Da nnn sehr verwandte Formen, deren Vergleichnng vorzüglich von 
Interesse ist, gewöhnlich auch gleiche Grösse besitzen, so lässt sich 
bei ihnen die gegenseitige Stärke sofort aus der Zahl erkennen. 

Schwieriger wird der Vergleich, wenn die beiden Pflanzen un- 
gleich gross sind und somit einen angleichen Raum einnehmen. Die 
Zahl drückt jetzt nicht mehr die Stärke aus; denn man kann eine 
Pflanze, welche z. B. an die Stelle von drei andern tritt , die sie 
verdrängt , doch nicht jeder einzelnen dieser drei gleichsetzen. Es 
scheint nun nahe zu liegen, die Stärke einer Form nach dem Raum 
zu bestimmen, den ihre Individuen zusammen einnehmen Diess 
ist jedenfalls das richtigere Princip , wiewohl gewichtige Bedenken 
bestehen, ob es das absolut richtige sei. Indessen hat die Frage 
yorerst nur geringe Bedeutung und mag daher unentschieden bleiben. 



Nägdi: Verdrängung der Pflanzen forimn, 121 

gleichen Individaenzahl Z vertreten, welche früher der allein 
vorhandenen Form A zukam. Es besteht also eine gemein- 
same Concurrenz der Formen A and B gegenüber allen 
andern Pflanzen. Aber sie concurriren auch unter sich, 
und bei diesem internen Process sind sie allein betheiligt, 
als ob die beiden Formen wie in dem vorher erwähnten 
Falle allein den Standort bewohnten. Nach ihrer gegen- 
seitigen Stärke theilen sie sich in die Gesammtindividuen- 
zahl Z, so dass wenn ihre respectiven Zahlen mit z und z^ 
bezeichnet werden, z -{- z^ = Z ist. Bei gleicher Stärke 
von A und B ist z = z^; bei relativ ungleicher Stärke ist 
z :? Z|; bei absolut ungleicher Stärke wird z oder Z| gleich 
Null, d. h. gänzlich verdrängt.^) 



5) Die GleiobBtellang der . beiden nahe verwandten Formen in 
der Mitbewerbung gegenüber allen andern Pflanzen ist von grosser 
Wichtigkeit för die folgende Dedaction, so dass ich ihr noch eine 
Begründung beifügen muss, um so mehr als jene Gleichstellung im 
Widerspruche zu stehen scheint mit der Annahme, dass unter den 
Nächstverwandten die Concurrenz am intensivsten wirke. Diess ist 
aber nur ein scheinbarer Widerspruch. 

Zwei Varietäten einer Art können gegenüber allen andern 
Pflanzen in ganz übereinstimmender Weise concurriren, und den- 
noch einander so feindselig sein, dass eine die andere gänzlich ver- 
drängt. Es verhält sich eben mit den physiologischen, bei der 
Mitbewerbung wirksamen Eigenschaften wie mit den morphologischen, 
bei der systematischen Unterscheidung massgebenden Merkmalen. 
In beiden Beziehungen stimmen zwei Varietäten einer Art rück- 
sichtlich einer Gruppe von Eigenschaften überein, die sie von andern 
Arten und Gattungen unterscheiden, während sie in einer ganz be- 
stimmten Sphäre, die nur sie allein angeht, von einander abweichen. 
Als Theorie dürfte diese Behauptung unanfechtbar sein» Sie wird 
aber auch durch die Beobachtung vollständig bestätigt. Den 
schönsten Beweis geben die prosöcischen (oder vikarirenden) Varie- 
täten und nächstverwandten Speoies (vgl. Mittheilung vom 15. Dez. 
1865). Ist nur eine derselben (A) in einem Gebiete vorhanden, so 
nimmt sie einen gewissen Raum in der Vegetation ein. Kommt die 
lindere (B) hinzu, so theilen siQh beide in den Raum, indem A sich 



122 Sitzung der math.-phys. Classe. 

Wenn wir nun ferner durch d und d^ die Lebensdauer 
uud durch e und e^ den jährlichen Ersatz an jungen 
Pflanzen bei den beiden Formen ausdrückeni so hätten wir 
nach Analogie der früher für eine einzige Form festgestellten 
Beziehung die neue Gleichung 

z + 2^ = d.e + dj.e,. 

Aber diese Gleichung gilt nur für den stationär ge- 
wordenen Zustand, nachdem die beiden Formen durch die 
gegenseitige Concnrrenz in's Gleichgewicht gekommen sind, 
und entspricht daher nicht unserem Zwecke. 



Es handelt sich für uns um die Frage, welchen Ver- 
lauf der Verdrängungsprozess nehme, mit anderen Worten 
welche Veränderungen in den beliebig angenommenen 
Individuenzahlen eintreten, wie sie auf einander folgen, und 
zu welchem Beharrungszustand sie gelangen, wenn für die 
Lebensdauer und für die Ersatzverhältnisse der beiden 
Formen bestimmte Annahmen gemacht werden. Diesem 



auf den einen Standorten behauptet und B dessen Stelle auf den andern 
Standorten einnimmt Damit stimmen die Thatsacben betreffend 
das Vorkommen der synöcischen Formen überein. In zahlreichen 
Fällen habe ich beobachtet, dass, wenn unter übrigens ganz gleichen 
Verhältnissen eine Hieracienform an einem Ort allein, an andern 
nahegelegenen Orten mit 1, 2 oder mehreren nächst verwandten 
Formen vorkommt, die Qesammtindividnenzahl ungeföhr die näm- 
liche bleibt, dass also eine Form um so weniger zahlreich vertreten 
ist, mit je mehr nahe verwandten Formen sie den Standort bewohnt. 
Ich will übrigens nicht etwa behaupten, dass zwei nahe verwandte 
Formen in der Goncurrenz sich genau oder mathematisch gleich 
verhalten, wie eine derselben allein, was natürlich eine principielle 
Unmöglichkeit ist* Aber ihre Ansprüche im Gegensatze zu andern 
Gattungen und Ordnungen sind so ähnlich, dass die Differenz gegen- 
über allen andern Factoren, welche Einfluss auf die Verdrängung 
haben, verschwindet, und dass man somit in der Praxis die 
Wirkungen der beiden Formen als identisch betrachten kann. 



Nagelt: Verdrängung bei Pflanzenformen. 123 

Zwecke entspricht die für alle Stadien des Verdrängungs- 
processes gültige Gleichung 

« . T + t = ' + '■ 

-T- drückt den jährlichen Verlast der Form A, -^ 

SS z 

denjenigen der Form B aus, --j — ^ "^ ^^^ Gesam mtver- 

lust der beiden Formen. Diesem Gesammtverlust steht 
gegenüber der gesammte jährliche Nachwuchs e -f ^i* ^^^ 
Gleichung giebt uns somit eine Jahresbilanz über die 
numerischen Vorhältnisse von A und B , indem links vom 
Gleichheitszeichen der Verlustconto , rechts der Ersatzconto 
steht. Beide sind einander gleich, weil die Lücken, die 
fortwährend durch den Tod einzelner Individuen von A und 
B entstehen, sofort wieder ausgefüllt werden durch junge 
Pflanzen der beiden Formen. 

In der obigen Gleichung I sind z und Z| veränderliche 
Grössen, indem die Individuenzahlen der beiden Formen in 
umgekehrtem arithmetischem Verhältnisse ab- und zunehmen, 
bis sie in's Gleichgewicht und damit zu einem Beharrungs- 
zustande gekommen sind, d und d^ sind constante Grössen, 
indem nach der Annahme die Lebensdauer durch unver- 
änderliche Factoren, nämlich durch die angeborenen morpho- 
logisclien und physiologischen Eigenschaften und die äusseren 
Einflüsse des Standortes (Boden, Lage, Klima, Pflanzen- 
und Thierwelt) bestimmt ist. e und e^ sind veränderlich, 
aber mit constantem gegenseitigem Verhältniss. Der Ge- 
sammtersatz (e -|* e^) verändert sich mit dem Gesammt- 
verluste, welcher mit den wechselnden Werthen von z und 
Zj entweder grösser oder kleiner wird. Aber in den vari- 
abeln Gesammtersatz theilen sich die beiden Formen nach 
einem constant beibenden Verhältniss e : e^ , welches durch 



124 Sitzung der math.-phys. Classe. 

die nämliclien unveräadcrlichen Factoreu wie die Wertho 
von d und d^ bedingt wird. 

Es ist kaum nöthig, besonders hervor zu heben, dass 
alle in der Gleichung erscheinenden Grössen nur die Be- 
deutung von mittleren Werthen haben, indem sie innerhalb 
gewisser Grenzen hin- und herschwanken. Die einzelnen 
Pflanzen der gleichen Form erreichen ein ungleiches Alter, 
und das durchschnittliche Alter stellt sich bald höher bald 
niedriger. Der Gesammtverlust kann in einzelnen Jahren 
sehr bedeutend und in anderen verschwindend klein sein; 
er wird bald mehr von der einen, bald mehr von der 
anderen Form getragen. Ebenso ist beim Ersätze bald die 
eine, bald die andere Form begünstigt. In Folge dieser 
Umstände entfernen sich auch die Individuenzahlen z und 
Zj mehr oder weniger von ihren mittleren Werthen. Auch 
die Gesammtzahl Z (oder die Summe z + z^) kann be- 
trächtliche Schwankungen zeigen, indem das eine Mal die 
Lücken in den Formen A und B theilweise durch andere 
Pflanzen, das andere Mal die Lücken in der übrigen Vege- 
tation theilweise durch die Formen A und B ausgefüllt 
werden können. Alle diese Abweichungen von den Mittel* 
werthen werden verursacht durch die ungleichen klimatischen 
und Bodenverhältnisse der verschiedenen Jahre. Die Gleichung 
wird daher um so richtiger, je länger der Zeitabschnitt ist, 
auf den sie angewendet wird. 

Aus der Gleichung I ersehen wir sogleich, dass wenn 
in dieselbe für d, dj und für das Verhältniss von e zu e^ 
bestimmte numerische Werthe eingeführt und dann auch für 
z und Zj beliebige Zahlenwerthe angenommen werden, die 
letzteren im Allgemeinen sich verändern, sowie die Gleichung 
durch eine Reihe von Jahren aur Geltung kommt. Mit 
andern Worten, wenn zwei Pflanzenformen, jede von be- 
stimmter Lebensdauer der Individuen und jede mit einer 
bestimmten Ersatzquote zur Deckung des Gesammtverlustes 



Nagelt: Verdrängung der Pflaneen formen, 125 

berechtigt, in irgend einer Individuenzahl auf einem Stand- 
orte zusammenkommen, so erfährt im Laufe der Jahre die 
Zahl der einen eine Vermehrung, die der andern eine Ver- 
minderung, und diess dauert solange, bis der Beharrungs- 
zustand erreicht ist. Dieser Zustand aber ist gegeben, wenn 
die Quote an dem Gesammtverlnst für jede der beiden 
Formen gleich ist ihrer Quote an dem Gesammtersatz, 
also wenn 

-T- = e und -:r- = Cf 
d d, ^ 

Man sieht leicht ein, dass es vollkommen gleichgültig 
ist, in welcher Individuenzahl jede der beiden Formen A 
und B anfänglich vertreten sei. Das schliessliche Resultat 
bleibt immer dasselbe; es tritt bloss das eine Mal früher, 
das andere Mal später ein. 

Aus der Gleichung I lässt sich ferner sofort entnehmen, 
welche der beiden Formen ihre Zahl vermindern oder ver- 
mehren wird. Eine Zunahme von z und eine Abnahme von 

Zj wird erfolgen , wenn ";r < ^ oder z < d . e, also wenn 

-p > Cj oder z^ > d^ .e^. 

Es versteht sich, dass die Gleichung in der gegebenen 
Form nur richtig ist, wenn die Individuen der beiden 
Formen einen gleich grossen Raum einnehmen, was aller- 
dings im Allgemeinen der Fall ist, da es sich nur um sehr 
nahe verwandte Formen handelt. Würden sie einen un- 
gleichen Raum einnehmen, so mfisste diess durch einen das 
Verhältniss ausdrückenden Goeffizienten in Rechnung ge- 
bracht werden. 

Für den mathematisch weniger orientirten Leser will 
ich ein Beispiel in Zahlen ausführen. Die mittlere Lebens- 
dauer der Form A betrage 10 Jahre, die der Form B 



126 Sitzung der fnaih.'phya. CUuse. 

20 Jahre, also d = 10 und d, = 20. Der Gesammtver- 
lust werde zu V^ von A, zu ^/e von B gedeckt, so dass 
auf 5 junge Pflanzen der Form B immer nur 1 der Form A 
aufwächst, also e^ = 5e. — Unter diesen Bedingungen ist 

der stationäre Zustand erreicht, wenn -rj- = e und z^ 

Z— z 

oder, was das Nämliche ist, = 5e. Daraus folgt 

z Z— z . ^ Z . 10 Z .,., 

To" = 5720 ^«df^r^^r 2 = TT '^^^ ^^ = "TT- ^'^ 

Worten, die Veränderung in den numerischen Verhältnissen 
der beiden Formen hört auf, wenn A mit Vu und B mit 
^*/ii der Gesammtindividuenzahl vertreten ist. Beträgt die 
letztere 1000, so treffen im Mittel 91 Individuen auf A, 
909 auf B. Fortan verliert A im Jahr durchschnittlich 9, 
B dagegen 45 Pflanzen und die nämlichen Ziffern geben 
auch den jährlichen Nachwuchs von A und B an/) 

Wäre in Folge irgend eines Ereignisses die Individuen- 
zahl der beiden Formen A und B einmal gleich, z. B. je 
500, so würde die Veränderung sogleich und zwar in folgen- 
der Weise beginnen. Im ersten Jahre beträgt der Verlust 

von A —r^ = 50, der von B -^^r- = 25. Der Gesammt- 

75 
Verlust von 7 5 Pflanzen wird durch die Form A mit —^ = 12,5 

b 

5.75 
und durch die Form B mit — "- — = 62,5 Individuen er- 

6 

setzt. Die Individuenzahl von A ist somit nach einem Jahr 



6) Wenn in einem andern Falle d = 15, d, = 8, e, := lOe 
und Z = 1000, 80 wird im stationären Zustande z = 157,9 
z, = 842,1, e = 10,53 und e^ = 105,8. 

Wenn in einem dritten Beispiel d = 60, d, = 100, 

2e 
e, = -jT- und Z = 1000, so wird im Beharrnngszostande z = 600 

und z, = 400, « = 10 und e, = 4. 



Nagelt: Verdrängung der Pflnngenfarmen, 



127 



von 500 auf 462,6 gesunken, die von B von 500 auf 537,5 
gestiegen. Im zweiten Jahr beträgt der Verlust von A 

*^.^f = 46,2 und derjenige von B -^|^ = 26,9. 



Der Gesammtverlust von 73,1 wird durch A mit 



73,1 



= 12,2 



5 .73 1 
und durch B mit — ' * = 60,9 gedeckt, und die Zahl 

b 

von A hat sich nach 2 Jahren weiter auf 428,5 vermindert, 
diejenige von B auf 571,5 gesteigert 

In dieser Weise setzt sich die Abnahme der Individuen- 
zahl von A und die Zunahme von B fort, bis der Be- 
harrungszustand erreicht ist. Ich führe beispielsweise den 
Bestand für einige Jahre an. Es ist 

im Anfange z = 500 

nach dem 1. Jahr „ = 462,5 

= 428,5 

= 397,5 

= 369,4 

= 247,3 
„ = 233,0 

= 150,8 
= 145,3 

= 113,6 

= 111,5 

Die Abnahme von z und die Zunahme von z^ wird 
von Jahr zu Jahr geringer, und es würde eine sehr lange 
Zeit erfordert, bis bei mathematischem Verlaufe die statio- 
nären Zahlen von 91 und 909 erreicht wären. In der 
Wirklichkeit werden wegen der numerischen Schwankungen 
die letzten zahlreichen kleinen Etappen rasch übersprungen. — 
Wegen dieser jährlichen Schwankungen wäre es auch richtiger 
und überzeugender, wenn statt der Jahre Perioden von 





2. , 


) 5> 




3. , 


1 » 




4. , 


1 » 




10. , 


1 )> 




11. , 


» 1» 




20. , 


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21. , 


1 1) 




30. , 


1 II 




31. , 


1 11 



= 500 
= 537,5 
= 571,5 
= 602,5 
= 630,6 

= 752,7 
„ = 767,0 

= 849,2 
= 854,7 

= 886,4 
= 888,5. 



"1 

II 
II 
II 
II 

II 



II 
II 



II 
II 



128 



Sitzung der math.'phys, Clasae. 



Jabren, z. B. Decaden, in die Rechnung eingeführt würden. 
Ich habe, um die Sache nicht complicirter zu machen, hie- 
von abgesehen. 

Noch anschauh'cher wird die partielle Verdrängang, 
wenn anfänglich der Standort bloss mit Individuen der einen 
Form besetzt ist, und dann auf einmal eine hinreichende 
Menge von Samen der andern Form hingelangt. Man 
hat dann 




1 
2 
3 



etc. 



Jahr 


Zahl 
von A 


Verlast 


Ernte 


Zafal 
von B 


Yerlnst 


Ersatz 





1000 

















100 


16,7 







8S,S 


1 


916,7 






83,3 










91,7 


16,0 




4,2 


7»,9 


2 


841,0 






159,0 










8<,I 


15,8 




7,» 


76,7 


3 


772,2 






227,8 






4 


709,8 






290,2 






5 


653,1 






346,9 






6 


601,6 






398,4 






7 


554,7 






445,3 






8 


512,2 






487,8 














1000 









8,3 




50 


8,3 






991,7 






0,8 


M 




49,6 


15,9 






984,1 






1,6 


8,6 




49,2 


22,8 






977,2 


i 
1 

1 



41,7 



42,0 



42,S 



In dem ersten dieser beiden Fälle ist anfänglich bloss 
A vorhanden und zwar in 1000 Individuen. Seine Zahl 



NägeU: Verdrängung der PflanMenformen. 129 

Termindert sich nach dem Hinzutreten von B stetig, bis sie 
auf 91 zusammengeschmolzen, indess sich B gleichzeitig ver- 
mehrt, bis die Zahl 909 erreicht ist. — lu dem zweiten 
Falle hat zuerst B den Standort inne, und wird durch das 
hinzukommende A nach und nach theilweise verdrängt, bis 
die nämlichep stationär bleibenden Zahlen (91 für A und 
909 für B) eingetreten sind. 

In dem eben angegebenen Beispiele ist e, eine höchst 
einfädle Function des ersten Qrades von e. Die Bezie- 
hungen zwisdien zwei concurrirenden Fqrmen sind aber so 
copiplicirt, dass sie oft durch eine zusammengesetztere und 
einem höheren ßrade angehörende Function auszudrücken 
sein werden. Ich will noch ein solches Beispiel anfuhren. 

Es sei d =;= 8, dj = 25, e^ = ^ ~^ '^ ^ undZ^^OOO, 

so ergibt die Rechnung fiir den stationären Zustand z = 70,7 
und Zj = 929,3. In diesem Falle ist also die partielle 
Verdrängung vollendet, und ein dauernder Zustand erreicht, 
wenn die Form A in der Individuenzahl 71 und die Form B 
in der Zahl 929 vorhanden ist. Der jährliche Verlust und 
Ersatz betragen nun im Mittel 9 Individuen für A und 37 
für B. 

W$rß auf dein Sti^adorte einmal bloss die Form A 
vorhanden (also z = 1000 und z^ = 0) und es würde 
plötzlich eine hinreichende Menge Samen der Form B her- 
gefjihrt, so wiirdQ der Verlust yop A, ^relcUer jährlich in^ 
Mittel 125 Pflanzen beträft, sofort durch 15 Indiyiduen der 
Fqrm A und 109 yao B ersetzt, u^d es wäre im folgenden 
Jahre, als Anfang der piartjellen V^rdr^iigfing , z = 8^0 
und Z| =: 110. 

Wenn umgekehrt einmal nur die Form B sich auf der 

be^e^pn^en Lpc^lität befände (fii^o z =^ P W^^ Zi = IPQQ) 

und m kSmen S^meo ypq A in ausreichender Menge hin, 

so würde der bisherige Verlust von B, der sich auf 40 Indi- 

L1874. 2. Math.-phy8. Ci.] 9 



130 SiUung der tMth.-phys, CUuae. 

viduen beläuft, im ersten Jahre durch 8,2 von A, und durch 
31,8 von B ersetzt, und es wäre als erste Stufe der theiU 
weisen Verdrängung z = 8,2 und z^ = 991,8. 

Die Gleichung I gestattet mathematisch bloss eine par- 
tielle, keine totale Verdrängung, denn man mag für d und d^ 
jeden beliebigen möglichen Werth (d. h. jeden positiven und 

reellen Werth grösser als 1) und für — jede beliebige 

mögliche (d. h. positive und reelle) Grösse setzen, so erhält 
man für z und Z| immer positive und reelle Zahlen.') 
Anders verhält es sich mit der physischen Verdrängung; 
dieselbe wird leicht total, wenn z oder z. im stationären 
Zustande eine sehr kleine Grösse darstellt. Wenn z. B. der 
Form A auf einem Standorte eine mittlere Individuenzahl 
von 992^ der Form B eine solche von 8 der Concurrenz 
nach zukommt, so wird die letztere früher oder später 
gänzlich verdrängt. Denn in Folge der unvermeidlichen 
Schwankungen steigt die Zahl von B das eine Mal auf 
14 und 15; ein anderes Mal sinkt sie auf 2 und 1 herab, 
und jetzt darf nur irgend ein ungünstiger Zufall dazwischen 
kommen, um sie ganz auszutilgen. Es können auch bei 



7) Bei einer theoretisch mathematischen Behandlang der 
Gleichung I kann man natürlich für das Verhältniss e za e, jeden 
beliebigen Werth einsetzen und man erhält für den Beharrungsza- 
stand von z und z, immer bestimmte Werthe. In unserem Falle 
aber sind die Annahmen durch die thatsächlich gegebenen Be- 
dingungen eingeengt. Der jährliche Ersatz (e und ej muss durch ganze 
positive Zahlen gegeben sein, die Summe des Ersatzes (e -f e,) muss 

der Summe des Verlustes (~^ + V~J gleich sein, der Werth von z 

(ebenso derjenige von z,) muss zwischen und Z liegen. Ich habe 
diess als selbstverständlich vorausgesetzt und es unterlassen, bei der 
Gleichung I, sowie bei den folgenden allgemeinen Gleichungen die 
Bedingungsgleichungen für die Grenzen anzugeben, innerhalb welcher 
die Verdrängung möglich erscheint. 



Nägeli: Verdrängung der Pflanzenformen. 131 

kleinen Individuenzahlen die Schwankungen nach unten bis 
Null selbst gehen; es können die wenigen der betreffenden 
Form angehörenden Pflanzen alle von den gleichen, die Schwank- 
ungen bedingenden klimatischen Einflüssen vernichtet werden. 
Da z = d.e, so wird die kleine Individuenzahl des 
stationären Zustandes bedingt entweder zugleich durch eine 
geringe Lebensdauer und einen geringen jährlichen Ersatz 
oder durch einen äusserst geringen Ersatz bei nicht über- 

massiger Lebensdauer. Ist d = 50, d| =3 und e| = ^r» 

1 

so kommen auf 1000 Individuen von A bloss 4 von B. 

Ist d = 30, dj = 10 und e^ = —^ (der Nachwuchs 

von B mangelt fast gänzlich), so gehen auf 900 Individuen 
der Form A bloss 3 der Form B. Wenn es sich aber um 
die Goncurrenz zweier nahe verwandter Formen handelt, 
so ist nicht sehr wahrscheinlich, dass dieselben sich rück- 
sichtlich der Lebensdauer und rücksichtlich des Nachwuchses 
in der Weise ungleich verhalten, wie es erfordert wird, um 
die gänzliche Verdrängung der einen zu verursachen. Unter 
den für die Gleichung I gemachten Voraussetzungen wird 
also im Allgemeinen nur eine partielle Verdrängung ein- 
treten. 



Die Gleichung I beruht auf gewissen Voraussetzungen, 
welche sicher oft, aber jedenfalls nicht immer erfüllt sind. 
Sie bestehen darin, dass die Lebensdauer der beiden 
Formen und das Verhältniss ihrer Ersatz- 
quoten bloss von den constant angenommenen 
inneren Anlagen und äusseren Einflüssen ab- 
hängen, dass die Werthe von d und d^, e und e^ unabhängig 
von einander und von z und z^ seien. Die Pflanzen der 
Form A erreichen somit auf dem betreffenden Standort ein 

gleichbleibendes mittleres Alter, ob sie selber und diejenigen 

9* 



132 SiUfung dfr maibrphyß. Ghss^. 

der Form 3 in grä^Berer od&c geriog^ßr M^oge yorlutndeo 
seien. Ebenso bleibt der relative Ersatz für A und B dßr 
nämliche, welches auch die Indi?iduenin6i)gQn imd die indi- 
viduell^ Lebensdauer dieser beiden Pormen seien. Man 
mpchte yielleicbt geneigt sein anzunehmen, dass die Menge 
der S^mßQ oder J^eime und demgemäss die Menge der 
Pflanzen npth^endig auf dep Ersatz mas^j^end §jnwfrken 
müsse. Pißsß ist jßdpeh nicht d^r Fall, wenn die Samen 
in grossem Uebermass erzeugt werden. Wenn z. B. jährlich 
blp§s für 10 neue Pflanzen Raum ist, so vertheilen sich 
dieselbjßn naph dejp gleichen Yßrhältni^ß auf die Form^ A 
und B, ob von A 5000 und von B 100000 oder umgekehrt 
von A 100000 und von B bloss 5000 Samen zur Disposition 
stehen, pjb spmitB in gro/ss^Qr undA in geringer Ind^yiduen- 
zabl vertreten sei oder umgekehrt. 

Die gi^n^paten Ann^men gelten aber nicht fgr alle 
FäUp* Es ist ßinmal denkbar, da^s die Lebensdauer 
in gewisS)Qr Abhängigkeit stehe von der Indi- 
viduen^ahl der eigenen oder der cpncurriren- 
den Form* Wenn $i^ jbios^ von der Zßiil der eigenen 
Form modi^cirt wird, ßp hab^n wir die fülg^meipp 
Glsiphung 

; + = e + e,. 

Die Let^ensd&u^r d$r Indivp4uv§u> welche in der Qj^'cbnng l 
mit den cpußtapt^n Wejctben d und d^ e^^cheinli} ißt hier 
eine Function ejner in j^dl^m einzelnen FaU cpnstanten 
Qrößpp (d und d^), welche all^ inneren n^d ^n^ser^ 
Mpmente begrifft), die ^uf d^ Alter Einfluss }ial^, qnd 
ejner in jp^em einzelnen Falle ^ariabphi (z und ^i), indßfP 
die Indiyidupnzabl bis zum Ejntrjtt deß ßtatipnären Zußtandfiß 
q\^ ye^i^ndext. I)aducch| (}aß3 ^le {jßbensdaußr v^m ^^ 
Individuenzahl abhängig ist, wird ßie bald erhöht, bald er- 



Nägeli: Veräräi^Mtf äe¥ Pßaneehformen, 133 

niedrigt. f (^, -y | ist also bald grösser bald kleiner als das d 

der Gieichung I. Beides muss in Wirklichkeit eintreten 
können. Wenn z. B. ein nothwendiger NährstofiF in geringer 
Menge vorhanden ist, so muss er, wenn die Zahl der 
Individuen znnimmt, deren Alter vermindern. Ein schädlicher 
Einfluss dagegen, de^n Quantität uüd Intensität gleich 
bleibt, wird bei Zunähme der Individüenzahl günstig auf 
äie LebäHädatlär eiti^irk^, Weil er jetzt bei gtös^ei'ef' Yer- 
theilung jedes einzelne Individuum weniger affizirt. 

Zanäohst will ich einige bestimmte Functionen int die all- 
gemeine Gleichung einfuhren. Da das wissenschaftlicüe Pabliküiti, 
welches sich für die Terdrängung interessirt, ein sehr ungleiches 
mathematisches Yeriitandnisl besitzt, so hi^t icH es für zweckmässig 
in verschiedenen Beispielen den Einflus^ d^ Grösse z auf die 
Grösse d und die Wirksamkeit der Gleichung deutlich zu machen. 
Der Leser wird sie nach Belieben als überflüssig überschlagen, in- 
döm die für Aies^ Zweck mit kleinerer Söhi-ifl gedrückt sind. 

Ich bemerkt hiezu, dass die Ausdrücke für die Lebensdauer 

f yj, -j-j und 9P is, , -^ J in der Form von Prodücten 6 f y-^^ 

und 6f cp ( -y- J gegeben sind. Es schien mir diess der Natu^ der 

Sache am meisten angemessen. Auch dient es zur leichteren Yer- 
gleichung mit cter Gleichung I, indem, wenn der eine Factor der 
Proaucte, welcher z oder z, enthält, = 1 wird, der andere Factor 
i oder 6f in die Grösse cl oder d, jener Gleichung übergeht. 

Ich bemerke ferner^ dass die Individuenzahl in dem Ausdrucke 

z Z - 

für dfc LelJ^nsdäüe^ Inhner als -~- oder iiuöh feW — '■ efli'cheint. 

Z z 

Diess ist noth wendig, um die letztere Ton Z unal)hängig zu machen. 

Wären lediglich z und z, in die Gleichung eingeführt, so würde das 

Alter der Individuen mit der Grösse von Z^ also auch mit der Grösse 

des Standortes sich verändern, was natürlich unstatthaft ist. — Um 

diess zu vermeiden, könnte man unter z und z, auch Procentzahlen 

W^tehen, so ^äc/s immer z -f- z, -== ^ = lo6. tch glaubte, dass es 

iii4ncheni Lroer äni^chaüliiihöir wäre, wenn für z und z, linniritterbar 

jede beliebige Zahl gesetzt ^le^irdeh kann'. 



134 Sitgung der math.'pkg8. CiosM. 

Die Gleichnngen , welche als Beispiele für die allgemeine 
Gleichung II and für die folgenden allgemeinen Gleichungen an- 
geführt werden, sind meistens solche des zweiten, einige auch des 
dritten, oder eines höheren Grades, bieten aber der Lösung keine 
besonderen Schwierigkeiten. Die schwierigeren verlangen die An- 
wendung der Cardanischen Regel. 

m und m, sind Constanten mit positivem Vorzeichen; — = — 

und — ^-^ müssen kleiner als 1 sein Der stationäre Zustand ist 
erreicht, wenn 



Z A ^f 

= e und — -p :r- = e, 



Setzen wir ^ = 72, ^, = 36, m = -^» m, = -^» Z=1000 
und e, = 8 e, so erhält man nach Ausführung der Rechnung 
folgende Werthe») z = 252, z, = 748, 6 (l— ^^J = 56|Ö8, 

6, fi -« -5^") = 21,04, e = 4,43 und e, = 35,54. Mit Worten, 

im Beharrungszustande ist die Lebensdauer bei der Form A, welche 
ohne Einfluss von z 72 Jahre betrüge, nun auf 57, diejenige bei der 
Form B ist von 36 auf 21 vermindert. Die Individuenzahlen von 
A und B , welche ohne den Einfluss von z und z, 200 und 800 be- 
tragen würden, belaufen sich nun auf 252 und 748. Der jährliche 
Nachwuchs von A und B, der sonst 2,78 und 22,22 wäre, ist jetzt 
4,43 und 35,54. 

Ist die Form A einmal allein in der Zahl von 1000 Pflanzen 
vorhanden, so sinkt die Lebensdauer auf 12 Jahre, und es beträgt 
der jährliche Verlust und ebenso der Ersatz 83,33, welcher ohne 
den Einfluss von z bei einer Lebensdauer von 72 Jahren 13,9 be- 
trüge. Wenn nun plötzlich eine hinreichende Menge Samen der 



8) Die Gleichung als solche des zweiten Grades gibt far z 
und z, je zwei Werthe, einen positiven und einen negativen, voi^ 
^enen nur der erste brauchbar und möglich ist* 



NägeHi: Verdrängung der Ffl&nzenfwmen, 135 

Form B auf den Standort von A gelangt, so wird im nächsten Jahre der 
Verlust, welcher 88,88 beträgt» darch 9,26 von A und 74,07 von B 
ersetzt, und die erste Stufe in der beginnenden Veränderung zeigt 
uns 926 Individuen der Form A und 74 der Form B, während ohne 
die Einwirkung von z auf die Lebensdauer der Verlust 18,9 durch A 
mit 1,5 und durch B mit 12,4 ersetzt würde, so dass nach dem 
ersten Jahre die Individuenzahlen von A und B 987,6 und 12,4 
betrügen. 

Machen wir die gleiche Annahme für die Form B, so erhalten 
wir bei einer Individuenzahl von 1000 eine Lebensdauer = 16 und 
einen jährlichen Verlust = 62,5 und im ersten Jahre nach der Ein- 
wanderung von A eine Individuenzahl von B = 998 und von A =: 7, 
während ohne die Einwirkung von z, auf das Alter bei einer 
Individuenzahl von 1000 und einer Lebensdauer von 86 Jahren der 
jährliche Verlust 27,9 und im ersten Jahre nach dem Eindringen 
von A die Individuenzahlen 997 und 8 wären. 

Die Lebensdauer bei der Form A sei ferner " ■ • • 

2 . m z und 

^ Z ' 

diejenige bei der Form B so bat man die Gleichung 

m^v» 

^^ Zi 

7 + ^ = e + e, 

1 j_ ^^ m, z, 

1-H-z^ ^+T~ 

Wenn ^ = 15, ^, = 8, m = 8, m, = V», Z = 1000 und 
e, = 10 e , so wird im stationären Zustande die Lebensdauer von 
A = 10,8 (statt 15) und diejenige von B = 5,6 Jahre (statt 8), die 
Individuenzahl von A=154 (statt 158)^ die von B = 846 (statt 842), 
der jährliche Ersatz von A = 15 (statt 10,5) und der von B = 150 
(statt 105).*j 

= e + e, 



8) 


z , z, 

sV ' 6,y '' 

' Z ' ' Z 



9) Die in ( ) eingeschlossenen Werthe beziehen sich, wie 

auch in der Folge, auf den Fall wo die Function von 6 und z 
constant geworden und die Gleichung II in die Gleichung I über- 
gegangen ist, 



136 SUzun^ der maith.'iphsfB. Crosse. 

Wdnn ^ = 15, ^, = 8, Z = 1000 und e, == We; 8o irt im 
Beharrangszultaiide d (Lebensdauer bei der Form A) = 2,75 
(statt 15X d, (Lebensdauer bei B) =7,86 (statt 8), z = 34 (statt 158;, 
K, = 966 (statt 842), e = 12,3 (stau 10,5) und e, =: 123 
(statt 105). 

4) _|_ + _4_ = e + e. 



<J, 



10z ' 10z, 

Wenn ^ = 15, ^^ = 8 und e, == lOe , so wird im stationären 
Zustande d = 5 Jahre (statt 15), d, = 1,16 (statt 8), z = 800 
(statt 158), z, = 700 (statt 842), e = 60 (statt 10{5) und e^ = 600 
(statt 105]. Hier ist die Form B durch den Einfluss der Individuen- 
zahl auf das Alter fast einjährig geworden, indem unter 100 Indi- 
viduen z. B. 84 einjährige und 16 zweijährige sich befinden. 

1*^ + — = e + e, 

Wenn ^ = 15^ S, ^ 6, m =± */i, m, = 5^ E ^ lOiOO und 
e, zr 8e,- ^0 wird im Gleichgewichtszustande d = 16,2 (statt 15), 
d, = 34,35 (statt 6), z = 55 (statt 288), z, = 945 (statt 762), 
e = 8,4 (statt 15,9) und e, =: 27,6 (statt 127). 



|_+_^«L:_ = e + e, 



^) > m z . m. z, 

l-'—TT- 1 — 



Z * Z 

Wenn ^ = 15, ^, = 8, m = 1, m, = Vi, Z = 1000 und 
e, = lOe, so wird im Behtb^rungszustande A = 17,6 (statt 15), 
d; — 10,2 (statt 8), z =± 148,5 (stÄtt 158), t, =: 851,5 {itkii 842), 
6 = 8,4 (statt 10,5) und e^ = 83,8 (ötatt 105). 



7) TV^ 6,V 



Wenn ^ = 15, ^, = 8, Z = 1000 und e, = lOe , *ö wird im 
stationären Zustande d = 80, d^ = 9,2, z f= 246,7 (statt 158), 
z, = 763,3 (statt 842), e = 8,2 (sUtt 10,5) u%d k, = 82 (stett lOÖ). 

z I z. , 

Z t, 

Wenn 6 = 15, S, = 8, Z = 1000 uiid c^ = löe , so wird im 
BÖharrungsztittande d = 49,7, d^ = 11,5, z = 802 (statt 168), 
z, = 698 (statt 842), e = 6,1 (statt 10,5) und e, = 61 (stitt 106}. 



9) , /", m. z 



NägeH: VtrdrämjwUff dcf Pflatigarfomm. 137 



+ '' .. = e + e. 



0-4^) ^.0+^) 



9 
Wenn ^ = 12, ^^ = 8, m = jp m, = 9, Z = 1000 und 

. 2e 

©r = "~ß~» 80 Wird im stationären Zustande d = 6,6 (statt 12), 

d, — 16,5 (statt 3)^ z = 500 (statt 909), t, = 500 (statt 91) 
e = 75,76 (=76,76), e^ == 30,3 (= 80,3). e und e^ haben in diesem 
speciellen Fall die gleichen Werthe, wie in der Gleichung mit 
cöüsiatitem A und d,. 



* _1_ 25, 



10) ^|/A " 6,y 



e + e,. 



z ' ^ Z 

Wenn ^ = 15, a, = 8, Z = 1000 und e, = lOe, so wird im 
Watfoiiaren Zustande d = 27,76, d, = 6,73, z = 292 (statt 158), 
z, ^ 70fe (stäii 842), e, = 1Ö,6 (= 10,5) und e, = 105 (= 1Ö6). 

+ -T- = e + e, 



11) r, m z ^ • d, 



'(-- ^) 



Wenn 6 = 72, d, = 36, m =-^-, Z = 1000 und e, = 8e, 

o 

SO wird imi Behatfängäznstäride d = Bl,5 , z == 176 (statt 200), 

z, = 825 (statt 800), e = 3,8^ (statt 2,7S) e, =r 22,92 (statt 22,22). 

- ^JL^e + e;. 



12) ^yj^ ' d, 

Wenn S = 15, d, = 8, i = 1000 und e, = 10 e , so wird im 
stationären Zustande d = 29,1, z = 266,5 (statt 158), z, = 733,6 
(statt 842), e = 9,17 (sfett 10,5) und d, ~ 91,7 (stett 105). 

Für die Gleichungen 1) bis 6) wiärde angenommen, dass die 
Individuenzahl bei beiden Formen in glächem Sinnb auf di^ Lebens- 
dauer einwirke. Die letztere wird dadurch in den Gleichungen 1) 
bis 4) erniedrigt, in 5) bis 8) erhöht. In den Gleichungen 9) und 10) 
wirkt die Individuenzahl in eittgegen^esetztem Sinne auf dii 
Alter bei den Formen A und B ein. In 11) und 12) ist die Lebens- 
dauer der einen Form unabhängig von der M^njfe ihrer Individuen; 

RUcksichtlich derVerdrängaog terHalt sich die Gleichung U 
im Allgemeinen wie die Gleichung I. Die gegenseitige 
Verdrängung ist Uo^d partiell Es giebt für jeden einzelfteü 



138 Sitzung der math,-phys. Classe. 

Fall einen stationären Zustand mit constant bleibenden 
mittleren Individuenzahlen der Formen A und B. Ist das 
Gleichgewicht einmal aus irgend einem Grunde gestört, sind 
somit die beiden Formen in einem andern Zahlenverhältniss 
vertreten, so ändert sich dieses jährlich, bis das Gleich- 
gewicht wieder erreicht ist« Der Einfluss der Individuenzahl 
auf das mittlere Alter giebt sich nur darin zu erkennen, 
dass eine Erhöhung des letzteren den Verdrängungsprocess 
verlangsamt, während die Erniedrigung der Lebensdauer 
ihn beschleunigt. 

Unter den zahllosen Fällen, welche die allgemeine 
Gleichung II zulässt, giebt es nur einen einzigen, in welchem 
mathematisch eine totale Verdrängung erfolgt, nämlich 
wenn die Lebensdauer proportional der Individuenzahl 
ist, wenn also ihre Ausdrücke die Gestalt annehmen, 

— = — und \ ^ » Diese Voraussetzung kann aber wohl 

als physisch beinahe unmöglich bezeichnet werden. 

Der genannte Grenzfall tritt nur ein, wenn die allgemeine 
Gleichung sich folgendermassen gestaltet 

1 z , J_ z, __ , 

'^(jj '-^^ 

und wenn zugleich hierin die mit —p- und —r- yerbundenen Fac- 

toren einander gleich werden, was nur dann erfolgt, wenn 

f ( -^ I = "y- und ^ ( "^ f = '~4'' ^*^ hat nun die 
Gleichung 



18) i_L i,A. 

Z Z 

oder was das Nämliche ist 

_ + _ = e + e, 

Diese Gleichung fuhrt im Allgemeinen die totale Verdrängung 
herbei. In einqm besond^rn Ff^lle aber bleibt die Verdrängung 



uf 



NägeJi: Verdrängung der Pflanzenfarmen, 139 

Z Z 

ganz aas; nämlich dann, wenn — j- = e and -r-=re, and somit auch 

^ e = ^, e,. Da z and z, in diesen Bedingungsgleichangen fehlen, 
so folgt daraus, dass diese Grössen mathematisch unbestimmt sind, 
dass also die Formen A und B in jedem beliebigen ZahlenverLältniss 
die Gesammtsumme Z zusammensetzen können, und dass sie in dem 
einmal bestehenden Yerhältniss fortan yerharren müssen. ^^) 

Es sei in der Gleichung 18) 6 = 150, 6, = 80 und Z = 1000, 

Z Z 

femer = —=- = 6,67 und e, =—7- = 12,6, so besteht Beharrung 
o o, 

bei jeder Grösse von z und z,. Es sei z. B. z = 600 und z, = 600, 

so wird die Lebensdauer von A oder d = 16 und diejenige von B 

oder d, = 72, Verlust und Ersatz von A = 6,67, von B = 12,5. 

Wenn z =6,67 und z, = 993,33, so wird d=l und d,= 79,47 wahrend 

Verlust und Ersatz von A wieder 6,67 und von B 12,5 betragen. 

Wenn z = 987,6 und z, = 12,5, so wird d = 148,126 und d, = 1, 

Verlust und Ersatz von A und B wieder 6,67 und 12,5. 

Das Beharren der beiden Formen in der einmal vorhandenen 

Individuenzahl ist die nothwendige Folge des Umstandes, dass jede 

Form ihren jährlichen Verlust durch einen gleich grossen Ersatz 

deckt. Ist dagegen das Verhältniss des jährlichen Nachwuchses ein 

Z Z 

anderes, ist —7- f 6 und —7- %, e„ so erfolgt nothwendig die totale 

Verdrängung der einen Form. Denn wenn z. B.-^ >e , so bleibt 

diese ungünstige Störung der jährlichen Bilanz, bis die Zahl von A 

Z 

(z) Null geworden ist. Wenn dagegen —j- <C 6, so nimmt z jähr- 
lich zu, bis es die Zahl Z erreicht hat und die Form B verschwunden 
ist. — Es sei in der Gleichung 18) wieder 6 = 160, 6, = 80, 
Z = 1000, aber e, = Se. Nun ist der jährliche Verlust von A 



10} Diese mathematische Folgerung würde physisch insofern 
eine Beschränkung erleiden, als z nicht unter-j- und z, nicht unter 

Z 

—j- sinken kann. Diese Grenzwerthe geben nämlich den constanten, 

von der Individuenzahl unabhängigen Verlust uud Ersatz an; sie 
sind zugleich auch die untern Grenzen für die Mengen der Individuen, 

^eren Lebensdauer „ und L ' nicht kleiner als l werden darf. 



140 8iUun§ der matK-fhtf^i, Okuse, 

(unabhängig yon der Grösse yon z) = 6,67, der jährliche Verlust 
▼oü B ^ 1^,6. Der G^kJnmtverlost Von 19,1? ^rä von A zu % 
also mit 4,79, von B zu V^i ^^bo mit 14,88 gedeckt. Es miiss daher 
die Individaenzahl von A (z) jährlich am 1,88 abnehmen, diejehige 
von B (z,) um den gleichen Betrag zunehmen, bis t, = 1000 und 
und z = 0. 

Wenn in der allgemeinen Gleichung II bloss die Individdenzahl 
der einen Form die in 18) für beide Formen eingef&hrte Gestalt 
annimmt, so besteht wie in ailen andern Fällen eitle theilweise 
Ve]*drähgung. Dks eintechste Beispiel hielfSr ist folgende Gleio'^tthg 

14) ^8, i, 

Am. 

Hierin sind z und z, , ferner das Alter vöii A oder -»- eniaiicli 
e und e, variabel, 6 und d^ constant. Wenn 6 =±: 15, d, = 8, 
Z = 1000 und e, ^^-5-» so wird im stationären Zustände 6=6^,07, 
e, — 22,22/ z = 822,2, t, = 177,8 und das Alter von A = 12,'8a. 



Ein allgemeiner möglicher Fall ist ferner der, dass 
die mittlere Lebensdauer der einen Form modi- 
fizirt wird durch die Individu^nzahl der andern 
Form, während sie von der eigenen unabhängig ist. Es 
ist denkbar, dass die Pflanzen von A in ihrem Gedeihen 
beeinträchtigt werden durch diejenigen von B, weil die 
letzteren ein stäf-keres Wurzelvermogen be^tzen, und jehen 
die Nahrung wegnehnden, oder weil sie grösser werden und 
jene beschatten u. s. w. Es kann aber auch die Anwesen- 
heit der Foriü B günstig auf das Wohlbefinden von A ein- 
wirken, wenn jene einen ungünstigen Einfiuss, z. B. die An- 
griffe eioes Thieres von A theilweise fern hält. Für diese 
Voraüsselzongen gilt die ällgeöieine Gl^cHÄng 



'('.^) <'-t) 



NägeU: Verdrängung der I^fianzenformen. 141 

Diese Gleichung yerl^glt mh wifi H, indem sie im 
Allgemeinen ebenfalls nar eioß partielle Verdrängang ge- 



stattet. 



H P ^, ^ = e + e, 



W A f. . J^^LlTi A f. . jaz 



0+^) ''(>+-¥-) 



Wenn ^ = 15, ^, = 8, m = 3, m, = V«, Z = 1000 und 
e, =: 10 e, 80 wird im stationären Zastande d = 21,85, d, = 11,70, 
z :f= IM (Bt^U 1^8), :^, ^ 846 («tatt U%\ e == 7,2 (statt 10,5) und 
^, === 72;2 (stau 105). 

•*W m» Zf in 2 

•Wenn «J = 16, <J, = 8, m = 8, m, = Vt, Z = 1000 und 
e, = lOe, 80 wird im BeharrangSEustande d = 28,05, d, = 14,67, 
z = 151,5 (statt 158), z, = 848,5 (statt 842), e = 5,81 (sUtt 10,5) 
und e, = 58,1 (statt 105). 

+ .... >ry == e + e,. 



^ z, ' z 

Wenn <J = 15, ^, = 8, Z = 1000 und «^ = lOe , so wird für 
das Gleicbgewichtstadium d == 15,3, d, = 43,4, z = 84 (statt 158), 
z, = 966 (statt 842), e = 2,22 (stott 10,^5), e, = 22,2 (statt 105). ' 

18) —P - - -X +-^^ ~- ^ = e + e,. 



'0-=^) ''O-*) 



Wenn ^ = 15, ^, = 8, m == 1, m, = V*, Z = 1000 und 
e, = 10 e, so wird im stationären Zusjband^ d = 1^,8, d^ = 6,8, 
z =^ 147,5 (sUtt 158), z, = 8|2y5 (statt 842]^ ^ 7= 12,5 (statt 10,5) 
und e, = 125,0 (statt 105). 

19) ■- -^ 

^ . m, z, m z 

i+"t- i+-z^ 

Wenn a = 15, a, = 8, m = 1, m, = V*» Z = U)()Q 1^4 
e, = 10 e , so wird im stationären Zi^stande d = 12,37, d, = 6,95^ 
z = 151,1 (statt 158), z, = 848,9 (ftatt 842), e = 12,21 (statt lO^j 
und e, = 122,1 (statt 105). 



142 Sitzung der tnaiK-phys, Classe, 

Wenn ^ = 16, a, = 8, Z = 1000 und e, =:10 e , so wird im 
Beharrungszustande d = 13,02, d, = 3,97, z = 24C,7 (statt 158), 
z, = 763,3 (statt 842), e := 18,96 (statt 10,6), e, = 189,6 (statt 106). 

z ' z 

Wenn ^ = 16, ^, = 8, Z = 1000 und e, = lOe , so wird im 
Gleichgewichtszustände d = 10,47, d, = 2,42, z = 802 (statt 158), 
z, z= 698 (statt 842), e = 28,84 (statt 10,6), e, = 288,4 (statt 105). 

Es wurde bei den Gleichungen 16) bis 21) die Annahme ge- 
macht, dass die Individuenzahl in gleichem Sinne die Lebensdauer 
der beiden Formen modifizire, und zwar vermehrt sie dieselbe bei 
16) bis 17) und vermindert sie bei 18) bis 21). Die fernere Annahme, 
dass die Lebensdauer bei den beiden Formen in ungleicher Weise 
durch z und z, verändert werde, oder dass sie bei der einen der- 
selben von diesen Grössen unabhängig sei, würde ebenfalls nur Bei- 
spiele für die partielle Verdrängung ergeben. 

Es giebt auch für die allgemeine Gleichung III unter den 
zahllosen besondern Fällen, deren sie fähig ist, nur einen einzigen, 
welcher die totale Verdrängung zulässt, nämlich wenn die Lebens- 
dauer jeder der beiden Formen im umgekehrten Verbältniss steht 
zur Individuenzahl der andern Form, wenn also die Ausdrücke da- 
für die Form erhalten und ' 



Zf z 

Für diesen Grenzfall muss die Gleichung III die Gestalt an- 
nehmen 

— ^ t-^-r- ■ ■ = e -4- e^ 

und es müssen femer die mit -v- und -j— verbundenen Factoren 
einander gleich werden. Damit aber diess geschehe, muss 

(_ \ rr V \ 7 

-^) = — und^p {-^) = — werden. Man erhält somit die 
zj Z, ^ £i Z 

Gleichung 

H ~ =r e + e, oder 



22) ^ Z • ^^ Z 



z. z 



Nägdii Verdrängung der Pflanzenfarmen, 143 

1 z Zr i_ 1 z 2 



+ -1 ^ = e + e,. 



S Z ' a, Z 
In dieser, wie in allen andern Gleichungen, kann je nach den 
numerischen Werthen von 6 and 6, und dem Verhältniss von e:e^ 
der j&hrliche Verlast und der jährliche Ersatz jeder einzelnen Form 
alle möglichen gegenseitigen Verhältnisse zeigen. So kann der Ver- 
last von A grösser sein als der Ersatz, wobei dann nothwendig der 
Verlust von B kleiner ist als der Ersatz, also 

1 z z, ^ J 1 « 2# ^ -x 

-j 2~ > ö ond -^ g— < e,, somit 

— =^ > ^ e und — =^ < ^^e, und femer 

6e <C ^9^9 oder e, > —5 — 

^ e 
d. h. es erfolgt totale Verdrängung der Form A, wenn e^ ^ — 7 — 

^9 
indem der Verlast für jede Grösse von z und z, den Ersatz überwiegt. 

Wenn der Verlast von A kleiner ist als der Ersatz und der 

Verlust von B grösser als der Ersatz, wenn 

1 z z, ^ ,1 z z, 



„ < e und -^ =r- > e#t somit 

9 S 

- < ^ e und — =^ > 6, e, und daher 



^ e > ^, e, oder e, < — j — t 

^9 

80 wird die Form B vollständig verdrängt. 

Sind aber Verlast und Ersatz für jede der beiden Formen sich 

gleich, ist 

1 z z, . 1 z z, .. 

-j ^ = e und -j ^ = e,, somit 

Z Z^ • . Z Zy 



= ^ e und — ~ -= 6, e, und femer 
6 e =2 S,e, und e^ = 



Bo erfolgt keine Verdrängung; die beiden Formen dulden sich in 
jedem beliebigen Verhältniss der Individaenzahlen. 

Es sei ^ = 15 und S, = 8, so wird A vollständig verdrängt, 

wenn e, > — r — ; B wird vollständig verdrängt, wenn e, < 



15 e 
und die Verdrängung bleibt ganz aus, wenn e, = — ^ — • Es sei 

o 



H4 Sitifmg der, ma^.-ghy$. Chm. 

15 b 
z. B. e, = 3e , al^o ^ > — ^, so veuliert dio ^orm A, wenn sie 

mit 900 Injüvidiji^ verirren 4st, Q und g^wiant dnrpfa den Ersatz 

bipsfi 4,31, während dieF<3|nnB 11,25 y^liert find dMor 12,84 gewinnt. 

Sind beide Formen in der Zahl vpn 500 vorl^ftpdein, qo ist dec Yerlnst 

v^n k = lß,Q7 und sein Brsat« 11,97, di^gegßn dpr YeHpst von 

£f = 81,25 und sein E^at^ =:;^ 85,92. Ist z =;;: 100 anj| t, = 900, 

so verliert A 6 und ge^ii^t 4,3}, i^esf P U,25 mbüs^t und daför 

einen Zuwachs von 12,94 erl^ält. 

Damit (wenn d = 15 ui^d 6^ == 8) keine yei;.drangung erfolge, 

15 e 
muss e, = /äje^. I§t nu?i z = ^ und ^ = 100, so wird 

der Verlust von A = .6 und der Ersatz ebrafalls = 6, der Verlust 
von B = 11,25 und dfir Ersatz ebenfalls = 11,25. Ist z = 500 
unfl z, = 500, so wird der Verlust und Ersatz yon A = 16,67 m^d 
deij,enige von B = 31,25. Ist z = 100 und z, = 900, so wird der 
Vprlußt und Ersatz von k ^^ ^ md deijenige von B =^ 11,25. 



Es kann die mittlere Lebensdauer jefler Form 
endlich auch bedingt werdendurcbdielnidividuen- 
zahlen der beiden Formen zugleich, 8ei es, dass 
dieselben beide in gleichem Sinne aber in ungleichem Maasse, 
sei es, dass siejn ent^^.enge^,etzjbein Sippe, die eine er- 
höhend, die andere erniedvigend eipwirke^. Man hs^t nufi 
die allgemeine Gleichung 

IV z , z, , 

H 7 Z — = e + «1 



'(■»■i-l- '■(^.•T- 



z 

Yon 4en |u}ii[i)(08j^ sj^eoiellea F&Upff ntqgen hier nur wenige 
Beispiele folgen. 

1^®°5 ^ = |?f ) ^f == ? » »9 = 3 , m, ~ 1 , m, = 1, 

nSa =r -^ , 9 r^ JOqa ||]|^ fi, =5 IP^, so wird va\ statioQänen Zu- 
stande d = 8%f , d, = 9,7 , z = 284 (statt 158) , z, = 716 (stftt 
849) , e = 7,37 (^^^^^ 10,6) und e, = 73,7 (statt 105). 



Nagelt: Verdrängung der JPflaneenformen, 145 

' z z# 

Wenn 6 = 16 , S, = Q , Z = 1000 und e, = lOe, so wird 
im Beharrangszustande d = 22,6 , d, = 5,3 , z = 802 (statt 158) , 
z, == 698 (statt 842) , e = 13,26 (sUtt 10,5) und e, = 182,6 
(statt 105). 

26) -rT-r-+— rT-r-=e + e, 



sV^ 6^y. 



z, ' z# 



Wenn ^ = 15 , a^ = 8 , Z = 1000 und e^ = lOe, so wird 
im stationären Zustande d = 6,49 , d, = 8,46 , z = 157,9 (= 158) , 
z, = 842,1 (= 842) , e = 24,81 (statt 10,5) , e, = 248,1 (statt 105). 
Die Individuenzahlen sind die nämlichen wie för die Gleichung T, 
aber Lebensdauer und Ersatz sind verschieden. 

z z 

Wenn ^ = 15 , a, = 8 , Z = 1000 und e, = lOe, so wird 
im Gleichgewichtsstadium d == 84,6 , d, = 18,5 , z = 157,9 
(— 158) , z, = 842,1 (= 842) , e = 4,56 (statt 10,5) , e, =r 45,6 
(statt 105). Die Individuenzahlen sind die nämlichen wie für die 
Gleichungen 26) und I. 

H TTT^ = e + e, 



28) z,i/Z • zi/Z 

Wenn <J = 15 , <J^ = 8 , Z = 1000 und e^ — lOe, so wird 
im Beharrungszustande d = 17,05 , d, = 3,33 , z = 838,6 (statt 
158) , z, = 661,4 (statt 842) , e = 19,86 (statt 10,5) , e, = 198,6 
(statt 105). 

z I z, , 

H zr- = e + e, 



29) sJL-S,^ 

z, z 

Wenn ^ = 15 , J, = 8 , Z = 1000 und e^ = lOe, so wird 
im stationären Zustande d = 80,0 ^ d, == 1,05 , z ^-^ 842,1 (statt 
168) , z, = 157,9 (statt 842) , e = 10,5 (= 10,5) und e, = 105 
(= 105). 

Die allgemeine Gleichang IV gestattet, wie die Gleich- 
ungen II und III, in der Regel blos eine theilweise Ver* 
drängang. Doch kann auch hier ausnahmsweise unter 

[1874,2 Math.-phys. GL] 10 



146 Sitzung der math.-phys, Clasae, 

bestimmten Voraassetzangen sowohl partielle als totale 
Verdrängung eintreten und zwar in einer ganzen Reihe von 
Grenzfallen. 

Jene Voraussetzungen sind nämlich, wie hei II und III, einmal, 
dass die Gleichung IV die Form annnehme 

+ y- -rz — -zr^ = e + e. 



'(T-f) 'Xi'i) 



und ferner, dass die mit -^ und -r- yerhundenen Faktoren 

z z 

und einander gleich werden. Es kann 



nun jede Function von z und z^ in die Form dieser Factoren zer- 
legt werden, und daher giebt es zahllose besondere Fälle für die 
totale Verdrängung; aber jeder einzelne derselben ist nur der Grenz- 
fall einer unendlichen Reihe, indem jedesmal die mit -r and 7- 

yereinigten Factoren in unendlich vielen Fällen ungleich und nur 
in Einem Falle gleich sind. 

Beispiele für solche Gleichungen, welche die totale Verdrängung 
bedingen, sind folgende 



80) 



H — ^^ e + öf oder 



.|/A ,,|/^ 



Vzz, ^Vj^ ^^^^^ 



31) e i/zz, . l/Z 



6 ' 6, 

H -. — 3- ^^ e -j" 0/ oder 



^V'-^, ^,V^ 



Z* ' ' zZ 

H 7-7» = e + e, oder 



82) . l/Z« ^ , l/z^ 






Vz\ . Vz-z 



rS. 



'+-=^^-e + e. 



«Jz "^ j;s 



33) 



Nägcli: Verdrängung der Pftanzenfitrmen. 147 



z z. 

+ =6 + 6, oder 



z ■ . z, 



, mzz, mzz, 

1 -h-i^r- 1 + 



Z« * ^ Z» 



T V^ + -zT) + 17 V^ + ^T-j -= e + e, 
Für jede dieser Gleichangen können die bei der Gleichung 22) 
besprochenen verschiedenen möglichen Fälle eintreten. Es findet 

^e 
immer vollständige Verdrängung von A statt, wenn e, ^ -r- , — 

So ' 

vollständige Verdrängung von B, wenn e, <--=-, — und Beharren 

der beiden Formen in ihrem einmal bestehenden numerischen Ver- 
hältnisse wenn e, = -j-. 

Es sei in der Gleichung 30) ^ = 15 und ^, = 8, so bleibt 

15 e 
die Verdrängung ans, wenn e, == — r— . Ist A mit 900 Individuen 

o 

vertreten und B mit 100, so beträgt der Verlust und der Ersatz 

f ür A 20, derjenige für B 37,5. Ist z = z, = 500, so wird der 

Verlust und der Ersatz f ür A = 33,3 und derjenige für B = 62,5. — 

15 e 
Es erfolgt dagegen Verdrängung von A , wenn e, > — - — . Ist z.B. 

o 

e, = 3e, 80 verliert die mit 900 Individuen vertretene Form A 20 
und gewinnt nur 14,4, während die mit 100 Individuen vertretene 
Form B 37,5 verliert nnd 43,1 gewinnt; — die 500 Individuen 
zählende Form A verliert 33,3 und gewinnt 23,9, indess die 600 
Individuen zählende Form B 62,5 einbüsst und 71,9 als Ersatz 
erhält. 

Wie die Lebensdaaer kann auch der jährliche 
Ersatz darch die Zahl der Individuen modi- 
ficirt werden. Zunächst kann diess durch die Individuen- 
zahl der eigenen Form geschehen. Die Menge der 
Pflanzen wird dann einem zahlreicheren Nachwuchs forderlich 
sein, wenn verhältnissmässig nur wenige keimfähige Samen 
erzeugt werden, oder wenn die alten Pflanzen irgend einen 
schädlichen Einfluss von den Eeimpflänzchen abwenden. 
Andererseits kann die grössere Individuenzahl nachtheilig auf 

den jungen Aufwuchs einwirken, wenn sie demselben z. B. 

10* 



148 Sitsiung der math.-phya, Classe* 

gewisse spärlich vorhandene Nährstoffe entzieht. Unter 
diesen Voraussetzungen besteht die allgemeine Gleichung 

Der Ersatz ist in den Gleichungen I bis IV durch e 
und e^ ausgedrückt, welche Grössen in einem bestimmten 
Verbältniss zu einander stehen und durch alle inneren und 
äusseren constanten Momente bedingt werden, die auf den 
Nachwuchs Einfluss haben. In der Gleichung V haben 
€ und B^ die gleiche Bedeutung, und sie werden zu e und e^ 
sowie die Functionen unabhängig von z und z^ werden. 

a) Wenn d = 16,d, = 8,m = 3,m, =— ,Z = 1000 und 

«>, = lO^v 80 wird im stationären Zustande z = 165 (statt 
158) , z, = 835 (statt 842) , e (Ersatz von A) = 11 (statt 
10,5) und 6, (Ersatz von B) = 104 (statt 105). 

b) Wenn d = 15,d, ==8,m = -l , in, = 5,Z= 1000 

8 

und f, = 8f, so wird im Beharrungsznstande z = 55,4 
(statt 189,9) , z, = 944,6 (statt 810,1) , e — 3,7 (statt 12,7) 
und e, == 118,1 (statt 101). 

a) Wenn d=15,d^ = 8,m = l,m^ = JL , Z = 1000 

4 
und f^ = 10 ^, so wird im Beharrungszustande z = 165 

(statt 158) , z^ = 835 (statt 842), e = 11 (statt 10,5) , 

e^ = 104 (statt 105). Die Werthe von z , z, , e und e^ 

sind genau die gleichen wie in Gleichung 34 a. 

b) Wenn d = 72 , d, = 36 , m = -1 , m, = A ,Z = 1000 

6 9 

und e, =:: Se , so wird im Beharrungszustande z = 252 
(statt 200) , z, = 748 (statt 800) , e = 3,5 (statt 2,78) und 
e, = 20,8 (statt 22,22). 

ȧ) d"^d, ^_^ mz "t- ^^ ni,z, 



Nägeli: Verdrängung der Pflanzenformen. 149 

Wenn d = 16 , d, = 8 , m = 8, m, = -1 , Z = 1000 , 

e, == 10 £ , 80 wird im Qleichgewichtssustande z = 164 (statt 158) , 
z, = 846 (statt 842) , e = 10,8 (statt 10,5) and e, = 106,6 
(statt 105). 

37)] d "^d, " mz "^ m,z, 

Z Z 

Wenn d = 15,d^ = 8,m = l ,m, = — ,Z 1000 und 

4 

e, = 10 £, so wird im Beharrangszustande z = 148,5 (statt 168), 

z, z=z 861,5 (statt 842) , e = 9,9 (statt 10,6) und e, '•= 106,4 

(statt 105). 

») T + e = -»^f + '• VI- 

Wenn d = 16 , d, = 8 , Z =r 1000 und <», = 10 « , so wird 
im Beharrangszustande z =: 88,96 (statt 158) , z, = 966,04 (statt 
842) , e =: 2,26 (statt 10,6) und e, = 120,76 (sUtt 106). 

»») T+t = 'V4 + ..Vf 

Wenn d = 16,d, = 8,Z = 1000 und f, = 10 « , so wird 
im Gleichgewichtszustande z =^ 246,7 (statt 168) , z, = 758,3 (statt 
842) , e = 16,45 (statt 10,5) und e, = 94,16 (statt 105). 

' d ' d, z z, 

Wenn d = 16 , d, = 8 , Z = 1000 und e, = 10 e, so wird 
im stationären Zustande z = 802 (statt 158) , z, = 698 (statt 
842), e = 20,1 (statt 10,6) und e, = 87,26 (statt 106). 

«) 'T+t = '('--f-)+-0+^) 

Wenn d = l2,d^ = 8,m = A,xn, = 9,Z= 1000 

10 

2 s 

und e, = —L — y so wird im Beharrangszustande z = 500 (statt 

5 
909) , z, = 600 (statt 91) , e = 41,67 (statt 75,76) und e, = 166,67 
(statt 80,8). 

Wenn d = 16 , d, = 8 , Z = 1000 und b^ = 10 ^, so wird 
im Beharrungszustande z = 292 (statt 168) ^ z, = 708 (statt 842) ^ 
e = 19,5 (statt 10,5) und e, = 88,6 (statt 106). 



c 



150 Sitzung der math.-phys, Classe. 



48) 



T+d7 = ^V^^) + '' 



Wenn d == 72 , d, = 36, m = A , Z = 1000 und e, = 8 f , 

6 

so wird im Gleichgewichtszustände z = 165 (statt 200) t ^ = ^^ 
(sUtt 800) , e (Ersatz für A) = 2,43 (statt 2,78) ui^ e, = 22,92 
(statt 22,22). 

2 , Z, 1/ Z , 

**) T + d7 = * V T + "' 

Wenn d = 15 , d, = 8 , Z = 1000 und e, = 10 e, so wird 
im Beharrungszustande z = 266,5 (statt 158) , 2, = 783,5 (statt 
842) , e (Ersatz für A) = 17,8 (statt 10,5) und e, = 91,7 
(statt 105). 

In allen speciellen Gestalten, welche die allgemeine 
Gleichung V annehmen kann, ist die Verdrängung mit einer' 
einzigen Ausnahme jedesmal nur eine partielle. Es giebt 
für jeden Fall einen Beharrungszustand, in welchem die 
Individuenzahlen einen constanten mittleren Werth behalten. 
Sind die beiden Formen einmal in einem anderen numer- 
ischen Verhältniss vorhanden, so verändern sie dieses fort- 
während, bis jener stationäre Zustand wieder hergestellt 
ist. — Der Ausnahmsfall, welcher die totale Verdrängung 
bedingt, ist dann gegeben, wenn der Ersatz jeder der beiden 
Formen proportional mit der Individuenzahl sich verändert, 

wenn also die Ersatzausdrücke e -=- und e^ -^ werden. 

Damit der genannte Grenzfall eintrete, müssen die Grössen 
z und z, aus dem Verhältniss, das zwischen dem Verlust und dem 
Ersatz besteht, verschwinden. Diess ist nur dann der Fall, wenn 
die Gleichung die Gestalt annimmt 

Diese Gleichung verhält sich analog wie 18). Sie gestattet 
folgende 3 Fälle: 

1) Der Verlust der Form A ist grösser als der Ersatz, womit 
nothwendig verbunden ist, dass der Verlust von B kleiner ist, als 
der Ersatz; also 



NägeHi: Verdrängung der Pflanzenformen. 151 

-^ > *-|- und -J- < *, |-«)mit 
-1 > -^ und -1 < -J- und 

de < d^^ oder e, >J -^— 

Unter diesen Umständen geht die Form A, sie mag in irgend 
einer Individuenzahl vorhanden sein, ihrer totalen Verdrängung ent- 
gegen, weil bei jedem Yerhältniss von z nnd z, der Verlust von A 
immer den Ersatz überwiegt. Wenn z. B. d = 9 , d, = 15 und 

e,= -^ (also grösser als -r- oder -r-), so verliert A, welches mit 

900 Individuen vertreten ist, 100 und gewinnt 98,0, während B mit 
100 Individuen 6,7 verliert und 8,7 gewinnt. — Ist z = z^ = 600, 
so beträgt der Verlust von A 55,66 und der Ersatz 49,38, der Verlust 
von B 33,83 und der Ersatz 39,60. — Ist z = 100 und z, = 900, 
so beträgt der Verlust von A 11,11 nnd der Ersatz 8,67, der Verlust 
von B 60 und der Ersatz 62,44. 

2) Bei der Form A übertrifft der Ersatz den Verlust, während 
bei B das Umgekehrte stattfindet; also 

z ^. z j z, ^ z, . 

-^ < e— nnd -j- > e, "2- somit 

de > ä,e, oder e, <Z -r- 

Aus diesen Bedingungen folgt die vollständige Verdrängung 

2c / 
von B • , — Wenn d = 9 , d^ == 15 und e, = — I also kleiner als 

de 3 e\ 

-r- oder -=- 1 , so verliert A mit 900 Individuen 100 und gewinnt 

a, / 

102,2, während B mit 100 Individuen 6,7 verliert und 4,6 gewinnt — 

Ist z :^ z, = 600, so beträgt der Verlust von A 56,61 und der 

Ersatz 63,6, dagegen der Verlust von B 33,8 und der Ersatz 25,4 — 

Ist z = 100 und z, = 900, so beträgt der Verlust voü A 11,1 und 

der Ersatz 15,5 , der Verlust von B 60 nnd der Ersatz 55,6. 

3) Der Ersatz ist bei jeder Form gleich gross wie ihr Ver- 
lust; also 



152 Sitzung der matK-phys. Ofoase. 



z 
d 


— 


z 


und 






*' Z 


somit 


1 
d 




€ 
Z 


and 


1 
d, 


— 


z 


und ferner 


de 


— 


ä,e, 


oder 


f, 




d« 





In diesem Fall findet überhaupt keine Verdrängung statt, 
indem jede der beiden Formen ihren Verlust vollständig deckt. — 



bei 



Wenn d = 9 , d^ = 15 und e^ = — ( = -^ J , so verliert A 

einer Individuenzahl von 900 jährlich 100 und gewinnt ebenfalls 
100, während B mit 100 Individuen 6,7 verliert und gewinnt.» — 
Wenn z = z, = 600, so betragt der Verlast und der Ersatz von 
A 56,5, der Verlust und der Ersatz von B 33,3. — Wenn z == 100 
and z, = 900, so beträgt der Verlust und der Ersatz von A 11,1 , 
der Verlust und der Ersatz von B 60. 



Eine andere allgemeine Möglichkeit besteht darin, dass 
der Brsatz der einen Form verändert wird durch 
die M^nge der anderen Form, indem diese dem 
jangen Nachwuchs bald einen günstigen Einfluss entzieht, 
bald auch einen schädlichen Einfluss von ihm abwendet. 
Diess wird durch die allgemeine Gleichung ausgedrückt: 

Dieselbe verhält sich wie die Gleichung V, indem sie im 
Allgemeinen blos eine partielle Verdrängung bedingt. 

Wenn d=15,d^ = 8,m = 3,m^=— ,Z = 1000 und 

b 

e, = IQe , so ist z = 130 (statt 158) , z, = 870 (statt 842) , e = 8,7 
(statt 10,5) und e, rr 108,7 (statt 105). 

") i+t=-0-^) + <.0-^) 

^^ 1 

Wenn d = 15 , d^ ~ 8 , m = 3 , m, = - - , Z = lOOO und 

4 

e, = 10 fi, so wird im stationären Zustande z = 147,5 (statt 158) , 
z, = 852,6 (statt 842) , e = 9,83 (statt 10,5) und e, = 106,6 
(statt 105). 



Nagelt: Verdrängung der Pflansenformen, 153 

-r + ^- = zrr + 



48) d • d, m^ ■ ^ , _m^ 

z z 

Wenn d— 16,d^ = 8,m = l,m^=-— , Z= 1000 und 

4 

£, = 10«, so wird im Gleichgewichtszustände e = 151,1 (statt 
158) , z, =z 848,9 (8Utt842) , e = 10,08 (statt 10,5) und e, = 106,11 
(statt 105). 



49) d d, , m,z, *^ ^ mz 



z z 

Wenn d=15 ,d, = 8,m = 3,m, = ~,Z = 1000 

und e, = 10«, so wird im Beharrnngszustande z = 151,5 (statt 
158) , z, = 848,5 (statt 842) , e = 10,1 (stett 10,5) und e, == 106,6 
(statt 105). 

Wenn d = 16 , d, = 8 , Z = 1000 und e, = 10c, so wird 
für den Gleichgewichtszustand z = 246,7 (statt 158) , z, = 753,3 
(sUtt 842) , e = 16,45 (sUtt 10,5) und e, = 94,16 (sUtt 105). 

Wenn d = 15 , d, = 8 , Z = 1000 und e, = 10«, sowird 
im Gleichgewichtszustande z = 33,96 (statt 158) , z, = 966,04 
(stett 842) , e = 2,26 (stett 10,5) und e, =r 120,75 (stett 105). 

52) T+d7 = *t + '' z- 

Wenn d = 15 , d, = 8 , Z = 1000 und «, = 10«, sowird 
im Beharrnngszustande z = 302 (statt 158) , z, = 698 (statt 842) , 
e = 20,1 (statt 10,5) und e, = 87,26 (stett 106). 

Die angeführten Beispiele enthalten, mit Ausnahme von 61, nur 
solche Fälle, wo die Indiyiduenzahl bei beiden Formen in analoger Weise 
und in gleichem Sinne modificirend einwirkt. Andere Beispiele, wo die 
Modification in verschiedener Weise oder in entgegengesetetem Sinne er- 
folgt, zeigen das nämliche Ergebniss, nämlich eine theilweise Ver- 
drängung. 

Auch für die allgemeine Gleichung VI giebt es einen 
einzigen speciellen Fall, in welchem totale Verdrängung der 
einen oder andern Form eintritt. Er ist dann gegeben, 



154 Sitzung der matK-phys. Classe, 

wenn der Ersatz jeder der beiden Formen umgekehrt pro- 
portional der Individaenzahl der andern Form sich ver- 
ändert, wenn also die Aasdräcke für den Nachwacbs 

e — und €. — werden. 
z * z 

Die Bedingungen für diesen Grenzfall sind auch hier, dass die 
Grössen z und 2, aus dem Yerhältniss, welches zwischen dem Verlust 
und dem Ersatz der beiden Formen besteht, verschwinden. Zxi diesem 
Behufe muss die Gleichung die Gestalt annehmen 

Wenn ^- 2> * — w°d ^ < ^# — somit 

ä ^ 1, d, z 

zz, > dfZ und zz, < d,f,Z daher 
de <; d,e, und *f > "T" » 

so wird unter allen Umstanden die Form A vollständig verdrängt. 

4 ^ / de 

Wenn d = 9 , d, = 15 und f, = — f also grösser als -r- oder 

3 *\ 

— 1 , so verliert z. B. A bei einer Individuenzahl von 900 jährlich 

100 und gewinnt dafür 98, während B mit 100 Individuen seinen 
Verlust von 6,7 durch 8,7 ersetzt. 

Wenn -r- <C * — ' und -r- > e, — somit 
d z, d, ^ z 

zz, <C deZ und zz, >> d,^)Z daher 

de > d,*, und */ < -J"» 
so ,wird die Form B vollständig verdrängt. £s sei wieder d = 9 , 
d, = 15, aber f , = — f also kleiner als -r- oder — j , so ver- 
liert z. B. A mit 900 Individuen 100 und gewinnt dafür 102,2, 
während B mit 100 Individuen auf einen Verlust von 6,7 blos einen 
Ersatz von 4,5 hat. 

Wenn — - = e — und -^ = f, — somit 
d z, d, z 

zz, = dfZ und zz, = d,f',Z daher 
de = d,e, und e, = —^ 



Nägeli: Verdrängung der Pflanzenformen, 155 

80 bleibt alle Yerdrangung aus, indem jede Form in ihrer Individuen- 

mtil beharrt. Es sei d = 9 , d, = 15 und *, = — , so beträgt 

für die mit 900 Individuen vertretene Form A der Verlust und der 
Ersatz 100 und für B mit 100 Individuen 6,7. 



VII 



Endlich kann der jährliche Ersatz jeder Form 
darch die Mengen der beiden Formen zugleich 
verändert werden, indem jede derselben günstig oder 
angiinstig den jungen Aufwuchs beeinäusst. Für diesen Fall 
besteht folgende allgemeine Gleichung 

ö*) T+ dT— M^ + -z-+-z-) 

/ miz , msz, *\ 

Wenn d= 16,d, = 8.m = 3,m, = l,m8 = -r-, 

9 

m*t = — , Z = 1000 und «, = 10^, so wird im Beharrungszustande 

D 

z = 284 (statt 158) , z, = 716 (statt 842) , e = 18,93 (statt 10,6) 
und e, = 89,5 (statt 105). 

** **/ z z, 

Wenn d = 16 , d, = 8 , Z = 1000 und«, = 10«, so wird 
im Beharrnngszustande z = 802 (statt 158) z, == 698 (statt 842) , 
6 = 20,1 (statt 10,5) und e, = 87,2 (statt 105). 



56) 



T + 1 =' 11^4 + •■ ^1^1 



Wenn d = 15 , d, = 8 , Z = 1000 und e, = 10 f, so wird 
im Gleichgewichtszustande z = 338,6 (statt 158) , z, = 661,4 (Btatt 
842) , e = 22,6 (statt 10,5) und e, = 82,7 (sUtt 105). 



2|_ Z/— «ZioZf 



jb I ib. Sb I 

^ d d, z, z 

Wenn d = 15 , d, = 8 , Z = 1000 und «, = lOe , so wird 
im Beharrungszustande z = 842,1 (statt 158), z, = 157,9 (statt 842,) 
e = 56,14 (statt 10,5) und e, = 19,74 (statt 105). 



'1 



156 Sitzung der matK-phys, Classe. 

Die allgemeine Gleichung VII führt, wie V and VI, im 
Allgemeinen nur eine partielle Verdrängung herbei. Ausnahms- 
weise erfolgt totale Verdrängung, und zwar nicht wie bei 
V und VI nur in einem einzigen, sondern wie bei IV in 
einer ganzen Reihe von Grenzfällen. 

Diese Grenzfalle können nur dann eintreten, wenn die all- 
gemeine Gleichung die Form zeigt 

und wenn die mit e und e, verbundenen Functionen sich so ge- 
stalten, dass das Yerhältniss zwischen dem Ersatz und dem Verlust 
der beiden Formen unabhängig von z und z, wird. Dieses Yerhält- 
niss ist (wie bei V und VI) 



d ^ ^ Z ' Z ^ """* d, > ' ^ ^ Z ' Z 

^^ a e und — ; r = d^ e,. 



\ z ' Z^ ^ ^ z z' 

z z 

Hierin muss nun = — ;: ^ ;;, sein, also 

» i z z, \ /z z,\ 

die nämliche Function V ( "y » -i}- I darstellen. Somit wird 

V' (-^ » -^J ^ d « und V {\ f ^) ^ d, e, und daher 

d * ^ d, e, und e, $ — r^. 
> < d, 

Es erfolgt nun totale Verdrängung der Form A , wenn 

d ^ d £ 

e, > — 3 — , totale Verdrängung von B wenn e, < — = — und über- 
dr a, 

haupt keine Verdrängung, wenn e, = — ^ — . Es sind hier ebenso 

viele specielle Fälle möglich wie bei der allgemeinen Gleichung IV 
(pag. 146). Beispiele dafür sind 

69) ±.+^=eV^ + e,VJi. 

' d d, z, z 






3 



Nagelt: Verdrängung der Pflansenformen, 157 

^) d d, , , m z z, , , m z z, 



1 + """^ 1 + 

Es sei in der letzten Gleichun^i^ d = 15 , d, = 8, m = 100 

und f,= 4 f , also grösser als — -r- oder — ^— , so hat A bei einer 

Individuenzahl von 900 einen Verlust von 60 und einen Ersatz von 
50,2 und B mit 100 Individuen einen Verlust von 12,5 und einen Ersatz von 

22,3. — Ist dagegen unter übrigens gleichen Annahmen e, = -^ 

d f 15 € 

also kleiner als — ; — oder — r— , so verliert A mit 900 Individuen 

60 und gewinnt 69,0, indess B bei einem Verlust von 12,5 einen 

d £ 15 £ 

Ersatz von 3,5 hat. — Ist endlich e, = — ^ — = — — - , so beträgt 

der Ersatz und der Verlust für A mit 900 Individuen 60 und fdr 
B mit 100 Individuen 12,5. 



Der jährliche Ersatz kann, statt durch die 
Zahl, aach darch die Lebensdaaer der Indi- 
vidaen inodifizirt werden. Diess mass dann der 
Fall sein, wenn junge und alte Individuen sich mit Rück- 
sicht auf die Fortpflanzung anders verhalten ; denn in einer 
Form mit geringer Lebensdauer befinden sich verhältniss- 
mässig mehr junge, in einer solchen mit grösserer Lebens- 
dauer mehr alte Pflanzen. Es ist aber denkbar, dass bald 
die kräftige Jugend , bald das reifere Alter gUnstig auf die 
Lebenskräftigkeit der Samen und das Gedeihen des Nach- 
wuchses einwirkt. Für diese Beziehungen gilt die allgemeine 
Gleichung 



vm 



+ ^ = f(«,d) + q> (6,,d,) 



Wenn d = 15, d, = 8, m = i m, =^> Z = 1000 

und e, = 10«, so wird im Beharrungszustande z = 888,8 (statt 158), 
z, = 666,7 (statt 842), e = 22,22 (statt 10,5) und e, = 88,8$ 
(statt 105). 



158 Sitzung der matK-phya, Glosse, 

64)' -r + i-=K^-»0 +r 



+ m, d, 
Wenn d = 15, d, = 8, m = 4?r* »i =4"' ^ = 1000 

und e, = 10« I so wird im station&ren Zustande z = 819,1 
(statt 158), z, = 680,9 (statt 842), e = 21,S (statt 10,5) und 
e, = 86,1 (statt 106). 

Wenn d = 15, d, = 8, m = 10, m, = 4, Z = 1000 und 
e, = lOe , so wird im stationären Zustande z = 319,1 (statt 158), 
z, = 680,9 (statt 842), e = 21,3 (statt 10,5) und e, = 85,1 
(sUtt 105). 

66) J^ + ^ =eVd +e,\/ä, 

Wenn d = 15, d, =8, Z=^ 1000 und t>, = lOe , so wird im 
Beharrnngszustande z = 204,8 (statt 158), z, = 795,7 (statt 842), 
e = 13,6 (statt 10,5), e, = 99,5 (statt 105). 
Afr z , z, € e, 



d ^ d, — |/d ^ J/d, 
Wenn d = 15, d, = 8, Z = lOOo und f, = 10« , so wird 
im stationären Zustande z = 120,4 (statt 158), z, = 879,6 (statt 842), 
e = 8,03 (statt 10,5) und e, = 109,9 (statt 105). 

68) -r + x = *^+*'* 

Wenn d = 15, d, = 8, Z = 1000 und « = 10« , so wird 
im Beharrnngszustande z ==: 260,1 (statt 158), z, = 739,9 (statt 842), 
e = 17,8 (statt 10,5) und e, = 92,5 (statt 105). 

«») IT + -37 = X + X 

Wenn d = 15, d, = 8, Z = 1000 und e, = 10« , «o wird 
im Bebarrungszustande z = 90,9 (statt 158), z,= 909,1 (stattS42), 
e = 6,06 (statt 10,5) und e, == 113,6 (statt 105). 

Die allgemeine Gieichang VIII gestattet in allen ^ 
Fällen bloss eine partielle Verdrängang. Es giebt keinen 
Grenzfallf in welchem totale Verdrängung eintreten kann.^^) 



11) Der mathematische Grund hievon liegt darin, weil die 
Grössen z und z, nie aus dem Verhältniss zwischen Verlust und 
Ersatz der beiden Formen verschwinden, wie diess bei den allge- 



Nägeii: Verdrängung der Ffianzenformen, ^ 159 

Es wäre endlich möglich, wenn auch sehr unwahr" 
scheinlich, dass der Ersatz durch die Lebensdauer 
der Individuen der andern Form beeinflusst 
würde, oder dass dieser Eiufluss noch zu der Einwirkung 
hinzukäme, welche die Lebensdauer der eigenen Form ver- 
ursacht. Diesen Voraussetzungen entsprechen die allge- 
meinen Gleichungen 

z 1 z, 



IX 



d 



+ -^ = f (6 , d,) + g) (e, , d) 



X ^ + -^ = f (c , d , dj + 9> (e , d , dj 

Auch diese beiden Gleichungen bedingen ohne Aus- 
nahme nur die theilweise Verdrängung. Es ist überflüssig 
spezielle Beispiele dafür anzufahren. 



Ich habe bisher verschiedene Annahmen gemacht, ein- 
mal, dass die mittlere Lebensdauer * und der mittlere jähr- 
liche Ersatz blos von der innern Natur der beiden concur- 
rirenden Formen und von der sie umgebenden Aussenwelt, 
also von constant gedachten Factoren abhänge (Gleichung I)? 
ferner, dass die Lebensdauer ausserdem noch durch die 
(bis zum Eintritt des Beharrungszustandes variirende) In- 
dividuenzahl (Gleichungen 11, III, IV) beeinflusst werde, 
dann dass der jährliche Ersatz durch die Individuenzahl eine 
Modification erfahre (Gleichungen V, VI, VII), endlich dass 
derselbe von der Lebensdauer abhängig « sei (Gleichungen 
VIII, IX, X). 

Es können nun aber auch zwei dieser Modificationen 
oder alle drei gleichzeitig wirksam werden. Es wäre jedoch 
vollkommen überflüssig, diese complicirteren Fälle noch be* 



meinen Gleichungen II— YII geschah, wo jenes Verhältniss in den 
Grenzfallen nur durch Constanten bestimmt wurde. In dieser Be- 
ziehung stimmt die Gleichung YlII und ebenso IX und X mit der 
Gleichung I überein. 



160 Sitzung der inath,-phys, Ckuse. 

sonders zu behandeln, weil sie das nämliche Resultat ergeben 
wie die einfacheren. Ich will blos noch den allgemeinsten 
Fall, wo alle Factoren modificirend auf Lebensdauer und 
Ersatz einwirken können, kurz berühren ; er wird durch die 
Gleichung ausgedrückt: 

= 9^ (* » "z" ' "^ » * » *7 + 9>i («1 » "z" ' "^' * ' ^7 

Diese Gleichung gibt im Allgemeinen , vorausgesetzt, 
dass von yornhinein keine unmöglichen Annahmen gemacht 
wurden, für z und Zi immer positive und reelle Werthe, 
und bedingt daher blos partielle Verdräugung zwischen den 
beiden Formen. Die totale Verdrängung der einen Form 
findet blos ausnahmsweise statt, nämlich in einer ganzen 
Reihe von Fällen, von denen aber jeder nur der Grenzfall 
einer ganzen Reihe ist. 

Wie sohon bei der Gleichnng YII und früher angegeben 
wurde, können diese, eine totale Verdrängung herbeiführenden 
Grenzfälle nur dann eintreten, wenn die allgemeine Gleichung die 
Form hat 

Vergleichen wir hierin den Verlust und den Ersatz jeder der beiden 
Formen mit einander, so haben wir 

^ 9P (f , ^ , «J,) V (-|- , -|-) und 



^f 






-— ^^-— -^ 9. (^ . «5 , ^.) ^.(-f , ^) somit 



z 2> 

"'^ 6 tp (e , 6 , 6f) und 



Ki-D^C-f.!)^ 



Nagelt: Verdrängung der Pflanzen fo 




Es müssen nan, um den Bedingangen des Grenzfalles za genagen, 
die beiden letzten Ausdrücke links der Gleichheitszeichen einander 
gleich werden y woraus dann folgt 

6 9> (f f 6 , 6,)^6, ^, (e, , 6 , 6,). 

Es tritt jetzt vollständige Verdrängung der Form A ein, wen 
6 ^ {s , 6 , ö,) ^ 6f ^f {e, , 6 , 6,), vollständige Verdrängung der 
Form B, wenn ^ 9p (* , ^ , ^,) > ^, y, (*, , ^ t ^,)f nnd es unter- 
bleibt jede Verdrängung, wenn ^ 9p (* , ^ , ^,) = ^, 9p, (^/ , ^ , ^,)» 

Für die partielle Verdrängung führe ich nur ein Beispiel an 

Z ' Z, 

Wenn ^ =^ 15, ^, == 8 und Z = 1000, so wird im stationären 
Zustande z = 425,0 (statt 158), z, = 575,0 (statt 842), d (Lebens- 
dauer von A) = 17,45 (statt 15), d, = 6,88 (statt 8), e (Ersatz 
für A) = 24,36 (statt 10,5) und e, = 88,60 (statt 105). 

Für die totale Verdrängung möge folgendes Beispiel dienen 



72) 



. ^-i .A.aTzS . Vz* cJ, 



^V^^.-kV4 ' '''' - 



> e Jl]/Z_ ± und 5t-^ ^ ^ |/Z1 A 



2 



^ z, ' Z •^ Z» 

Die Ausführung ergiebt 

^ ^ VJI ^ ^, ^ VÄ. oder e>e^^ 

d. h. es erfolgt die totale Verdrängung von A, wenn *, > « -tt » 

^t 

die totale Verdrängung von B, wenn ^, < « -rr » ^^^ ob findet 

nicht die geringste Verdrängung statt, wenn e, = e -j^ . 

Es sei ^ = 16 und 6, = 50, so wird A vollständig verdrängt, 

wenn e, > . Wenn z. B. *, =-s-> »^ beträgt der Verlust 

2ouü ^ 

für die Form A mit 900 Individuen 18,7 und der Ersatz 4,5 , 

während die Form B mit 100 Individuen 70,8 verliert und 84,5 ge- 

[1874, 2. Math.-phys. Cl.] 1 1 



162 Sitzung der math.'phys, Glosse, 

winnt; die Lebensdauer von A ist 48, die von B 1,4. — A mit 

100 Individuen verliert 18,7 und gewinnt 4,1 , indess B mit 

900 Individuen einen Yerlust von 210,8 und einen Ersatz von 225,4 

hat; die Lebensdauer von A wird 5,8, diejenige von B 4,8. 

Dagegen wird B vollständig verdrangt, wenn, unter gleichen 

256 £ ^ 

Annahmen für 6 und ^, , *, < .- ' . Wenn z. B. *, = -r^ , so 

2000 DU 

verliert die Form A mit 900 Individuen 18,7 und gewinnt dafür 51,4 
indess der Yerlust für die Form B mit 100 Individuen 70,3 und der 
Ersatz 37,6 betragt; die Lebensdauer von A ist 48 und diejenige 
von B 1,4. — A mit 100 Individuen hat einen Verlast von 18,7 und 
einen Ersatz von 72,0 , während B mit 900 Individuen 210,8 ver- 
liert und 157,5 gewinnt; die Lebensdauer von A ist 5,8 und diejenige 
von B 4,3. 

Ist unter übrigens gleichen Annahmen £, = -^^^^ , so beharren 

beide Formen in ihren Individuenmengen. A mit 900 Individuen 
gewinnt und verliert 18,7, B mit 100 Individuen 70,3. Yerlust und 
Ersatz betragen für A mit 100 Individuen 18,7 und für B mit 
900 Individuen 210,8. Im ersten Falle ist die Lebensdauer von A 48 
und diejenige von B 1,4 , im zweiten Fall 5,3 und resp. 4,3. 



Mit den vorstehenden Aunahmen sind alle Möglich- 
keiten, welche für die gegenseitige Verdrängung zweier 
Pflanzenformen bestehen, erschöpft. Ihre Indivldaenmengen 
werden bedingt durch die mittlere Lebensdauer und den 
jährlichen mittleren Ersatz. Lebensdauer und Ersatz aber 
sind abhängig in erster Linie von den constant bleibenden 
inneren und äusseren Verhältnissen. Die dadurch gegebenen 
Werthe können in zweiter Linie durch die beiden ludividuen- 
zahlen, und die Ersatzwerthe, überdem noch durch die 
Lebensdauer erhöht oder erniedrigt werden. Andere mög- 
liche Annahmen giebt es nicht. 

Rücksichtlich der mathematischen Consequenzen kommt 
es vor Allem aus auf die durch die constanten Verhältnisse 
(klimatische und Bodeneinfiüsse, Thierwelt und Pflanzenwelt, 
wozu auch die Anwesenheit der concurrirenden Form ge* 



NägeHi: Verdrängung der Pflanzenfarmen, I6ä 

hört) bediDgten CoefiTizienten der Lebensdauer und des jähr- 
lichen Ersatzes an, wobei immer voraasgesetzt wird, dass 
jede der beiden Formen, wenn allein vorhanden, der vollen 
Gesammtindividuenzahl fähig ist. Wird einer der genannten 
Goeffizienten für eine Form Null, so versteht es sich, dass 
dieselbe unter allen Umständen verschwindet. In der grossen 
Mehrzahl der Fälle wird diese Voraussetzung aber nicht 
eintreten, sondern es werden die Goeffizienten für die 
Lebensdauer und den Ersatz positive und reelle Werthe 
haben. Ist letzteres der Fall, so gibt es unter allen mög- 
lichen Verdrängungsgleichungen einige (I, VIII, IX, X), 
welche bloss eine partielle Verdrängung gestatten, vermöge 
welcher die beiden Formen sich gegenseitig in einem be- 
stimmten numerischen Verhältniss dulden. Alle übrigen 
Verdrängungsgleichungen bedingen die partielle Verdrängung 
zwar nicht absolut aber doch als allgemeine Regel; indem 
die totale Verdrängung, sofern sie überhaupt stattfinden 
kann, immer als der einzelne Grenzfall einer Reihe von un- 
endlich vielen Fällen mit partieller Verdrängung erscheint. 

Etwas abweichend von der mathematischen Verdrängung 
muss sich die physische gestalten. Was ich darüber bei 
Anlass der Gleichung I gesagt habe, gilt ganz allgemein. 
Eine partielle Verdrängung mit sehr geringer Individuenzahl 
der einen Form schlägt für diese Form leicht in eine 
totale um wegen der Schwankungen, welche die natürlichen 
Verhältnisse der Aussenwelt nothwendig mit sich führen. 

Die theoretische Betrachtung zeigt uns also, dass die 
allgemeine Annahme, die stärkere oder vortheilhafter ange- 
passte Lebeform verdränge vollständig die weniger günstig 
ausgestattete, ungegründet ist« Wenn wir die Zahl der 
möglichen Fälle zu einem Schlüsse benfitzen , so verlangt 
die theoretische Wahrscheinlichkeit, dass gleiche Stärke 
(mit gleicher Individueuzahl der beiden Formen) unendlich 
selten, ungleiche Stärke mit partieller Verdrängung und un- 

11» 



164 Sitzung der math.'phys. Chase. 

gleicher Individuenzabl als herrschende Regel, und endlich 
ungleiche Stärke mit totaler Verdrängung der einen Form 
ziemlich selten vorkomme. Mit dieser Probabilitätsrechnung 
befindet sich der thatsächliche Bestand im Pflanzenreiche 
in vollkommenster Uebereinstimmung, besonders das in der 
Regel gemeinschaftliche Vorkommen der Varietäten der 
nämlichen Art und der nächst verwandten Arten, wie ich in 
meiner letzten Mittheilung gezeigt habe. 



Sitsang yom 6. Juni 1874. 



Mathematisch - physikalische Classe. 



Der Glassensekretär von Eobell trägt yor: 

„Ueber Chrysotil, Antigorit und Marmolit 
und ihre Beziehungen zu Olivin.'* 

Es sind in neuerer Zeit Mineralien in den Handel 
gekommen, welche zu den wasserhaltigen Magnesiasilicaten 
gehören, ihrem Habitus nach aber nicht sicher den bekannten 
einzureihen waren und daher eine Analyse nothwendig machten. 
Damit wurden sie als Chrysotil, Antigorit und Marmolit 
erkannt. 

Chrysotil von Zermatt. Blassgelbe, fasrig dichte 
Massen. Rundet sich vor dem Löthrohr an dünnen Spitzen, 
wird von concentrirter Salzsäure vollkommen zersetzt. Die 
Analyse gab: 

Kieselerde . 42,6 
Magnesia . 43,0 
Eisenoxydul 2,0 
Wasser . 13,1 

100,6 

Die Formel ist Mg£[> + 2MgSi. 

Antigorit von Zermatt. Dunkelgrüne krystallinisch- 
derbe Massen mit einer Spaltungsrichtung, zum Theil ge- 



1 66 Sitzung der math.-phys, Classe vom 6. Juni 187i, 

krümmt geschichtet. Einzelne Blätter sind mit smaragdgrüner 
Farbe durchsichtig und drehen deatlich das Kreuz im 
Stauroskop; unter dem Polarisationsmikroskop liess sich 
aber keine bestimmte Figur erkennen, wie das bei dem 
früher bekannten Antigorit yom Antigoriothal in Piemont 
der Fall ist. Dieser, blättrig und ebengeschichtet zeigt 
unter dem Polarisationsmikroskop ein aus zwei Hyperbeln 
zusammengesetztes Kreuz und dreht das Kreuz im Stauroskop 
nicht so deutlich. Es scheint also die neuere Varietät einen 
grössern Axenwinkel zu haben als die bekannte. 

Der Antigorit von Zermatt rundet sich vor dem Löthrohre 
nur in den feinsten Blättern und Fasern. Er wird von con- 
centrirter Salzsäure yollkommen zersetzt. Die Analyse gab : 



Kieselerde . 


42,73 


Magnesia 


S6,51 


Eisenoxydal 


7,20 


Thonerde . 


1,33 


Wasser . . 


11,66 



99,43 

Das Mineral hat seine Farbe zum Theil von Ghromoxyd. 
Vor dem Löthrohr ist das nicht deutlich nachzuweisen, durch 
kohlensaures Natron und Salpeter aufgeschlossen gibt aber 
die wässerige Lösung, mit Salpetersäure angesäuert und mit 
Ammoniak neutralisirt, mit salpetersaurem Quecksilberoxydul 
ein Präcipitat, welches geglüht, eine Spur Chromoxyd zurück- 
lässt und die Boraxperle deutlich smaragdgrün färbt. 

Die Formel ist von der des Chrysotil nicht verschieden 
= MgH« + 2MgSi. 

Mineral von Kraubath in Steyermark. Dicht, mit 
unebenem und flachmuscbligem Bruch, gelblichweiss, an den 
Kantep durchscbeiueud, Weiqh^ H. 2,5—3. Spec. Q. 2,13, 



V. KöbeU: Ueher Chrysotüt Äntigorit und MartnoUt. 167 



Vor dem Lötbrohr rasch erhitzt, verknistert ein Stück- 
chen heftig, feine Splitter runden sich schwer zu einem 
weissen poroellanartigen Schmelz. Die geglühte Probe ritzt 
Liparit Mit Kobaltauflösung befeuchtet und geglüht, nimmt 
sie eine blassröthliche Farbe an; wird von concentrirter 
Saksäure yollkommen, ohne Gallertbildung, zersetzt. 

Die Stücke zeigen kleine dendritische Parthieen von 
bräunlicher Farbe. Diese werden von Salzsäure langsam 
weggenommen. Wenn man die Säure abdampft und den 
geringen Rückstand mit Phosphorsäure erwärmt, so zeigt 
sich durch deren violette Färbung die Reaction von Mangan- 
oxfd. 

Das Wasser, welches man durch Glühen der Probe im 
Kolben erhält, reagirt schwach alkalisch. Die Analyse gab: 

Kieselerde . 42,00 



Magnesia 
Eisenoxydul 
Wasser . , 



38,50 
1,00 
17,50 
99,0 



Spuren von Tbonerde 
und Manganoxyd. 



Die Mischung steht sehr nahe der des Marmolit von 
Hoboken. 

Auch der Vorhauserit von Monzoniberg in Fassa 
reiht sich hier an. Er besteht nach Oellacher's Ana- 
lyse aus: 



Kieselerde . . 


» 


. 41,21 


Magnesia . . 


■ 


. 39,24 


Eisenoxydul . 


> • 


1,72 


Manganoxydul 


> • 


0,30 


Wasser . • . . 


> 1 


, 16,16 


Phosphorsaurer E 


[alk 


» 


und Ghlorcalciu 


im 


0,96 



99,59 



168 Sitzung der math.'-phys. ölaase vom 6, Juni 1874. 

Auf mein Ersuchen erhielt ich^durch Vermittlung des 
Herrn Oellacher ein kleines Stück des Minerals von 
Herrn Hofrath Vorhauser, Sohn des verstorbenen Herrn 
Vorhauser, nach welchem dasselbe benannt worden ist. 
Die Farbe ist braunschwarz, das Pulver gelblichgrau. Vor 
dem Löthrohre brennt es sich aschgrau, in starkem Feuer auch 
weisslich und rundet sich nur in sehr dünnen Kanten. Im Kolben 
erhält man viel Wasser, welches deutlich alkalisch reagirt, 
so dass die schwarze Farbe von einer organischen Substanz 
herzurühren scheint. Von concentrirter Salpetersäure wird 
das Pulver leicht, ohne Gallertbildung, zersetzt. — Im Zu- 
sammenhang mit der Untersuchung dieser dichten Mineralien 
analysirte ich auch den krystallinischblättrigen Marmolit von 
Hoboken. Dünne durchsichtige Blätter drehen das Kreuz 
im Stauroskop deutlich ; im Polarisationsmikroskop war aber 
kein bestimmtes Bild zu beobachten. 

Die Analyse gab: 

Kieselerde . 42,00 
Magnesia .41,00 
Eisenoxydul 0,90 
Thonerde . 0,26 
Wasser , . 15,00 

99,16 

Die Analyse kommt überein mit denen von Gar r et 
1. u. 2., und von Vanuxen 3., sowie mit den der Var. 
von Blanford nach Shepard 4, und von Bare Hills nach 
Vanuxen 5. 





1. 


2. 




3. 


4. 


5. 


Kieselerde . 


42,32 , 


, 41,67 




40,00 


„ 40,00 „ 


42,69 


Magnesia . 


42,23 , 


, 41,25 




42,00 


„ 41,40 „ 


40,00 


Eisenozydal 


1,28 , 








„ 2,70 „ 


1,16 


Eisenoxyd . 


— , 


>' 1>64 




0,90 


>J n 





Thonerde . 


0,66 , 


, — . 






>> ?> 





Wasser . . 


13,80 , 


, 13,80 




16,45 


„ 15,67 „ 


16,11 


Bitumen . 


— , 


, 1,37 
99,73 




99,35 


„ 0,93 Ca 
100,70 






100,29 


99,96 



V. KoheU: lieber Chrysotil, Äntigorit und Marmolit 169 

Es stellt sich aus diesen sowie aus früheren Analysen 
dieser Silicate heraus, dass sie wesentlich zwei, sich nahe- 
stehende Species bilden, die Species Serpentin mit dem 

krystallinisch blättrigen Äntigorit und dem fasrigen 

• ■ ■ ■ • 

Chrysotil, der Mischung MgH' + ^^^gSi angehörig, und 

die krystallinische Species Marmolit mit der Formel 

• • • • • 

2MgIi' -{- 3MgSi , wo der dichte Vorhauserit und das 
Mineral von Eraubath anzureihen. 

Dergleichen Silicate sind theilweise nach den Beobacht- 
ungen von Sandberger, Tschermak, G. Uose u.a.. als 
aus Olivin entstanden anzusehen, theils aus Enstatit und 
andern Silicaten und sie können unter Umständen so entstehen, 
daneben aber auch eigenthümliche ursprüngliche Bildungen 
sein, wie der Olivin selbst. 

Der Olivin oder Chrysolith ist Mg'Si. 

Der Villarsit ist Mg»Si + '/»H (d. i. Olivin + ViH 

oder 2Mg»Si + B). 

Der Serpentin ist Villarsit = Mg»Si + >/iH 

+ MgSi + 1 '/tll 
Mg»Si*+ 2H oder 
MgH« + 2MgSi. 

Das zu addlrende Silicat Mg'Si 4- 1 '/sä ist ein ge- 
gewässerter Enstatit oder Tremolit. 

Der Marmolit ist dann 

Serpentin = lÄg'Si» + 2H 
+ Mg»Si +2H 

Mg^Si» + 4H = 2MgH» + 3MgSi. 

Das zum Serpentin tretende Silicat Mg'Si + 2H ist 
wieder ein Olivinbydrat, doch mit mehr Wasser als das im 
Villarsit. 



170 Sitzung der mcUh.-phys. Glosse vom 6. Juni 1874* 

Wenn man mehrere Molecüle des Olivin zor Zersetzung 
and Umwandlung beitragen lässt, so kann diese sein: 
für den Serpentin 

3 Mol. Olivin = Mg«Si» 

- Mg'Si 



• •* 



Mg'Si' mit gleichzeitigem 

Eintreten von 2H , d. i. Mg»Si» + 2H = MgH» + 2MgSi. 
Das abzuziehende Silicat Mg'Si kommt im Retinalith vor. 

Für den Marmolit ist 
3 Mol. Olirin = Mg'Si» 

-Mg 

Mg*Si* mit Zutritt von 4H = Marmolit. 

• • • 

Das ausgeschiedene Mg isaun MgM d. i. Brucit werden 

oder auch ein Garbonat der Magnesia, Magnesit^). 

Man sieht, wie verschiedenartig dergleichen Ableitungen 
sein können und wie eine gegebene Mischung als der Aus- 
gangspunkt der verschiedensten Derivate genommen werden 
kann, wenn man eben abzieht, was man für das verlangte 
Derivat nicht brauchen kann, oder zugibt, was dazu nöthig 
ist. Für chemische Speculationen mag das gelten, wenn aber 
damit geologische Erscheinungen erforscht und erklärt werden 
sollen, ist es nicht gleichgiltig ob man von der Mischung, 
welche das Derivat liefern soll, ein Molecül oder mehrere 
Molecüle für die Umwandlung theilnehmen lässt, denn wie 
eben gezeigt wurde, wird in dem einen Fall ein Zutritt 
von Mischungen oder Mischungstheilen, im anderen aber ein 
Abzug solcher verlangt. Da wir von den allgemein wirken- 
den Agentien den Process durch Wegnahme leichter erklär- 
lich finden als den durch Zugabe, so hat das Beiziehen 



1) Nach Genth und Brush entsteht aach aas Brucit durch 
Umwandlung Marmolit 



V. EobeU: üeher Chrysotil, Äntigorit und Marmölii. 171 

mehrerer Molecüle der Stammmischang öftere Anwendung. 
Wir sind aber über die anzunehmende Zahl ganz unsicher 
und somit auch über das Umwandlungsmittel, welches dabei 
nicht immer dasselbe oder von gleicher Wirksamkeit sein 
kann; wenn 3 Mol. Olivin zur Umwandlung in Marmolit 
beitragen, so ist nur 1 Mschg. Magnesia wegzuführen, 
kommen aber 4 Mol. Olivin in Anwendung, so muss ein 
Mag nesiasilicat austreten u. s. w. 

Zu dieser Unsicherheit kommt, dass uns die suponirten 
Umwandlungsmittel, namentlich für das Zuführen auch nur 
theilweise bekannt sind, noch weniger aber wie deren Ver- 
bindung mit dem Stammmaterial sich herstellt. Dass Steatit 
in der Erystallform des Quarzes durch Zuführen von Magne- 
sia zur Kieselerde entstanden, scheint durch die Analyse 
nachgewiesen, wie sich die Verbindung aber machen konnte, 
ist gleichwohl räthselhaft, wenn man auch weiss, dass gelöste 
kohlensaure Magnesia eine Zersetzung von Silicaten mit 
Abgabe von Magnesia hervorbringen kann. Betreffende 
Laboratoriumsversuche werden mit dem feinsten Pulver der 
Probe angestellt, bei den erwähnten Pseudomorphosen aber 
war oft ein fertiger über 1 Centim. langer Quarzkrystall zu 
bewältigen. Wenn man solche Krystalle sieht, so denkt 
man unwillkürlich daran, dass aus einem Speckstein etwa 
vorhandene Quarzkrystalle ausgebrochen und die entstandenen 
Hohlformen nachträglich durch das Magnesiasilicat ausgefüllt 
worden seien, also an eine Verdrängungspseudomorphose, 
wie sie auch Bischof angenommen hat; Blume dagegen 
ist für eine Umwandlung. — Zu solchen seltsamen Um- 
wandlungen, die wenigstens theilweise nicht als Verdrängungs- 
pseudomorphosen erklärt werden können, gehören auch die 
des Corunds in Spinellmischungen, wie sie Genth') neuerlich 



2) Contributions from the Laboratory of the University of Penn- 
sylvania. Nr. If Po^nndupi etc. by F. A« Gentb. 



172 Sitzung der mathrphys. Classe vom 6. Juni 1874. 

beschrieben, ebenso die Umwandlungen in Disthen, Damourit, 
Pyrophyllit etc. 

Er sagt darüber ,,The question has often been asked 
me, how I could explain these wonderful changes wich have 
taken phice with a substance so absolutely insoluble as 
corundum? My answer is that I know nothing about it/^ 

Er erhitzte das allerfeinste Gorundpulyer , nach dem 
Auskochen mit Salzsäure und Auswaschen, mit einer Lösung 
von Eieselkali in geschlossenen Glasröhren bis zu 250^ G. 
Die meisten dieser Röhren zersprangen bald, eine aber hielt 
sich drei Tage und drei Nächte bis sie barst. Der Rück- 
stand wurde ausgewaschen, dann mit Salzsäure behandelt, 
abgedampft und mit Wasser ausgezogen. Die Lösung gab 
mit Ammoniak eine Spur von Flocken, die Thonerdehydrat 
zu sein schienen, aber so wenig, dass das Experiment nur 
den bekannten Widerstand des Corunds gegen die gewöhn- 
lichen chemischen Agentien constatirte. 

Wir sind also trotz unseres Apparates von Reagentien, 
Analysen und Formeln in sehr vielen Fällen nicht im Stande, 
die verlangten Umwandlungen auch factisch hervorzubringen 
und wir sind es um so weniger wenn wir dabei nur die 
einfachen Mittel, welche in der Natur thätig, anzuwenden 
bestrebt sind, denn dann ist das Resultat der Versuche von 
einer Zeitdauer abhängig, die kein sterblicher Geologe erlebt 
und die selbst für eine Reihe forschender Generationen keine 
Aussicht zu einer sicheren Errungenschaft bietet. 

Die chemischen Formeln und ihre Veränderungen können 
nur Andeutungen des möglichen Vorganges einer Umwandlung 
geben und erst durch Beobachtungen des Vorkommens und 
der paragenetischen Verhältnisse sowie durch nähere Eenntniss 
der supponirten Umwandlungsmittel und ihres Wirkens kann 
eine betreffende Hypothese Unterstützung finden. Rechnet 
man dazu, dass die fortgeführten Mischungstheile nicht immer 
in der Nähe und als das abgesetzt werden, was sie in der 



tr. Kobeü: Ueber Chrysotil, Antigarit und Marmölit 173 

Lösung waren, dass sie oft als weitere Umwandlungsmedien 
für andere Verbindungen dienen, mit welchen sie zufällig in 
Berührung kommen und damit selbst zur Unkenntlichkeit 
verändert werden und dass ferner der Umwandlungsprocess 
lokal sehr verschieden sein kann, so sieht man wohl, dass 
die Erforschung solcher Vorgänge vielfachen Hindernissen 
begegnet und dass die chemischen Formeln nur in be- 
schränktem Umfang befähigt sind, die vorliegenden Räthsel 
zu lösen. 

Man kommt auch nicht weiter wenn die chemischen 
Formeln nach modernen Anschauungen graphisch construirt 
und erläutert werden« Bei einfachen Verbindungen ergibt 
sich eine annehmbare Lagerung und Wechselstellung der 
Atome freilich fast von selbst, bei complicirten sind aber 
die graphischen Figuren je nach den massgebenden Gesichts- 
punkten sehr verschieden, um so mehr als dem Vicariren und 
dem Isomorphismus erweiterte Goncessionen gemacht worden 
sind und der polare Gegensatz zusammentretender Elemente 
auch nicht eine strenge Forderung geblieben^ denn man 
lässt unter Umständen gleichartige Atome (G u. G, u. 0) 
sich ebenso combiniren, wie sonst nur ungleichartige (einem 
Reigen vergleichbar , wo im Nothfall Tänzer mit Tänzern 
tanzen um fehlende Paare zu ergänzen und die Tanzfigur 
möglich zu machen). 

Die Gonstruction der Mischung des Montebrasit, welche 
G a u d i n nach der Analyse von Moissenet entworfen , hat 
dargethan, welche Täuschungen dabei vorkommen können. 
Die gegebene Stellung der Atome und Molecüle entsprach 
jsogar dem Winkel der Spaltungsfiächen und doch war die 
Analyse gänzlich verfehlt. 

Gleichwohl haben betreffende Versuche ihren Werth 
und es ist eine verdienstliche Arbeit von C. Haushof er '), 



8) „Die Constitution der natürlichen Silicate aaf Grundlage ihrer 



174 Sttsung der math.'phys, Classe vom 6. Juni 1874, 

dass er die möglichen Constitutionsformeln der Silicate 
einer sorgfältigen Prüfung unterzogen hat. Das Durchführen 
der modernen Theorie bei dieser ausgedehnten Gruppe von 
Verbindungen lässt am besten erkennen, was daran haltbar 
sein dürfte und was unsicher und schwankend ist, und die 
speculative Chemie kann dabei mancherlei Anregung finden, 
wenn sie uns auch zur Zeit mit der Mineral-Synthese nur 
spärlich unterstützt hat« 

Für die besprochenen Magnesiasilicate werden zur Ent- 
wicklung der Constitutionsformeln öfters vermittelnde Ueber- 
gäng'e gefordert. Dass dergleichen vorkommen, ist sehr 
wahrscheinlich, die Formeln beseitigen aber die Unsicher- 
heiten nicht, wie diese stattgefunden haben. Für die Um- 
wandlung des Quarzes in Steatit wird der Process in mehreren 
Stadien mit Bildung von Halbsilicat und normalem Silicat, 
Verbindung beider unter Ausscheidung von Wasser etc. dar- 
gestellt und dabei zunächst successive Ueberführung des 
Quarzes in amorphe, Kieselerde, etwa in das Hydrat SiHjO, 
verlangt. Es ist aber ein Quarzkrystall mit Beibehaltung 
seiner Form der Wahrscheinlichkeit nach noch eher in ein 
Silicat zu verwandeln als in den amorphen Zustand, auch 
ist ein eigentlicher Opal bisher nicht in Quarzform beob- 
achtet worden^). Die Bildung der weiter entwickelten Sili- 
cate geht also wieder auf den räthselhaften Anfang zurück, 
sie sind hypothethisch und die graphische Verzeichnung der 
Atomstellung ändert daran nichts und gibt ihnen nicht mehr 
Bedeutung als ähnlichen in anderer Weise abgeleiteten. 



geologischen Beziehungen nach den neueren Ansichten der Chemie. 
Braunschweig bei Vieweg 1874, 

4) Der pseudomorphe Steatit von Göpfersgrün bei Wansiedel 
enthält eine geringe Menge amorphes Magnesiasilicat. Von Salz- 
säure wird nach meinen Versuchen 0,72 % Magnesia extrahirt, gegen 
2,8 7o Steatit entsprechend. Von Kalilauge wird 1,66 % Kieselerde 
extrahirt. 



V. Köbell: Ueber Chrysotil, Äniigorit und MarmoUt. 175 



Die Silicate des Villarsit, Serpentin und Marmolit be- 
zieht Haushofer auf 4 Moleciile Olivin, für welchen er 
das Schema gibt: 

— Si-0~Si-0-Si-0-Si--0 

/\ /\ /\ /\ 
00 00 00 00 

II II 11 II 

Mg Mg Mg Mg Mg Mg Mg Mg 

\/ v v \/ 



Der Serpentin ist dann 

— Si— 0— Si-O-Si-O-Si-0 



/\ /\ /\ /\ 

00 00 0000 

II I I I I I I 

Mg Mg Mg Mg Mg Mg Mg Mg 

II II I I I I 

00 00 00 00 

II II III r 

HH HH HHHH 

Fiir den Marmolit ist die Construction 



') 



-Si- 

/\ 


I I 

HMg 

I 


I 
H 







-Si— - Si— 0— Si— 0«) 

/\ /\ /\ 


II II 11 

Mg Mg Mg Mg Mg H 

11 I I I I 


I I I I I 

H H H H H 



Der Marmolit wird betrachtet als Serpeutin 
— SiMgHjO, + H,0 (Krystallwasser). 



6) Das MgO in der Klammer ist die aastretende Magnesia 
nnd die fettgedruckten Zeichen H nnd beziehen sich anf das zu- 
tretende Wasser. 

6) Das in der Klammer verzeichnete Silicat tritt ans. 



176 Sitzung der math,'phy8, Glosse vom 6. Juni 1874. 

Ich glaube mehrfach erwiesen zu haben, dass die Auf- 
stellung des sogenannten Erystallwassers, wie alt und ver- 
breitet sie auch ist, nicht correct sei und wenn die Gon- 
stitutionsformel einer solchen Zugabe bedarf, so spricht das 
nicht für sie, denn sie gibt damit dem übrigen Atomen- 
complex einen Anhang fremdartiger Natur, vergleichbar 
einer als gesetzlich angesprochenen Gombination 
von chemischer Verbindung und nicht chemi- 
scher Einmengung, und dergl. anzunehmen ist nicht 
zulässig ^). 

Diese Gonstitutionsformeln bieten, allerdings mit vielen 
Weitläufigkeiten für die Beurtheilung einer Mischung mehr 
als die empyrisch-atomistischen Formeln, das ist aber auch 
bei den gewöhnlichen binären Formeln der Fall und diese 
haben den Vorzug dass sie leichter zu übersehen und practi- 
scher verwendbar sind. 

Haushofer sagt in der Einleitung seiner Schrift 
„Freilich müsste man sehr sanguinisch sein, wenn man die 
Hoffnung haben wollte, über die Gonstitution der Körper, 
über die Lagerung der Atome je mit absoluter Gewissheit 
urtheilen zu können. Unsere Bestrebungen in dieser Be- 
ziehung werden wohl immer den Gharakter einer Asymptote 
behalten, das heisst der Abstand zwischen Wahrscheinlich- 
keit und Gewissheit wird immer kleiner werden, aber nie 
ganz verschwinden." 



7) „üeber Kristallwasser". Poggendorfifs Annalen CXLI. 1870. 
p. 446. LaspeyreSy Jahrbuch der Mineralogie 1873 p. 160 u. 166. 



Oümheh Geognostisehe Mittheilungen aus den Alpen. 177 



Herr Gümbel hielt einen Vortrag: 

„Oeognostische Mittheilungen aus den 
„Alpen." 

n. 

Ein geognostisches Profil aus dem Eaisergebirge 

der Nordalpen. 

In einer Mittheilung über die geognostischen Verhält- 
nisse der Triasgebilde bei Botzen (Sitz. d. Akad. d. Wiss. 
1873 I S. 14) habe ich einige wichtige Schichtenverhältnisse 
aus den Südalpen klar zu legen versucht. Die folgende 
Schilderung bezweckt ähnliche Verhältnisse aus einigen Pro- 
filen der Nordalpen mit jenen der Südalpen zu ver- 
gleichen. Als Ausgangspunkt hiefür wurden zunächst die 
Aufschlüsse am Südgehänge des Eaisergebirgs ge- 
wählt, welche sehr leicht zugänglich, gut entblösst sind und 
zugleich in gewissen Schichten einen ziemlich namhaften fieich- 
thum an Versteinerungen zeigen. Ausserdem sind die Lager- 
uugs Verhältnisse vergleichsweise einfach, durch Gebirgsstör- 
ungen weniger beunruhigt und daher für Feststellung der 
Schichtenfolge besonders geeignet. Auch hat dieses Gebiet 
bereits vielfach schon zum Gegenstande von geognostischen 
Schilderungen gedient und kann daher zweckmässig als An- 
knüpfungspunkt zum Verständnisse über schwebende Fragen 
benützt werden. 

m 

Abgesehen von einigen älterea Arbeiten, unter denen 

die ganz vorzügliche Karte des montanistischen Vereins als 

die wichtigste hervorgehoben zu werden verdient, wurde das 

Gebiet des Kaisergebirgs eingehender im Sinne des 
neueren Standpunktes der Alpengeologie zunächst bei Ge- 

[1874, 2. Math.-ph78. GL] 12 



178 Sitzung der math^-phys. (^€i88e vom 6. Juni 1874. 

legenheit der ersten von der k. k. geologischen Reichsanstalt 
in Wien eingeleiteten Aufnahme durch F. y. Hauer und 
Richthof en gründlich durchforscht. Ich selbst habe an diesen 
Begehungen der österreichischen Geologen Theil genommen, 
nachdem ich schon einige Jahre vorher dasselbe Gebirge, 
aber mehr cursorisch untersucht hatte. Von den Ergebnis- 
sen der zuerst erwähnten Begehung ist jedoch, die kartistische 
Darstellung ausgenommen, sonst nur eine kurze Bemerkung 
V. Richthofens (Jahrb. d. g. R. 1859. S. 96) bezüglich 
des Vorkommens von Partnachschiefer an der Niederkaiser- 
alpe zur Veröffentlichung gelangt. Ich selbst habe die Er- 
fahrungen, welche ich auf den wiederholten Wanderungen 
durch diesen Gebirgsstock gesammelt hatte (1855 und 1856), 
bei Schilderung der Verhältnisse in den anstossenden bayrischen 
Alpen (Geogr, Beschreibung d. bayer. Alpengebirgs 1861) 
gelegentlich mitgetheilt. Kurz zusammengefasst ergab sich 
daraus,^) dass der ganze grossartige Gebirgsstock sich als 
eine Art Muldenbildung darstelle, welche südlich an das 
ältere Thonschiefergebirge, dessen kalkige Einlagerungen auf 
der hohen Salve ich damals wohl unrichtig als Stellvertreter 
des alpinen Muschelkalks gedeutet hatte, und an grobe, rothe 
Gonglomerate angeschlossen mit diesen selbst oder doch mit 
ähnlichen Conglomeratbänken beginnt, durch ein sehr mäch- 
tiges Schichtensystem von rothem Sandstein und rothem 
dünnschichtigem Schiefer, welcher nach oben gelbe dolomitische 
Knollen in sich schliesst, erweitert und mit einer rauben gross 
zellig-luckigen Dolomitbank einen ersten Abschluss findet. 
Schwarze Mergelplatten und schwarze weissaderige Kalke als 
Stellvertreter des alpinen Muschelkalks führen über jener 
ersten Stufe der alpinen Trias, dem Buntsandstein, 
den regelmässigen Schichtenaufbau weiter und geben ihrer- 
seits wieder die Grundlage für das folgende complicirte 

1) A. a. 0. S. 161, 196, 229, 230, 839, 340 und Taf. IL 9, 
Taf. Vn, 55. ' ' ' - ^ ' 



Gümhel: Geognostische Mittheilungen aus den Alpen, 179 

Schichtensystem von schwarzem, oft glänzendem Schieferthon, 
grünh'ch grauem Sandstein nebst verschiedenartigen, oft gross- 
oolithischen Mergelbänken (Partnachschichten) reich an 
organischen Einschlüssen, und von dolomitischem Gestein ab, 
welches letztere am Südgehänge des Gebirgs hoch empor 
reichend unmittelbar die fast senkrecht aufsteigenden Wände 
eines blendend weissen Kalkes (Wettersteinkalk) trägt. Aus 
diesem Kalke ist der wildschöne riesige Felsrücken des sog. 
vorderen Kaisers aufgebaut. In allen diesen Gesteins- 
lagen herrscht fast ununterbrochen nördliches, widersinniges 
Einfallen vor. In analoger Weise steigt auch am Nordge- 
hänge aus der Walchseeniederung das Steilgehänge mit ent- 
gegengewendetem südlichem Schichteinfallen bis zu dem zwei- 
ten minder hohen, aber gleichwohl sehr wildzackigen Wetter- 
steinkalkrücken, dem sog. hinterenKaiser, der dem ersten 
lang hingestreckten Schroffen auf weite Strecke fast parallel, 
verlauft, auf. Zwischen diesen beiden riesigen Kalkgebirgs- 
rippen im vorderen und hinteren Kaiser senkt sich 
das Gebirge zu einer Hochmulde ein, in welcher auf den 
zwei hochvorragenden Kalkrippen beiderseits das weiche Ge- 
stein der sog. Raibler Schichten (Hochalp, Kaiserthal) 
sich anlehnt, während die Muldenmitte von dem nächst jün- 
geren Hauptdolomite gleichsam ausgefüllt erscheint. 

Pichler, dem die geognostische Kenntniss der Tyroler 
Alpen so viele wichtige Entdeckungen verdankt, hat diese 
Untersuchungen später weiter geführt (Beiträge z. Geogn. 
Tirols 3. Folge, Zeitschrift d. Ferdin. S. 40) und ein sehr 
zutreffendes Profil der auf dem Südgehänge vorfindlichen 
Schichten geliefert. Doch beschränken sich seine Angaben 
leider auf dieses Wenige Erst in aller neuester Zeit wurde 
dieser Gebirgsstock in Folge der von der k. k. geologischen 
Beichsanstalt nunmehr auch auf Tirol ausgedehnten geo- 
logischen Detailaufnahme durch Herrn von Mojsisovics 

für diesen Zweck wiederholt einer eingehenden Untersuch- 

12* 



Idö Sitzung der math.-pHya, Olaase vom 6, Juni 1874. 

ung (1869 und 1870) unterworfen. Die ausführliche Erläater- 
ungen za den inzwischen publicirten Karten stehen noch aas. 
Eine gedrängte Uebersicht der gewonnenen Ergebnisse da- 
gegen finden wir in den Beiträgen zur topischen Geologie 
der Alpen (Jahrb. d. geol. R. 1871 S. 202 u. f.), wenn es 
gestattet ist, hier von früheren Ausführungen dieses ver- 
dienstvollen Alpenforschers abzusehen, in welchen vielfach 
frühere mit neueren Erfahrungen in Widerspruch gerathene 
Behauptungen von dem Verfasser selbst wieder zurückge- 
zogen worden sind. Der muldenförmige Aufbau des Gebirgs 
wird im grossen Ganzen als richtig anerkannt und hinzuge- 
fügt, dass „entlang dem ganzen Südgehänge (Jahrb. d. g. R. 
1871 S. 202) des wilden Kaisers der rothe Grödener Sand- 
stein die Basis des Gebirgs bildet, über welcher sich Muschel- 
kalk, Partnach-Mergel und -Kalke, und Fartnach-Dolomit 
zu einem meist deutlich erkennbar gesimsartig vorspringen- 
den Sockel aufbauen, der die wildzackige Mauer des Wetter- 
Steinkalks trägt u* s. w.^' 

Auch diese Darstellung, in welcher die Ausscheidung 
des damals mit besonderem Nachdrucke hervorgehobenen, 
aus der irrthümlichen Deutung des Partnacbprofils entsprun- 
genen sog. Partnachdolomits und eine bestimmte Ein- 
schaltung der eigentlichen St. Gassiangebilde als eines von 
den sog. Partnachschichten zu trennenden Horizontes zwischen 
diesen und dem Wettersteinkalke gegenüber den älteren Auf- 
fassungen als neu und eigenthümlich besonders hervorsticht, 
scheint nach der allemeuesten Darstellung desselben Ver- 
fassers (Jahrb. d. g. B. 1874, Faunengebiete und Faciesge- 
bilde der Trias-Periode) eine einschneidende, die früheren 
Annahmen wieder umstürzende Berichtigung erfahren zu haben. 

Vergleicht man nämlich in dieser Arbeit die Angaben 
(S. 109) mit der Zusammenstellung der Schichtenreihe (S. 112 
in der 2. und 4. Spalte), so ergibt sich, dass das Kaiserge- 
birge zweien, verschiedenen Faciesgebieten zugetheilt wird 



Gümhel: Geognostische Mittheüungen atts den Alpen. 181 

und zwar, dass an dem Südgehänge dieses Gebirgsstockes 
(abgesehen von den älteren Schichten des Muschelkalks 
und den jüngeren des Haupt dolomits) Partnach Mer- 
gel und -Kalke (die früher hieher gestellten Partnachdo- 
lomite sind bereits wieder aufgegeben) alle Zwischen- 
schichten zwischen Muschelkalk und Gardita- 
(Raibler-) Schichten als Facies ersetzen, während im 
eigentlichen Gebirgskamm der typische Wettersteinkalk als 
zweite Entwicklungsform auftritt und (nach der 3. Spalte 
S. 112) Wettersteinkalfc, wie an der Frauenhütte, unmittelbar 
über dem Muschelkalk folgt. Für das Südgehänge bieten 
mithin nach der neuen Auffassung das Partnachprofil, wie 
für das Uebrige das Profil am Westgehänge des Schiern die 
analogen Verhältnisse dar, wornach die mittleren Part- 
nachschichten (= dem unteren Theil von Pichler's 
unteren Gardita-Scbichten) und der Wettersteinkalk 
zwei sich gegenseitig ersetzende Facies darstellen. Diese An- 
sicht, durch welche der Verfasser mit einem Schlage die 
zahlreichen Widersprüche und Un Wahrscheinlichkeiten in den 
Nordtiroler Verhältnissen beseitigen zu können glaubt, kann 
ich aber nicht theilen, weil dadurch Widersprüche nicht 
gehoben, sondern erst recht geschaffen würden. Denn 
man müsste in dem Profile des Südgehänges bei gleichem 
conformem Einfallen folgende Schichtenreihe annehmen : Bunt- 
sandstein, Muschelkalk, Partnachschichten, Mergelfacies für 
Wettersteinkalk, Garditaschichten, Dolomit (? Hauptdolomit) 
typischen Wettersteinkalk, typische Garditaschichten, Haupt- 
dolomit u. 8. w. Also auf eine Breite von nicht mehr als bei- 
läufig 1500 Meter würde die Mergelfacies und die Ealkfacies 
nebeneinander und gleichförmig ü b e reinander gelagert vor- 
kommen, was nur in Folge liegender Faltelung denkbar wäre, 
aber im geringsten Grade wahrscheinlich ist. Diess fordert zu 
einer sorgfältigen Prüfung der Profile noch ganz besonders auf. 
Dass Faciesbildungen und petrographisch wie paläonto- 



182 Sitzung der math.-pJiss. Glosse vom 6, Juni 1874» 

logisch gesonderte StellvertretuDgen von Schichten sowohl 
ausserhalb, als innerhalb der Alpen in letzteren vielleicht 
häufiger, als sonst wo auftreten, ist längst allgemein aner- 
kannt. Meine Schilderung der geognostischen Verhältnisse 
der bayerischen Alpen hat in der von Gruppe zu Gruppe 
fortschreitenden Detailschilderung der einzelnen Formationen 
und Glieder Beweise genug gebracht, in welch' manchfacher 
Weise eine solche stellvertretende Aenderung in den ver- 
schiedenen Gesteinsschichten innerhalb verschiedener Grenzen 
ihres geographischen Verbreitungsgebietes sich bemerkbar 
macht. Ich führe hier diess nur desshalb an, um zu be- 
weisen, dass ich derartige Erscheinungen genau kenne, und 
mich nicht prinzipiell gegen diese Ansichten abweisend ver- 
halte, vielmehr das grosse Gewicht derselben für die Bichtig- 
Stellung lokaler Verhältnisse vollständig anzuerkennen nicht 
das geringste Bedenken trage. 

Gleichwohl erachte ich es für sehr nothwendig, die 
Verhältnisse am Eaisergebirge sorgfältigst zu prüfen, ob sie 
eine derartige, oft mehr bequeme, als naturgemässe Ausleg- 
ung gestatten. Meine früheren und späteren Untersuchungen 
am Eaisergebirge, die ich erst im letzten Herbste einer 
nochmaligen Prüfung an Ort und Stelle unterworfen habe, 
führen mich nun zu einer ganz abweichenden Annahme, die 
ich hier näher zu begründen versuchen will. 

Sehen wir uns behufs allgemeiner Orientirung zunächst 
um die Gründe um, die H. v. Mojsisovics die Nöthigung 
aufgedrängt haben, gegen die ältere Ansicht aller Fachgenossen, 
sowie gegen seine eigene frühere und gegen die einfachste 
und natürlichste Auffassung der Verhältnisse die Faciestheorie 
auf dieses Gebirgsgebiet anzuwenden, so beruhen diese, aller 
Nebensächlichkeiten entkleidet einzig und allein auf dein 
Vorkommen einer einzigen Muschelart, der Hdlöbia 
rugosa Qvüoih.^ welche die oberen Garditaschichten (Raibler 
geh.) in dem Maase ausschliesseud keiMi^eichnen soll, dass 



Oümhel: Geognostische Mittheilungen aus den Alpen, 133 

durch deren Vorkommen an zwei Stellen bei Mehrn unfern 
Brixlegg und im Kaisergebirge nächst Ellmau es unmög- 
lich gewooden sein soll, anzunehmen, es gäbe eine untere 
Cardita-Schicht unter dem Wettersteinkalk und eine petro- 
graphisch, wie paläontologisch höchst auffallend überein- 
stimmende obere Cardita-Schicht über dem Wetterstein- 
kalk. „Es reicht (A. a. S. 107) das Vorkommen von 
Hälobia rugosa in den unteren Cardita-Schichten, meint v. 
Mojsisovics, allein vollkommen aus, um die Unmög- 
lichkeit darzuthun, dass die unteren Cardita-Schichten 
älter als der Wettersteinkalk seien. Mit der Erkenntniss, dass 
die unteren Cardita-Schichten stratigraphisch mit den oberen 
Cardita-Schichten identisch sind, haben wir eine sehr werthvoUo 
Grundlage zur Beurth eilung der Nordtiroler Faciesverhältnisse 
gewonnen'^ Man vermisst bei dieser so besimmt ausgesprochenen 
Ansicht, die sich lediglich auf das paläontologische Moment des 
Vorkommens .einer Species stützt, den Beweis der mit dieser 
Annahme übereinstimmenden Lagerung, der unerlässlich ist 
für die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit eines mindestens 
im höchsten Grade schwachen paläontologischen Beweises. 
So lange diese stratographische Feststellung fehlt, lässt sich 
die Annahme als eine nur doktrinäre und theoretische in 
den daraus hergeleiteten Folgerungen mit Grund zurück- 
weisen. Es kommt aber hinzu, dass dieser paläontologische 
Nachweis auf einer einzigen Versteinerung aus einer höchst 
schwierig uiiterscheidbaren Formenreihe, wie es die Hdlo- 
bien und ihre Verwandte sind, beruht und sich auf eine 
Schichtenfolge bezieht, welche nach eigenem Zugeständnisse 
V. M. durch verschiedene Glieder, wie sie die typischen Cassianer- 
Schichten und die typischen Raibler (obere Cardita-) Schich- 
ten darstellen, eine höchst verwandte, in manchen bisher 
nicht unterscheidbaren Arten (z. B. Cardita crenata u. A.) 
sogar identische Fauna beherbergen. Es ist dadurch die 
Vermuthung um so näher gelegt, dass auch von Halobim 



184 Sitzung der maihrphya, Glosse vom 6. Juni 1874. 

die gleiche oder sehr verwandte Formen in beiden Schichten- 
complexen vorkommen. Thatsache ist, dass dergleichen 
anscheinend gleiche Arten von Haldbien in den beiden 
bisher als verschiedenalterig angesehenen Schieferreihen be- 
obachtet worden sind, (Partnachgebiet, Innsbruck, Eaiserge- 
birge) und es muss daher ihr ungleiches oder gleiches Alter 
entweder mit Hilfe anderer organischen Ueberreste und durch 
die Lagerung, oder besser durch beide in übereinstimmender 
Weise nachgewiesen werden. Gibt es ja auch ausserhalb 
der Alpen Fälle genug, dass eine Unsicherheit wegen nicht 
vollständiger Uebereinstimmung zwischen Lagerung und den 
organischen Einschlüssen lange Zeit bestand und theilweise 
noch fortdauert. Es mag genügen, an die silurischen Golo- 
nien, an Graptolithenhorizonte, an das Muschellager in den 
Grenzschichten zwischen Buntsandstein und Muschelkalk, an 
die Stellung der Spongienfacies und das sog. Gorallien im 
Jura zu erinnern. Sind derartige Streitfragen in meist nicht 
gestörten ausseralpinen Gebieten oft schwierig klar zu legen, 
wie viel schwieriger ist diess in den durch Schichtenfaltelun- 
gen, Ueberkippungen und Verschiebungen so vielfach ver- 
worrenen Alpen der Fall. Um so sorgfaltiger muss daher 
hier die Prüfung bewerkstelligt werden. 

Wenn die Halobia rugosa als ausschliessliches Kennzei- 
chen der Garditaschichten über dem Wetter steinkalk ange- 
nommen werden darf, so muss der Beweis geführt werden, 
dass nirgends dieselbe in Schichten gefunden wird, wo die 
Lagerung dieser Annahme widerspricht. Dieser Beweis ist 
aber bis jetzt nicht beigebracht, vielmehr glaube ich auf Grund 
sogar derselben Profile, auf welche die Ansicht v. M's. vor- 
züglich beruht, das grade Gegentheil nachweisen zu können, 
dass nämlich im Partnachprofile sowohl als am Eaisergebirge 
die Haldbia rugosa oder doch die damit identificirte Form 
in den Mergel- und Schieferthonschichten vorkommt, welche 
normal sowohl über als unter dem sog, Wettersteinkalko 



Gilmbeh Oeognostiache Mittheüungen aus den Jlpen, 185 

ihre Stelle finden. Diese an dem möglichst im Einzeln zu 
schildernden Kaisergebirgsprofile klar zu legen, ist der Zweck 
der nachfolgenden Erörterung. 

Die vortrefflichen Aufschlüsse, welche gerade das Süd- 
gehänge des Eaisergebirgs bei Ellmaa in den Wasserrissen 
der Wochenbrunner-, Bangart-, Riessgängen-, Rech- und Nie- 
derkaiser Alpen bietet, scheinen hierfür besonders geeignet 
Als Einleitung erlaube ich mir nnr einige kurze Bemerk- 
ungen über das Partnachprofil yoranszuschicken, auf 
welches sich gleichfalls die Annahme der Identität der 
oberen und unteren Garditaschichte bezieht. 

Meiner ersten Auffassung dieses Profils von der Part- 
nach (Geogn. Besch. d. bayr. Alp. S. 217. Taf. X 70), 
nach welcher auf d^^m Muschelkalk zunächst Hdlöbien (nicht 
JET. rugosa) -führende knollige Platten und die sog. Partnach- 
schichten, in ihnen die Pflanzen führenden Sandsteinbänke, 
auf dieser dann weiter ein wenig mächtiger Zug yon Wetter- 
steinkalk, ein Streifen der typischen (oberen) Carditaschich- 
ten und Hauptdolomit an der Wettersteinalpe und in wieder- 
kehrender Ordnung in Folge einer Schichtenüberkippung end- 
lich die Hauptmasse des Wettersteinkalkes im Hauptzug des 
Wettersteingebirgs folge, hatte y. Mojsisoyics (Jahrb. d. 
geol. R. Bd. XIX 1869 S. 14 T. IV Praf. 8) zuerst eine 
andere Deutung entgegengestellt. Er giebt an, dass über 
dem wellig gebogenen Muschelkalke zunächst Partnacbschich- 
ten thalaufwärts folgen, in deren hangenden Lagen der be- 
kannte an Pflanzenresten reiche Sandstein sich einstelle und 
nach einem ersten Wechsel yon dunklen mergeligen Gestein 
mit festeren aus Kalk oder Dolomit bestehenden Bänken 
läge im Hauptthale die grosse den Wettersteinwald tragende 
Masse eines Dolomits darüber. Diesen Dolomit nannte er 
Partnachdolomit und bezeichnete ihn als einen tieferen 
Horizont unmittelbar über dem Pötschenkalk bei Aussee 
(S. 100) und als Zeitaquiyalent des y. Bichthofen sehen 



186 Sitzung der math-phys. ClasBe vom 6, Juni 1874. 

Arlbergkalks, die Partnachmergel dagegen als ein Ana- 
logen des italienischen San Gassiano, sowie des Kalks von 
Ardese. (S. 111). Am Steige, welcher von dem Seitenthale 
der Partnach, aus dem sog. Ferchenbache durch den Wetter- 
steinwald zur Wettersteinalp fuhrt, begegnet man derselben 
Schichtenfolge, erst dem Partnachmergel und dem Sandstein, 
dann dem Partnachdolomite, darüber nachmals Partnach- 
Mergel mit zwischengelagerten Kalk- und Dolomitbänken, 
dann dunklem knolligem Kalk und der Rauhwacke und end- 
lich am Fusse der Staflfel, welcher die Wettersteinalpe trägt, 
der untersten Zone der Carditaschichten (sog. Reingrabner 
Schichten) mit Hdlöbia rugosa^ Arcestes floridus, oolithischen 
Bänken mit Cardita crenata^ Hoemesia Johannis Aiistriae, 
Pema aviculaeformis^ Corbis Mellingi^ Entrochi div. spec. 
Den Grat des Gebirges bildet der lichte Wettersteinkalk." 

Der wesentliche Unterschied zwischen diesen und meiner 
Auffassung besteht in der Deutung des Kalks und Dolomits 
am Schwarzschroffen, den ich für Wettersteinkalk hielt und 
halte, V. Mojsisovics dagegen als zwischen Partnachschich- 
ten lagernd mit dem höhern folgenden Dolomite, den ich als 
Hauptdolomit betrachtete, zum Typus einer älteren Dolomit* 
stufe, des sog. Partnachdolomits erhob und endlich 
darin, dass M. die Carditaschichten der Wettersteinalpe als 
unter dem Wettersteinkalk lagernd mithin älter als diesen auf- 
fasste, während ich darin einen Repräsentanten der Raibler 
Schichten nachgewiesen hatte. Es muss zur Klärung der 
Sachlage jedoch ausdrücklich erwähnt werden, dass bis da- 
hin V. M. noch nicht die normal über dem Wettersteinkalke 
auftretenden Carditaschichte anerkennen wollte, wie er es 
später zu thun sich genöthigt sah. 

Ich habe die Genugthuung, dass v. M. selbst in einer 
kurz darauf folgenden Mittheilung (Jahrb. d.k. R. Verh. 1871 
No. 12 S. 215 u. f.) einerseits das Vorhandensein der oberen 
Carditaschichten über dem Wettersteinkalk als Aequivalente 



Oünibd: Geognoatische Mittheilungen atta den Alpen. 187 

der sog. Bleibergerschichten und des bleiberzführenden Kalks 
der Garawanken anerkannte und die unrichtige Deutung des 
Dolomitsdes Wetterstein Waldes als Partnachdomolit, nunmehr 
übereinstimmend mit mir als Hauptdolomit und der Gardita- 
Schichten der Wettersteinalp, nunmehr übereinstimmend mit 
mir, als jüngere Lage über dem Wettersteinkalk zugestanden 
hat. Doch hat auch diese Auffassung eine zweite nochmalige 
Aenderung in der neuesten Darstellung (Jahrb. d. k. R. 1874 
S. 110 u. f.) erlitten. Der Partnachdolomit ist wie mit 
einem Schlage verschwunden und ich begrüsse diesen Fort- 
schritt in der Vereinfachung der Bezeichnung alpinen Gebilde 
wie auch das Fallenlassen der Namen : oenische, halorische, 
badiotische und larische Gruppen (S. 87 Anm.) mit aufrich- 
tiger Freude. Aber auch die sog. Partnachschiefer sind in 
ihrem grösseren Theile yon ihrem alten Sitze verdrängt, und 
auf die Stelle der sog. oberen Carditaschichteu verschoben 
worden und zwar auch hier lediglich in Folge des ,, stufen- 
deutenden Vorkommens der Halohia rugosa^^ in der sog. 
Partnachschichten, so dass nurmehr der Gouiplex dieser 
Schichten welcher unter dem Pflanzen-Sandstein liegt, als Ver- 
treter der g.^nzen Wettersteinkalkfacies zu betrachten sei, der 
Saudstein selbst und die ihn begleitende Halöbia rugosa 
führende Schicht aber wären ächte jüngere Garditabild- 
ungen (Lunzer Sandstein). Erweckt dieses stete Schwanken 
und Manipuhren in der Auffassung gegebener Verhältnisse 
eben so, wie man es zu den jeweiligen theoretischen Ansich- 
ten braucht, schon an sich kein grosses Vertrauen auf die 
sorgfältige Prüfung der wirklichen Lagerungsverhältnisse, so 
giebt es doch auch noch ganz andere Gründe, welche gegen diese 
Theorie schwer in's Gewicht fallen. Ich habe diese Profile 
der Partnach auch in der neuesten Zeit wiederholt besucht, 
und einer möglichst objectiven Prüfung unterzogen, ohne je- 
doch zu wesentlich anderen Ergebnissen zu kommen, als die- 
jenigen waren, zu denen ich zuerst gefuhrt worden war* 



188 SiUung der math.-phys, Classe vom 6. Juni 1874. 

Würde es auch nicht an das fast Unmögliche grenzen, dass 
ein so mächtiges Kalkgebilde, wie es der Wettersteinkalk des 
Wettersteingebirgs und der Zugspitz ist, auf einen Abstand 
von nur ungefähr 2500 M. in der Breitenrichtung des 6e- 
birgs gemessen völlig verschwunden sei und durch thonige 
Schiefer ersetzt werde, so macht schon der Umstand diese un- 
wahrscheinliche Annahme völlig überflüssig, dass ja im Schwarz- 
schroffen der Kalk wirklich vorhanden ist, wenn auch viel- 
leicht dolomitischer als im Hauptzuge und dass er von da 
westwärts zum Hammersbach und oberhalb der Bärenheimath 
sichtlich fortsetzt, wo die Schiefer und Sandsteine, die ihn ver- 
treten sollen, augenscheinlich ihn unterlagern. Dazu kommt 
aber noch weiter, dass dieser Sandstein den Partnachschichten 
mit seinen zahlreichen Pflanzeneinschlüssen keineswegs 
identisch sich erweist mit dem ihm petrographisch freilich 
ganz ähnlichen Sandstein der ächten oberen Gardita- 
Schichten, wie sie auch unterhalb der Wettersteinalpe zu 
Tag ausstreichen. Es finden sich in dem älteren Sandstein 
nach Schenk 's Bestimmungen Pterophyllum Mericmi Pt. 
Gruembeli, Clathrophyllum Meriani u. A. gegen Pterophyllum 
Jaegeri, Pt. Haidingeri u. A. in dem jüngeren Sandstein. 
Allerdings trifft man die Halohia rugosa in den dem älteren 
Sandstein des Partnachthals unmittelbar verbundenen Schie- 
ferthonschichten. Ich sammelte sie selbst (1870) genau an 
der Stelle, wo in der Profilzeichnung v. M's. Jahrb. 1869 
Taf. IV Prot 8) „feuchter Boden" angegeben wird, an den 
Rändern des Thals in zahlreichen Exemplaren zugleich mit 
einigen anderen Versteinerungen (Pema aviculaeformis^ 
Myophoria lineata, Ammonites cf. floridus u. A.) Diese 
Muschel scheint in dieser Stufe eben so wenig selten zu 
sein, wie in der oberen Carditaschichten der Wetterstein- 
und der Hammersbachsalpe, da ich sie auch in der Nähe 
der Kalkwand im Hammerbachthaie fand und Prof. Schaf- 
b ä u 1 1 (nach M.) sie unter dem Namen Posidonomya semi^ 



OikrAet: Oeognostische Mittheüungen atis den Alpen, 189 

rädiata von dem dazwischen liegendeu Kochelberge aufführt. 
Ich muss hinzufügen, dass im Uebrigen zwischen der petro- 
graphischen Beschaffenheit der sog. Partnachschichten im 
Partnachthaie selbst und längs des ganzen grossen Gebirgs- 
stocks dieses Alpentheils und jener der sog. oberen Gardita- 
schichten an der Wetterstein- und Hammersbachalpe hierdurch 
aus keine Aehnlichkeit besteht. Dadurch nun, dass ich 
diesen Strich der Haldbia rti^o^a-führenden Schiefer vom 
Partnachthaie aus mit dem begleitenden, zum Führer dienen- 
den, oft in Felsrücken zu Tag ausstreichenden Sandstein 
westwärts üben den Oberhausberg und den Steger Wald zum 
Hammersbachthale streichend verfolgt habe, und im Ham- 
mersbache selbst noch in der Nähe der Stange im Schiefer 
die Halobia rugosa keine 300 M. von der Steilwand des 
Wettersteinskalk, der hier augenscheinlich auf dem Schiefer 
aufliegt, wiederfand, glaube ich den unwiderleglichen und 
klaren Beweis liefern zu können, dass die Halobia rugosa- 
führende Schiefer hier im Hammersbache doch wohl nicht 
als jüngere Cardita- Schichten aufgefasst werden können, da 
sie unmittelbar mit der ganzen Reihe der vorliegenden Part- 
nachschiefer vereinigt vorkommen. Ich bin mithin zur An- 
nahme geführt worden, dass die Halopia rugosa gerade so 
wie sonstwo Cardita crenafa, Pema avitulaeformis etc. in 
höheren und tieferen Niveau sich zeigt, und den beiden 
Carditahorizonten, dem oberen wie unteren d. h.% den Raib- 
1er- und den Partnachschichten gemeinsam zukommt und 
dass man nach dem Partnachprofile woblberechtigt ist, einen 
doppelten Halobia rugosa Schiefer über und unter dem 
Wettersteinkalk anzunehmen. 

Sehen wir nun weiter uns in den schönen Aufschlüssen 
um, in welchen zahlreiche Gräben am Südgehänge des Kaiser- 
gebirgs die Gebirgsverhältnisse klar vor Augen zu legen 
scheinen, so sind es hier insbesondere die Wasserrisse des 
Gebiets des Wochenbrunner und Aschacher Grabens bei 



190 Sitzung der tnath.-phys. Classe vom 6, Juni 1874. 

EUmau in der Nähe zahlreicher Alpen, die ich hier unter 
den Namen anführe, welche ich von den Hirten gehört habe, 
als Baogarten, Rech-Niedergläger, Niederkaiser- und Wochen- 
brunner- Alpe*) 

Beide genannte Thalrinnen sind oben durch einen fel- 
sigen Rücken getrennt, der mir als die „Riessgänge" be- 
zeichnet wurde. Zwischen einzelnen zackigen Felsrippen 
streichen hier weiche, weidereiche, aber zugleich von tiefen 
Wassergräben durchfurchte Mergelstreifen durch, aufweichen 
mehrere kleine Alphütten liegen und über die querüber 
vom Wochenbrunuerthale zur Rechalpe mehrere Alpsteige 
führen. Oben steigt die Kalkwand des Kaisergebirgs fast 
senkrecht zu einer zackigen Spitze empor, die mir als die 
„Herrenspitze'' bezeichnet wurde. Man begeht dieses von 
Ellmau leicht in 2 Stunden zu erreichende Gebiet vortheil- 
haft einestheils von der Wochenbrunner Alp aus aufwärts 
in den verschiedenen Seitengräben und Schluchten, .die stel- 
lenweis durch den meist sehr mächtigen Gebirgsschutt bis 
zum Untergründe einschneiden und schöne Entblössungen im 
Buntsandstein bieten, andererseits von der einzeln stehenden 
Brama-Gapelle aus auf dem Steig zur Niederkaiser- und 
Rechalpe im Wassergebiete des nach Qoigen und Brama rin- 
nenden Bachs und der Aschach. Die nachstehenden Profil- 
zeichnungen stellen die Aufschlüsse in dem oberen Aschach- 
thaie über , die Rechalpe, die Riessgänge, die Herrenspitzfe 
des höchsten Gebirgsgrates bis zum sog. Eaiserthaler zwi- 
schen vorderem und hinterem Kaiser im Allgemeinen und 
einen Theil im Einzelnen dar. 



2) loh gebe diese Namen, wie ich sie gehört habe, ohne für deren 
Richtigkeit einstehen zu können. 



Qümbel: Oeognostiache Mittheüutigen am den Alpen. 191 




192 Sitzung der math.-phys, Olasse vom 6, Juni 1874. 

Buntsandstein. 

Bezüglich der tieferen Triasschichten, am die es sich 
hier zunächst* nicht handelt, darf ich mich kurz fassen. Es 
sind diess die Schichten des alpinen BuntsandsteinSi 
welche angelehnt an das ältere vielleicht silurische Thon- 
schiefergebiet des Gebirgsstocks der hohen Salve sich nord- 
wärts von der Hauptstrasse am südlichen Gehänge des 
Eaisergebirgs bis zu erstaunlicher Höhe emporziehen. Wäh- 
rend in den liegenderen Parthien häufig jenes Zweideutige 
breccienartige Gonglomerat in mächtiger Entwicklung den 
nördlichen Fuss der hohen Salve überdeckt, welches mög- 
h'cher Weise noch den paläolithischen Bildungen angehört, 
herrschen in der tiefen Längsbucht von Wörgel bis St. Jo- 
hann und weiter vorwaltend weiche intensiv rothe, schiefrige 
Gesteine von der Art der sogenannten Werfener Schich- 
ten') und rother kieseliger Sandstein nach Art des ausser- 
alpinen Sandsteins. Doch fehlt es auch in diesen Lagen 
nicht an eingeschalteten Gonglomeratbänken, wie an der 



8) Ich habe in meiner Mittheilung I (a a. 0. S. 26 Anm.) mich 
gegen die ungerechtfertigte Beschränkung der Bezeichnung 
„Werfener Schichten*' auegesprochen. Hr. v. Moj sifiovics 
versucht neuerdings (J. 1874 S. 88) durch eine geschickte Wendung 
die Streitfrage von sich ab auf Hr. v. Hauer überzuschieben. Ich 
weise das einfach mit der Bemerkung ab, dass, wer nachsehen will, 
die Bezeichnung ,,Werfener Schichten'' oder „Werfener Schichten 
und Yerrucano^^ für den ganzen Schichtencomplez des alpinen 
Buntsandsteins auf sämmtlichen Blättern der v. Hauer'schen Karte 
verzeichnet findet in voller üebereinstimmung mit der Erläuterung 
(Jahrb. 1872 S. 161 und 210) wornach Derselbe unter Schichten von 
Seis die ,,Gesammtmasse'' der v. Richthofen zur unteren Trias ge- 
zählten Schichten in Südtirol versteht und angiebt, dass die Seiser 
und Campiler-Schichten zusammen den Werfener Schichten oder dem 
Buntsandstein der Alpen entsprechen. Von „Nordalpin*^ ist an dieser 
Stelle kein Wort zu finden, die H. v. M. nicht unbefangen und ruhig 
genug gelesen zu haben scheint. Yergl. Emmerich, Geol. Gesch 
d. Alpen. S. 661 und 663. 



Oümhel: Oeognostische Mittheilungen au8 den Alpen. 193 

Strasse bei SöII^ bei Schöffaa. Die oft grossen Rollstücke 
des GoDglomerats bestehen vorherrschend aus Kalk von der 
Bescha£Fenheit des dem benachbarten älteren Thonschieferge- 
birge eingelagerten dichten Kalkes. Die hängendsten Schich- 
ten des Buntsandsteins sind besonders schön in den west- 
lichen Seitenschluchten des Wochenbrunner Grabens ent- 
blösst. Hier begegnet man rothem buntem Sandstein von 
typischer Beschaffenheit, oft mit Thongallen, oft Eisen- und 
Mangan-reiche Putzen enthaltend und wechsellagernd mit mehr 
dünnschieferigem Gestein ganz nach Art des bei Werfen vor- 
kommenden Schichtencomplexes. Röthliche, oft lichtfarbige 
Sandsteine mit Wülsten auf den Schichtffächen (3), die noch 
etwas höher auftreten, erinnern an die weissen, Pflanzenreste- 
führenden Sandsteine in den Südalpen und an die Chiro- 
theriumsandsteine des thüringisch-fränkischen Gebiets. Sie 
sind begleitet von stark eisenhaltigen und dolomitischen 
Zwischenschichten. Der Schichteneinfall ist vorherrschend 
ein nördlicher. Im oberen Aschacher Thale und an einzel- 
nen Stellen beobachtet man aber auch entgegengesetztes süd- 
liches Einfallen, welches jedoch in deutlich wellenförmigen 
Biegungen wieder in die normale Lage mit nördlichem Ein- 
fallen zurückkehrt. 

In den hängendsten Schichten zeigen sich Brocken von 
Gyps und Rauhwacke. Hier ist es, wo in Folge der Aus- 
laugung und Abwitterung die Profile meist überdeckt und 
auf ungefähr 50 "* Länge verhüllt sind. Nur an einzelnen 
Längsrücken z. B. in dem östlich vom Aschacherthale in der 
Nähe einer Alphütte SO. von der Rechalpe kann man die 
vollständige Schichtenfolge auch in dieser sonst verstürzten 
Region feststellen. Es sind oberhalb der kieseligen Sandsteine 
Homstein-haltige Breccien und Rauhwacke^artige Dolomite (4), 
welche die unmittelbare Basis von stark bröcklichem klein- 
klüftigem dunkelfarbigem Dolomit ausmachen. Ein höchst 
merkwürdiges, ziemlich mächtiges Schichtensystem dunkel- 

[1874. 2. Math.-phys. CJl.] 13 



194 Sitzvfng der matK-phys. Olaase vom 6. Juni 1874. 

farbiger, schwarzer, dünn-und ebenspaltender harter Ealkmer- 
gel mit eingeschalteten festeren Ealkbänken bildet den Fuss 
und das Steilgehänge, über welchem eine erste weidenreiche, 
mehr verebnete Fläche zieh ausbreitet. So an der Rech- 
alpe, wo ein Wassergraben diese Gesteinsreihe Schicht für 
Schicht zu beobachten gestattet (5). Aber trotz dieses vor- 
züglichen Aufschlusses wollte es mir nicht gelingen irgend 
charakteristische organische Einschlüsse darin aufzufinden. 
Nur selten gewahrt man kleine Gasteropoden und Fisch- 
schüppchen. Dagegen yerrathen weisse Pünktchen einen er- 
staunlichen Reichthuiu an Ostracoden und Foraminiferen, 
welche durch Dünnschliffe vollends deutlich erkannt werden 
können. Diese weisen auf eine grosse Aehnlichkeit mit den 
Foraminifen-reichen Schiefer der Pufler Schlucht (a. a. 0. 
S. 32 Schicht P') und auf die den alpinen Muschelkalk einlei- 
tende Schichten hin. Bemerkenswerth sind die Spongiennadeln, 
welche durch die Dünnschliffe mittelst des Mikroskops in 
diesem Gestein sich beobachten lassen. Es ist sehr wahr- 
scheinlich, dass wir mit diesen dunkelfarbigen Mergelplatten 
bereits die Region des alpinen Muschelkalks erreicht haben. 

Muschelkalk. 

Entschieden dem Muschelkalk angehörig erweist sich 
jedoch erst die Schichtenreihe der nun folgenden normal 
aufliegenden Gesteine. Es sind dies ziemlich mächtige die 
eigentliche Steilwand bildende Kalke und Dolomite, mit 
welcher die sog. Riessgänge an der Rechalpe beginnen. 
Deutlich, meist dünnbankig geschichtet ist der Kalk oder 
Dolomit tief schwarz gefärbt, weissgeadert und oft rostfleckig 
(3). Nach oben geht er in einen sehr lichten selbst weisen 
Kalkstein über (6) (Rech-Galtalpe). In den östlichen Wasser- 
rissen der Wochenbrunneralpe stehen diese schwarzen weiss- 
geäderten und gelbgefleckten Kalke deutlich entblöst an einer 
Felswand an, in welcher ein Grenzzeichen (+ Nro. 111) 



Qümhd: Geognostische Mittheüungen au$ den Alpen, 195 

eingehauen ist. Die petrographische Beschaffenheit ist 
üher einstimmend mit dem sog. Retzien skalke des alpinen 
Muschelkalks. Doch lassen sich organische Einschlüsse 
auch darin nur wenige gewinnen. Zahlreiche Brachiopoden- 
Durchschnitte fallen in die Augen, aber es ist wegen der 
Sprödigkeit des Gesteins schwierig, ganze Exemplare daraus 
zu gewinnen. Desto häufiger treten in Folge der Auswitter- 
ung die lünge und Cylinderchen von Gyroporellen aus 
der Gesteinsfläche hervor. Es ist die charakterische Oyro- 
parella pauciforata, welche dem Gestein den Muschelkalk- 
charakter aufdrückt. Ausserdem ist das Gestein noch von 
Ostraeoden und kleinen Foraminiferen erfüllt. In den 
höheren, mehr licht gefärbten Lagen^) bemerkt man häufiger 
CHnoideensfiele und sehr zahlreiche röhrenförmige Fletscherien- 
artige Einschlüsse. 

Die oberste Lage dieser Stufe wird von einem intensiv 
schwarzen, breccienartigen Dolomite gebildet, der einem 
unmittelbar darüber gleichförmig auflagernden mächtigen 
System (7) von Schiefer, Mergel, Sandstein und Oolith zur 
Unterlage dient. Die direkten Grenzen sind mehrfach auf- 
geschlossen, namentlich in einer Wasserrinne an der Ban- 
gartalpe in der Nähe eines Versuchsbaues auf Steinkohlen, 
wozu die intensiv schwarze Farbe des zunächst den Dolomit 
überdeckenden Glanzschiefers Veranlassung gegeben zu haben 
scheint. Wir haben damit die interessante Stufe der Part- 
nachschichten oder die sog. unteren Cardita crenata 
enthaltenden Schichtenfolge erreicht. 

4) Man könnte in diesem weissen Ealke die Zwischenlagen zwi- 
schen der Bracluopodenbank des Muschelkalks und den St. Cassianer 
Schichten vermuthen, ihn daher im Alter dem ßuchensteiner Ealke 
und den Wengener Schichten ongefakr gleichsetzen. Aus welchem 
Grande Mojsisovics (&, a. 0. S. 91) behauptet, dass ich neulich 
unter letzteren etwas anderes, als die Wis^nann'schen Wengener 
Schichten aufgeführt hätte, ist nicht angeführt und mir voUständlig 
unverständlich. Doch muss man erst die angekündigte grössere Ha- 
lobien-Arbeit M's. abwarten, um der Sache näher treten zu können. 

13* 



196 SitBung der matK-pHya. CUase vom 6. Juni 1874, 

Partnachschichten. 

(Untere Garditaschichten.) 

Die Gesteinsreihe dieser schiefrigen and mergeligen, 
mehr oder weniger leicht verwitterten Gebilde beginnt am 
Südgehänge des Kaisergebirgs nach den zahlreichen guten 
Aufschlüssen in den Schlachten- und weidereichen Gebirgs- 
rücken zwischen Wochenbrunner und Niederkaiseralpe mit 
sehr weichem, tiefschwarzem, oft glänzendem Schiefer (7a) in 
dem, wie schon erwähnt, ein Versuchsbau auf Steinkohlen 
stattfand. Schon in diesem kaum mehr als 5" mächtigen 
Schiefer sammelte ich zahlreiche Versteinerungen darunter 
als die häufigsten: 

Halöbia rugosa Gürab. 

GervüUa Johannis Austriae Klipt. 

Cassianella tenuistriata 

Myophoria lineata Mü. 

Nucula suhobliqua Klipt. 

Pecten filosus Hau. 

Pecten auristriatus Mü. 

Pecten subdemissus Mü. 
Pecten äff. descites 

Sanguinolaria alpina Mü. 

Dentälium arctum Pichl. 

MacrocMlus variahilis 

Ämmonites cf. floridus 

Pentacrinus propinqus Mü. 

JBactryllium canaliculatum Heer, 
nebst einigen, vielleicht neuen Zweischalern und Schalen- 
trümmern in dürftigem Erhaltungszustande. 

Es ist schon besonders hervorgehoben worden, dass vor- 
nämlich Halohia rugosa vollständig mit denjenigen Formen 
übereinstimmt, die im Partnachthal in den Partnachschichten 
unter dem Schwarzschro£Fen gefunden wurden. Ebenso halte 



Qümbel: Geognostische Mütheüungen at*8 den Alpen. 197 

ich sie für absolat identisch mit den Formen aus den sog. 
oberen Garditaschichten von der Wettersteinalpe und der 
Hammersbacher Alpe. Nach der Deutung you Mojsisovics 
müsste daher dieser Schiefer'bereits dem Horizont der oberen 
Cardita-Schichten angehören, also in einer Entfernung von 
vielleicht 30™ normal gemessen vom Muschelkalk! 

Darauf folgt eine mächtige Lage jenes grünlich grauen 
Sandsteins, der seiner petrographischeu Beschaffenheit nach 
ganz dem Sandsteine in der Partnach, am Eochelberg, am 
Scharfmöösel und ebenso dem der oberen Carditasandsteine 
gleichkommt, und sich wie das Gestein an allen Fundpunk- 
ten durch quer zur Schichtung stehenden Wurzeleinschlüsse 
auszeichnet (7b). Es finden sich in demselben zahlreiche 
Spuren von Eqmsetites und Pterophyllum genau wie im Ge- 
biete der Partnach. 

Ueberlagert wird dieser Sandstein von grauem, klotzigem 
Mergel und sandig mergeligem, unregelmässig grobkörnigem 
Oolith 7c 7d), wie er bekanntlich in petrographisch ununter» 
scheidbarer Entwicklung sich sowohl im ächten St. Cassian 
(Seisseralp, St. Cassian), wie in den sog. oberen Cardita- 
schichten wiederholt. Ihnen schliesst sich eine kleinkörnige 
Oolithlage (7e) an, die den üebergang zu sehr mergeligen 
Schichten (7d) bildet. Ueber die ununterbrochene gleichförmige 
Aufeinanderfolge aller Schichten vom schwarzen und weissen 
Kalk herauf bis zu dem eben genannten Mergelschiefer kann 
nach den klaren und häufig sichtbaren Entblössungen kein 
Zweifel obwalten. Wir begegnen in diesen Lagen einer mehr 
durch Anzahl der Individuen als durch Artenreichthum ausge- 
zeichneten Fauna. In wirklich erstaunlicher Menge kommt 
ganz besonders ein Myophoria vor, die ich der inaequico- 
stata Klipt zuzähle, die jedoch in ihrer Form die Mitte 
hält zwischen der von Laube gegebenen Abbildung des 
Artentypus, zwischen Jf. chenopm und M. WhaÜeyae v. B. 
Nicht minder häufig zeigt sich die kleine Corbula-ähnliche 



198 Sitzung der mcliih.'-pivya, Glosse vom 6, Juni 1874. 

Myophoria lineata und iDsbesondere Carbis Mdlingi Hau. 
Letzte Form wurde einer sehr genauen Untersuchung unter- 
worfen, auch das Schloss bloss gelegt und auch nicht den 
geringsten Unterschied gegen die Form aus oberen Gardita- 
Schichten bemerkt. Weniger häufig stellt sich ein: 

Cardüa crenata in meist kleinen Exemplaren 

Plicatula obliqua Mü. 

Ostrea montis Caprilis El. 

Pema aviculaeformis Emm. 

Cassianella gryphaeata Mä. 

CassianeUa impressa Mü. 

Nucula subobliqua Mä. 

Pecten filostis Hau. 

Mehrere Austern-| Hinnites-krien und vieles Andere 
liess sich mit bereits bekannten Arten nicht näher identificiren. 

Die Lagen klotziger leicht zerbröckelnder Mergel (7^) 
schliessen die Reihe der weicheren schiefrigen Gesteine nach 
Oben ab und bilden das unmittelbare Liegende einer sehr 
mächtigen Ealkbank (8), die etwas dolomitisch, grau oder 
schwärzlich gefärbt, weiss geädert ganz besonders durch den 
reichlichen Einschluss grosser und kleiner Homsteinknollen 
sich kennzeichnet. Diese Hornsteineausscheidungen zeigen bald 
die Form kleiner EQgeichen, bald die von EartoffelknoUen. 
Leider fehlt es auch hier an Versteinerungen. Kleine Or- 
ganismen und Grinoideen sind das einzige Wahrnehmbare 
dieser Art. Es lässt sich daher über das Aequivalent dieses 
Ealkes nichts Bestimmtes ermitteln. 

Wettersteinkalkstufe. 

In sehr deutlicher Entblössung sieht man in gleichför- 
miger Lagerung erst dunkelgrauen (9), höher lichtgefarbten 
dünnbankig geschichteten und kleinklüftigen Dolomit (10) 
in bedeutender Mächtigkeit ununterbrochen bis zum Steil- 
rande des mit weissen Wettersteinkalk rasch sich auf- 






Crürnhel: Geogmstische Mittheüungen aus denjÜfpm:^" 199 

thürmenden Hochgebirgsgrath (12) reichen. Ich habe an 
zwei Stellen diese Begrenzungslage direkt aufgesucht, um 
eine etwa vorfindliche mergelige Zwischenschicht festzu- 
stellen. Trotz vorzüglicher Aufschlüsse konnte ich n'chts 
dergleichen entdecken. Der Dolomit geht ziemlich rasch in 
reineren Kalk über, ohne eine mergelige Zwischenbildung, 
die hier stellenweis TOrkommen solP) innerhalb des ganzen 
von mir begangenen Gebirgstheils zu enthalten. Dagegen 
sah ich an einzelnen Stellen in dieser entsprechenden Höhe, 



5) Dieser Dolomitstufe gehören auch die dolomitischen Gebilde 
an, durch welche sich bei Wörgl die Achen eine tiefe Klamm ein- 
gerissen hat. Man kann sich leicht hiervon überzeugen, wenn man 
den Steig von Wörgl nach Niederau verfolgt und in der Nähe des 
ersten Hauses rechts zur Thalsohle hinabsteigt. Bis hieher steht un- 
unterbrochen derselbe Dolomit des Achendurchbruchs an. In einer 
Seitenrinne, die zum Thale abwärts zieht, bemerkt man den gut auf- 
geschlossenen Dolomit in zahlreichen dünen Bänken geschichtet und 
schwach nach N. geneigt. Schutt überdeckt eine offenbar durch 
weiche, leicht verwitternde Schichten entstandene Einbuchtung, in 
der man einzelne Brocken schwarzen Mergels genau wie das Gestein 
des Partnachschiefers wahrnimmt. Etwas unterhalb dagegen steht 
wieder der typische schwarze Gyroporella j^awct/braia-haltige Alpen 
muschelkalk, dann gelbe Rauhwacke und endlich dünngeschicbtetes 
Gestein des Buntsandsteins an. Es kann kein Zweifel bestehen über 
die Continuität dieser Schichtenreihe, nach der dann der Dolomit ge- 
nau die Stellung des oben besprochenen Dolomits am Südgehänge 
des Eaisergebirgs einnimmt. Die besondere Bezeichnung als „Kalk 
und Dolomit von Wörgl**, welche Mojsisovics eingeführt 
hat, dürfte demnach weiter nicht mehr nöthig sein. Etwas weiter 
gegen Niederau zeigen sich an dem oberen Fussteig graue Mergel 
und sandige Schichten, welche nach sicher ermittelten Versteinerun- 
gen den Häringer-Schichten (ünteroligocäen oder Obereocän) 
angehören. Es ist interessant, die weitere Verbreitung dieser Ter- 
tiärgebilde nach Süden hiermit auch östlich vom Innthal festgestellt 
zu sehen. Diese Bemerkung soll dazu dienen^ auf diese bis jetzt der 
Beobachtung entgangene weitere Ausdehnung der Häringer-Schichten 
aufmerksam zu machen, um darnach die kartische Darstellung zu 
vervollständigen. 



200 Sitmng der matK-phys. Glosse vom 6. Juni 1874. 

die leider {Qr micH nicht zagänglioh waren, röthliche Ge- 
steinsfärbung und in dem Gebirgsschutt des Wochenbmnner 
Grabens sogar sehr intensiv rothgefärbten Kalk von der Art, 
wie des Hallstädter zu sein pflegt. Es wird dadurch der 
Vermuthung Raum gegeben, dass der bezeichnete rothe 
Streif eine Schichtenlage (11) verräth, die an zahlreichen 
Punkten von Nordtirol direkt unter dem Wettersteiukalk 
liegt. Denn es ist kaum denkbar, dass die Gerolle rothen 
Kalks aus anderen Gebirgstheiien hierher verschwemmt wor- 
den sein sollten. 

Der Dolomit und röthliche Kalk, wo er sich ein- 
stellt, gehören in die Stufe« und Schichtenreihe des Wetter- 
steinkalkes, welcher von dieser StafiFel an in erstaunlicher 
Mächtigkeit über die höchsten Zacken des Gebirgs und jen- 
seits bis zur Eintiefung des Kaiserthal ununterbrochen an- 
hält. Nur selten ist der schroffe Kamm tiefer ausgenagt 
und bildet sog. Scharten, durch welche gute Bergsteiger auf 
das jenseitige Gehänge gelangen können und damit in jene 
Zwischenbuchtung zwischen vorderem und hinterem Kaiser. 
Der Wettersteinkalk des Kaisergebirgs ist ganz typisch, je- 
doch sehr arm an organischen Einschlässen. Der Schichten- 
bau bleibt, einzelne Falten und Knickungen abgerechnet, der 
bisherige Richtung mit einer Hauptschichtenneigung nach N . 
vollkommen treu. Es ist daher ganz normal, dass in der 
Tiefe des sog. Kaiserthals auf dem Wettersteinkalk eine 
neue Mergelbildung folgt. 

Balbler Schicliteii. 

(Sog. obere Gardita-Schichten.) 

Diese obere Mergellage besitzt ganz dieselbe Beschaffen- 
heit und enthält ganz dieselben Versteinerungen, wie die 
sog. Raibler Schichten in ganz Nordtirol und Bayern, womit 
auch die nicht zweifelhafte Einlagerung zwischen Wetter- 
steinkalk und Hauptdolomit spricht (13). Der. letz- 



CHkübdi Oeognostische Mittheüungen aus den Alpen. 201 

tere (14) iiillt die Hauptmasse der Mulde zwischen den 
beiden Wettersteinkalkgräthen des Eaisergebirgs aus, so 
dass jenseits gegen N. unter demselben zuerst wieder an 
der Hochalp der Qegenäügel der Baibler-Schichten , dann 
der Wettersteinkalk des hintern Eaisergebirgs zu Tag tritt. 
Endlich stösst man im Gewürgthal und am Ebersberg S. 
oberhalb des Walchsee's auch noch weiter auf die regel- 
mässige Unterlage des Wettersteinkalks, die Partnachm,ergel 
und den Muschelkalk, so dass dadurch das Bild einer gross- 
artigen Gebirgsmulde mit hochaufragenden Rändern seinen 
vollständigen Abschluss gewinnt. 

Es ist noch ganz besonders in Bezug auf die zusammen- 
fassende Beurtheilung dieses Gebirgs als Ganzes hervorzu- 
heben, dass die Lagerung von den tiefsten bis zu den höch- 
sten Lagen eine sehr regelmässige und ruhige ist. Zwar 
fehlt es im Kleinen auch hier nicht an Ueberschiebungen, 
Faltelungen, Knickungen, Verwerfungen und Abrutschungen, 
aber sie sind selten, leicht zu erkennen und im Ganzen 
ohne Einfluss auf den Gebirgsbau. Solche lokale Störungen 
fand ich namentlich am Ostgehänge der Wochenbrunner- 
graben in der Nähe eines Versuchs auf Steinkohlen im 
Glanzschiefer, wo dieser in Folge eines Rutsches schief an 
dem weisslichen und schwarzen Kalk abschneidet. Ebenso 
beobachtet man oben am Rücken der Riessgänge in der 
Nähe der oberen Galtalpe einen Herabbruch des weiss- 
lichen Hornsteinkalks und eine Ueberschiebung desselben 
über den untenliegenden Mergel, so dass es örtlich den 
Schein gewinnt, als ob über dem Hornsteinkalke nochmals 
ein Streifen weicher mergeliger Schichten vorhanden sei. 

Es fragt sich nun schliesslich, die Gesammtheit der Ver- 
hältnisse, der Lagerung sowohl als der Versteinerungen in's 
Auge gefasst, ob es zulässig sei dieses Profil in der Weise 
zu deuten, dass die Gardita-fiihrenden Schichten des Südge- 
hängs, also auch die Lage unmittelbar über dem weissen 




202 Sitzung derinath.-phys, Clctsse vom 6, Juni 1874. 

Kalk (6^) mit Halobia rugosa als identisch mit jenen des 
Eaiserthals und der Hochalpe angenommen werden dürfen. 
In diesem Falle müsste der weisse Kalk (6*") in wenige 
Meter mächtigen Lagen den ganzen Wettersteinkalk vertreten 
und durch eine S förmige Biegung und liegende Zurückfalt- 
ung dieselbe Schicht eiumal im Hangenden und dann wieder 
im Liegenden zu Tage zurückgebogen sein, um noch einmal 
als Hangendes zu erscheinen. Eine solche Deutung wäre 
gegenüber der klar vorliegenden Einfachheit des Gebirgsbaues 
gradezu eine abentheuerliche, welche nur möglich gedacht 
werden könnte, wenn man annehmen würde, dass jede der 
Gesteinslagen in jeder der aufeinander folgenden Falten durch 
eine andere Faciesentwicklung vertreten wäre, eine Annahme, 
zu der ich durch keine der beobachteten Thatsachen mich 
veranlasst sehe. Ich kann mich daher, der neuerdings durch 
V. Mojsisovics versuchten Auffassung des beschriebenen 
Profils in diesem angedeuten Sinne, dass die Halobia rugosa- 
führende tiefere Mergelschieferreihe der oberen Garditastufe 
entspräche und der Wettersteinkalk in der Faciesentwicklung 
durch die mittleren Partnachschichten selbst ersetzt sei, 
schon einfach desshalb nicht anschliessen, weil in dem Profile 
selbst kein Platz für eine solche Stellvertretung denkbar ist. 
Mir scheint es daher weit naturgemässer, die Verhältnisse 
so aufzufassen, wie sie sich uns einfach ergeben und ruhig 
zuzugestehen, dass das, was man als Halobia rugosa auf- 
fasst, so gut wie Cardita crenata und vieles Andere in den 
beiden Mergelcomplexen der oberen und unteren Gardita- 
schichten zugleich vorkommt. Ich kann unmöglich dem Vor- 
kommen einer einzigen Art von Versteinerungen und zwar 
einer so formreichen, wie es die Halobien insbesondere sind, 
eine so grosse Bedeutung zumessen, um darin die unabweisbare 
Noth wendigkeit zu sehen, dem Schichtenbau eine so künst- 
liche Deutung zu geben. 

Aber wir kommen mit dieser Annahme ja ohnehin nicht 



Gümhel: Geognostisehe Mätheilungen aus den Alpen. 203 

weiter, ohne uns in neue Schwierigkeiten zu verwickeln, 
lieber die Artenidentität aller dieser in den oberen und nn« 
teren Mergelschichten vorkommenden organischen Einschlüsse 
lässt sich natürlich nicht streiten. Allein neben Halobia 
rugosa zeigt sich in den tieferen Schichten noch eine Reihe 
von Arten, die bisher als typische Cassianer angesehen wur- 
den, darunter Myophorien, die dem Typus der aeqtdcostata 
weit näher stehen, als dem der Wkatleyae, dann Myophotia 
lineata^ Nucula suhohUqua, die zahlreichen Ctussianellen, BaC" 
tryllium canaliculatum. Sollen sie alle in dem tieferen Hori- 
zonte von St. Gassian gestrichen und in den höheren von 
Raibl versetzt werden? 

Es scheint mir diesem Vorkommen gegenüber in genauer 
Uebereinstimmung mit der Lagerung desshalb weitaus den 
Vorzug zu verdienen^ auch am Eaisergebirge an zwei^} ver- 
schiedenen Cardita crenata und Halobia m^o^a-fiihrenden 
Schichten, die eine ober, die andere unter dem Wetter- 
steinkalk lagernd festzuhalten. 



5) Das üebereinstimmende und Abweichende in der Fauna bei- 
der Schichtenreihen jetzt schon absolut genau festzustellen, wird 
durch den Umstand sehr erschwert, dass wahrscheinlich, veranlasst 
durch die unzweifelhaft naha Verwandtschaft beider Faunen, an nicht 
wenigen Stellen eine Verwechselung beider Schichten stattgefunden 
hat und daher ihre Faunen noch nicht rein geschieden sich darstellen. 



204 Sitzung der matK-phya, Clasae vom 6. Juni 1874. 



Herr Erlenmeyer spricht: 

„Ueber die FermeDte io den Bienen, im 
Bienenbrot und im Pollen und aber einige 
Bestandtheile des Honigs.'^ 

Ich habe in Gemeinschaft mit Herrn Dr. A. v. Planta 
im vorigen Herbst eine Untersuchung über die Frage be- 
gonnen, ob die Bienen Honig und Wachs als fertige 
Producte in den Pflanzen vorfinden und nur 
eintragen, oder, ob sie dieselben ganz oder zum 
Theil durch Umvrandlung anderer Körper er- 
zeugen. 

Wir suchten zunächst einige Vorfragen zu beantworten* 
Da Fischer, v. Siebold u. A. nachgewiesen haben, dass die 
Bienen mit ausgedehnten Speicheldrüsen versehen sind, so 
schien es uns vor Allem nöthig zu ermitteln, ob diese 
Drüsen selbst resp. deren Secret, Fermente enthalten, 
welche Rohrzucker und andere Kohlehydrate 
in Trauben-" oder Invertzucker überzuführen im 
Stande sind. 

Weil es zu schwierig ist, die Speicheldrüsen in hinreichen- 
der Menge herauszupräpariren, so schlugen wir einen andern 
Weg ein. Wir zerlegten 152 Arbeitsbienen in Kopf, Thorax 
und Hinterleib, zerquetschten diese Theile mit je gleichen 
Mengen Glycerin, Hessen damit unter Baumwollverschluss 
einige Zeit in Berührung und filtrirten dann die Auszüge 
gleichzeitig ab. 

Mit diesen Auszügen wurden nun zunächst Rohrzucker- 
lösungen, dann auch Stärkeklei^ter und ungekochte Stärke 



Erlenmeyer: Fermente in den Bienen etc. 205 

in BerühroDg gebracht. Es zeigte sich, dass der Kopf — and 
der HinterleibaaszQg Rohrzucker in 12 beziehungsweise 72 
Stunden vollkommen invertirten, während der Thoraxauszug bei 
Weitem langsamer wirkte. Stärke wurde in Dextrin und 
Zucker übergeführt Auch hier war die Wirkung des Thorax- 
auszugs weit träger^ als die der beiden anderen. 

Auch mit frischem Blutfibrin stellten wir Versuche an. 
Hier wirkte, wie zu erwarten war der Hinterleibauszug am 
kräftigsten, der Kopfauszug weit schwächer und der Thorax- 
auszug gar nicht lösend. Wir glaubten nun in dieser Wirk- 
ung der, offenbar in dem Speichel der Bienen enthaltenen, 
Fermente ein Mittel gefunden zu haben, um entscheiden zu 
können, ob die Bienen beim Einstampfen des 
Pollens, diesem Speichel zumischen oder nicht. 
Wir bereiteten einen Glycerinauszug von Bienenbrot und 
fanden, dass dieser ähnliche, in manchen Fällen noch kräfti- 
gere Wirkungen heryorbrachte , als der Kopf- und Hinter- 
leibauszug. 

Dm jedoch vor Täuschung sicher zu sein, musste na- 
türlich auch ermittelt werden, ob frischer Pollen nicht schon 
die gleiche Wirkung ausübe. 

In der That invertirt ein wässriger Auszug von Kiefem- 
pollen den Rohrzucker sehr lebhaft und führt Stärke in Dex- 
trin und Zucker über. — 

Wir hatten mittlerweile, um zu sehen, ob die darin 
enthaltenen Fermente nicht verschieden löslich seien, die 
Körpertheile der' jBienen soweit mitOlycerin erschöpft, dass 
das Filtrat keine Inversion mehr bewirkte. 

Als wir dann die Rückstände mit Rohrzucker zusammen- 
brachten, zeigten die Köpfe keine Wirkung mehr; Hinterleib 
aber kräftige, Thorax zeigte ebenfalls, aber schwächer inver- 
tirende Wirkung. Da Bienenbrot und Pollen sich ähnlich 
verhalten konnten, wurden auch diese vollständig erschöpft. 
Die Rückstände mit Rohrzucker zusammengebracht wirkten 



206 Sitzung der matK-phya. Olasse wm. 6, Jum* 187i. 

noch lebhaft invertirend. Es lässt sich somit in dieser 
Weise nicht entscheiden, ob dem Bienenbrot Speichel bei- 
gemischt ist oder nicht. Wir haben dann weiter, nm einige 
Anhaltspunkte für Fütternngsversuche zo gewinnen einige 
Honigsorten auf ihren Wasser-, Stickstoff- and Phosphorsäure- 
gehalt untersucht. 

Der Wassergehalt der uns zu Gebote stehenden sechs 
Honige schwankte zwischen 17,5 und 19,5 Procent. Nur ein 
Senegalhonig, den wir der Güte des Herrn Vogel in Leh- 
mannshöfel verdanken, enthielt 25,6 Procent Wasser. Der 
Phosphorsäuregebalt, als Anhydrid auf Trockensubstanz be- 
rechnet, schwankte zwischen 0,0123^/o und 0,883®/o. Im 
Honig der Meliponen fanden wir nur 0,0062%. 

Der Stickstoffgehalt der untersuchten 6 Honige betrug 
0,0781 bis 0,33%. 

Da nach unseren Versuchen sich ein bestimmter Zu- 
sammenhang zwischen dem Phosphorsäure- und dem Stick- 
stoffgehalt nicht erkennen Hess, so dachten wir, der Stick- 
stoff müsse wohl noch in anderer Form, als in der von 
Ei Weisskörpern in den Honigen vorkommen. Der Stickstoff- 
ärmste Honig (0,0781 Proc. Stickstoff enthaltend) wurde in 
Wasser gelöst, die filtrirte Lösung, welche schwach opalisirte 
wurde zum Kochen erhitzt, es schied sich ein Gerinnsel ab, 
das auf Glaswolle gesammelt, getrocknet und auf Stickstoff 
untersucht wurde. Es enthielt solchen. Das Filtrat wurde 
abgedampft, der Rückstand, indem ebenfalls Stickstoff nach- 
zuweisen war, wurde mit absolutem Alkohol so lange zer- 
rieben, bis er trocken geworden war. Diese trockne Masse, 
sowie der alkoholische Auszug enthielten beide Stickstoff. 

Auf 100 Honig berechnet enthielt das Gerinnsel 0,0208 

der Alkoholrückstand 0,0337 

zusammen 0,0545 
Da 100 Theile des zu dieser Untersuchung verwendeten 



Erlenmeyer: Fermente in den Bienen etc, 207 

Honigs 0,0781 Stickstoff enthalten, so berechnen sich für 
den Alkoholaaszug noch 0,0236 Theile Stickstoff. 

Der in Alkohol anlösliche Theil des Honigs enthält 
ausser der Stickstoffhaltigen Substanz gummiartige Körper, 
welche durch Kopf-Ferment in Zucker umgewandelt werden. 

Wir untersuchten auch, aber nur qualitativ, Nectar aus 
den Blüthen von Fritillaria imperialis. Eiweiss konnte dar- 
aus durch Kochen nicht abgeschieden werden, doch war reich- 
lich Stickstoff darin enthalten, ebenso fanden wir Phosphor- 
säure. Der Abdampfungsrückstand dieses Nectars yerhielt 
sich gegen Alkohol wie Honig, aber gummiartige Körper 
schienen in dem Nectar in grösserer Menge vorhanden zu 
sein, als im Honig, sie wurden ebenfalls durch Kopf-Ferment 
in Zucker verwandelt. 

Schliesslich will ich noch erwähnen, dass wir auch Wachs- 
blättchen und ganz reine weisse Wachswaben auf Stickstoff 
prüften. Die ersteren enthielten 0,5977 Proc, die letzteren 
0,95 Proc. dieses Elementes. 

Wir sind mit der Fortsetzung dieser Untersuchung be- 
schäftigt. 



SitEung vom 4. Juli 1874. 



Mathematisch - physikalische Classe. 



Herr Erlenmeyer spricht: 

a) lieber die relative GonstitutioD der Diazo* 
yerbindungen. 

Die von Peter Griess im Jahre 1858 entdeckten Diazo- 
körper sind schon mehrfach Gegenstand theoretischer Unter- 
suchung gewesen. Ich selbst habe mich im Jahre 1861 
und 1863 über die Rolle, welche der StickstoflP in denselben 
spielt ausgesprochen. Weiter haben Eolbe, Butlerow, 
Griess und besonders Eekule Betrachtungen über die 
Constitution der Diazokörper angestellt, und wie es scheint, 
sind die bestimmter formulirten Anschauungen des letzteren 
ziemlich allgemein adoptirt worden. 

Durch das Studium der inzwischen bekannt gewordenen 
Thatsachen bin ich auf eine Betrachtungsweise geführt 
worden, welche ich, da sie Ton den bisherigen nicht uner- 
heblich Terschieden ist, aber den Thatsachen besser als 
diese zu entsprechen scheint, mitzutheilen mir erlauben 
möchte. 

Die Diazokörper erscheinen mir als Ammonium Verbin- 
dungen von der allgemeinen Formel: 

R— N— R' 



JErlenmeyer: Belative Constitution der Diojsoverbindungen. 209 

Z. B. das Salpetersäure Diazobenzol steht nach meiner 
Ansicht zu den salpetersauren Anilin in folgender einfachen 
Beziehung: 



N-0~NOa N-O— NO, 

II I 

Ha N 

Salpeters. Anilin. Salpeters. Diazobenzol. 

d. h. bei der Reaction der Salpetrigsäure auf das salpeter- 
saure Anilin werden 3 Wasserstoffatome des Phenylammo- 
niums durch 1 Stickstoffatom substituirt. Salpetersäure- 
radical wie Phenyl bleiben mit dem Stickstoffatom des 
Anilins yerbunden. 

Freies Diazobenzol ist entweder ein Ammoniumoxyd- 
hydrat 
CeHs— N-OH oder dessen Anhydrid CeHg— N— O^-N-CeHg 

I I i 

Die Kalium- und die anderen MetalWerbindungen sind 
gemischte Basenanhydride z. B. 

CeHs-N-O-K . 



N 
Die Diazoamidoverbindungen haben folgende Consti- 
tution z. B. 

CflHs 



N-NHaH 



ö"6 



•N 
Diazoamidobenzol 

Sie entstehen bei der directea Einwirkung der Salpetrig- 
säure auf die Amidoverbindung, in unserem Falle auf Anilin, 
indem sich zunächst eine gewisse Menge salpetrigsaures 
Salz bildet, auf welches dann weitere Salpetrigsäure diazo- 

[1874. 2. MatL-phys. CL] 14 



210 Sitzung der math.-phys. Glosse vom 4. Juli 1674. 

f 

tisirend einwirkt; die so erzeugte salpetrigsaure Diazover- 

bindung wird dann durch einen anderen Theil der Amido- 

yerbindnng in derselben Weise wie das salpetersaure Diazo- 

benzol durch Anilin in Diazoamidobenzol umgesetzt. 

Dem Diazobenzolhyperbromid schreibe ich folgende 

Constitution zu: 

CflHß 



N-Br 

III 
jj^Br 

^\Br 

und dem daraus durch Ammoniak entstehenden Diazobenzol- 

imid die folgende: 

CflHs 



Die Diazoverbindungen der Sulfonsäuren und Garbon- 
säuren sind natürlich auch, wie die Amidosäuren selbst, Am- 
moniumsalze und zwar je nach der näheren oder entfernteren 
Stellung der ursprünglichen NH2- und Sulfoxyl- oder Garb- 
oxylgruppe vielleicht 

entweder R»)— CeH* oder N=N— 0— R— GeH* 



— N=N HA-R-0-N=N 

Aehnlich sind die substituirten Diazophenole constituirt. 
b) Ueber die relative Constitution der Ghinone. 

Ladenburg hat in dem 172. Band von Liebig's Annalen 
S. 352 die Constitution des Benzols von Neuem zur Dis- 
cussion gebracht. Er vertheidigt die zuerst von Claus 
erwähnte Annahme als die unseren Ansichten am besten 
entsprechende gegenüber der Anschauung von Eekule, 

1} B bedeutet in beiden Formeln SOs oder CO • 



Erlenmeyer \ Relative Constitution der Chinone, 211 

welche von der Mehrzahl der Chemiker als die wahrschein- 
lichste adoptirt worden zu sein scheint. 

Diess veranlasst mich die Anschauung über die Con- 
stitution der Chinone, welche ich mir schon seit längerer 
Zeit auf Grund der Eekule'schen Benzoltheorie, die 
meiner Ansicht nach den Thatsachen am meisten ent- 
spricht, gebildet habe, vorläufig mitzutheilen. 

Es zweifelt Niemand daran, dass die Chinone Dioxyde 

sind, welche zu aromatischen Kohlenwasserstoffen in dem 

Verhältniss stehen, dass für einen Verlust von 2 Atomen 

Wasserstoff nicht 1, sondern 2 Atome Sauerstoff eingetreten 

sind, z. B. 

CöHö G6H4O2 

Benzol Benzochinon 

andererseits sich zu Diphenolen als Dehydrogenate verhalten, 
z. B. 

p ti OH p tr 

* * OH ^«^4 Q 

Hydrochinon Chinon. 

Wenn man, wie diess von Seiten der Anhänger von 
Eekul^'s Benzoltheorie bisher allgemein geschehen ist, die 
Annahme macht, dass bei der Ghinonbildung die continuir- 
liche oder ringförmige Verkettung der Eohlenstoffatome 
bestehen bleibt, so kann man sich folgende Vorstellungen von 
der Constitution der Chinone machen: 

1) Die abwechselnde Bindung V^; '/t; der Eohlen- 
stoffatome in dem Benzolring ist nicht alterirt worden und 
die 2 Atome Sauerstoff sind als zweiwerthiges zusammenge- 

setztes Radical 0—0 an die Stelle von 2 Wasserstoffatomen 
eingetreten. (Grabe). 

2) Unter Ausscheidung von 2 Wasserstoffatomen wurde 
der Benzolring mit 3 doppelten Bindungen in einen solchen 
mit nur noch 2 doppelten Bindungen übergeführt und da- 



212 Sitzung der math.-phys. Claase vom 4. tuli 187 i. 

durch 2 Eohlenstoffatome befähigt, sich mit je 1 Atom 
Sauerstoff zu yereinigen. (Fittig, Petersen). 

Die dritte mögliche Vorstellung ist bisher von den 
meisten Chemikern als unmöglich ausgeschlossen worden, 
und diese ist es gerade, welche ich wenigstens für eine 
Anzahl von Fällen nicht nur für möglich, sondern sogar für 
wahrscheinlicher halte, als die beiden anderen. 

3) Eine doppelte Bindung ist in eine einfache über- 
gegangen, so dass an 2 Paaren von Eohlenstoffatomen je 
1 Atom Wasserstoff und 1 Affinität Kohlenstoff durch je 
1 Atom Sauerstoff ersetzt sind, d. h. jedes der beiden 
Sauerstoffatome ist in analoge Verbindung getreten, wie wir 
es in dem Aethylenoxyd haben. 

Mit Berücksichtigung der bekannten Thatsachen komme 
ich noch zu folgenden weiteren Schlüssen: 

Die erste Anschauung ist wahrscheinlich in keinem der 
bekannten Ghinone, die zweite findet sich in manchen, die 
dritte in den meisten sogenannten Ghinonen realisirt. 

Die wahren Ghinone sind Dehydrogenate des Hydro- 
chinons und seiner Substitutionsproducte und das Hydro- 
chinon enthält seine beiden Hydroxyle, wie diess von 
Petersen zuerst angenommen wurde in der 1:4 Stellung. 

Es gibt aber auch Dehydrogenate von Brenzcatechin 
und Resorcin resp. von Substitutionsproducten dieser beiden 
Diphenole , welche ähnliches Verhalten zeigen , wie die 
wahren Ghinone. Z. B. Thymochinon entspricht wahr- 
scheinlich dem Brenzcatechin undMesitylenchinon dem Resorcin. 

Brenzcatechin enthält seine Hydroxyle an 2 benachbarten 
doppelt gebundenen Kohlenstoffatomen. Ein Diphenol, in 
welchem die beiden Hydroxyle an 2 benachbarten einfach 
gebundenen Kohlenstoffatomen stehen, ist nicht existenzfähig. *) 



2) Wahrscheinlich gilt dasselbe für alle Disubstitutions-Prodacte 
des Benzols und es erklärt sich dann die Existenz von nur 3 Isomeren. 



Erlmmeyer: Belative Constitution der Chinone, 213 

ßescorcin enthält seine beiden Hydroxyle in 1:3 Stellung. 

Der üebergang der Hydrochinone (beziehungsweise der 
anderen Diphenole) in die Chinone und umgekehrt ist dem 
Üebergang Yon Ferroverbindungen in Fernverbindungen und 
umgekehrt zu yergleichen. Diese üebergänge lassen sich 
am schönsten illustriren, wenn man das Hydrochinon mit 
dem gelben, das Ghinon mit dem rothen Blutlaugensalz in 
Parallele setzt. 

Die Constitution der Chloranilsäure und der Hydro- 
chloranilsäure ist durch folgende Formeln ausgedrückt: 

HO OH HO OH 



C— C^ C=C 

OH 



0<| |>0 I I 

\C C^ HO-C C-< 



ClÜ-CCl CIC-CCI 



c) Ueber eine einfache Darstellung von Oxalsäure- 
Methylester resp. Methylalkokol aus Holzgeist. 

Für die Darstellung von reinem Methylalkohol aus dem 
im Handel vorkommenden Holzgeist hat Wo hl er vorge- 
schlagen durch Destillation desselben mit Schwefelsäure und 
oxalsaurem Eali zuerst reinen Oxalsäure - Methylester dar- 
zustellen und diesen mit Wasser zu zersetzen. Nach dem 
von Wohl er angegebenen Verfahren lässt sich nur sehr 
schwierig reiner Ester in grösserer Menge darstellen, be- 
sonders ist es schwer ihn durch Pressen von anhängenden 
Nebenproducten zu reinigen. Ich habe gefunden, dass man 
den Oxalsäure-Methylester sehr einfach durch Auflösen von 
bei 100® entwässerter Oxalsäure in kochendem Methyl- 
alkohol und Abkühlen der Lösung gewinnen kann. 

Um die Krystalle von anhängenden Verunreinigungen 
?u befreien, bringt map sjo auf ^in Saugfilter, lässt allo 



214 Sitzung der math.'phys. Glosse wm 4. Jtdi 1874, 

Flüssigkeit absaugen und wäscht mit kaltem Wasser bis die 
ablaufende Flüssigkeit keine Jodformbildung mehr zeigt. 
Die so gereinigten Erystalle zersetzt man durch Kochen 
mit Wasser und destillirt den Methylalkohol ab. 

Ich will zum Schluss die Bemerkung machen, dass die 
Zersetzung des Methylesters der Oxalsäure durch Wasser 
nicht so leicht von Statten geht, wie man bisher annahm. 
Nach dreistündigem Kochen mit viel Wasser ging noch eine 
gewisse Menge unveränderter Oxalsäure-methylester bei der 
Destillation mit den Alkohol- und Wasserdämpfen über. 

Die ausführliche Beschreibung des Verfahrens werde 
ich in Liebig 's Annalen veröffentlichen. 



Zittel: Beobachtungen über Ozon. 215 



Herr Zittel theilt mit: 

,, Beobachtungen über Ozon in der Luft der 
libyschen Wüste." 

Während eines mehrmonatlichen Aufenthaltes in der 
libyschen Wüste hatte ich Gelegenheit Beobachtungen über 
den Ozongehalt der Atmosphäre anzustellen. 

Die Anregung zu diesen Untersuchungen erhielt ich 
von Herrn Professor Beetz, durch dessen gütige Ver- 
mittelung ich auch am 10. Januar zu Gasr Dachel in 
Besitz einer Schachtel mit Jodkaliumstärke- Papier , welche 
in Basel frisch hergestellt worden waren, sowie einer zehn- 
theiligen Schönbein' sehen ozonometrischen Skala gelangte. 

Meine Aufzeichnungen erstrecken sich über den Zeit- 
raum vom 11. Januar bis 5. April. Während der Nacht 
konnten die Reagenzpapiere ziemlich regelmässig exponirt 
werden; am Tage dagegen liess sich während des Marsches 
kein geeigneter, vor den directen Sonnenstrahlen geschützter 
Ort zur Anheftung der Papierstreifen ausfindig machen, es 
mussten daher die Tagesbeobachtungen auf solche Stationen 
beschränkt bleiben, wo die Expedition längere Zeit ver- 
weilte. In der offenen Wüste wurden die Papiere Abends 
mittelst eines Nagels ungefähr 2 Fuss über dem Boden an 
einer Eiste befestigt und Sorge getragen, dass diese Eiste 
dem freien Luftzug möglichst ausgesetzt war. Die Exposition 
dauerte 12 Stunden und zwar je nach den Umständen von 
6—8 Uhr Abends bis zu den gleichen Stunden am anderen 
Morgen. Ausser den Beobachtungen in der Wüste enthält 
die beifolgende Tabelle noch solche aus den Oasen Dachely 
Siuäh, Ghargeb und aus Esneb im Niltbal, 



216 Sitzung der math.'phys* Clcisse vom 4, Juli 187 L 

In Gasr Dachet bewohnten wir ein an der Peripherie 
der Stadt gelegenes Haus; hier diente eine nach Norden 
gerichtete FensteröflFnung , zu welcher der Wüstenwind un- 
gehindert Zutritt hatte, als meteorologisches Observatorium. 
In Siuah lag unser Wohnhaus in dem Earawanserai, einem 
grossen freien Platz am Fusse des Städtchens. In Ghargeh 
hatten wir unsere Zelte in einem Palmengarten unmittelbar 
neben dem Dorf aufgeschlagen, und zu Esneh fanden sich 
auf dem Dach der zwischen Gärten am Ufer des Nils ge- 
legenen yiceköniglichen Villa geeignete Stellen zur Be- 
festigung der Reagenzblättchen. 

Während unserer Nilfahrt musste ich auf ozonometrische 
Beobachtungen verzichten, dagegen hatte ich Gelegenheit 
während der Seereise zwischen Alexandria und Messina 
den Ozongehalt der Luft zu prüfen. 

Zum Eintauchen der Reagenzstreifen vor dem Vergleiche 
mit der Skala konnte natürlich nur gewöhnliches, in der 
Beschaffenheit ziemlich verschiedenes Trinkwasser verwendet 
werden. 

Den Missstand, dass die zehntheilige S ch ö n b e i nasche Skala 
hinsichtlich des Farbentones nicht mit dem charakteristischen 
Veilchenblau des Jodes übereinstimmt, habe ich oftmals un- 
angenehm empfunden, allein abgesehen davon, dass mir die 
von Wem ig h und Lender eingeführte 16 gradige Skala 
nicht zur Verfügung stand, hat ihre Verwendung, wegen der 
erforderlichen Reductionsberechnung gegen andere Beob- 
achtungen, welchen meist die Schön b ein 'sehe Skala zu 
Grunde liegt, erhebUche Schattenseiten. 

In der beifolgenden Zusammenstellung habe ich die 
Nachtbeobachtungen von denen am Tag geschieden; ebenso 
wurden die in freier Wüste angestellten gesondert von den 
aus den Oasen oder dem Nilthal herrührenden angeführt. 
Bei den innigen Beziehungen zwischen Feuchtigkeit, Wind- 
richtung und Ozongehalt der Luft schien es mir wünscfaens- 



\\ 



Zittd: Beobachtungen über Ozon, 



217 



werth aus dem von Hofrath Bohlfs geffihrten meteorologischen 
Reise-Journal die erforderlichen Daten beizufügen. 

Auf mein Ansuchen hat sich Herr Dr. Gerhard Rohlfs 
dieser Mühe mit grösster Bereitwilligkeit unterzogen.') 

k. Ifachtbeobachtnngeii* 

(Expositionszeit 12 Stunden.) 
1. Oase Daohel. 



1874. 
Jan. 



Ozon nach 
der zehn- 
theiligen 
Skala. 



Luft- 
feuchtig- 
keit 



Abd. 



Mg. 



Wind- 
richtung 
in der 
Nacht. 



Minimal- 
Temperat. 

vor 
Sonnen- 
aufgang. 



Beschaffenheit 
des Himmels. 



12/13 
18/14 

14/15 
15/16 
16/17 
17/18 
18/19 
19/20 
20/21 



5,5 
4 

4 

4 

5 

5,5 

5,5 

4 

4 



62 
54 

54 
53 
65 
69 
62 
52 
55 



79 
57 

57 
70 
73 
76 
73 
60 
66 



NW 
NW 

N 

NW 

NW 

N 

Windstill 

Windstill 

SO m. Samum 



+ 7*0 
+ 9*0 



11 
12 
12 

10 
9 

13 
11 



••s 



•'S 

^1 



klar, 
bewölkte 

bewölkt (am 16. einige 
Begentropfen). 

klar. 

klar. 

klar. 

klar. 

mit Staub bedeckt. 

mit Staub bedeckt. 



g. In der Wfiste. 



23/24 
24/25 
25/26 
26/27 

27/28 

28/29 
29/30 

30/31 

31/1 F. 





(In Gasr)*) 


(In Gmt) 




8 


65 


— 


W (stark) 


4-4« 


7,5 


65 


94 


NW 


+ 40 


6,5 


63 


78 


W 


+ 1,5« 


6,5 


62 


69 


w 


+ 1« 




(In der Wüste) 


(In derWfiBte) 




8 


67 


93 


W (stark) 


+ 0,5« 


7 


66 


92 


SW 


+ 20 


5 


50 


89 


s 


+ 5 


wegen heftig. 
SadwindBkein« 
Beobaclitang. 


48 


56 


SW Morg. 


+ 12 


6,5 


74 


72 


NW 


+ IV«' 



klar, starker Thau. 

dtto. 
klar, Thau massig, 
klar, starker Thau. 



»» 



klar, schw. Thau. 

bewölkt. 

durch Sand stark 

getrübt, 
klar. 



1) Die Luftfeuchtigkeit wurde mittelst eines hundertheiligen 
Hygrometers von Secretanin Paris, die Maximal-Temperatur Mittags 
durch Schlender-Thermometer von Baudin in Paris bestimmt. 

2) Die Beobachtungen über Luftfeuchtigkeit wurden zwischen 
dem 23. und 27. Jf^n. von Bqhlfs in G&sr Dachel gemacht« 



218 



Sittung der math.-phyi. Olaase vom 4. Juli 187 A. 



1874. 


Ozon nach 
der zehn- 


Luft- 
feuchtig- 
keit 


Wind- 
richtung 
in der 
Nacht. 


Minimal- 
Temperat. 


Beschaffenheit 


Febr. 


theiligen 
Skala. 


Abd. 


Mg. 


Yor 
Sonnen- 
aufgang. 


des Himmels. 


1/2 


4,5 


55 


56 


W 


-f 10« 


sehr bew. etw. Begen. 


2/3 


8 


86 


93 


N 


+ 11,5® 


Begen. 


8/4 


wegen Begen 
keine Beob- 
achtung. 


93 


96 


NW 


+ 8* 


Regen. 


4/5 


8,5 


92 


95 


N 


+ ^!I 


ganz klär. 


6/6 


8,6 


65 


90 


NW 


+ 2« 


klar, stark. Thau. 


6/7 


8,5 


90 


93 


NNW 


+ 2« 


>» 


7/8 


8,6 


90 


96 


NNW 


- 10 


schw. bew. st. Beif. 


8/9 


8,5 


62 


96 


Windstill 


- 2^ 


klar, Beif. 


9/10 


8 


66 


96 


NNW 


0« 


1, 


10/11 


7 


49 


96 


— 


- 4« 


Girruswolken. 


11/12 


5,6 


40 


70 


SW 




schwach bewölkt. 


12/13 


5,6 


68 


68 


S 


+ 6,50 


bewölkt 


18/14 


9 


64 


80 


N 


-40 


klar, Beif. 


14/16 


6 


60 


80 


N 


— 2,50 


schwach bewölkt. 


15/16 


7,5 


62,5 


95 





- 6« 


)i 


16/17 


8 


60 


95 





— 2,80 


klar. 


17/18 


8,5 


65 


95 







h 1^ 


klar, stark. Thau. 


18/19 


7,6 


68 


90 


N 




-30 


klar. 


19/20 


7,5 


66 


90 


N 




-40 


schwach bewölkt. 



3. In Sinah. 



20/21 




65 


90 





+ 30 


21/22 




55 


64 


Windstill 


-f60 


22/23 


6,6 


52 


84 


dtto. 




f- W 


23/24 


4 


52 


80 


W 




h 90 


24/26 


4 


65 


87 


WindstUl 




f-70 



klar. 

klar. 

klar. 

stark bewölkt. 

etwas bewölkt. 



4. In der Wfiste. 



25/26 


6 

in der NlUie 


60 


85 


SO 


1.60 


26/27 


6,5 


49 


63 


SO 


+ 11» 


27/28 


7 


70 


93 


W 


+ 4» 


28/1 M. 


6 


68 


98 


NW 


-a« 



klar. 

stark bewölkt. 

klar. 

klar. 



2Sitteh Beobachtungen über Ozon, 



219 



1874. 
März 



Ozon nach 
der zehn- 
theiligen 
Skala. 



Luft- 

feuchtig- 

keit 

Abd. I Mg. 



Wind- 
richtung 
in der 
Nacht. 



Minimal- 
Temperat 
vor 
Sonnen- 
aufgang. 



Beschaffenheit 
des Himmels. 



1/2 

2/3 
8/4 
4/Ö 
5/6 
6/7 
7/8 
8/9 



5 

(am BalBsae 
Sitnu) 

2,5 

8 

8,5 

8 

5 

5 

5 

0>«i Fmnfireb) 



67 

85 
38 
76 
57 
56 
42 
38 



71 

47 
57 
97 
92 
62 
82 
72 



N 

SO 

Chams. SO 
Cham. NW 

NW 
SO 

sw 

N 



+ 14» 

-- 12« 

--80 

0« 

+ 70 

0« 

0« 



stark bewölkt. 



91 

tt 



klar, stark. Thau. 



klar, 
klar, 
klar. 



II 



6. In der Oase Dachel. 



17/18 


4 

(Lair^ipl«** ba 
Freien.) 


55 


75 


N 


8» 


18/19 


6 

(bei Math) 


58 


72 


NW (stark) 


+ 8» 


19/20 


2 

(beiBalAt.) 


60 


75 


N 


- 40 



klar. 



klar. 



durch Sand getr. 



6. In der Wflste. 



20/21 


2 


37 


24 


NW 


+ 6» 


21/22 


5 


45 


84 


NW 


+ 40 


22/23 


4 


42 


69 


NW 


+ 13® 



flf hnur 0» d^ Nacht 
Bl. Uew. oinigeBegentr.) 

Irlai* (etwas durch Sand 
'^**^» getrübt. 

Luft d. Sand getr. 



7. Im Palmengarten bei Ghargeh. 



23/24 


4 


70 


82 


NW 


+ 40 


24/25 


3,5 


65 


76 


S 


+ ^ 


25/26 


3,5 


49 


62- 


S 


+ 11« 



klar. 






8. In der Wfiste. 



26/27 

27/28 

28/29 
29/30 
30/31 



8 


23 


63 


S (stark) 


+ 13® 


wegen Banram 
h. Beobaeht. 


47 


76 


N (stark) 


+ 5® 


*,5 


57 


79 


NW 


+ 4® 


4 


40 


40 


NO 


+ 6® 


4,5 


40 


58 


NW 


+ 10® 



»» 



»I 



n 



schwach bewölkt 
klar. 



220 Sitzung der tnath.-phys. Glosse vom 4. Jidi 1874, 

9. In Esneh am Nil. 



1874. 
April 



31/1 
1/2 
2/3 
3/4 
4/5 



Ozon nach 
der zehn- 
theiligen 
Skala. 



3 
3 
3 
3 
3 



Luft- 
feuchtig- 
keit 



Abd. 



Mg. 



64 



Wind- 
richtung 
in der 
Nacht. 



NW 
NW 
NW 
NW 
NW 



Minimal. 
Temperat. 

vor 
Sonnen- 
aufgang. 



6escha£fenheit 
des Himmels* 



klar. 






10. Auf dem Mittelmeer zwischen Alezandria nnd Messina. 



22/23 


7,5 






NW 




23/24 


8,5 






NW 





schön. 
ff 



B. Tagesbeobachtnngen 

von Sonnen-Aufgrang bis Sonnen-Untergang. 

(ExpositioDszeit 12 Stunden). 

1. In Daohel. 





Ozon nach 


Luft- 








1874. 


der zehn- 


feuchtig- 


Wind- 


Maximal- 


Beschaffenheit 


Jan. 


theiligen 
Skala. 


keit 
Mittags. 


richtung. 


Temperat. 


des Himmels. 






8 Uhr Nachm. 








11 


4,5 


62 


NW 


18 




12 


3,5 


52 


NW 


18,5 




13 


3,5 


51 


NW 


21 




14 


4 


50 


NW 


19 




15 


4 


50 


N 


22 




17 


4 


56 


N 


19 


klar. 


18 


4 




Windstill 


— 


>r 


19 


3,5 


52 


dtto. 


19 


Schleier. 


20 


4 


59 


50 


21 


mit Staub bedeckt. 


21 


3 


60 


Windstill 


19 


)i 



29 I 



2. In der Wfiste. 

I - I I 31 



I klar, 



Zittel: BeoBachiungen ijber Ozon. 



221 



3. In Sinah. 



Febr. 
1874. 


Ozon nach 
der zehn- 
theiligen 
Skala. 


Luft- 
feuchtig- 
keit 

Mittags. 


Wind- 
richtung. 


Maximal- 
Temperat. 


Beschaffenheit 
des Himmels. 


23 
24 


4 

4 


57 
65 


W 

Windstill 


18 
17 


Cumulus. 
Stratus. 



4. Auf dem Mittelmeer zwischen Alezandria und Messina. 

Apr.24| 7,5 I - r I I 



Die Yorsteheude Zusammenstellung ergibt zunächst, 
dass der Ozongehalt der Luft in der Wüste ein erheblich 
grösserer ist, als in den Oasen und im Nilthal. Meine 
Beobachtungen während unseres Aufenthaltes in der Wüste 
yertheilen sich auf vier verschiedene Zeiträume. Der erste 
und längste beginnt am 23. Jan. und endigt am 20 Febr. 
Wir befanden uns während dieser Zeit zwischen den Oasen 
Dachel und Siuah in fast absolut vegetationslosem Gebiet. 
Bis zum 7. Januar bildete naktes Gestein (nubischer Sand- 
stein), zuweilen von Dünnenketten durchzogen den Boden 
der Wüste; von da an begann ein unermessliches Sandnieer, 
welches im Norden erst von der Oase Siuah begrenzt wird. 
Die Höhenlage des genannten Gebietes schwankt zwischen 
und 300 Meter über dem Meeresspiegel und zwar bildet 
die zwischen dem 28. Januar und 10. Februar durch- 
wanderte Strecke den höher gelegenen Theil der libyschen 
Hochebene; von da an dacht sich dieselbe allmählig ab, 
um bei Siuah wahrscheinlich einige Meter unter den Meeres- 
spiegel herabzusinken.') Aus diesem ganzen Abschnitt liegen 



3) Die definitive Berechnung der zahlreichen von Prof. Jordan 
iu Siuah angestellten Barometermessungen ist noch nicht vollendet« 



222 Sitzung der mathrphys, Classe vom 4. Juli 1874. 

26 Nachtbeobachtangen und eine Tagesbeobachtung vor; 
(letztere ergab Nr. 6 der Schönbein'schen Skala); der 
höchste Ozongehalt (Nr. 9) zeigte sich in der Nacht vom 
13. zum 14. Januar; der niedrigste (Nr. 4Vt) vom 1. zum 
2. Februar« 

Als Mittel aller nächtb'chen Beobachtungen ergibt sich 
für die genannte Periode ein Ozongehalt von Nr. 7,3 . der 
Schönb ein 'sehen Skala. 

Der zweite Wästenauf enthalt fällt zwischen den 25. Februar 
und 9. März. Vom 25. Februar bis 5. März folgten wir 
von Siuah nach Baharieh bis zum Salzsee von Sitra einer 
Earawanenstrasse, welche sich durch eine steinige, hie und 
da mit dürftiger Vegetation bedeckte Depression hinzieht. 
Von da bis Farafreh kreuzten wir ein fast ganz steriles wasser- 
loses Ealksteinplateau. Während dieser Zeit zeigten die Papier- 
streifen ein einzigesmal die Färbung zwischen 8 und 9 ; 
anderseits sank die Reaction einmal bei starkem Südost- 
wind auf nicht ganz No. 4 der Skala herab. Aus 12 Nacht- 
beobachtungen ergab sich eine Mittelnummer 5,7. 

Zwischen den Oasen Dachel und Chargeh befindet sich 
ein steiniges, bis 500 Meter hohes Wüsten-Plateau mit 
höchst sporadischer Vegetation, welches wir zwischen dem 
20. und 23. März durchwanderten. Meine 3 von Sonnenunter- 
gang bis Sonnenaufgang exponirten Ozonpapiere ergaben 
No. 2, 5 und 4 also ein Mittel von 3,66. Einen etwas 
höheren Gehalt an Ozon schien die Luft an den letzten 
Tagen im März auf dem Plateau zwischen Chargeh und 
dem Nil zu besitzen. Ich erhielt als Mittel von drei 
Nachtbeobachtungen No. 4,3. 

Während in der Wüste die Ozonreaction ansehnliche 
Schwankungen erkennen liess, zeigte sie sich in den Oa-sen 
etwas constanter. 

In Dachel erhielt ich in der 2. Hafte des Januar als 
Mittel aus 9 Nachtbeobachtungen Nr. 4,91; in Siuah Ende 



Zittel: Seobachiungen über Ozon. 223 

Febraar Nr. 4,5 ; in Dachet Mitte März Nr. 4; in Ghargeh 
Ende März Nr. 3,66 und endlich im Niltbal bei Esneh im 
Anfang April Nr. 3. 

Am Tag zeigte sich die Einwirkung aaf die Reagenz- 
papiere stets etwas schwächer, als während der Nacht; so 
erhielt ich im Januar in Dachel aus 10 Beobachtungen am 
Tag im Mittel nur 3,8, während in derselben Zeit die 
Nachtbeobachtungen 4,91 ergaben, in Siuah Ende Februar 
Nachts Nr. 4, am Tag Nr. 4,5. 

Aus obigen Beobachtungen glaube ich einige Folgerungen 
ableiten zu dürfen > welche mir nicht ohne Interesse zu 
sein scheinen. 

Vergleicht man zunächst die in der Wüste erhaltenen 
Ozonreactionen mit jenen aus den Oasen und dem Niltlial, 
so ergibt sich das überraschende Resultat, dass in er st er er 
der Ozonreichthum der Luft ein erheblich grösserer ist, als 
in den bewohnten mit Vegetation und Wasser versehenen 
Gebieten. In der offenen Wüste zeigte sich im Januar 
und Februar ein mittlerer Ozongebalt von Nr. 7,3, während 
in den Oasen ungefähr um dieselbe Zeit als höchste Mittel- 
zahl nur 4,91 beobachtet werden konnte. Die Wüste zeichnet 
sich indess nicht allein vor den Oasen und dem Niltbal 
durch ozonreichere Luft aus, sie stellt sich auch (wenigstens 
im Winter) den günstigsten Ozonstationen Europa's zur Seite. 

Nach Ebermayer^) schwankt der mittlere Ozongehalt 
in der jährlichen Periode an den bayerischen Waidstationen 
zwischen 7 und 8 und beträgt im Winter 8,36. — Aehn- 
liche Zahlen wurden auf dem Meere (vergl. oben), am 



4) Die physikalischen Einwirkungen des Waldes auf Luft nnd 
Boden Band I, 8. 242. Ich ergreife diese Gelegenheit um Herrn 
Forstrath Prof. Dr. Ebermayer meinen wärmsten Dank auszu- 
sprechen für die Gefälligkeit, mit welcher er mir durch Mittheilung 
von Literatur und freundlichem Bath die Orientirung in einem mir 
bis dahin wenig vertrauten Gebiete ermöglichte. 



m 



SiUang der malh.-phyg. Okuu vom 4. JM 1874. 



HeereBBtrand von Norderaejr , 211 FaDchal auf Madfflra 
(Prestel), an der Küste bei Sassnitz (Dr. Lender), ia 
Emden (Prestel) auf der Insel Texel,') in der Nahe der 
Qradirhäuser von Kissingen,') im botanischen Garten von 
Erlangen neben einer Berieselungsmasdiine (Q ornp Besanez 
Annal. Chem. and Pharm, 161 S. 217), sowie auf hohen 
Bergen beobachtet. Dagegen ergeben sich für die in Städten 
gelegenen Obserratorien durchweg geringere Jahresmittel, 
80 für AschafTenburg Nr. 6, für Leipzig 4,84 für Zwickau 2,59. 

Dem unmittelbaren Vergleich dieser Jahresmittel mit den 
in der libyschen Wüste gewonnenen Zahlen steht übrigens 
ein Bedenken gegenüber. Man weiss, dassder atmosphärische 
Ozongehalt zu verschiedenen Jahreszeiten Schwankungen aas- 
gesetzt ist und dassin Europa z. B. das Maximum auf die Monate 
März bis Juni, das Minimum auf Oktober bis November fallt 

Die beifolgende von Herrn Forstrath Ebermayer 
mitgetheilte Tabelle gibt eine üebersicht der jährlichen 
periodisohen Veränderungen im Ozongehalt der atmos- 
phärischen Luft in Mitteleuropa. 



Beobachtungi- 


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Orte. 


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1^ 


ijährüchB Mittel 


























B&mmtlioher 


























6 Waldsta- 


























tioneni. Bayern 


j.39 


8.18 


8.E& 


8.00 


7.68 


7,75 


7.33 


7.87 


7.44 


8.25 


B.5B 


8.36 


ABchaffenb. 


























15 jlLrl, Hitt.l). 


5.38 
4.6 


6.02 
5,1 


7.19 


7.20 


7.03 


7.07 


6.69 
5.3 


ti.43 
5,1 


6,35 


6.43 


5.90 


6^ 


Wien 


5.2 |5.2 [S,3"|6,4 


4^ 




i? 


(18 jihtL Mittel). 


i:ll!£- 


Krakau 






Mulaiam. 








[BO jihrl. Miltel), 


3S 


4.6 


&.4 [5.2 ]6.0 14.8 


4.3 


4.6 


4.0 |3^6 I3.BJ3.3 


Emden 














(7' jitai. mtuii. 


5.4 


6.4 


7.3 |7.0 |7.0 |S.e 


G.3 


6.4 


6.4 


^ 


i£- 


4.8 



&) EuiiiDga JonrDsl für prakt Chemie 102 3. 301. 
6) Lender in Gäsoben'B deatsche EUoik 1872 No. 19. 



2ittel: Beobachtungen über Ozon. 225 

Auch in der libyschen Wüste scheinen ähnliche 
Schwankungen yorzukommen , nur nehmen sie offenbar 
einen anderen Verlauf, als in Europa. So liess sich 
?om Januar bis April eine Abnahme des Ozongehaltes der 
Luft constatiren, welche ein auf die Wintermonate fallendes 
Maximum wahrscheinlich macht, allein meine Beobachtungen 
erstreckten sich über einen zu kurzen Zeitraum, um ein sicheres 
Drtheil über die Periode des Maximums und Minimums zu 
gestatten. 

Neben der constanten, offenbar mit der Jahreszeit 
zusammenhängenden Veränderung des atmosphärischen Ozon- 
gehaltes in der Wüste, fallen bei Durchsicht der Tabelle 
die zuweilen von einem zum anderen Tage eintretenden, 
sehr bedeutende Schwankungen ins Auge. Wir hatten z. B. 
am Morgen des vierten März No. 3, am Morgen des fünften 
März No. 8,5 der Schönbein' sehen Skala, ohne dass in 
der HöhenlagCi in den Terrain- oder Vegetationsverhältnissen 
irgend eine nennenswerthe Aenderung eingetreten wäre. 
Hier müssen also Ursachen wirken, welche von diesen Ver- 
hältnissen völlig unabhängig sind und diese Ursachen wird 
man am natürlichsten in meteorologischen Zuständen, in der 
Beschaffenheit des Himmels, in der Windrichtung, in den 
Feuchtigkeitsverhältnissen und in der hiermit zusammen- 
hängenden Verdunstung oder Gondensirung von Wasser- 
dampf zu suchen haben. 

Die dunkelste Färbung der Reagenzpapiere fand stets 
statt bei vollkommen klarem Himmel, bei starkem Thau 
oder Reif und bei nordwestlicher und westlicher Wind- 
richtung. War der Himmel bewölkt, so zeigte sich regel- 
mässig eine geringere Ozonreaction , aber gleichzeitig fehlte 
auch der Thau; die schwächste Färbung stellte sich ein 
während oder unmittelbar nach einem aus Süd oder Südost 
kommenden Samum. 

[1874,2. Math.-phy8. GL] 16 



226 Sitzung der matK-phya. Classe vom i, Juli 1874, 

Man hat vielfach die Erfahrung gemacht, dass im All- 
gemeinen bewegte Luft ozonreicher sei, als stille;^) 
allein dieser Satz dürfte nur relative Richtigkeit besitzen. 
Nach windstillen Nächten fand ich öfters an klaren , thau- 
reichen Morgen No. 7 — 8, während zuweilen bei heftigem 
Südoststorm nur No. 2 — 3 erreicht wurde. Es dürfte dem- 
nach in erster Linie die Beschaffenheit und erst in 
zweiter die Stärke der Luftströmungen einen entsdieid enden 
Einfluss auf den Ozongehalt ausüben. 

Als eine wichtige Ozonquelle wurde von mehreren 
Seiten die Vegetation, namentlich die Wälder angesehen. 
Schönbein hatte die Vermuthung ausgesprochen, dass 
Nadelhölzer grössere Mengen von Ozon erzeugten, als 
Laubhölzer. Ebermayer®) konnte sich trotz vielfacher 
Beobachtungen nicht von der Richtigkeit dieser Annahme 
überzeugen, allein er gelangte zum Resultat, dass Luft 
im Walde und in der Nähe desselben auf unbewaldeter 
Fläche sich weit ozonreicher zeige, als in solchen Gegenden, 
die von grösseren Wäldern weit entfernt liegen. Es entging 
ihm jedoch nicht, dass der Ozongehalt der Luft im Innern 
geschlossener Holzbestände nicht grösser, sondern im Gegen- 
theil etwas kleiner sei, als auf dem in der nächsten Um- 
gebung der Wälder befindlichen freien Felde. Ebenso be- 
merkte Ebermayer, dass an allen waldreichen Orten die 
Luft im Winter ozonreicher als im Sommer sei, dass also 
der Wald als solcher durch seine Blätter keinen direkten 
Einfluss ausüben, sondern höchst wahrscheinlich nur durch 
seine grössere Feuchtigkeit mittelbar als Ozonquelle be- 
trachtet werden könne. •) 



7) Lender a. a. 0. S. 7. 

8) a. angef. Ort. S. 241, 42. 

9} Jelinek und Hann Zeitschrift der österr. Ges. f&r Meteoro- 
logie VIII Nr. 23 S 356. 



Zittel: Beohachturigen Über Ozon. 227 

Meine BeobacbtuDgen in der libyschen Wäste scheinen 
die Ansicht zu bekräftigen, dass zwischen Vegetation und 
Ozongehalt der Luft kein unmittelbarer Zusammenhang 
existirt) ja dass unter Umständen sogar eine mit Pflanzen- 
decke versehene Gegend wegen der zahbreichen verwesenden 
und zugleich Ozon verzehrenden Stoffe geringere Mengen 
von Ozon aufweisen kann, als völlig vegetationslose Gegen- 
den. Der Umstand, dass in den Oasen und im Nilthal eine 
viel schwächere Ozonreaction zu bemerken war, als in der 
Wüste und auf offener See scheint mindestens für keinen 
besonders wirksamen und günstigen Einfluss der Vegetation 
zu sprechen. 

Wenn man meine in der Wüste angestellten Beob- 
achtungen überblickt, so zeigt sich, dass die stärkste Re- 
action vorzugsweise an klaren Tagen bei starkem Thaufall 
oder Reif eintrat und dass jedenfalls bei starker Färbung 
der Reagenzpapiere das Hygrometer am Morgen eine be- 
deutende Feuchtigkeit anzeigte. 

Der Thau spielt in der beinahe regenlosen libyschen 
Wüste eine wichtige Rolle als Ernährer der freilich sehr 
dürftigen Wüsten- Vegetation. Während der kühleren Monate 
(Dezember, Januar und Februar) fallt er in so ungewöhn- 
licher Stärke, dass häufig unsere Zelte ganz durchnässt 
waren und der felsige Boden, wie nach frischem Regen be- 
feuchtet erschien. 

Dass bei feuchter Atmosphäre häufig auch ein erhöhter 
Ozongehalt bemerkbar wird, haben zahlreiche Beobachter 
festgestellt. In der libyschen Wüste bringen die vom Mittel- 
meer kommenden Nord- and Nordwestwinde Feuchtigkeit, 
während die aus dem heissen Sudan kommenden, über 
weite wasserlose Gegenden hinstreichenden Süd- und Südost- 
winde die Luft austrocknen. Bei südlicher oder südöstlicher 

Windrichtung zeigte sich auch regelmässig ein sehr geringer 

16* 



228 Sitmng der math.-phy8. Claase ^om 4, JüU 1874. 

OzoDgehalt; während bei entgegengesetzter Luftströmung die 
mit Wasserdampf fast gesättigte Atmosphäre starken Thau 
oder Reif und gleichzeitig kräftige Ozonreaction verursachte« 

Die von Bohlfs sowohl bei früheren Reisen, als auch 
während unserer Expedition angestellten Hjgrometerbeob- 
achtungen ergeben, dass die Luftfeuchtigkeit in det- Wüste 
um die Mittagszeit weitaus am geringsten ist und daraus 
dürfte sich auch die am Tage schwächere Ozonreaction 
erklären lassen. In Europa zeigt sich nicht selten das 
entgegengesetzte Verhältniss; nämh'ch am Tage ein grosserer 
Ozongehalt, als bei Nacht. 

Ein nothwendiger causaler Zusammenhang zwischen 
Feuchtigkeit und Ozonmenge der Atmosphäre scheint übrigens 
doch nicht zu bestehen, denn man weiss, dass bei starkem 
Nebel die Luft meist ozonfrei ist. Auch bei bedecktem 
Himmel oder unmittelbar vor den seltenen Regenfällen 
während unserer Wüstenreise erhielt ich immer nur schwach 
gefärbte Reagenzpapiere. Es scheint demnach weniger auf 
die Menge als auf Beschaffenheit des in der Luft yertheilten 
Wassers anzukommen. 

Durch Beobachtungen in der Nähe der Kissinger 
Gradirhäuser wurde Dr. Lender zu dem Schlüsse ver- 
anlasst, dass die rasche Verdunstung von Wasser, 
namentlich von concentrirten, salzreichen Lösungen 
von einer reichlichen Ozonerzeugung begleitet sei. Experi- 
mentelle Versuche, von Dr. Lender angestellt, sowie die 
Thatsache, dass am Meer in der Regel kräftige Ozonreaction 
bemerkt wird^ konnten als weitere Belege für diese Ver- 
muthung angeführt werden. Auch H. Struve in Tiflis 
behauptet, nach einer Mittheilung Prestels,^^) auf Grund 



10) Prestel die Winde in ihrer BeziehuDg zur Salubrit&t und 
Morbilität. Emden 1872. 



Zittel: Beobachtungen über Oean, 229 

specieller Untersuchang , dass Salzwasser anter gleichen 
Bedingungen mehr Ozon bilde, als Sttsswasser. 

Dieser Annahme tritt Gorup Besanez entgegen. Nach 
ihm ist der hohe Ozongehalt in der Nähe der Kissinger 
Gradirhäaser nicht auf Rechnung der specifischen Beschaffen* 
heit der wässerigen Lösung zu setzen, sondern der hoch- 
gesteigerten Wasserverdunstung überhaupt zuzu- 
schreiben. Mancherlei Thatsachen scheinen für diese An- 
sicht zu sprechen. Die bayerischen Waldstatiouen über- 
treffen nach Ebermaycr's Zusammenstellungen an Ozon- 
reichthum die meisten am Meeresstrand gelegenen Beob- 
achtungsorte. Ebenso hat Prestel auf hohen Bergspitzen in 
der Schweiz, wo eine ausserordentlich starl^e Verdunstung 
stattfindet, nach ganz l^urzer Exposition zuweilen No. 8 — 9 
der Schönbein'schen Skala erhalten, am Fusse des Giess- 
baches sogar nach 1 Vt Stunden No. 9. Auch Herr Prof. 
von Siebold hat, wie er mir mittheilt, den characteristi- 
schen Ozongeruch in ganz ungewöhnlicher Stärke am Rhein- 
fall von Schaffhausen wahrgenommen. Fernere Beob- 
achtungen an Wasserfällen und Springbrunnen dürften sich 
zur weiteren Constatirung des Einflusses verdunstender 
Wassermassen auf den atmosphärischen Ozongehalt em- 
pfehlen. 

Wenn nach Niederschlägen, wie Regen, Schnee und 
Hagel ein vermehrter Ozongehalt der Luft beobachtet wird, 
so lässt sich derselbe nach Obigem aus der energischen 
Wasserverdunstung erklären. 

Anders verhält es sich beim Thau oder Reif. 

Meine Reagenzpapiere waren in thaureichen Nächten 
schon längst vof Sonnenaufgang intensiv gefärbt , also noch 
ehe die starke Verdunstung begonnen hatte. Es scheint 
demnach, dass nicht allein bei der Verdunstung, sondern 
auch bei der Condensirung von Wasserdampf Ozon erzeugt 
wird. Sollte vielleicht die beim Uebergang des eiuen 



230 SiUung der math-phys. Glosse vom 4, Juli 1874, 

Aggregatzostandes in den andern entstehende ElectricitÄt 
Veranlassung znr Verwandlang des gewöhnlichen Sauerstoffs 
in Ozon bilden und sollte sich hieraus der ungewöhnlich 
hohe Ozongehalt der Luft, in welcher Wasser verdunstet 
oder sich zu Thau und Reif condensirt, erkläiren lassen? 

Die weitere Präfung dieser Vermuthung durch Physiker 
und Chemiker dürfte nicht ohne Interesse sein, denn die 
Ansichten über die Entstehung des atmosphärischen Ozons 
gehen bis jetzt noch weit auseinander. 



231 



Oeflfentliche Sitzung 

zur Vorfeier des Gebarts- und Namensfestes Seiner 
Majestät des Königs Ludwig 11. 



Der Secretär der mathematisch - physicalischen Glasse 
y. Eobell veröffentlicht die Namen der neugewählten Mit- 
gh'eder dieser Glasse. Es wurden gewählt: 

A. Als auswärtiges Mitglied: 

Bernhard Studer, Professor der Geologie in Bern und 
Präsident der schweizerischen geologischen Commission. 



B. Als correspondirende Mitglieder: 

1) Dr. Paul Du Bois-Reymond, ordentl. Professor der 
Mathematik an der Universität in Tübingen. 

2) Dr. August Hundt, Professor der Physik in Strassburg. 



232 



3) Dr. Adolph Wüllner, Professor der Physik am Poly- 
technikam in Aachen. 

4) Dr. Julius Sachs, k. Hofrath und ordentl. Professor 
der Botanik in Würzburg. 

5) Staatsrath Dr. Eduard von Regel, wissenschaftlicher 
Director des kais. botanischen Gartens in St. Peters- 
burg. 



(Die Neuwahlen der andern Glassen sind in deren 
Bulletins erwähnt.) 



\ 



Eimenäungen van Druckschriften. 233 



Terzeichniss der eingelaufenen Bfichergeschenke« 



Vom naturwiasenschafUichen Verein für Steiermark in Oras: 
Mittheilangen. Jahrgang 1878. 8. 

Van der k, k. gealagiechen Beiehsanstait in Wien: 

a) Abhandlongen. Bd. Y. Die Fauna der Schichten mit Aspidoceraa 
acanthicum. Von M. Neumayr. 1873. Fol. 

b) Jahrbuch. Jahrg. 1874. XXIV. Band. 8. 

c) Verhandlungen. 1874. 8. 

Vom siaalagtsch-minerälagischen Verein in Begensburg: 
Gorrespondenz-Blatt. Jahrg. 27. 1878. 8. 

Van der kaieerlÄktidemie der Wieseneehaften in Wien: 

Sitzungsberichte. Mathematisch -naturwisienschafUiche Glasse. 

I. Abthlg. LXVIIL Bd. 
IL „ LXVn. LXVin. Bd. 
m. „ LXVIL Bd. Jahrg. 1878. 8. 

Van der k. k. Central- Anstalt für Metearalagie und Erdmagnetismus 

in Wien: 

Jahrbücher. Nene Folge. VIII. Bd. Jahrg. 1871. Der ganzen Reihe 
XVI. Bd. 1878. 4. 

Van der k, k. Sternwarte in Wien: 
Annalen. 8. Folge. 20. Bd. Jahrg. 1870. 8. 

Van der k, k. Oeseüschaft der Äerzte in Wien: 
Medicinische Jahrbücher. Jahrg. 1874. 8. 



234 Einsendungen v<m Druehsohrißen. 

Von der h. k. Sternwarte in Prag: 

Magnetische und meteorologische Beobachtangen im Jahre 1873, 
88. Jahrg. 1878. 4. 

Van der scMeaisehen OeaeUachaft flkr vaterländische Oulttif in Breskut: 

Abhandlangen. Abtheilung für Naturwissenschaften and Medicin 
1872/78. 8. 

Von der deutschen ehemischen GeselUschaft in Berlin: 
Berichte. 7. Jahrg. 1874. 8. 

Vom naturhistorischen Verein in Augf^rg: 
22. Bericht vom Jahre 1878. 8. 

Von der physilcalisch-medidnischen Oeseüschaft in Würzhurg : 
Verhandlangen. Nene Folge. VI. Bd. 1874. 8. 

Von der Redaktion des Cosmos in Turin : 
Cosmos. No. yi. 1874. 8. 

Von der Acadhiie roycde des Sciences in Brüssel: 

% 

Balletin. 48« annee, 2* s^rie, tom. 87* 1874. 8. 

Von der Societä dei Naturalisti in Modena: 
Annaario. Anno VII. VIII. 1873-74. 8. 

Vom B. Comitato geöhgico d'Italia in Born: 
Bolletino. 1674. 8. 

Vom Museum of Comparative Zoohgy at Harward Coüege in 

Cambridge^ Ü. S, Ä,: 

lUastrated Gatalogae of the Maseam No. VII. Revision of the Echini 
by A. Agassis. Part. III. IV. 1873. 4. 

Vom Museo päblico in Buenos Aires : 
Anales. Entrega K. XI. 1872—78. FoL 

Von der Zodlogicäl Society in London: 

a) Proceedings. 1878. Part. I. IL 1878. 8. 

b) Transactions. Vol. VIII, 1878. 4, 



Einsmdungen von Druckschriften. 235 

Von der Conneeticut Äeademy of Arte and Sdeneea in New Eaven: 
TranBactions. YoL IL 1878. 8. 

Von der Academy of Science of St. liouia in SU Louie: 
TransaotioiiB. YoL IIL 1878. 8. 

Vom Bureau of Navigation in Washington: 

The American. Ephemeris and Naatioal Almanao for the year 1876. 
1878. 8. 

Von der Society of Nttturäi Sciences in Bu/fälo: 
Bulletin. YoL L 1878. 8. 

Vom Massachusetts Board of Ägriadture in Boston: 
20^. Annnal Report of the Seoretary, for 1872. 8. 

Vom Seoretary of War in Washington: 

Annnal Report of the Chief Signal-Offioer to the Seoretary of War 
for the year 1872. 8. 

Vom Begmts of the üniversity of the State of New York in Mbany: 

a) 21'*. Annnal Report on the oondition of the State Cabinet of 
Natural History. 1868. 8. 

b) Results -of a Series of Meteorologioal Observations , compiled 
by Franklin B. Hough. 1826-1850. Albany 1866. 1850—1868. 
Albany 1872. 4. 

Von der United States geologicdl Survey of the Territories in 

Washington: 

a) Report of the United States Geologioal Soryey of the Territories 
by F. Y. Hayden. Yol. I. Fossil Yertebrates. 1878. 

YoL Y. Zoology and Botany. 1878. 4. 

b) 1. 2. and 8. annnal Report of the ü. S. Geologioal Soryey of 
the Territories, for the years 1867—69. 8. 

c) 6. Annnal Report of the U. S. Geologioal Snryey, embracing 
portions of Montana, Idaho, Wyoming etc. for the year 1872, 
by F. Y. Hayden. 1878. 8. 

d) MisceUaneous Pablications. 1878. 8. 

Von der Sociedad Mexicana de historia naturd in Mexiko: 
La Natnraleza, periodioo cientifico Entrega 12. 19—89. 1869—78. 4. 



236 Einsendungen von Druckschriften, 

Vom Ohservatorio de tnarina de San Fernando in San Fernando, 

Cadix: 

Anales. Seccion. li^ Anno de 1872. Fol. 

Vom Beg, Ohservatorio delV Universita in Turin: 
Bolletino meteorologioo ed astronomico. Anno YIL 1873. 4. 

Von der Chemical Society in London: 
Journal. New Series. Vol. XI. XII. 1873—74 8. 

Von der Äcadhnie B, de Midieine de Bdgique in Brüssel: 

a) Bulletin. Annee 1874. 3. Serie. Tom. VIII. 1874. 8. 

b) Memoires des concours et des savants etrangers. 1874. 4. 

Von der SociStS EntomcHogique de Belgique in Brüssd: 

a) Annales. Tom. XVI. 1873. 8. 

b) Compte-Rendu No. 98. 1874. 8. 

c) Compte-Rendu No. 100. 1874. 8. 

Von der physikalischen Gesellschaft in Berlin: 
Fortschritte der Physik im Jahre 1869. XXV. Jahrg. 1874. 8. 

Vom physikalischen Verein in Frankfurt a./M.: 
Jahresbericht 1872-— 1873. 8. 

Vom naturwissenschaftlichen Verein in Bremen: 
Abhandlungen. IV. Bd. 1873/74. 8. 

Vom naturwissenschaftlichen Verein fikr die Provinz Sachsen 

in Haue : 

Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften. Neue Folge 1873. 
Bd. Vn.— Vm. 1873. 8. 

Vom Verein ftir Erdkunde in Leipzig: 
Mittheilungen. 1872. 8, 

Vom naturwissenschaftlicTien Verein in Carlsruhe: 
Verhandlungen. 6. Heft. 1873. 8. 

Von der natwrforseJtenden OeseUschaft Oraubundens in Chur: 
Jahresbericht. Neue Folge. XVII. Jahrg. Vereinsjahr 1872—1873. 8. 



Einsendungen von Druckschriften, 237 

V<m botanischen Verein in Landshut: 
4. Bericht über die Yereinsjahre 1872/78. 8. 

Von der Chologieal Swrvey of India in Cäicutta: 

a) Memoirs. Yol. X. 1872. 8. 

b) Records. Vol. V. VI. 1872/78. 8. 

c) Palaeontologia Indica. Memoirs. Serie IX. Vol. J. 1878. 4. 

d) Descriptive Ethnology of Bengal. Bj Edward Taite Dalton. 
1872. gr. 4. 

Von der SociHi Botanique de France in Paris: 

a) Bulletin. Tom. 20. 1873. 6. 

b) Bulletin. Tom. 21. 1874. 8. 

Vom physikalischen Centredobservatorium in 8t. Tetersbwrg : 

a) Annalen. Jahrgang 1872. 4. 

b) Jahresbericht für 1871 und 1872. 4. 

Von der Äcadimie impir, des sciences in 8t. Petersburg: 

a) Melanges biologiqnes tirSs du Bulletin. Tome IX. 1873. 8. 

b) Repertorium für Meteorologie. Redigirt von Dr. Wild. Bd. III. 
1874. 4. 

Von der Acadhnie des sciences in Pairisi 
Compte rendus hebdomadaires des seances. Tom. 78. 1874. 4. 

Von der 8ociedad Äntropologica EspaHola in Madrid: 
Reyista. Quademo 4. 1874. 8. 

Von der anthropologischen QeseUschaft in Wien: 
Mittheilungen. IV. Band. 1874. 8. 

Von der senkenbergisehen naturforschenden OeseUschafl in 

Frankfurt a.lM»: 

Abhandlungen. 9. Bd. 1873. 4. 

Von der kaiserl- Admiralität Hydrographisches Bureau in Berlin : 

Die Grundlagen der Ghiusischen Theorie und die Erscheinungen des 
Erdmagnetismus i. J. 1869. Mit Berücksichtigung der Säkulär- 
variationen aus allen yorliegenden Beobachtungen von A, Er man 
und H, Petersen. 1874. 4. 



238 Einsendungen van Druckschriften, 

Vom naturforschenden Verein in Biga: 
Gorrespondenzblatt. 20. Jahrg. 1874. 8. 

Von der geologischen Commission der Schweizer ne^turforschenden 

Gesellschaft in Bern: 

Beiträge zar geologischen Karte der Schweiz. 10. Lief. Mit 4 Tafeln 
Profile and Blatt VIII. 1874. 8. 

Von der SocUtS Hotlandaise des seiences in Hartem: 

Archives Neerlandaises des seiences ezactes et naturelles. Tome YIII. 
La Haye 1873. 8. 

Von dem honinklijh Nederlandsch Meteorologisch Instituut in 

Utrecht', 

Nederlandsch Meteorologisch Jaarbock yoor 1873. 25. Jahrg. 1873. 4. 

Von der Societd Italiana di hcienee naturali in Mailand: 
Attl Volume XVI. 1874. 8. 



Vom Herrn C. F, W, Feters in Kiel: 

a) Beobachtungen mit dem Bessel'schen Pendel- Apparate in Königs- 
berg und Güldenstein. Hamburg 1874. 4. 

b) Astronomische Nachrichten. 76.-82. Band. 1870-73. 4. 

c) Bestimmung des Längenunterschiedes zwischen der Sternwarte 
von Altena und Kiel. 1873. 4. 

Vom Herrn Budölph Wolf in Zürich: 
Astronomische Mittheüungen. XXXIV. XXKV. 1873. 8. 

Vom Herrn Brtmo Hasert in Eisenach: 
Neue Erklärung der Bewegungen im Weltsystem. 1874. 8. 

Vom Herrn Haushof er in München: 

Die Constitution der natürlichen Silicate auf Grundlage ihrer geo- 
logischen Beziehungen nach den neuen Ansichten der Chemie. 
Braunschweig 1874. 8. 

Vom Herrn Hermann Koibe in Leipzig: 
Journal für praktische Chemie. 1878/74. 8. 



Einamdutigen wm Druek$ehriften. 239 

Vom Herrn JB*. Hoppe in Leipzig: 
Archiv der Mathematik and Physik. 56. Theil. 1874. 8. 

Vom Herrn L, Kronecker in Berlin: 
Ueber Schaaren yon quadratischen and bilinearen Formen. 1874. 8. 

Vom Herrn Bichard Owen in London: 

a) Anatomy of the King Grab (Limalas polyphemas Latr.). 1873. 4. 

b) Description of the Skall of a dentigeroas Bird from the London 
Clay of Sheppey. 1873. 8. 

Vom Herrn J, Wickham Legg in London: 

a) A Treatise on Haemophilia sometimess called hereditary hae- 
morrhagic diathesis. 1872. 4. 

b) Parenchymatoas degeneration of the Liver. 1873. 8. 

Vom Herrn Eduard Nedswetehy in Dorpat: 
Zur Mikrographie der Cholera. 1874. 8. 

Vom Herrn O. V, SchiapareUi in Mailand: 

a) Sul calcolo di Laplace intorno alla probabilita delle orbite co- 
metarie iperboliche. 1874. 8. 

b) 11 periodo andecennale delle variazioni diarne de magnetismo 
terrestre considerato in relazione colla freqaenza delle macchie 
solari. 1878. 4. 

Vom Herrn Gerhard vom BcUh in Berlin: 
Ueber die Krystallisation and Zwillingsbildangen des Tridymits. 1874.8. 

Vom Herrn Bernhard Studer in Bern: 

a) Geologisches yom Aargletscher. 1874. 8. 

b) Die Gotthardbahn. 1873. 8. 

Vom Herrn Oiovanni Luvini in Fadavia: 

m 

Di an nuovo stramento meteorologico - geodetico - astronomico il 
Dieteroscopio. 1874. 8. 

Vom Herrn J. Mac-Phereon in Cadiz: 

a) Bosqaejo Geologi^o de la Provincia de Cadiz. 1872. 8. 

b) Geological Skitch of the Province of Cadiz. 1873. 8, 



240 Einsendungen van DrucJcsehriften. 

Vom Herrn JUxander J. EÜis in London: 
Algebra identified with Goometry. 1874. 8. 

Vom Herrn W. Whrigt in Cambridge: 
On the Polarization of the Zodiaoal Light. 1874. 8. 

Vom ßerm Donato Tommaei in London: 

Besearches on the preparation of organo-metallic bodies of the 
Cb Hto feries. 1874. 8. 

Vom Herrn E. Edlund in Stockholm: 
Theorie des phenomenes electriques. 1878. 4. 

Vom Herrn L. Bütimeyer in Zürich: 

Die fossilen Schildkröten yon Solothum and der übrigen Jura- 
formation. 1878. 4. 

Vom Herrn C. Settimanni in Florenz: 

Supplement a la nouvelle tbeorie des principaux Clement de la Lune 
et du Soleil. 1871. 4. 

Vom Herrn D, MtMer Boagoed in Hartem: 
Bibliotheoa ichthyologica et piscatoria. 1878. 8. 

Vom Herrn P. Trimattx in Paris: 
Principe üuiversel du mouvement et des actions de la matiere. 1874. 8. 

Vom Herrn W. Stricker in Berlin: 

a) Die Feuerzeuge. 1874. 8. 

b) Der Blitz und seine Wirkungen. 1872. 8. 



Sitzung vom 7. November 1874. 



Mathematisch - physikalische Classe. 



Herr Erlenroeyer bespricht eine Abhandlaog von 
V. Gorup-Besanez: 

„Ueber das Vorkommen eines diastatischen 
und peptonbildenden Fermentes in den 
Wickensamen". 

Nachdem durch eine Reihe von Versuchen, die Herr 
Hermann Will unter meiner Leitung anstellte^), das con- 
stante Auftreten von Leucin neben Asparagin in den Wicken- 
keimen, wenn der Eeimprocess unter Ausschluss des Sonnen- 
lichtes Yor sich ging, nachgewiesen war, und sich bei einer 
weiteren Versuchsreihe, bei welcher die Wicken in Gartenerde 
eingesät, unter normalen Bedingungen der Keimung über- 
lassen wurden, die Abwesenheit beider genannten Stoffe in 
den Keimen ergeben hatte, lag es um so näher, in diesen 
Derivaten der Eiweisskörper Producte eines, durch ein in den 
Wickensamen enthaltenes Ferment eingeleiteten , Spaltungs- 
processes zu yermuthen, als sie, wie ich constatirte, in den 
Samen selbst ebenfalls fehlen, und für Umwandlung der Ei- 



1) Berichte der deutsch, ehem. Gesellsch. 1874. Nr. 8. S. 146. 
Nr. 7. S. 569. 
[1874. 8. Math.-phy8. Ol.] 16 



242 Sitzung der math.-phya, Clasae vom 7, November 1874. 

Weisskörper während der Eeimung schon der umstand 
spricht, dass das in den Samen enthaltene Legamin in den 
Keimen vöUig verschwunden ist. 

Die durch Brücke, v, Wittich, Hüfner u. A. nach- 
gewiesene allgemeine Verbreitung diastatischer und pepton- 
bildender Fermente im Thierreiche, sowie die zu ihrer vor- 
theilhaften Gewinnung und Isoliruug von v. Wittich ein- 
geschlagenen Wege konnten auch hier, wenn die Vermuthung 
eine richtige war, zum Ziele fuhren. Eine Anzahl nach 
dieser Richtung mit aller Vorsicht ausgeführten Versuche, 
bei denen sich Herr Hermann Will zum Theile ebenfalls 
hülfreich erwies, ergaben in derThat in ganz unzweifelhafter 
Weise, dass in den Wickensamen ein durch Glycerin 
extrahirbares Ferment enthalten ist, welches sehr 
energisch Stärke in Traubenzucker, und Eiweiss- 
körper (Fibrin) in Peptone verwandelt. Bei seiner 
Isolirung nach der Hüfner' sehen Methode^) zeigten sich 
genau dieselben Erscheinungen, welche dieser Chemiker bei 
der Isolirung der Fermente aus Pankreas u. s. w. wahr- 
genommen hatte. 

Die feingestossenen Wickensamen wurden mit Alcohol 
von 96^/o Übergossen, 48 Stunden lang stehen gelassen, so* 
dann vom Alcohol abfiltrirt und bei gelinder Wärme getrocknet. 
Nachdem sie trocken geworden, wurden sie mit syrupdickem 
Glycerin tüchtig durchgearbeitet und das Glycerin 36 — 48 
Stunden einwirken gelassen. Nach Verlauf dieser Zeit wurde 
der Glycerinauszug colirt, was sehr gut nnd rasch von Statten 
ging, der Rückstand gelinde ausgepresst, die erhaltenen 
Flüssigkeiten vereinigt, abermals colirt und nun die Lösungen 
tropfenweise in ein in hohen Cylindern befindliches Gemisch 
von 8 Thl. Alcohol und 1 Tbl. Aether eingetragen. Jeder 
einfallende Tropfen bildete sofort einen Ring, welcher sich 



2) Journ. f. pract. Ch. N. F. V. S. 377 u. f. 



V. Gorup-Besanez : Fermente in den Wickensamen. 243 

beim Passiren der Alcoholätherschichte allmählich trübte 
und in Gestalt eines flockigen Niederschlags zu Boden setzte. 
Der Niederschlag wurde 2 — 3 Tage unter Alcohol liegen 
gelassen, wobei er immer dichter nnd harziger wurde, so- 
dann abfiltrirt und zur weiteren Reinigung, nachdem er mit 
Alcohol ausgewaschen war, abermals mit Glycerin behandelt. 
Der grösste Theil desselben löste sich; das in Glycerin 
Unlösliche zeigte alle Reactionen der Eiweisskörper. Aus 
der Glycerinlösung wurde das Ferment abermals nach 
dem oben beschriebenen Verfahren, wobei sich dieselben 
Erscheinungen zeigten, gefallt, und in Gestalt eines schön 
weissen körnigen Niederschlags erhalten, welcher sich auf 
dem Filter bald grau färbte und sich beim Trocknen in 
eine hornartige durchscheinende Masse verwandelte. Das so 
erhaltene Ferment war Stickstoff- und schwefelhaltig und 
hinterliess beim Verbrennen ziemlich viel Asche. Es löste 
sich in Glycerin und in Wasser. 

Einige Tropfen der wässerigen, oder der Glycerinlösung 
zu dünnem Stärkekleister gesetzt, verwandelten innerhalb 
2— 3 Stunden bei +20 bis +30^0. erhebliche Mengen von 
Stärke in Traubenzucker. 

Der gebildete Zucker wurde nachgewiesen: 1) Durch 
Fehling'sche Lösung, 2) durch alkalische Wismuthlösung, 
3) durch die Gährungsprobe mit wohl ausgewaschener Bier- 
hefe. Proben von Stärkekleister .für sich, und solche mit 
etwas Glycerin versetzt, verhielten sich unter den gleichen 
Bedingungen völlig negativ. — 

Gut ausgewaschenes, schneeweises Blutfibrin wurde nach 
der Grünhagen' sehen Methode mit höchst verdünnter Salz- 
säure von 2^r. m. Säuregehalt zu glasartiger Gallerte auf- 
quellen gelassen, und mit ein paar Tropfen der Ferment- 
lösung versetzt. Schon nach wenigen Minuten und zwar bei 
gewöhnlicher Zimmertemperatur verschwanden die Contouren 

der Fibrinflocken. Das Ganze wurde homogen und verwan- 

16* 



244 Sitzung der mcUh.-phys. Glosse vom 7, November 1874, 

delte sich in eine schwach opalisirende Flüssigkeit. Nach 
1-— 2 Stunden war der grösste Theil gelöst. Längere Ein- 
wirkung, ebenso eine Steigerung der Temperatur auf +35 
bis +39^0. schienen ohne weitere Wirkung 'zu sein. Dass 
bei derartigen Peptonisirungsversuchen ein Theil der Eiweiss- 
körper grössere Resistenz zeigt und nicht in Lösung geht, 
ist längst bekannt. Die filtrirten Lösungen gaben alle Reationen 
der Peptone in vollkommener Schärfe. 

Die Lösungen wurden nicht gefallt durch verdünnte 
Mineralsäuren, Eupfersulfät und Eisenchlorid, und blieben 
beim Kochen völlig klar, gefällt dagegen durch Quecksilber- 
chlorid (nach der Neutralisation), durch Quecksilberoxyd- 
und -oxydulsalze, mit Ammoniak versetztes Bleiacetat, Silber- 
nitrat und durch Gerbsäure; Blutlaugensalz rief in der mit 
Essigsäure angesäuerten Lööung nur eine Trübung hervor. 
Mit Kupferoxyd und Kali gaben sie prachtvoll blaue Lösung; 
mit dem Millon'schen Reagens gekocht, rothe Flocken, mit 
Salpetersäure gekocht, färbten sie sich gelb. Alcohol er- 
zeugte nur in grossem Ueberschusse flockige Fällung. 

Aufgequollenes Fibrin mit 0,2 procentiger Salzsäure 
allein behandelt, hatte sich nach mehrstündiger Einwirkung 
äusserlich wenig verändert und seine flockige, halb opake 
Beschaffenheit nicht verloren. 

Auf Amygdalin wirkte das Ferment nicht ein. 

Mit weiteren Versuchen zur Reindarstellung des Fer- 
mentes, welche jedoch nach meinen bisherigen Erfahrungen 
sehr viele Schwierigkeiten darbietet, bin ich gegenwärtig 
beschäftigt. 



Baumhauer i Äetzfiguren am KaUglimmer^ Granat etc. 245 



Der Glassensecretär bespricht eine vorgelegte Abhand- 
lung von Heinn Baumhauer: 

„Die Äetzfiguren am Ealiglimmer, Granat 
und Eobaltniokelkiese'^ 

1) Nach dem Veihalten des Diopsids, dessen Flächen 
sich in einem heissen Gemische von feingepulvertem Fluss- 
spath und Schwefelsäure mit deutlichen Aetzeindrücken^) 
bedecken, Hess sich erwarten, dass dasselbe Aetzmittel auch 
auf den Ealiglimmer anwendbar sei. In der That gelang 
es mir, binnen wenigen Minuten mit Hälfe des genannten 
Gemisches auf der Spaltungsfläche des Glimmers deutliche 
mikroskopische Eindrücke hervorzurufen. Ich bediente mich 
zu meinen Versuchen verschiedener Muscowittafeln von Canada. 
Nach dem Aetzen kann man die Eindrücke leicht direkt 
unter dem Mikroskop beobachten. Am besten spaltet man 
jedoch die geätzten Blättchen vorher, so dass die Objekte 
immer nur auf einer Seite geätzt sind. Andernfalls kann 
man, namentlich wenn die Blättchen dünn sind, leicht die 
Eindrücke beider Seiten mit einander verwechseln. Die bei- 
folgende Figur I zeigt die Vertiefungen der Basis, welche 
letztere in Gestalt eines Rhombus von 120^ gezeichnet ist. 
Die von mir untersuchten Tafeln zeigten freiUch keine regel- 
mässige seitliche Begränzung, indess kann man sich mit 
Hülfe der Schlagfiguren und der Symmetrie der Eindrücke 
Orientiren. Ein Radius der Schlagfigur des Ealiglimmers 
geht nämlich stets parallel der Brachydiagonale des Prismas 



1) Die Beschreibung der Äetzfiguren des Diopsids wird dem" 
nächst in FoggendorfiPs Annalen erscheinen. 



246 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 7. November 1874, 

von 120^, und die Aetzeindrücke liegen so, dass sie durch 
einen Radius der Scblagfigur nach ihrer kürzesten Dimension 
in zwei symmetrische Hälften getheilt werden. Daraus folgt, 
dass dieselben die in der Figur gezeichnete Lage haben. 
Die Aetzeindrücke sind vorn und und hinten verschieden 
gestaltet. Es treten namentlich zwei Hemipyramiden, sowie 
ein Hemidoma und die Basis daran auf. Dies ist deutlich 
an den mit c und d bezeichneten Vertiefungen zu sehen, 
welche parallel der Spaltungsfläche abgestumpft sind. Doch 
haben die Aetzfiguren durchaus nicht immer genau dieselbe 
Form, wenn sie auch stets analog gestaltet sind. Häufig 
bemerkt man kaum den Unterschied von vorn und hinten, 
wie bei den stark abgerundeten Formen h und i. Vergleicht 
man die scharf ausgebildeten Vertiefungen mit den am 
Glimmer auftretenden Flächen, so kommt man zu der An- 
sicht, dass die Flächen 1 (an c und d) der Eindrücke wenig- 
stens ihrer Anordnung nach der vorderen Hemipyramide P 
(P : oP = 107^), die Flächen 2 der hinteren Hemipyramide 
2P (2P : oP = 99®) entsprechen*). Demgemäss liegt, da die 
Aetzfiguren vertieft sind, dasjenige Ende der Brachydiagonale 
des Erystalles, an welchem die erstere Pyramide P auftritt, 
also das vordere, in unserer Figur bei a , das hintere bei a!. 
Die Fläche 3 der Aetzeindrücke würde dann einem hinteren 
(positiven) Hemidoma (Schiefendfläche) angehören. Häufig 
sind die Seiten 1 der Eindrücke geknickt, wie bei dem stark 
abgestumpften g. Dies ist wahrscheinlich auf das gleichzeitige 
Auftreten zweier vorderer Hemipyramiden zurückzuführen, 
wodurch zugleich die Fläche 1 meist mehr oder weniger 
abgerundet erscheinen. Uebrigens zeigen die Eindrücke nie 

2) Yergl. die Figaren in Näumann's Mineralogie, 1871, S. 442 
um vollkommen sicher über die vordere und hintere Seite der Aetz- 
figuren re8p.|[[der Erystalle entscheiden zu können, müssten einmal 
Erystalle mit seitlicher Ausbildung untersucht werden, die mir ^leider 
nipht zu Gebote stande4. 



248 Sitzung der math^-phys, Classe vom 7. November 1874, 

ganz glatte Seitenflächen, sondern dieselben sind stets dem 
Blätterbruch parallel gestreift. Auf den beiden Seiten der 
geätzten Glimmerblättchen liegen die Vertiefungen, der Aus- 
bildung der Erystalle entsprechend, in entgegengesetzter 
Richtung. Man kann dies leicht beobachten, wenn man das 
Mikroskrop nach einander erst auf die obere und dann auf 
die untere Fläche der beiderseitig geätzten Blättchen einstellt. 
Die Form der beschriebenen Aetzfiguren führt (ebenso 
wie die Ausbildung der Erystalle) an und für sich dazu, 
den Kaligiimmer dem monoklinen Systeme zuzurechnen, da 
man auf der Basis eines rhombischen Erystalles nur solche 
Eindrücke erwarten sollte, welche vorn und hinten ebenso 
wie rechts und links symmetrisch sind, wie dies z. B. auch 
beim Seignettesalze^) der Fall ist. Bekanntlich spricht aber 
das optische Verhalten sowie die Art der Zwillingsverwachsung 
zu Gunsten des rhombischen Systems, so dass man am besten 
thut, mit y. Eokscharow den Muskowit für rhombisch mit 
monoklinem Habitus zu erklären. Dieser Ansicht wider- 
sprechen auch die Aetzeindrücke nicht. Vielmehr scheint 
die äussere Hemisymmetrie des Glimmers mit einer ent- 
sprechenden unsymmetrischen Ausbildung der den Erystall 
aufbauenden Moleküle in Verbindung zu stehen, 

. Etwas Aehnliches findet beim Rohrzucker, dessen rechte 
und linke Säulenflächen, wie ich kürzlich^) zeigte, trotz ihrer 
geometrischen Gleichwerthigkeit entsprechend dem einseitigen 
Auftreten gewisser Flächen verschiedene Aetzfiguren zeigen. 
Auch hier scheint die Unsymmetrie der ganzen Erystalle 
mit einer analogen unsymmetrischen Gestaltung der einzelnen 
Moleküle zusammenzuhängen. 

Wie man sieht, richten sich die Aetzfiguren nicht nur 
nach den Axenwinkeln, sondern vor allem nach dem ganzen 
Baue und der Gesammtsymmetrie der betreffenden Erystalle. 

3) S. Pogg. Ann. Bd. CXI, 271. 

4) Ebend. Bd. CLI, 5X0. 



Baumhauer: Aetzfiguren am KaligUmmer, Granat etc. 249 

Sie gebeu uns desshalb ein vollständiges Bild des Formen- 
typus desjenigen Körpers^ an welchem sie beobachtet werden. 
Dies letztere ist um so wichtiger^ als selbst Fragmente 
von Erystallen, welche nur einzelne glatte Flächentheile auf- 
weisen, zur Erzeugung deutlicher Aetzfiguren vollkommen 
genügen. Insofern scheint mir auch von Bedeutung zu sein, 
dass die Aetzfiguren des Ealiglimmers uns in den Stand 
setzen, an jedem unregelmässig begränzten Blättchen nicht 
nur die Richtung der Axen zu erkennen, sondern auch die 
vordere von der hinteren Seite des Erystalles zu unter- 
scheiden. Letzteres gelingt weder mit Hülfe der optischen 
Eigenschaften noch der Schlagfiguren. 

2) Bei der Aetzung des Granates brachte ich eine andere 
Methode zur Anwendung als bei derjenigen des Glimmers. 
Da sich nämlich nach Behandlung mit Flussspath und Schwefel- 
säure an den Granatkrystallen (aus Piemont) keine deutlichen 
Eindrücke beobachten Hessen, so setzte ich dieselben während 
kurzer Zeit der Einwirkung von geschmolzenem Aetzkali aus. 
Das Resultat war ein günstiges ,| indem sich unter dem 
Mikroskop ziemlich scharf begränzte Aetzfiguren zeigten. 
Die Krystalle wiesen die gewöhnliche Gombination des 
Granatoeders mit dem dessen Kanten gerade abstumpfenden 
Ikositetraeder a : a : Vsa auf. Beide Flächen wurden hin- 
sichtlich ihrer Aetzeindrücke untersucht. Auf den ungeätzten 
Granatoederflächen Hessen sich sehr zarte rhombische Er- 
höhungen beobachten 9 deren Seiten parallel den Granat- 
oederkanten liefen; auf den Ikositetraederflächen die ge- 
wöhnlichen Streifen in der nämlichen Richtung. Die Granat- 
oederflächen zeigen nach dem Aetzen sehr kleine rhombische 
Eindrücke, deren äussere Begrenzung ebenfalls parallel den 
Granatoederkanten geht. Wegen der geringen Grösse der 
Vertiefungen ist indess manchmal die Lage ihrer Seiten 
schwer zu bestimmen, um so mehr, als die letzteren nicht 



250 Sitzung der math.-phy8, Glosse vom 7. November 1874. 

immer scharf ausgeprägt erscheinen. Die Eindrücke sind 
entweder auf das Ikositetraeder a : a : Vsa oder auf ein 
Pyramideugranatoeder zurückzuführen. Ersteres ist am 
wahrscheinlichsten, weil die Flächen der deutlichsten Ver- 
tiefungen bei auffallendem Lichte unter dem Mikroscop mit 
den benachbarten Ikositetraederflächen genau einzuspiegeln 
scheinen. 

Auf den Ikositetraederflächen erscheinen ebenfalls im 
allgemeinen vierseitige Vertiefungen, deren äussere Begrenzung 
indess keinen Rhombus, sondern ein Trapezoid darstellt, 
welches durch die längere Diagonale (parallel den Combi- 
nationskanten des Ikositetraeders mit dem Granatoeder) in 
zwei symmetrische Hälften getheilt wird und seinen spitzesten 
Winkel dahin wendet, wo drei Ikositetraederflächen znsammen- 
stossen. Diese Vertiefungen sind meist grösser als diejenigen 
der Granatoederflächen. Zuweilen sind sie parallel der 
Ikositetraederfläche, worauf sie liegen, abgestumpft (Fig. II, 
2 und 4); oft auch ist der dem spitzen gegenüber liegende 
Winkel abgestumpft^ manchmal, wie es scheint, durch zwei 
Flächen, die indess ausserordentlich klein sind (Fig. II, 1 u. 
6 bei a). Ueber die Natur der die Eindrücke bildenden 
Flächen etwas Bestimmtes zu sagen ist sehr schwer, wenn 
nicht unmöglich. Denn einmal sind dieselben theilweise sehr 
klein und ausserdem erscheinen sie nicht immer genau gleich 
ausgebildet und meist etwas gerundet , wie Fig. II zeigt. 
Wahrscheinlich gehören sie einem Pyramidenwürfel oder 
einem Achtundvierzigflächner (der indess kein Pyramideu- 
granatoeder ist) an, wozu häufig noch das Ikositetraeder 
a : a : Vsa» bXs Abstumpfung der Ecke hinzutritt. 

3) Der Eobaltnickelkies krystallisirt bekanntlich regulär 
holoedrisch und zeigt meist die Combination von Oktaeder 
und Würfel. An den von mir untersuchten Erystallen traten 
die Würfelflächen nur sehr untergeordnet auf. Die ErystallQ 



Baumhauer: Äetgfiguren am KaiigUmmer, Granat etc. 251 

wurden durch kurzes Erwärmen mit rauchender Salpeter- 
säure geätzt. Hierauf waren die Oktaederflächen, wie ich 
unter dem Mikroskop bei auffallendem Lichte beobachten 
konnte, mit zahlreichen sehr kleinen aber scharf ausgebildeten 
drei- und gleichseitigen Vertiefungen bedeckt, welche gegen 
die Oktaederfläche selbst umgekehrt lagen, genau so, wie es 
bei den Aetzeindrücken des Alauns der Fall ist (Fig. III). 
Dieselben sind demnach entweder auf ein Fyramidenoktaeder 
oder auf das Granatoeder zurückzuführen. Die Würfelflächen 
hingegen wiesen keine deutlichen Aetzeindrücke auf, was 
vielleicht von ihrer allzu geringen Ausdehnung herrührte. 



252 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 7, November 1874. 



Herr Zittel hielt einen Vortrag: 

„Ueber Gletscher-Erscheinungen in der 
bayerischen Hochebene". 

Nachdem im ganzen Alpengebiet der Schweiz, des süd- 
östlichen Frankreichs und Ober-Italiens eine ehemalige be- 
trächtliche Ausdehnung der Gletscher während der Eiszeit 
nachgewiesen werden konnte, durfte man mit grosser Wahr- 
scheinlichkeit auch in den östlichen Alpen ähnliche Erschein- 
ungen erwarten. Es liegen in der That auch bereits zahl- 
reiche Beobachtungen vor, Welche wenigstens über einzelne 
alte Gletschergebiete ziemlich genauen Aufschlnss gewähren. 
Namentlich hat Südtyrol die Aufmerksamkeit schon frühe 
auf sich gezogen und hier schliessen sich den älteren Unter- 
suchungen von Simony*), Emmerich*) uüd Trinker*) in 
neuester Zeit die Arbeiten von Elipstein^), Pichler^), 
Götsch^), Gredler^), Fuchs*) und Gümbel^) an. Auch 
im Salzkammergut und in den östlichen österreichischen Alpen 



1) Mittheilungen des österreich'schen Alpenyereins 1. Bd. 1863. 
S. 178—181. 

2) Geognost. Mittheilungen in Schaubach's Deutsche Alpen lY. 
S. 23, 124 und 191. 

3) Jahrb. k. k. Beichsanst. IL S. 74. 

4) Beiträge zur geolog. und topogr. Eenntniss der östl. Alpen. II. 
1. Abthlg. 1871. S. 59—64. 

5) Neues Jahrbuch von Leonhard und Geinitz 1872. S. 103. 

6) Zeitschr. des deutschen Alpenvereines I. S. 583. 

7) Programm des Gymnasiums in Bolzen 1868. 

8) Naturforscher Bd. VI. S. 6. 

9) Sitzgsber. k, bayr. Ak. der Wissenscb. 1872. S, 224, 



Zitteh Qletseher-lSrscheinungen. 253 

sind Gletscherspuren von Simony*^) und Mojsisovics**) 
an vielen Orten nachgewiesen werden, in Mittelkärnthen 
hat Hans Höfer ^^) die diluvialen Glacialerscheinungen zum 
Gegenstand einer eingehenden Untersuchung gemacht und 
Spuren alter Gletscher-Moränen, sowie erratische Blöcke 
wurden aus der Gegend von Wirflach und Pitten in Nieder- 
österreich von Franz von Hauer**) angeführt. 

In Vorarlberg ist die Verbreitung erratischer Blöcke 
seit langem bekannt und neuerdings wieder von Lenz*^) 
genauer zusammengestellt worden; auf Gletscherschliffe in 
der Umgegend von Bregenz hat Herr Diaconus SteudeP^) 
die Aufmerksamkeit gelenkt. 

Aus Nordtyrol und den bayerischen Alpen fehlte 
bis in die neueste Zeit jeder directe Beweis für das Vor- 
handensein ehemaliger ausgedehnter Gletscher. Erst im 
Jahr 1872 entdeckte GümbeP^) im Cementbruch von 
Sauerlich bei Häring im Innthal eine abgeräumte mit 
parallelen Gletscherstreifen bedeckte Gesteinsfläche und hatte 
damit den Untergrund des einstigen, das Innthal erfüllenden 
Riesengletschers mit aller Sicherheit nachgewiesen. In der 
nämlichen wichtigen Abhandlung fuhrt Gümbel auch die 
gerundeten Bergformen, welche allenthalben den Rand des 
oberen Innthals begleiten auf Gletscherwirkungen zurück und 
und hebt den Gontrast derselben mit dem etwas tiefer im 
Gebirg befindlichen wild zerrissenen Spitzen und Schroffen 
besonders hervor« Auch in den abgerundeten Felsenköpfen 

10) Haidinger's Mittheilungeu naturw. Fr. Bd. I. S. 215 und 
Mittheilangen der Wiener geograph. Gesellsch. Bd. XY. S. 252. 327. 

11) Jahrb. der k. k. Reichanst. 1868. XVIH. 308—310. 

12) Neues Jahrbuch von Leonhard und Geinitz 1878. S. 128. 

13) Jahrb. der k. k. geolog. Beichsanst. 1868. S. 74. 

14) Verhandlungen der k. k. geolog. Beichsanst. 1874. S. 85. 

15) Schriften des Yeireins für Geschichte des Bodensees und 
seiner Umgebung. 3. Heft. 1872. 

16) a. a. 0. S. 854. 



254 Sitzung der math.-phys, Claase Wim 7. November 1874, 

zwischen Wörgl, Eafstein, Oberaudorf zunächst am 
Ausgang des Innthals in die bayerische Hochebene erkennt 
Gümbel den glättenden Eiufluss einer sich fortbewegenden 
Eismasse. 

Wenn es aber wirklich, wie aus diesen Angaben hervor- 
geht, einen ehemaligen Gletscher gab, der im unteren Inn- 
thal noch über Höhen von nahezu 5000 Fuss hinweggleitete 
und die Spitzen des Eranzhorn (4200'), des Pentling bei 
Kufstein (4755'), des Bölfen bei Häring (4837'), des 
Heuberg bei Nussdorf (4215') und des Riesenkopf bei 
Brannenburg (4153') abschleifen konnte, dann musste sich 
dieser Eisstrom auch noth wendiger Weise als eine breite, 
ausgedehnte Masse über die bayerische Hochebene ergiessen 
und dort hätte er nach seiner Abschmelzung ähnliche Moränen 
und Schutthalden hinterlassen müssen, wie sie in der Nord- 
schweiz in so ausgezeichneter Weise nachweisbar sind. 
Solche glaciale Gebilde dürften aber nicht allein awf die 
dem Innthal benachbarten Gegenden beschränkt sein , sie 
müssten allenthalben die Hochebene längs des Alpenrandes 
erfüllen, denn es Hesse sich nicht absehen, warum nicht 
auch die übrigen Thäler der bayerichen Alpen während der 
Eiszeit hätten vergletschert sein sollen. 

Unsere Nachbarn in Würtemberg haben in der That 
schon seit mehreren Jahren die Ausdehnung des ehemaligen 
Rheingletschers in der oberschwäbischen Ebene sorgfältig 
verfolgt. Die 1869 von Hauptmann Bach veröffentlichte 
Karte ^^) liefert ein anschauliches Bild der verschiedenen 
Diluvialgebilde, der Moränen und Gletscherbäche in Ober- 
schwaben. Dieses Bild ist neuestens durch eine Abhandlung 
von Pfarrer Probst in Essendorf*®) vervollständigt worden. 



17) Würtembergische natorwissenschaftliche Jahreshefte i9. 
S. 113—126. 

18) Ebenda 1874. S. 40—86. 



Zittel: GleUcher-Eracheinungen, 255 

Ich werde später mehrfach Gelegenheit haben auf diese 
beiden gehaltvollen Schriften zurückzukommen. 

Auf bayerischem Gebiet schienen die Verhältnisse 
weniger klar zu liegen, obwohl die geologische Beschaffenheit 
des südlichen Würtemberg mit jener der bayerischen Hoch- 
ebene fast vollkommen übereinstimmt. 

In GümbePs geognostischer Beschreibung des bayeri- 
schen Alpengebirges und seines Vorlandes ^') sind zwar 
die Diluvialablagerungen der Hochebene eingehend geschildert 
und die im untersuchten Gebiete bekannten erratischen Blöcke 
sorgsam verzeichnet, allein directe und unverwischte Spuren 
alter Gletscher, deutliche Moränen, Gletscherschliffe, geritzte 
Gerolle u. s. w. findet man nirgends erwähnt. Gümbel war 
damals geneigt das Vorkommen von erratischen, zum Theil 
aus den Centralalpen stammenden Findlingsblöcken durch 
den Transport von Eisschollen zu deuten, welche mit Ge- 
steinsschutt beladen durch Fluthen aus den Alpenthälern 
nach der Ebene getrieben wurden und sich dort ihrer Last 
entledigten. Auch in seiner letzten Abhandlung über Gletscher- 
erscheinungen aus der Eiszeit im Etsch- und InnthaP^) 
erklärt Gümbel das Fehlen von deutlichen Endmoränen an 
vielen Thalmündungen in der nordalpinen Hochebene 
durch ein angestautes Wasserbecken, welches „den Dienst 
der Ausebnung und schichtenweisen Ablagerung des aus den 
allmählig ausgefurchten Alpenthälern durch Bäche, Flüsse 
und Gletscher herabgebrachten Materials in Form wohl- 
geschichteten Diluviums besorgte. Erst im höheren Hügel- 
lande zeigen sich hier Spuren von Glacialschutt und moränen- 
artige Geröllanhäufungen, wie im AUgäu und im Gebiete 
des hohen Vorlandes der Peissenberger Zone". Ich werde 
später zu zeigen versuchen, wie weit die GümbeTsche 



h9) S. 792—807. 
20) Sitzgsber. bayr. Ak. Wiss. 1872. S. 253. 



256 Sitzung der math.-phys, Classe vom 7. November 1874. 

Hypothese biDsichtlich der Mitwirkung von Wasserfluthen 
beim Absatz des erratischen Diluviums in den östlichen 
Theilen von Oberbajern zutreffend ist. 

Das Verdienst zuerst auf wohlerhaltene Moränen in 
der bayerischen Hochebene aufmerksam gemacht und die 
ungefähre Verbreitung der einstigen Gletscher daselbst nach- 
gewiesen zu haben, gebührt Herrn Hauptmann H. Stark. 

In einer kurzen Abhandlung'^) über „die bayerischen 
Seen und die alten Moränen*^ erläutert Stark eine ideale 
Uebersichtskarte von Süd-Ost-Bayern zur Eiszeit. Der frap- 
pante Gegensatz! der tafelförmigen Ebene bei München mit 
dem hügeligen Gelände weiter im Süden bis zum Fuss des 
Gebirges wird hervorgehoben und mit feinem Blick lediglich 
nach den topischen Verhältnissen der Verlauf der Erdmoränen 
und die Erstreckung der alten Gletscher festgestellt. Ver- 
gleicht man die Stark' sehe Beschreibung und die derselben 
beigefügte Karte mit der meisterhaften Schilderung des 
„Moränen-Landschaftstypus'' von Desor**), so 
kann man nicht leicht an der Richtigkeit der von Stark 
vertretenen Deutung unseres südbayerischen Hügellandes 
zweifeln. Der Geologe wünscht jedoch ausser dem land- 
schaftlichen Charakter noch strengere Beweise für die Existenz 
der diluvialen Gletscher, denn so werthvölle Dienste eine 
topographische Karte mit guter Terrainzeichnung bei geo- 
logischen Aufnahmen leisten kann, so führt doch die ober- 
flächliche Gestaltung hin und wieder auch irre und wird 
ohne sorgsame Untersuchung des Bodens nur mit Vorsicht 
zu verwerthen sein. Solche auf die geologische Beschaffen- 
heit der Diluvialgebilde gestützte Beweise vermisst man um 



21) Zeitschrift d. deutsch. Alpenvereins Bd. IV. S. 67—78. 1873. 

22) Die Moränen-Landschaft. Vortrag gehalten in der allgem. 
Sitzang der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft in Schaff- 
baasen. August 1873. 



Zittd: OUtseher-Erscheinungen, 257 

80 mehr in der Stark' sehen Abhandlung als sich seine Auf- 
fassung in entschiedenem Gegensatz zu der früher von 
Gümbel vertretenen befindet. 



Als ich im vergangenen August in Gesellschaft des Herrn 
Professor Desor von Malmö nach Stockholm fuhr und 
von meinem Reisegefährten auf die ausgezeichnet deutlichen 
Gletschererscheinungen iU Schonen und Sm&land auf- 
merksam gemacht wurde, als ich allenthalben die Schutt- 
hügel, die abgerundeten und mit Streifen bedeckten Granit- 
köpfe, die zahlreichen seichten Seen und Mööser zwischen 
Höhenzügen gesehen hatte, war mir eine gewisse Ueberein- 
einstimmung des landschaftlichen Gharacters von Südschweden 
mit jenem des oberbayerischen Hügellandes sofort aufgefallen. 
Nach meiner Rückkunft besichtigte ich zunächst in der Gegend 
von Ambach am Starnberger-See die benachbarten Kies- 
gruben und konnte schon nach der ersten E^cursion nicht 
mehr zweifelhaft bleiben, dass die meisten an geritzten Ge- 
rollen überreichen Aufschlüsse auf den höher gelegenen Theilen 
des Hügellandes alle Merkmale einer Grundmoräne erkennen 
lassen. Ich dehnte darauf meine Ausflüge weiter aus und 
entdeckte an der Schwaig bei Ostersee zuerst die ab- 
geschlififene geglättete Unterlage des ehemaligen Gletschers. 

Erst nach diesen Beobachtungen erhielt ich Kenntniss 
von der Abhandlung des Herrn Hauptmann Stark; Sie 
gab mir wichtige Anhaltspunkte über den Verlauf der End- 
moräne, welche ich auch von Starnberg bis Dietrams- 
zell und von Eirchseeon bis zum Inn fast Schritt für 
Schritt verfolgte. Die meisten Excursionen machte ich in 
Gesellschaft des Herrn Baron Herrmann von Barth 
und bei Untersuchung des Inngebietes schloss sich uns 
Herr Oberbergrath Gümbel an, dessen Beihfilfe ich mich 
auch bei Bestimmung der erratischen Geschiebe zu erfreuen 
hatte. Zu Ausflügen nach dem östlichen Theil der Hoch- 

[1874, 3. Math.-phys. Cl.] 17 



258 Siteung der math.-phys. Glosse vom 7. November 1874. 

ebene, sowie in das Gebirge war die Jahreszeit 1)ereits zu 
weit vorgeschritten. Obwohl sich demnach meine Unter- 
suchungen nur auf einen Theil des sehr ausgedehnten mit 
Gletscherwirkungen versehenen und von Glacialscbutt bedeckten 
Gebietes erstrecken, so erschienen sie mir doch der Ver- 
öffentlichung werth, denn sie liefern den unzweideutigen 
Beweis von dem Vorhandensein und der ungefähren Aus- 
dehnung der ehemaligen Gletscher und gewähren namentlich 
über die Beziehungen der Eiszeitgebilde zu jenen der übrigen 
Diluvial-Ablagerungen neue und unerwartete Aufschlüsse. 
Eine umfassende Specialuntersuchung des gesammten Gebietes 
würde Monate erfordern, sicherlich eine Menge neuer Belege 
an das Tageslicht bringen, aber voraussichtlich die schon jetzt 
gewonnenen Anschauungen nicht in wesentlichen Punkten 
umgestalten. Nachdem einmal der Verlauf der Endmoräne 
wenigstens theilweise festgestellt und der Gletscherbodtju 
sowohl im Innthal, als auch in der Hochebene nachgewiesen 
istj^dürfte sich schon mit Hülfe einer guten topographischen 
Karte, sowie mit den durch Gümbel's geoguostische Unter- 
suchungen bekannten Thatsachen das Gletschergebiet des 
bayerischen Gebirges und dessen Vorlandes ungefähr um- 
grenzen lassen. 

Südlich von München ist der Charakter der Moränen- 
landschaft in dem Landstrich, welcher zwischen dem Gebirg und 
einer im Norden durch eine ungefähr von Pfaffenhofe n über 
Leutstätten, ScLäftlarn, Endlhausen, Egmating nach 
Ebersberg gezogenen Grenzlinie liegt, in der Oberflächen- 
beschaffenheit am bestimmtesten ausgeprägt. Jede mit 
Terrainzeichnung versehene Karte in etwas grösserem Mass- 
stabe zeigt, wie sich aus der fast tafelförmigen Münchener 
Hochebene plötzlich ein Hügelzug erhebt, hinter welchem 
die Landschaft ihren Gharacter sehr auffällig verändert. 
Statt der einförmigen, nur zuweilen durch Thaleinschnitte 
unterbrochenen Fläche beginnt hinter dem erwähnten Höhen- 




Zittd: Gletacher-Eracheinungen. 259 

Zug ein auffällig coupirtes, anmuthiges und wechselvolles 
Hügelland. Die mittlere Höhe desselben ist kaum beträcht- 
licher als die der Münchener Hochebene, auch gibt es mit 
Ausnahme einiger Ausläufer der Alpen keine eigentlichen 
Berge darin. Die Hügelzüge differiren in der Höhe nur 
wenig von einander, aber sie verlaufen durchaus regellos, 
häufig in langgezogenen Rücken ^ manchmal auch bogen- 
förmig, oder sie sind in einzelne kegelförmige Kuppen auf- 
gelöst. In den grösseren Einsenkungen glänzen die klaren 
Wasserspiegel des Ammer-, Wurm- und Kochel-See, die 
kleinereren Kessel werden ausgefüllt von fischreichen Seen, 
Teichen und Weihern (Ostersee, Maisinger See, Esssee, Pilsen- 
See, Wörthsee, Buchsee, Wolfsee, Thanninger Weiher, die 
verschiedenen Seeoner Weiher u. s. w.), deren Häufigkeit in 
der Moränenlandschafc ebenso gross ist, als ihre Seltenheit 
im Tafelland. Da wo in Einsenkungen eine offene Wasser- 
fläche fehlt, wird ihre Stelle meist von einem nassen Torf- 
moos oder von sumpfigen Wiesen ausgefüllt. In der Richt- 
ung der thalähnlichen Depressionen herrscht ebensowenig 
ein bestimmtes Gesetz, wie bei den Hügelzügen ; in eiuzelnen 
fliessen Bäche (und zwar zuweilen in einer dem allgemeinen 
Wasserlauf geradezu entgegengesetzter Richtung, wie der von 
Nordost nach Südwest laufende Eglinger Bach), andere bieten 
das eigen thümliche Schauspiel von Trockenthälern^') dar. 
Die tiefen und breiten Rinnsale der Isar, Loisach, Wurm 
und Ammer sind erst spät in die Moräoenlandschaft einge- 
rissen und gehören entschieden der postglacialen Zeit an. 
Das eben geschilderte mit erratischen Blöcken mehr oder 
weniger übersäete Hügelland stellt 



23) Als solche sind beispielsweise zu erwähnen der Gleis en- 
bach zwischen Aufhofen und Haching; das Föpfgenbeurer Thal, 
das breite Flossbett bei Eirchseeon, der schmale Thalein- 
schnitt nördlich von Ebersberg, der Tenfelsgraben beiHolz- 

kirchen u. a. 

17* 



260 Sitzung der matK-phya. Clctsse vom 7. November 1874. 

die Grundmoräne 

eines alten Gletschers dar, welchen ich als Isargletscher 
bezeichnen will. Das Material derselben besteht der Haupt- 
sache nach aus Eies, Lehm mit eingestreuten Geschieben 
und scharfkantigen Blöcken, hin und wieder auch aus Löss. 
Vom geschichteten Diluvialkies, welcher häufig zu fester 
Nagelflue zusammengebacken ist, lässt sich der Gletscher- 
schutt sehr bestimmt unterscheiden. Die Geschiebe stecken 
ganz unregelmässig in einem zähen gelblich grauen Lehm, 
ihre Oberfläche ist gewöhnlich abgeschliffen aber glänzend 
und frisch, nicht durch Abreibung getrübt und fleckig, wie 
dies bei Rollsteinen fast immer der Fall ist. Die Ecken 
und Kanten sind zwar abgerundet, aber ihre Form ist un- 
regelmässig und keineswegs eiförmig oder kugelig: die ge- 
wöhnliche Gestalt der Rollsteine. Auch für die Grösse des 
Grundmoränenschuttes gibt es keine bestimmte Regel. Sand- 
körner, nussgrosse Geschiebe liegen mit faust- und kopf- 
grossen Stücken durcheinander und diesen sind abgerundete 
oder scharfkantige Blöcke von ein oder mehreren üubik- 
fuss Grösse beigemischt. Das ganze Material der Grund- 
moräne stammt aus den bayerischen und tyroler Alpen. Vor- 
herrschend sind krystallinische Gebirgsarten und Kalksteine 
von verschiedener Farbe, etwas seltener Sandstein und Mergel- 
schiefer aus dem tertiären Vorland. 

Das entscheidenste und untrüglichste Merkmal für Glacial- 
gebilde bieten die gekritzten Geschiebe. Auf krystallini- 
schen Gebirgsarten, quarzreicben Sandsteinen und Hornstein 
lassen sich solche Kritzen nur äusserst selten beobachten, 
dagegen sieht man sie in ausgezeichneter Deutlichkeit auf 
Kalkstein, namentlich auf Stücken von dunkler Färbung. 
In einer ungestörten, durch spätere Wasserfluthen nicht 
durchwaschenen Grundmoräne trägt fast jedes Kalkgeschiebe 
oder Gerolle solche Kritzen, die oft so scharf sind, als 



Zittel: Qletscher-Erseheinungm. 261 

ob sie mit einer Nadel eingerissen wären. Auf weichem 
Tertiär-Sandstein bemerkt man gleichfalls häufig Gletscher- 
ritzen, allein sie verlaufen unbestimmter, sind weniger ver- 
tieft und meist viel breiter, als auf Kalkstein. Für die 
Richtung der Kritzen gibt es keine bestimmte Regel, häufig 
laufen sie parallel, zuweilen gehen sie auch quer durcheinander, 
immer aber sind sie geradlinig. 

Die Grundmoränen zeigen sich am schönsten und reinsten 
erhalten auf den höher gelegenen Theilen des Hügellandes. 
In der Umgegend des Ostersees, oberhalb Ambach, 
Ammerland, bei Münsing, auf der Höhe bei Euras- 
burg und Wolfratshausen, bei Starnberg, Leut- 
stetten, Oberpöcking, Schäftlarn, Harmating 
u. s. w. hat man Gelegenheit den Grundmoränenschutt in 
vielen Kiesgruben aufgeschlossen zu sehen; 

An erratischen Blöcken ist das ganze Gebiet ziem- 
lich reich; sie liegen entweder im Schutt begraben oder frei 
auf der Oberfläche. G ü m b e 1 erwähnt die Blockreibe längs 
des östlichen Ammerseeufers, sie finden sich auch ziemlich 
häufig auf den Hügeln zu beiden Seiten des Starnbergersee's 
und im Moräneuland östlich derlsaV. In grosser Zahl liegen 
sie nach Angabe des Herrn von Barth im Dietrams- 
zeller Wald. Am häufigsten findet man quarzigen oder 
glimm erreichen Gneiss, zuweilen Hornblendegestein oder 
Granatgneiss, seltener Kalkstein oder Dolomit. Der mäch- 
tigste Irrblock im ganzen Gebiet aus lichtgrauem Kalkstein 
bestehend, liegt dicht am Waldrand beim Steinsberger 
Hof auf der Höhe von Peretshofen. Spuren von tiefen 
Bohrlöchern zeigen, dass er bereits vielfach als Steinbruch 
gedient hat, aber nichts desto weniger beträgt seine Höhe 
noch immerhin gegen 6 m. bei etwa 9 m. Länge und viel- 
leicht 5 m. Breite. Eine Erwerbung und Erhaltung dieses 
ausgezeichneten Findlings wäre sehr wünschenswerth, denn 
ohne solche Massregel dürfte er in der an Bausteinen 



262 Sitzung der math^-phya. Clasae vom 7. November 1874, 

armen Gegend, bald spurlos yersobwunden sein. Die Mehr- 
zahl der erratischen Blöcke stammt aus Tyrol und zwar 
aus dem Oetzthal. Ihr Transport durch Hochfluthen über 
die 5-- 5000 Fuss hohen Pässe der bayerischen Alpen ist 
absolut undenkbar ; ihre Anwesenheit überhaupt nur durch 
Gletscher zu erklären. 

Die Endmoräne 

ist auf der Stark' sehen Karte von Ober-Pfaffenhofen 
(östlich vom Ammersee) an bis zur Österreich' sehen 
Grenze verzeichnet. Sie bildet zwei durch eine tiefe, in der 
Nähe von Miesbach endigende Bucht getrennte Halbbogen, 
von denen der westliche die Endmoräne des Isargletschers 
bildet und das Gebiet des Würmsee und Ammersees umspannt, 
während der östliche dem eigentlichen Inngletscher ange- 
hörige Bogen von Miesbach dem Teufelsgraben ent- 
lang über Gross-Helfendorf, Egmating, Eirch- 
seeon nach Ebersberg zieht und sich von da an noch 
weiter über Haus, Mattenbett, Haag bis Gars am 
Inn verfolgen lässt. Von Pfaffenhpfen bis Ebersberg 
ist der Verlauf der Endmoräne durch die Oberflächenbe- 
schaffenheit so bestimmt angedeutet, dass hier keine Täuschung 
möglich ist. Die Stark' sehe Karte liefert darüber ein 
genaues Bild, dem ich Nichts Wesentliches beizufügen habe. 
Es verdient übrigens Beachtung dass die Hauptzüge der 
Findlingsblöcke sowohl östlich, als westlich vom Starnberger- 
See in zurückspringenden Buchten der Endmoräne endigen. 
Möglicherweise entsprechen sie ehemaligen Mittelmoränen. 
Hinsichtlich der Zusammensetzung unterscheidet sich die 
Endmoräne von der Grundmoräne hauptsächlich durch die 
beträchtliche Menge grösserer, theils scharfkantiger, theils 
etwas abgerundeter Blöcke, welche zwischen feinerem Schutt 
eingestreut sind, im üebrigen findet man in beiden die näm- 
lichen Gesteine uq^ diese auch so ziemlich in gleicher Ver- 



Zittel: Gletscfier-Erscheinungen. 263 

theilang. Die Kalksteine, tbeilweise auch die Sandsteinblöcke 
und Geschiebe sind stark gekritzt und gelangten offenbar 
meist aus der Grundmoräne an den Gletscherrand. Unter 
den krystalliniscben Gesteinen finden sich am häufigsten 
Blöcke und Geschiebe von Hornblendeschiefer, Hornblende- 
gneiss, Hornblendegestein mit Granat, Granatgneiss, Quarz- 
gneiss und Glimmergneiss. Granit oder Glimmerschiefer, 
welche im Inngebiet eine so grosse Rolle spielen, fehlen dem 
Moränenbogen des Isargletschers fast gänzlich und auch 
weissen Quarz beobachtete ich in der Nähe des Starnberger- 
Sees nur selten, sehr häufig dagegen in der Endmoräne bei 
Kirchseeon. 

Für die krystalliniscben Gesteine lässt sich der Oetz- 
thalstock mit grösster Wahrscheinlickheit als Heimath 
bezeichnen; schwieriger dagegen ist die Herkunft der ver- 
schiedenen dunklen und lichten Kalksteine zu bestimmen. 
Sie stammen insgesammt aus den bayerischen und nordtyrol« 
ischen Alpen , . vereinzelte Versteinerungen (z. B. Dachstein- 
bivalven bei Kirchseeon, Ammoniten im Fleckenmergel am 
Starnberger See, Gyroporellen im Wettersteinkalk von Leut- 
stetten etc.) liefern hin und wieder wohl auch einen genaueren 
Nachweis ihrer Herkunft, allein bei der Mehrzahl der Kalk- 
geröUe muss auf eine ganz sichere Bestimmung verzichtet 
werden. Von jüngeren Gesteinen habe ich Nummulitenkalk 
vom Blomberg bei Tölz, Flyschsandstein und Flysch- 
schiefer und besonders häufig oligocänen Sandstein, sowie 
Mergelsandstein mit Gyrenen, Melanien und sonstigen Ver- 
steinerungen aus der Gegend von Penzberg, Tölz und 
Miesbach gefunden. Eine auffallende und sehr häufige 
Erscheinung in den Endmoränen bilden die Blöcke von festem 
Diluvialconglomerat, welche aus den tiefer gelegenen Theilen 
des bayerischen Hügellandes herrühren. 

In der Nähe von München ist die Endmoräne des Isar- 
gletschers durch Stein- oder Kiesgruben besonders schön 



264 Sitzung der tnatK-phya. Claaae vom 7. November 1874. 

aufgeschlossen aomittelbar links neben der Eisenbahn, einige 
hundert Schritt südlich vom Bahnhof bei Mühlthal, ferner 
zwischen Leutstetten und Wangen, bei Hohenschäft- 
1 a r n , auf der Dinghartinger Höhe im Strasseneinscbnitt, 
sodann weiter südöstlich im Dorfe Linden. Die Endmoräne des 
Inngletschers wurde bei Eircbseeon durch Kiesgruben stark 
ao geschnitten, sie ist ausserdem auf der Reut nördlich von 
Ebersberg, bei Haus und Mattenbett u. a. 0. gut ent- 
blösst. Sie besteht auch hier aus Blocklehm und gekritzten 
Geschieben, allein in der Vertheilung des Materials lässt sich eine 
Verschiedenheit vom westlichen Moränenbogen wahrnehmen. 
Die krystallinischen Gesteine herrschen entschieden vor und 
zwar stellen sich jetzt Glimmerschiefer, Granit und weisser 
Qiiarz besonders reichlich ein, während die Hornblende- und 
Granatgesteine sowie Kalksteine etwas sparsamer auftreten. Bei 
Kirchseeon liegen mächtige Blöcke von Diluvialconglomerat 
im Moränen wall; sie sind selten ganz scharfrandig , sondern 
wie die meisten übrigen Blöcke etwas an den Ecken und 
Kanten abgerundet. 

In dem bisher beschriebenen Moränengebiete erlangt 
der LÖSS nirgends eine nennenswerthe Entwickelung, da- 
gegen findet man sehr häufig am äusseren Rand der End- 
moräner Lössablagerungen von massiger Mächtigkeit, welche 
sich zuweilen auf ansehnliche Strecken in der Ebene aus- 
dehnen. Solchen ausserhalb des Gletschergebiets gelegenen 
LÖSS benützt man bei Grossaichenhausen, bei Pasing, 
bei Berg am Laim, bei Bogenhausen a. a* 0. als 
Material zur Ziegelfabrikation. 

Der Gletscherboden 

konnte in der Hochebene von keinem der früheren Beob- 
achter nachgewiesen werd^^n, was sich leicht durch den Um- 
stand erklären lässt, dass der ehemalige Eisstrom bei seinem 
Austritt aus dem Gebirge die Ebene bereits mit einer ziemlich 



Zittd: Qletacher-Eracheinungen, 265 

mächtigen Decke 7on meist lockerem Geröll belegt fand, 
in welcher er keine dauernden Spuren hinterlassen konnte. 
Nur ausnahmsweise ragte ein Riff festen Tertiärgesteins aus 
dem losen Kiese hervor oder letzterer war stellenweise 
bereits zu festen Nagelfluebänken erhärtet und bot dem 
Gletscher eine Unterlage dar, auf welcher er seine abrun- 
denden, glättenden und kritzenden Wirkungen einzeichnen 
konnte. 

An zwei Stellen ist es mir gelungen den ehemaligen 
Gletscherboden mit Sicherheit zu constatiren und zwar beide- 
mal im Gebiet des Isargletschers. 

Am Seh waighof beim Ostersee erhebt sich aus dem 
Diluvialkies ein schmaler in ostwestlicher Richtung streichen- 
der Rücken von hartem, gelbgefärbtem sandigem Grobkalk, 
der in einzelnen Bänken viele kleine GeröUe führt und bei- 
nahe zu einem Gonglomerat wird. Das in zwei Steinbrücken 
abgebaute Gestein enthält ziemlich häufig Zähne von Gar- 
charodon und Lamna, Steinkerne von Gardium, Gytherea, 
Pecten palmatus, Austern, sowie schlecht erhaltene Bryozoen 
und Gorallen, gehört also der jüngeren (miocänen) Meeres- 
molasse an^^). Das Riff wird ringsum sowohl oben als seit- 
lich durch eine exquisite Grund moräne mit Blocklehm und 
geritzten Geschieben verhüllt. Da wo durch den Steinbruch- 
betrieb die Abräumung des Moränenschuttes erforderlich war 
und die Oberfläche des tertiären Sandkalksteines blosgelegt 
ist, sieht man dieselbe vollständig abgeschliffen und stellen- 
weise, wenn auch nicht besonders deutlich mit Eritzen be- 
deckt. Die grobkörnige, rauhe Gesteinsbeschaffenheit war 
hier offenbar der Erhaltung von Gletscherstreifen ungünstig, 
aber das ganze Riff trägt das bestimmte Gepräge eines durch 
Gletscherthätigkeit hergestellten „Rundhöckers^^ 



24) Dieses Vorkommen ist auf der GümbeP sehen Karte (Blatt 
Wer^enfels) eingeaseichpet iin4 in der Seschreibong S, 778 erwi^nt, 



266 Sitzung der math.-phys, Glosse vom 7. November 1874. 

Einen zweiten, wichtigeren Punkt, wo der Isargletscher 
seinen Boden in unverkennbarer Weise gezeichnet hat, ent- 
deckte ich mit Baron von Barth bei Schäftlarn, 5 Stunden 
südlich von München. Dem statth'chen Benedictinerkloster 
gegenüber am rechten Isarufer steht die feste diluviale 
Nagelflue in steilen Felswänden an und wird in ansehnlichen 
Brüchen als Baustein gewonnen. Hat man der Strasse nach 
Strasslach folgend die Höhe des Plateaus erreicht, so 
sieht man im obersten Steinbruch unmittelbar über der 
Nagelflue eine Ablagerung von zähem gelblichem Lehm mit 
sparsam eingestreuten, deutlich geritzten Gerollen. Die 
Arbeiter hatten zufallig eine Fläche von vielleicht 12DFus8 
abgeräumt und hier sah man wie sich unter der schützenden 
Lehmdecke die Gletscherwirkungen in wundervoller Deutlich- 
keit erhalten hatten. Die oberste Schicht der Nagelflue 
war vollständig abgeschliffen, die Gerolle des erhärteten 
Conglomerats erschienen wie mit einem Messer durchschnitten 
und die ganze Oberfläche war mit dicht gedrängten, paral- 
lellen scharfen Kritzen bedeckt, welche insgesammt in süd- 
nördlicher Richtung verliefen. In kleiner Entfernung unter- 
halb dieses interessanten Aufschlusses hört die Endmoräne 
auf, welche hier unwiderleglieh die in ansehnlicher Mächtig- 
keit entwickelten Bänke des älteren, geschichteten Diluviums 
überlagert**^). 

Für die bisherige Schilderung der Gletschererschein« 
ungen im südbayerischen Hügelland wurden ausschliesslich 

25) Auch im Innern des Gebirges bei Berchtesgaden wurde im 
verflossenen Sommer, wie mir Herr Prof. von Siebold mittbeilt, 
der frühere Gletscherboden durch Herrn Prof. Alexander Braun 
aus Berlin entdeckt Man hatte am Eälb erste in beim Bau einer 
Villa den rothen Alpenkalk freigelegt und konnte auf dessen po- 
lirter Oberfläche deutlich die Gletscherstreifung wahrnehmen. Auch 
geritzte Geschiebe erhielt ich durch Prof. von Siebold vom Loch- 
stein bei Berchtesgaden. 



Zittel: Gletscher-Erscheinungen, 267 

die Verhältnisse im Moränengebiet des Isargletschers so- 
wie die des westlichen Moränenbogens des Inngletschers 
bis Ebersberg zu Grunde gelegt. Oestlich von Ebers- 
berg nimmt die Landschaft einen verschiedenen Gharacter 
an, dessen Eigenthümlichkeit um so klarer hervortritt, so 
mehr man sich dem Inn nähert. Der bisher scharf be- 
zeichnete Endmoränenwall lässt sich zwar noch über Haus 
und Haag verfolgen, aber ausserhalb desselben dehnt 
sich keine sterile aus Diluvialkies bestehende tafelartige 
Ebene aus, sondern es beginnt ein fruchtbares, von vielen 
kleinen Wasserläufen durchzogenes, aber an stehenden Ge- 
wässern und Torfmooren armes Hügelland, welches im Westen 
ungefähr durch eine von Steinhöring über Hohen- 
linden, Harthofen nach Erding gezogenen Linie be- 
grenzt wird und sich gegen Norden und Osten über das 
ganze Innyiertel in Oberbayein und Niederbayern erstreckt. 
Dieses Hügelland besteht der Hauptsache nach aus licht- 
gelbem LÖSS, welcher links vom Inn vielfach mit glimmer- 
reichen Sand versetzt ist und erst in Niederbayern wo er seine 
grösste Mächtigkeit erreicht die charakteristische braungelbe 
Färbung annimmt. Durch die Lössbedeckung wird die 
Grenze des Gletschergebietes vollst^^ndig verwischt; vom Löss- 
land tritt man unvermerkt in die Moränenlandschaft ein, 
deren südlicher Th eil ebenfalls vielfach durch eine Lössdecke 
von geringer Mächtigkeit übergössen ist. Ansehnliche Hügel- 
züge, welche man aus einiger Entfernung mit Sicherheit als 
Moränen ansprechen zu dürfen glaubt, bestehen aus geschich- 
teten Geröllmassen oder es wechselt confuser mit geritzten 
Geschieben erfüllter Gletscherschutt mit wohl geschichteten 
Lagen von Eies. 

Vom Inn an liefert die Stark' sehe Karte lediglich ein 
ideales Bild von der Erstreckung des ehemaligen Moränen- 
walles ; in Wirklichkeit lässt sich das Ende der Moränenland- 
schaft heute nicht mehr mit Genauigkeit feststellen. An 



268 Sitzung der mcUK-phys. Classe vom 7. November 1S74, 

unverkennbaren Gletscherspuren ist dagegen gerade der dem 
Inn benachbarte Theil der bayerischen Hochebene äberreich. 
Nirgends finden sich Findlingsblöcke massenhafter als an- 
mittelbar am Fasse des Gebirges zwischen dem Inn und 
Chiemsee'^), oder za beiden Seiten des Flassthales selbst. 
Obwohl die Blöcke sorgsam aufgelesen werden and sich wegen 
ihrer vielfachen Verwendbarkeit von Jahr za Jahr yermindern, 
so findet man sie doch namentlich auf dem rechten Inn- 
afer zwischen Wasserbarg und Kraiburg auf dem 
Plateau noch in reichlicher Menge umherliegen. In spaterer 
Zeit werden freilich die fast ganz aus erratischen Blöcken ge- 
bauten Bauernhöfe den Hauptbeweis für die Verbreitung 
derselben liefern müssen'^). 

Auch mit Gletscherritzen bedeckte Geschiebe und Blöcke 
liegen in grosser Menge theils in den Kiesgruben im Hügel- 
land (z. B. bei Urlating, Grünthal,- Bachsee u. s. w.) theils 
in den oberen Lagen der steilen Kieswände des Inntbals 
selbst. Diese oft nahezu senkrecht abfallenden, mehrere 
hundert Fuss mächtigen, natürlichen Wände und noch besser 
die frischen beim Eisenbahnbau hergestellten grossartigen 
Einschnitte an der rechtseitigen Innleiten zwischen Station 
Gars und der neuen Brücke beim Au er gestatten einen 
klaren Einblick in die Zusammensetzung der Diluvialgebilde. 
Unmittelbar über dem tertiären „Flinz^', Weicheram linken 
Ufer mehrfach zu Tage tritt folgt geschichtetes Diluvium, 
bestehend aus lockerem Kies mit vereinzelten Sand- und 
Lehmstreifen. Die Gerolle sind fast ohne Ausnahme voll- 
ständig abgerundet und die Oberfläche der Kalksteine trüb. 



26) Näheres über die Verbreitung erratischer Blöcke in Süd- 
bayern findet man in Gümbel's geognost. Beschreibung des bayeri- 
schen Alpengebirges und seines Vorlandes S. 798-800. 

27) £in wahres Museum der verschiedensten erratischen Gesteine 
bieten z. B. die ungetünohten Wände des stattlichen Hauses von 
Sebastian Freiberger in 3cbambach. 



ZiUeli Qhtscher-Erscheinungen, 269 

In der Regel führt jedä Schicht der Hauptsache nach Material 
TOD ähnlicher Grösse und durch diesen Wechsel von grobem 
Schotter and feinerem Eies tritt die Schichtung der ganzen 
Ablagerung nur um so deutlicher zu Tage. Im ganzen Inn- 
gebiet überwiegen auch im unteren geschichteten Diluvium 
die krystallinischen Gesteine gegen den Kalkstein, während 
letzterer westlich von München die älteren Nagelflue- und 
Schotterbildungen fast ausschliesslich zusammensetzt. In 
diesem geschichteten Diluvium konnte ich keine geritzten 6b- 
schiebe oder grössere scharfkantige Irrblöcke wahrnehmen. 

In dem unmittelbar darüber liegenden, indess nicht son- 
derlich scharf geschiedenen oberen Glacialschutt ist das Material 
weniger nach der Grösse gesichtet ; Gerolle von verschiedenen 
Dimensionen liegen durcheinander, es sind zwar stellenweise 
Spuren von Schichtung zu erkennen, aber unter den offen- 
bar vom Wasser abgeschliffenen Rollsteinen liegen zahlreiche 
mit ausgezeichnet deutlichen Gletscherkritzen bedeckte Ealk- 
geschiebe. Ueberdies ist die ganze Masse dermassen von 
scharfkantigen Findlingsblöcken oft von gewaltigen Dimen- 
sionen durchspickt, dass letztere ebenso das Material zu den 
neuen Kunstbauten an der Bahnlinie liefern, wie sie von 
jeher für die Wasserbauten am Inn Verwendung fanden. 
Oefters namentlich in der Umgebung von Wasserburg 
folgt über dem eben geschilderten halbgeschichten Schutt 
noch eine Decke von Löss, in welchem ebenfalls zahlreiche 
geritzte Geschiebe eingestreut sind. 

Was die Gesteinsbeschaffenheit der Findlinge betrifft, 
so zeigt sich, dass die Mehrzahl derselben aus lichtem Granit, 
mit viel weissem Quarz und Feldspath und schwarzen Glimmer- 
blättchen (Buchsteine), ferner aus grünlich grauem Glimmer- 
schiefer (Bleisteine) besteht. Seltener kommen blaugrauer 
körniger Kalk oder Dolomit vor. Sämmtliche Gebirgsarten 
stammen nach freundlicher Mittheilung Gümbels aus dem 



A. 



270 SiUfung der math^-phya. Claaae vom 7. November 1874. 

Innthal, Zillerthal und den soDstigen Seitenthälern des 
Inns ««). 

Die Grösse, sowie die eckige und kantige Beschaffen- 
heit der Irrblöcke macht die Annahme eines längeien Trans- 
portes durch Wasser unstattliaft. Es kann auch hier nur 
Eis als Fortschaffungsmittel gewirkt haben und ebenso lassen 
sich die scharf eingeschnittenen Eritzen auf den Ealkgeschieben 
nur durch Gletscherwirkung erklären. 

Weiter oben ist gezeigt worden, dass die sichere Er- 
mittelung der Endmoräne iminngebiete auf grosse Schwierig- 
keiten stösst und auch der landschaftliche Charakter der muth- 
masslich von der Grundmoräne bedeckten Gegend stimmt nicht 
mit dem im Isargletscher geschilderten Typus überein. Das 
Hügelland rechts und links vom Inn bietet nicht den Anblick 
jener wirr durcheinander ziehenden, durch kesseiförmige 
oder thalähnliche Vertiefungeü von einander geschiedenen 
Hügeln, sondern das ganze Land zerfällt vielmehr in eine 
Reihe von fruchtbaren, ebenen, meist mit Löss überdeckten 
Plateaus, auf welche sich langgezogene, wallartige Bergrücken 
von geringer Höhe aufsetzen. Manchmal ragen auch ver- 
einzelte Hügel aus ihrer flachen Umgebung hervor. Erst 
weiter südlich gegen das Gebirg zu, namentlich in der Nach- 
barschaft des Ghiemsees beginnen die kleinen Seen und 
Weiher, sowie die Torfmoore häufiger zu werden, auch nehmen 
dort die Gewässer einen unregelmässigeren Verlauf. 

Aus der landschaftlichen Configuration , aus der un- 
deutlichen Begrenzung des Gletschergebietes, aus der Ver- 
mischung von geschichtetem Material mit Glacialschutt und 
Findlingsblöcken, aus der übermässigen Entwickelung des 
Lösses lässt sich mit höchster Wahrscheinlichkeit der Schluss 



28) Im Gebiete des Isargletschers habe ich, wie bereits erwähnt, 
weder den Glimmerschiefer, noch den Granit oder körnigen Kalk 
des Innbezirkes beobachtet. 



Zittel: Gletscher-Erscheinungen. 271 

folgern, dass an der Entstehung und Vertheilung der jüngeren 
Diluvialgebilde im südöstlichen Bayern Eis und Wasser 
ziemlich gleichen Antheil hatten. 

Wenn wir annehmen, dass am Schluss der Eiszeit 
durch das Schmelzen der Gletscher und vielleicht durch 
Regengüsse aus allen Seitenthälern dem Innthal gewaltige 
Wassermassen zuströmten und durch dieses dem Hügelland 
zugeführt wurden, wenn wir uns aus der Grundmoräne 
allenthalben schlammige Fluthen herausbrechen denken, 
welche die Ebene in einen weiten See verwandelten, in 
dem sich der feine Gletscherschlamm als Löss zu Boden 
schlug, so dürften sich mit dieser Hypothese wohl alle 
oben geschilderten Verhältnisse in Einklang bringen lassen. 
Beim allmäligen Rückschreiten des Gletschers entstanden 
auf dem eigentlichen Gletscherboden jene langgezogenen 
Bergrücken, in welchen der grobe Gletscherschutt durch die 
Gewässer .angehäuft wurde, während das feine Material für 
den Löss weiter nach Süden gelangte. Diese Betrachtung 
würde es auch wahrscheinlich machen, dass der das eigent- 
liche Moränengebiet bedeckende Löss erst zum Absatz ge- 
langte, als sich die Gletscher schon weit nach dem Gebirg 
zurückgezogen hatten. Das so häufige Vorkommen von ge- 
ritzten Geschieben, ja zuweilen sogar von. grösseren Blöcken 
im Löss ausserhalb der muthmasslichen Endmoräne hat 
Nichts befremdliches, denn es ist nur zu wahrscheinlich, dass 
die starken Fluthen ausser dem Lössschlamm wenigstens auf 
einige Entfernung auch gröberes Material aus der Moräne 
mit sich schleppten. Was die grossen Fiudlingsblöcke be- 
trifft, so konnten diese nach dem Schmelzen des Gletschers 
unmittelbar abgeladen und in den von Wasserfluthen durch- 
wühlten Boden eingebettet werden, wenn sie nicht etwa auf 
Eisschollen weiter nach Süden befördert wurden. 

Eine ähnliche Erklärung gibt Desor^^) für die dilu- 

29) Die Moränen-Landschaft L c. S. 18. 



272 Sitzung der matK-phya. OlasH vom 7. November 1874. 

yialen Eiesablagerangen zwischen Salz barg und Lambach. 
Auch dort wechselt „formloser Moränenschutt mit geschich- 
tetem Oeröll ab, welch letzteres deutlich die Mitwirkung 
des Wassers erkennen lä88t'^ Ebenso beschreibt Bach'^) 
aus der Gegend von Bibe^ach diluviale durch Wasser und 
Eis niedergeschlagene Gebilde, welche ausserhalb der deut- 
lichen Endmoräne liegen und welche Bach einer älteren 
Eiszeit zuschreibt, ohne jedoch für diese Ansicht ganz stich- 
haltige Gründe beizubringen. 

Der im Innviertel so mächtig entwickelte Löss wäre 
demnach gegen Ende der Eiszeit zum Absatz gelangt und 
nichts Anderes als der feine, durch Wasserfluthen aus dem 
Moränengebiet fortgeschaffte Gletscherschlamm. Die aller- 
dings ziemlich selteti vorkommenden organischen Deberreste 
reden dieser Annahme das Wort. Unter den von Oümbel'*) 
aufgezählten Lössconchylien befinden sich zwar vorzugsweise 
noch heute in der bayerischen Hocheh^ene vorkommende 
Formen, allein nach einer freundlichen Mittheilung Prof. 
Sandberger's haben sich neuerdings im Löss bei Passau 
die mit einer Falte versehene Varietät von Pupadolium Drp. 
sowie Valvata alpestris Blaun. gefundene; zwei specifisch 
alpinne Arten. Einen entschieden nordischen Gbaracter tragen 
die im Löss vorkommenden Säugethiere. Sie finden sich 
im südlichen Bayern weit seltener aIs z. B. im Rheinthal, 
allein ein einziger Punkt, eine Ziegelgrube neben demEron- 
bdrger Hof bei Aschau hat im Jahr 1868 eine über- 
raschend reiche Ausbeute geboten. Diese bemerkenswerthe 
Fundstätte liegt etwa eine Meile ausserhalb der Endmoräne 
des Inngletschers auf dem linken Innufer zwischen Gars 
und Eraiburg. 



80) Würtemberg'scbe naturwissensohaftliche Jahresbefte 1869. 
S. 123—125. 

31) 1. c. S, 797. 



Zittel: Gletscher-Erscheinungen, 273 

Der Inn fliesst hier in einem ziemlich breiten Thal in 
wenig vertieftem Bett durch eine ebene, mit Eies bedeckte 
Niederung. In wechselnder Entfernung vom FIuss erhebt 
sich auf dem linken Ufer ein schrofiFer Steilrand aus älterem 
geschichteten Diluvialkies bestehend und hat man diesen er- 
stiegen, so gelangt man abermals auf eine vollständig hori- 
zontale Terrasse, welche höchst wahrscheinlich in einer früheren 
Periode das Bett des damals viel wasserreicheren Inns bildete. 
Gegen Nordwesten wird diese Terrasse von einem stellen- 
weise 100 und mehr Meter hohen Höhenzug begrenzt, welcher 
den Abfall des westlich vom Inn gelegenen hügeligen Löss- 
landes darstellt. Der Löss, welcher diese Hügel bildet, ist 
meist mit vielen Glimmerschüppchen erfüllt und geht zu- 
weilen in einen fetten Ziegellehm über. Der Krön berger 
Hof liegt etwa in halber Höhe des Abhanges. Dicht neben 
der Ziegelei schaltet sich zwischen den Lehm ein dunkel 
graublauer mit pflanzlichen Ueberresten erfüllter Thon ein. 
In dieser Ablagerung nehmen die Pflanzenreste (Moose, 
Schilf und zuweilen in Lignit umgewandelte Holzstücke) 
so sehr überhand, dass sie einen förmlichen Torf bilden, 
welcher theils in der Ziegelei als Brennmaterial verwendet, 
theils als Dungmi4;tel auf die Felder verführt wurde. Die 
Mächtigkeit der im Löss eingelagerten Torfschicht betrug 
etwa 1,1 m. Sie lässt sich in der Nähe des Kronberger 
Hofes an mehreren Punkten beobachten, scheint aber keine 
weitere Verbreitung zu besitzen. 

In dieser Torfschicht wurde in den Jahren 1868 und 69 
ein nahezu vollständiges, wundervoll erhaltenes Skelet von 
Rhinoceros tichorhinus ausgegraben, welches jetzt 
eine Zierde des Münchener paläontologischen Museums bildet. 
Die braun gefärbten Knochen sind von seltener Frische; 
gänzlich unbeschädigt ; sie gehören alle einem einzigen Indi- 
viduum an, das offenbar hier verunglückt und verschüttet 
worden war. Nach der Verwesung des Thieres mussten die 

[1874, 3, Math.-phye. Cl.] 18 ' 



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274 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. November 1874, 

Skelettheile übrigens durch ein schwach bewegtes Wasser 
zerstreut worden sein , denn sie befanden sich nicht mehr 
in ihrer natürlichen Lage, sondern waren über eine Fläche 
von ungefähr 10 Quadratmeter vertheilt. 

Ausser diesem Skelet von Rhinoceros tichorhinus lieferte 
die nämliche Grube noch 4 Backenzähne^^) und 2 Stoss- 
zähnchen eines ganz jugendlichen Individuums von Mam- 
muth (Elephas primigenius Blumb.). Die beiden vollstän- 
digen Backenzähne haben eine nur 105 mm. lange und 
50 mm. breite Kaufiäche bei einer Höhe des ganzen Zahnes 
von 80 mm. Die kleinen Stosszähne messen, obwohl sie voll- 
ständig von der Spitze bis zu der ausgehöhlten Basis erhalten 
sind nur 220 - 230 mm. 

Unter einer kleineren Anzahl vereinzelter Knochen fanden 
sich ferner von 

Equus caballus. (Pferd) ein metatarsus mit zuge- 
hörigem GrijBfelbein , ausserdem mehrere Fragmente von 
Röhrenknochen. 

Bos ? priscus. Boj. Fragmente von humerps, tibia 
und eine Klauenphalange. 

Gervus elaphus. L. (Edelhirsch) ein sehr grosses 
Geweihfragment. 

Von Gervus tarandus L. (Rennthier) gleichfalls 
mehrere Geweihstücke. 

Eine schöne Geweihstange erhielt /ich später aus dem 
LÖSS von Rott bei Neumarkt im Innviertel. Unter den 
aufgezählten Arten weisen Rhinoceros tichorhinus, Elephas 
primigenius und Gervus tarandus auf ein kaltes Klima wäh- 
rend der Lössbildung hin. 



Nach dem Abschmelzen der Gletscher und nach dem 
Absatz des Löss sind offenbar noch bedeutende Veränder- 
ungen in der Oberflächenbeschaffenheit eingetreten. Ins- 

31) Zwei derselben waren in viele Splitter zerbrochen. 



Zittd: OletscTier-Erscheinuiigen. 275 

besondere dürften die von Süd nach Nord (oder genauer von 
SSW nach NNO) streichenden Parallelthäler erst einer sehr 
späten, postglacialen Periode angehören. Schon Stark ver- 
nauthet, dass der Inn vor der Eiszeit durch das breite die 
Endmoräne bei Kirchseeon durchschneidende Trockenthal 
abfloss, dessen Ränder sich noch weit in die Ebene hinein 
deutlich nachweisen lassen. Jedenfalls hat der Inn sein 
heutiges Bett erst nach der Eiszeit eingerissen. In der 
Moränenlandschaft, wo der immerhin ziemlich feste Kies der 
erodirenden Thätigkeit Widerstand leistete ist das Thal eng 
und von steilen Wänden begrenzt. Bei Gars beginnt das 
Lössland und hier erweitert sich denn auch sofort das Thal. 
Der Fluss konnte sich ausdehnen und eine ansehnliche Ebene 
ausfüllen, welche sowohl im Süden wie im Norden von einem 
fast geradlinig verlaufenden Rand begrenzt wird. Von 
Gutingen bei Kraiburg bis in die Gegend von Burg- 
hausen an der Salzach zieht sich dieser R^tnd fast haar- 
scharf abgeschnitten fort und in diesen sind eine Anzahl 
paralleler Thäler eingefurcht, von denen nur zwei noch jetzt 
grösseren Wasseradern (der Salz ach und Alp) als Bett 
dienen, während in den übrigen nur äusserst dünne Bäch- 
lein fliessen. Ja indem ziemlich breiten oberhalb Peters- 
kirchen beginnenden und bei Tüstling ausmündenden 
Thaleinschnitt befinden sich nur ganz schwache, mehrfach 
versiegende und weiter unten wieder zum Vorschein kommende 
Wasserfäden. Aehuliches zeigt sich in dem Thale von S o h n - 
ham, Taüfkirchen, Frauendorf. 

Man wird kaum irren, wenn man die Ausweitung dieser 
Thäler in dem Lössgebiet als die letzten Nachwirkungen der 
Eiszeit betrachtet. Nachdem sich die Gletscher bereits weit 
zurückgezogen hatten und der von schlammigem Wasser er- 
füllte See zwisciien dem Moränenland einerseits und dem 
Jura und bayerischen Walde andrerseits trocken gelegt war, 

18* 



276 Sitzung der math.-phys, Clasae vom T. Ifooemher 1874, 

kamen noch immer ansehnliche Wassermassen aus dem Ge- 
birge, welche die oben genannten Thäler einschnitten. 

Im Gebiete des Isargletschers haben spätere Wasser- 
fluthen das charakteristische Bild der Moränenlandschaft 
zwar nur wenig verändert, aber doch mehrfach deutliche 
Spuren hinterlassen. Die schon früher genannten Trocken- 
thäler, der Teufelsgraben zwischen Rosenheim und Holz- 
kirchen, das Föggenbeurer Trockenthal, das bei Auf- 
hofen beginnende und bis gegen Oberhaching erkenn- 
bare Gleisenthal deuten offenbar auf ehemalige, mit der 
Gletscherzeit in Verbindung stehende Wasserläufe hin. Ausser- 
dem zeigen sich im ganzen Gletschergebiet da und dort 
über dem Grundmoränenschutt Kiesschichten, welche nur 
wässerigen Ursprungs sein können, ja bei Thanning be- 
steht einer der höchsten Hügel der ganzen Umgegend ledig- 
lich aus zusammen geschwemmten Rollsteinen. 

Wie kommt es nun, dass das Moränengebiet des In n- 
gletschers durch entfesselte Wasserfluthen gänzlich durch- 
wühlt wurde, während jenes des Isargletschers nur massige 
Wasserwirkungen erkennen lässt und seine ursprüngliche 
Gestaltung fast unversehrt überliefert hat? Zur Erklärung 
dieser Thatsache ist es erforderlich, sich ein ungefähres Bild 
von den beiden Gletschern während der Eiszeit zu machen. 
Schon Stark '^) hat das erratische Hochgebirgsdiluvium 
(Gümbel's Hochgebirgsschotter und Hochfluthgerölle) treffend 
mit den Gletschererscheinungen in der Ebene in Verbindung 
gebracht und aus der Verbreitung dieser Gebilde die Fol- 
gerung gezogen, dass sich von dem Hauptgletscher, welcher 
das ganze Innthal nebst den tributären Seitenthälern und 
den östlichen Theil der bayerischen Hochebene erfüllte, 
Seitenarme abzweigten, welche gewisse niedrige Joche über- 
schritten und so durch die bayerischen Alpen nach der 



82) 1. c. S. 69. 



Zittel: Gletscher- Erscheinungen. 277 

Ebene gelangen konnten. So wurde die oben als Isarglet- 
scher bezeichnete Eismasse südlich von München von mehreren 
Gletscherarmen gespeist, unter denen der westliche nördlich 
von Im st die Passhöhe überschritt und über Gar misch 
und Murnau das Flachland erreichte. Ein zweiter Arm 
folgte, nachdem er oberhalb Zirl den Leutaschpass in 
einer Höhe von mindestens 3600' passirt hatte (woselbst 
mächtige Schuttmassen seine Anwesenheit bezeugen) der Isar 
über Mittenwald nach Walchensee, von wo er in 
gerader Richtung weiterschreitend sich vor dem Kochel- 
see mit dem westlichen Arm sich vereinigte« Zwei weitere 
Seitengletscher kamen nach Stark aus dem unteren Inn- 
thal. Der eine von Jenbach über Achthal und Fall 
nach Tölz mit einer Seiteuabzweigung über Kreut nach 
Tegernsee, der andere von Rattenberg nach Kreut, 
Rottach und Schliersee. 

Alle diese Arme, welche im Isargletscher der bayerischen 
Hochebene zusammenflössen, waren in ziemlich enge Thäler 
eingeschlossen und mussten überall sehr hochgelegene Pässe 
von 3000 — 4000 Fuss Höhe überschreiten. Da sie, wie aus 
der Verbreitung des Hochgebirgsdiluvium hervorgeht, jene 
Debergangsstellen nicht beträchtlich überragten^'), so mussten 
sie bei ihrem Abschmelzen sehr bald so weit vermindert 
sein, dass die Pässe eisfrei und damit die nördlichen Gletscher- 
arme von dem Hauptgletscher im Innthal und dessen riesiger 
Firnmulde abgeschnitten wurden. Dadurch erhielten aber 
die Schmelzwasser aus den Centralalpen eine veränderte 
Richtung, sie konnten nicht mehr über das bayerische Ge- 
birge die Ebene erreichen, sondern sie mussten sich ins- 
gesammt im Innthal sammelten und konnten nur auf diesem 



33) Eine specielle Untersuchung der Gletscherpässe, die Er- 
mittdung der nächstgelegenen Moränen und deren isrenaue Höhenlage, 
Jconnte leider i^ diesem Herbste n^cht n^ehr ausgefiUirt werden^ 



278 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. November 1874. 

m 

Wege :^bfliessen. Die Richtung des Uoterinnthals bedingte 
denn auch, dass der Strom mit grösster Gewalt in nord- 
östlicher Richtung in das Flachland hervorbrauste und da- 
durch erklärt sich die enorm mächtige Lössbedeckung im 
Innviertel, während der westliche Bogen des alten Inngletschers 
bis nach Ebersberg nur ganz schwach von den Ueber- 
schwemmungen betroffen wurde. Beim Isargletscher gab 
es keine Veranlassung zu derartigen Ueberfluthungen. Die 
verschiedenen Gletscherarme, welche ihn zusammensetzten, 
hatten nur unbedeutende Firnmulden, es konnte lediglich 
das Schmelzwasser aus dem bayerischen Gebirge in sein 
Moränengebiet gelangen und dort ohne Schwierigkeiten sich 
in verschiedenen Rinnsalen sammeln und abfliessen, ohne 
die vom zuriickschreitenden Gletscher freigelegte Moränen- 
landschaft zu zerwühlen und mit Schutt oder Schlamm zu 
bedecken '*). 

Die Beziehungen der Glacialgebilde zum älteren 

Diluvium. 

Nach den neuesten Untersuchungen von Probst'^) 
bildet in der schwäbischen ßodenseegegend die tertiäre For« 
mation die unmittelbare Unterlage des Rheingletschers 
und von der Configuration dieser Unterlage ist auch die 
Gestalt und Ausdehnung des Gletschers wesentlich beeinflusst. 
Dieselbe besitzt übrigens eine vielfach coupirte Oberfläche, 
und bildet namentlich einen von Probst ausführlich be- 
schriebenen, bogenförmig verlaufenden Hochrand, welcher 
dem vorschreitenden Gletscher ein Hinderniss entgegenstellte. 

84) Möglicherweise haben sich während im Innviertel der Löss 
abgelagert wurde im Gebiete des Isargletschers unsere grossen Torf- 
moore gebildet. Das Vorkommen nordischer Pflanzen (Betula nana, 
Salix herbacea und Dryas octopetala), welches Nathorst im Torf 
von Eolbermoor nachgewiesen hat, wäre wenigstens einer solchen 
Annahme günstig. 

35) Würtemb. naturwissenschaftl. Jahreshefte 1874. S. 40. 



Zittel: Gletscher 'Er scheinungen. 279 

Dieser tertiäre Steilraud ist durch spätere Auswaschungen 
entblösst worden, bildet aber nicht, wie von Steudel, Bach 
und Hildebrand angenommen wurde die Endmoräne des 
Gletschers, sondern diese liegt nach Probst weiter nörd- 
lich bei Biberach ^^). Unmittelbare Gletscherspureu auf 
dem tertiären Untergrund sind übrigens in der schwäbischen 
Hochebene weder von Probst, noch von Anderen beob- 
achtet worden. 

In der bayerischen Hochebene besteht, wie bereits mehr- 
fach erwähnt wurde, der alte Gletscherboden nicht aus 
tertiären Gesteinen, sondern über jenen breitet sich eine je 
nach den Configurationsverhältnissen mehr oder weniger 
mächtige Decke von Diluvialschotter und Nagelflue aus, 
welche dem Gletscher als Unterlage dienten. Die abge- 
schUffene und gekritzte Oberfläche der Nagelfluefelsen bei 
Schäftlarn liefert in dieser Hinsicht einen so vollwichtigen 
und entscheidenden Beweis, dass es kaum noch nöthig ist 
darauf hinzuweisen, dass auch an vielen anderen Orten 
z.B. bei Starnbergy Leutstetten, an den Ufern des 
Würmsees, im Isarthal und am Inn die Auflagerung 
des Gletscherschuttes auf älteren Diluvialkies oder Nagelflue 
beobachtet werden kann. Dieses ältere, wohlgeschichtete 
Diluvium besteht entweder aus losen Gerollen, welche deut- 
liehe Spuren der Abrollung an sich tragen oder die Rollsteine 
sind durch Kalksinter fest mit einander verkittet und bilden 
eine harte Nagelflue. Geritzte Geschiebe oder erratische 
Blöcke habe ich niemals in diesen Schichten wahrnehmen 
können; die ganze Beschaffenheit und Anordnung des Mate- 
rials weist dagegen mit Bestimmtheit auf eine wässerige 



36) Der Annahme von zwei Eiszeiten, welche Bach aus der 
Terrainbesohaffenheit der Landschaft ausserhalb des Tertiärrande« 
begründen wollte, tritt Frohst sehr bestimmt entgegen. 



280 Sitzung der maih^phys. Glosse vom 7, November 1874, 

Eütstehangsweise hin. In den Steinbrüchen zwischen Starn- 
berg und Mühlthal, bei Maising, überhaupt in der 
ganzen Nachbarschaft des Würinsee besteht die Nagel- 
flue und der lose Schotter fast ausschliesslich aus Kalk- 
geröUen, und auch bei München herrscht Kalkstein noch 
entschieden vor, obwohl sich hier krystallinische aus den 
Alpen stammende Gerolle schon häufiger einstellen'^). Diese 
letzteren überwiegen mehr und mehr, je weiter man nach 
Osten geht. Schon die Kiesgruben bei Dingharting, 
Sauerlach, im Ebersberger Forst u. s. w. enthalten 
vorwiegend kristallinische Gesteine. Hinsichtlich der Ge- 
steinsbeschaffenheit unterscheidet sich in dieser Gegend der 
Moränenschutt kaum von seiner geschichteten Unterlage. 

Versteinerungen sind bis jetzt aus dem älteren 
Diluvium nicht bekannt. 

Es muss auffallen, dass in einem geologisch so einheit- 
lichen Gebiete, wie es die schwäbisch-bayerische Hochebene 
bildet, in Würtemberg die Gletscher auf tertiärer, in Bayern 
auf quaternärer Unterlage ruhen sollen. Bei Durchsicht der 
Probst' sehen Abhandlung drängt sich indess die Vermuth- 
ung auf, dass die Verschiedenheit vielleicht weniger in der 
Natur, als in der Auffassung' der Beobachter begründet sein 
dürfte. Probst beschreibt ebenfalls mächtig entwickelte 
diluviale Nagelflueablagerungen, welche unmittelbar auf ter- 
tiären Gesteinen liegen und namentlich den freigelegten bogen- 
förmigen Tertiärrand krönen '^) aber auch in der eigent- 
lichen südlichen Moränenlandschaft vorkommen. Erst über 



37) Auch Gümbel erwähnt (Geogn. Beschreib. S. 796) dass sich 
in der Zusammensetzung der Geröllmassen bereits eine Absonderung 
der verschiedenen Alpengebiete erkennen lasse, welche mehrere früh- 
zeitig bestehende verschiedene Flussgebiete vermuthen lasse. 

38) 1. c. S, 62 u, s. w. 



Zittel: Gletscher-Erscheinungen, 281 

dieser wohlgeschichteten Nagelflue liegt der Blocklehm mit 
geritzten Geschieben und Findlingen. Die Nagelflue (in 
welcher keine Gletscherkritzen erwähnt werden) ist übrigens 
nach Probst nicht älter als der Glacialschutt, sondern 
gleichzeitig mit jenem gebildet und lediglich „Ausfüllungs- 
masse" von Terrain Vertiefungen. 

Sollte diese Nagelflue nicht unserem älteren geschichteten 
Diluvium in Bayern entsprechen? Ich kann in der Prob st' - 
sehen Abhandlung keine entscheidenden Gründe finden, welche 
diese Vermuthung unstatthaft machten. Dagegen erwähnt 
Bach'^), eine Angabe Hildebrands, wornach bei Otters- 
wang nördlich von Aulendorf die Moränenbildung über 
geschichteten Kiesen und Nagelfluefelsen liegen soll. Dies 
wurde ganz mit den Verhältnissen in Oberbayern stimmen. 

Betrachtet man die äusserlich vollkommen identische 
schwäbische und bayerische Diluvialnagelflue auch dem Alter 
nach als identisch, so bleibt ein von Probst erwähnter 
Punkt etwas problematisch. In der Nähe des Biberacher 
evangelischen Kirchhofes befindet sich unmittelbar auf ter- 
tiärer Unterlage Glacialschutt, welcher von Nagelflue 
bedeckt wird. Dass unter Umständen der Gletscher direct 
über hervorragende Tertiarkuppen weggehen konnte, ist nicht 
auffällig; das oben beschriebene Grobkalkriff am Ostersee 
bietet uns auch in Bayern ein derartiges Beispiel. Wenn 
aber die Gletschermoräne von Nagelflue bedeckt wird, so 
bleiben uns ausser der Probst' sehen Erklärung noch zwei 
weitere übrig: entweder die Nagelflue ist mit der älteren 
bayerischen identisch und dann wäre man genöthigt zwei 
Gletscherperioden anzunehmen, oder die obere Nagelflue von 
Biberach steht.in keinem Zusammenhang mit der älteren 
Nagelflue, welche im schwäbischen Gletscherland und in 



99) 1. c. S. J26, 



282 Sitzung der wathrphys, Classe vom 7. Nooemher 1874. 

Bayern die Unterlage des Gletscherschuttes bildet, sondern 
ist entweder durch Verkittung von Gletscherschutt oder von 
jüngerem , auf wässerigem Wege beim Abschmelzen der 
Gletscher gebildeten Geröll entstanden. Beide Fälle kom- 
men in Bayern gar nicht selten vor und ich würde dieser 
Erklärungsweise um so eher den Vorzug geben, als bis jetzt 
weder aus Würtemberg, noch aus Bayern triftige Belege 
für zwei, durch eine längere Unterbrechung und durch 
mächtige fluviatile Ablagerungen getrennte Gletscherperioden 
vorliegen. 

In der bayerischen Hochebene halte ich es für erwiesen, 
dass der Eiszeit eine Periode heftiger Ueberfluthung vorher- 
ging, während welcher ungeheuere Geröllmassen die Un- 
ebenheiten des bereits von Thälern durchfurchten Tertiär- 
bodens ausfüllten nnd dem später folgenden Gletscher einen 
ebenen Untergrund schufen. Die Zusammensetzung des 
älteren Diluviums, das reichliche Vorkommen von krystallin- 
ischen, aus den Central- Alpen stammenden Gerollen, bildet 
freilich ein bis jetzt nicht genügend zu lösendes Problem. 

Aus den bisherigen Erörterungen ergibt sich für die 
Diluvialgebilde im oberbayerischen Hügellande folgende 
Gliederung : 

A. Praeglaciale Zeit: 

Loses geschichtetes Diluvialgeröll oder feste 
Nagelflue im Westen vorzugsweise aus kalkigen, im Osten 
mehr aus krystallinischen Gesteinen bestehend. Gletscher- 
schliffe bis jetzt nicht beobachtet, ebenso Versteiner- 
ungen anbekannt. 

B. Eis-Zeit: 

a. Grosse Gletscher. Erratisches Diluvium. Eies 
mit geritzten Geschieben; Findlinge. Blocklehm. 



Zittel: Gletscher-Erscheinungen. 283 

Grundmoränen, Endmoränen. Geritzter Gletscher- 
boden. Moränenlehm. 

b. LÖSS und Lehm innerhalb und namentlich ausser- 
halb des ehemaligen Gletschergebietes. Alpine und noch 
jetzt in Südbayern lebende Gonchylien. Elephas primi- 
genius, Rhinoceros tichorinus, Cervus tarandus, Cervus 
elaphus, Bos ? priscus, Equus Caballus. 

G. Postglaciale Zeit: 

Jüngerer geschichteter Kies über dem erratischen 
Diluvium. Torfmoore mit Betula nana, Salix herbacea und 
Dryas octopetala. 

Einfurchung der heutigen Flussbette der Ammer, 
Wurm, Isar, desInn, der Salzach sowie der kleinern 
von Süd nach Nord ziehenden Thäler. 



284 Sitzung der math.-phys. Clause vom 7, November 1874. 



Herr Beetz legt vor und bespricht eine AbhandluDg: 

„Deber gesetzmässige Schwankungen in 
der Häufigkeit der Gewitter während 
langjähriger Zeiträume von W. v. Bezold". 

(Mit einer Tafel in Holzschnitt.) 

Schon vor einigen Jahren habe ich darauf hingewiesen, 
dass die Vorkommnisse von zündenden Blitzschlägen inner- 
halb des Königreiches Bayern diesseits des Meines während 
eines nicht unbeträchtlichen Zeitraumes einen ausserordentlich 
regelmässigen Verlauf zeigen , und dadurch unwillkürlich 
auf den Uedanken führen, dass diese Erscheinungen einer 
langjährigen Periodicität unterworfen seien, eine Vermuthung, 
welche noch dadurch unterstützt wird, dass die Anzahl der 
in den verschiedenen Jahren am hohen Peissenberge ver- 
zeichneten Gewittertage einen analogen Gang verfolgt. 

Da das seit jenem Zeitpunkte neu hinzugekommene 
Material in demselben Sinne spricht und die Vorstellungen, 
welche ich mir damals von dem Verlaufe dieser Erschein- 
ungen gebildet hatte in auffallender Weise bestätigte, so 
schien es mir angezeigt, die Untersuchungen über die Häufig- 
keit der Gewitter in dem angedeuteten Sinne und zwar in 
umfassenderem Maasstabe wiederum aufzunehmen. 

Bei einem solchen Unternehmen stösst man jedoch auf 
sehr bedeutende Schwierigkeiten, da einerseits die Anzahl 
jener Orte, von welchen man langjährige Aufzeichnungen 
über Gewitter besitzt, eine sehr geringe ist und da ausser- 
dem die veröffentlichten Beobachtungsreihen nur mit grosser 
Vorsicht zu verwerthen sind. 



D. Bezötd: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter, 285 

Es wäre mir desshalb wohl kaum gelungen, zu Resul- 
taten zu gelangen, wenn ich nicht von den verschiedensten 
Seiten durch briefliche Mittheilungen auf das Freundlichste 
und Bereitwilligste unterstützt worden wäre, wofür ich den 
betreffenden Herren hiemit meinen besten Dank ausspreche. 
Leider kamen mir einige Zusendungen erst dann zu, als die 
Arbeit schon ^so ziemlich vollendet war, so dass ich auf 
deren Gebrauch vorderhand verzichten musste. Ich hoffe, 
sie später einmal benutzen zu können. 

Eigentlich sollte man erwarten, dass über ein Phänomen, 
wie das Gewitter, dessen Beobachtung weder irgend künst- 
liche Hülfsmittel noch besonders vorgebildete Beobachter 
erfordert, das reichste Material vorliegen müsste. 

Dies ist jedoch keineswegs der Fall, sondern im Gegen- 
theile wurde das Gewitter, dessen Grossartigkeit auf den 
Naturmenschen einen so gewaltigen Eindruck macht, dass 
es bei vielen Völkern sogar auf die Bildung der ersten 
religiösen Anschauungen tiefgreifenden Einfluss äusserte und 
Blitz und Donner als Attribute der höchsten Gottheit be- 
trachtet wurden, von manchen neueren Meteorologen in 
höchst stiefmütterlicher Weise behandelt. 

Die besten Belege für diese Behauptung liefern wohl 
Thatsachen wie die, dass ein ausführliches neueres Hand- 
buch der Meteorologie von 1009 Seiten nur 15 dem Gewitter 
(einschliesslich der Lehre von der Luftelektricität) widmet, 
oder dass grosse sonst vortrefflich geleitete Beobachtnngs- 
netze, wie das preussische für die hier gestellte Frage, 
wenigstens insoferne es sich um den Verlauf während län- 
gerer Zeiträume handelt (für die Ermittelung der Jahres- 
curven sind die erforderlichen Angaben vorhanden), gar 
keinen Beitrag liefern können. Andere Stationen, die tägliche 
Beobachtungen veröffentlichen wie z.B. der Hohe Peißsen- 
berg lassen gerade in neuerer Zeit die Notizen über Ge- 
witter vermissen, während sie von 1783 bis 1850 ziemlich 



286 Sitzung der math.-phys. Classe vom 7. November 1874, 

YoUstRDdig Yorli^en, oder sie zeigen in dieser Hinsicht 
Lücken (München) während allen anderen meteorologischen 
Elementen fortgesetzt die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt 
wurde. 

Aber selbst an jenen Orten , von welchen langjährige 
Reihen von Gewitterbeobachtungen veröffentlicht wurden, 
flössen diese Zusammenstellungen mit wenigen Ausnahmen 
nicht jenen Grad von Vertrauen ein, welchen die übrigen An- 
gaben beanspruchen können. 

Dies rührt daher, dass nur in den wenigsten Fällen 
der Begriff „Gewitter" scharf fixirt wurde. Während man 
unter der Rubrik „Gewitter" das einemal die Anzahl der 
„Gewittertage" findet, so zählen andere die einzelnen Ge- 
witter. Aber auch hiebei macht sich wieder eine Ver- 
schiedenheit geltend, indem manche nur dann ein Gewitter 
notiren oder in die Zählung mit aufnehmen, wenn sie Blit^ 
und Donner wahrnahmen und zugleich an dem Beobachtungs- 
orte Regen oder Hagel gefallen ist, während andere die 
letztere Bedingung unbeachtet lassen und wieder andere so- 
gar jedes ferne Gewitter, wie es sich nur durch Wetterleuchten 
zu erkennen gibt, mit einrechnen. 

Der richtigste Maasstab ist gewiss der von dem Wiener 
Meteorologencongress aufgestellte, wonach man nur einen 
Tag, an welchem der Donner hörbar ist als Gewittertag zu 
zählen hat. Diesem Grundsatze habe auch ich da, wo ich 
die Auszüge aus den täglichen Beobachtungen gemacht habe, 
allenthalben gehuldigt. Um jedoch für ^en Einfluss, welchen 
die verschiedene Art der Zählung äussern kann, einen Maas- 
stab zu gewinnen, wurden in einem Anhange einige Reihen 
mitgetheilt, welche die unter den verschiedenen Gesichts- 
punkten ermittelten Zahlen neben einander zeigen. 

So lange an einem und demselben Orte derselbe Modus 
der Aufzeichnung und Zählung festgehalten wird, bleibt es 
für eine Untersuchung wie die vorliegende ziemlich gleich- 



V. Ttezold: Schwankungen in der Häiifiglceit der Gewitter. 287 

gültig, ob man die eine oder andere Art wählt, da, wie die 
am Schlüsse mitgetheilten Reihen beweisen werden, immerhin 
ein gewisser Parallelismus zwischen diesen verschiedenen 
Gruppen von Erscheinungen besteht. Schlimmer aber ist 
es, wenn bei langjährigen Reihen, für welche die Beobachtungs- 
journale nicht zugänglich oder nicht unzweideutig sind, etwa 
mit dem Wechsel des Beobachters auch ein solcher in der 
Aufzeichnung und Zählung eingetreten ist. Solche Vorkomm- 
nisse sind gewiss nicht selten , in einigen Fällen gelang es 
mir sogar dieselben nachzuweisen. Der eine betrifft die in 
den „Jahrbüchern der k. k. Gentralanstalt u. s. w. Bd. I. 
S. 172 — 173" veröffentlichte Beobachtungsreihe von Krems- 
münster. Hiersindj wie mir Herr Dr. A. Reslhuber auf 
meine desshalb an ihn gerichtete Anfrage gütigst mitgethcilt 
hat, während der Jahre 1802 bis 1833 Gewitter gezählt, 
vor und nach diesem Zeitraum Gewittertage. Ein anderer 
noch sonderbarerer Umstand hat auf die in den „Schweizer- 
ischen meteorologischen Beobachtungen'^ veröffentlichten von 
Hrn. P. Merian angestellten Basler Beobachtungen seine 
Einwirkung gezeigt. Vergleicht man nämlich die aus den 
täglichen Beobachtungen sich ergebenden Zahlen der Ge- 
wittertage mit der im Bd. IV. S. 41 mitgetheilten Zusammen- 
stellung so findet man, dass die täglichen Aufzeichnungen 
beinahe regelmässig kleinere Werthe liefern als die in der 
Zusammenstellung enthaltenen. Durch die Gefölligkeit des 
Herrn Beobachters selbst wurde mir über diesen Punkt Auf- 
schluss zu Theil. Der Grund dieser eigenthümlichen Diffe- 
renzen liegt nämlich darin, dass vor dem Jahre 1864 in 
die Publication der täglichen Beobachtungen nur jene Ge- 
witter aufgenommen wurden, welche bei den eigentlichen 
Beobachtungsstunden eingetragen waren, während die anderen 
unberücksichtigt blieben, in der Zusammenstellung hingegen 
sind alle gerechnet. Ich habe desshalb auch die Zahlen der 
letzteren benutzt und zwar die unter der Rubrik „Donner" 



288 Sitzung der matK-phys. Classe f)om 7. November 1874, 

verzeichneten. Von dem Jahre 1864 an sind auch die in 
der Zwischenzeit beobachtet^ Gewitter in die täglichen 
Beobachtungen mit aufgenomiiSen. 

Sehr auffallend macht sich auch die Aenderung in dem 
Beobachtungssysteme in den Stuttgarter Beobachtungen, 
fühlbar, deren ältere Reihe ich der Güte des Herrn Ober- 
studienrathes Dr. y. Plieninger verdanke. Vergleicht 
man nämlich die vor dem Jahre 1825 angeführten Zahlen 
mit jenen nach diesem Zeitpunkt verzeichneten, so sieht man 
sofort, dass eine die Erscheinungen darstellende Gurve von 
jenem Jahre an, in welchem der Württembergische Beob- 
achterverein ins Leben gerufen wurde, eine plötzliche Er- 
hebung des ganzen Niveau's zeigt. Es kann demnach kein 
Zweifel darüber bestehen, dass die Art der AuCzeichnung 
mit jenem Jahre eine Veränderung erfahren hat, so dass 
die ältere und die neuere Reihe nicht mit einander ver- 
gleichbar sind. Desshalb wurde auch die ältere Reihe nicht 
in die eigentliche Untersuchung mit aufgenommen, sondern 
nur in einem Anhange zum Abdrucke gebracht, da sie nirgends 
veröffentlicht ist und sonst leicht ganz verloren gehen könnte. 

Auch die Wiener Beobachtungen zeigen in der zweiten 
Hälfte der dreissiger Jahre eine solche plötzliche Hebung 
aller Zahlen, dass ich eine ähnliche Aenderung in der Art 
der Beobachtung oder Zahlung vermuthen möchte. 

Die Reihe von Klagenfurt, welche Herr Prettner in 
seinem „Klima von Kärnthen^)^' anführt, habe ich gar nicht 
benutzt, da die Zahlen mit jenen, welche man aus den Jahr- 
büchern der Gentralanstalt unter den Rubriken „monatliche 
und jährliche Anzahl der Tage mit Gewitter^' oder „tägliche 
Menge und Form der Niederschläge*' erhält, durchaus nicht 
in Uebereinstimmung zu bringen sind. Ich habe desshalb 
Klagen fürt ganz ausgeschlossen. 

1) Jahrb. d. naturhist. Landesmus. in Eärnthen. XI. Elagenfart 1873. 



V. Bezold: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter. 289 

Diese Auseinandersetzungen mögen genügen, um zu zeigen, 
mit welchen Schwierigkeiten der Verfasser bei seinem Unter- 
nehmen zu kämpfen hatte. Sie werden aber auch hinreichend 
darthun, dass er sich keiner Illusion darüber hingibt, welcher 
Grad Yon Zuverlässigkeit* den Grundlagen seiner Untersuchung 
zukommt. Immerhin scheinen die erzielten Resultate einer 
VeröfiFentlidiung werth, vielleicht geben sie Anregung zur 
Erschliessung weiteren Materiales, wodurch es möglich 
würde, die Frage später abermals aufzunehmen und einem 
weiter gebenden Abschlüsse entgegenzuführen. 

Unter so misslichen Umständen blieb zur Erlangung 
einigermassen brauchbarer Resultate kein anderer Weg übrig, 
als durch Gombination verschiedener Beobachtungsreihen 
die Fehler mit denen die einzelnen behaftet sein mögen, 
thnnlichst zu eliminiren. 

Zu dem Ende wurden die Zahlen der in den einzelnen 
Jahren an verschiedenen Orten notirten Gewitter oder Ge- 
wittertage einfach snmmirt. Dividirt man diese Summe 
durch die Anzahl der Beobachtungsstationen, so erhält man 
die Mittelzahl der in dem betreffenden Jahre auf die Station 
treffenden Gewittertage. 

So roh dieses Verfahren im ersten Augenblicke er- 
scheinen mag, so erweist es sich doch bei genauerer Be- 
trachtung als ganz berechtigt. 

Sollen nämlich die Gewitterscheinungen wirklich während 
grosser Perioden Schwankungen von tieferer als bloss lokaler 
Bedeutung zeigen, so müssen diese entweder an allen Beob- 
achtungsorten merkbar werden oder sie müssen wenigstens 
in einem über weitere Landstrecken ausgedehnten Netze un- 
zweideutig hervortreten. 

Ersteres ist weniger wahrscheinlich, da es leicht vor- 
kommen kann, dass in dem einen oder anderen Jahre der 
Zug der Gewitter durch rein locale Umstände beein* 
flusst werde, so dass ein einzelner Ort sehr wohl in einem 
[1874. 3. Math.-phys. Q] 19 



2d0 Sitzung der matK-phys, Classe vom 7, November 1874. 

im Allgemeinen sehr gewitterreidien Jahre doch auffallend 
verschont bleiben kann. 

Solche Zufälligkeiten müssen sich mehr und mehr ver- 
wischen, je umfangreicher das Gebiet ist, über welches sich 
die Untersuchung erstreckt. 

Wollte man nun ganz strenge zu Werke gehen, so hätte 
man, um die relative Häufigkeit der Gewitter während ein- 
zelner Jahre zu ermitteln, in folgender Weise zu verfahren: 

Man müsste für sämmtliche Orte den nämlichen — nicht 
nur einen gleich langen— Zeitraum wählen, und dann berechnen, 
welchen Bruchtheil die in jedem Jahre an einem bestimmten 
Orte beobachteten Gewittertage von der Gesammtsumme der 
in dem ganzen Zeitraum daselbst verzeichneten Gewittertage 
bilden. Diese Zahl gäbe die „relative Häufigkeit der Ge* 
wittertage'' für das betrachtete Jahr und den betreffen- 
den Ort. 

Wären nun die Stationen über das in Untersuchung 
gezogene Gebiet vollkommen gleichmässig vertheilt, so hätte 
man die sämmtlichen Relativzahlen zu addiren und durch 
die Summe der Stationen zu dividiren. 

Dieses Verfahren setzt jedoch unbedingt voraus ^ dass 
sowohl die Aufzeichnungen allenthalben genau nach denselben 
Grundsätzen gemacht als auch die Beobachtungsorte ziem- 
lich gleichförmig vertheilt seien, so dass sämmtlichen Angaben 
das gleiche Gewicht zukommt. 

Diese Voraussetzungen waren bei dem mir zu Gebote 
stehenden Materiale durchaus nicht erfüllt, ich zog es dess- 
halb vor auf jeden complicirteren Modus der Rechnung zu 
verzichten, der ohne willkürliche Annahmen nicht durchführ- 
bar gewesen wäre, da das den einzelnen Reihen beizulegende 
Gewicht sowohl wegen der ungleichen Zuverlässigkeit ab 
auch wegen der ungleichförmigen geographischen Vertheilung 
der Stationen ziemlich verschieden zu wählen gewesen wäre. 
Unter solchen Umständen schien das oben beschriebene 



V. Beseid: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter, 291 

rohe Verfahren der einfachen Addition sämnitlicher Beob- 
achtungsdat^ räthlicher, da man in diesem Falle erwarten 
kann, dass die Fehler sich gegenseitig wenigstens theilweise 
compensiren. Trotzdem hielt ich es für nöthig, nachzuweisen, 
dass ich mir der Einwürfe, die man gegen diese Art der 
Behandlung machen kann, genau bewusst bin. 

Ausser den hier berührten Schwierigkeiten waren jedoch 
noch andere zu überwinden. Es gibt nämlich nur einen 
einzigen Ort „Eremsmünster'* für welchen eine über den 
ganzen in Betracht gezogenen Zeitraum von 105 Jahren 
sich erstreckende fast lückenlose Beobachtungsreihe vorliegt. 
Alle anderen Orte zeigen entweder langjährige Unterbrech- 
ungen, wie z. B. Basel, wo die Beobachtungen die Zeit- 
räume von 1755 bis 1804 und von 1827 bis heute umfassen, 
oder sie beschränken sich nur auf eine kürzere Reihe von 
Jahren. 

Ich war desshalb genöthigt, das ganze Material in mehrere 
Abschnitte zu zerfallen. 

Der erste Abschnitt umfasst den Zeitraum von 1764 
bis 1804 der zweite von 1800 bis 1842 der dritte von 1825 
bis 1868. 

Aber auch innerhalb dieser kürzeren Zeiträume sind 
die einzelnen Beobachtungsreihen durchaus nicht vollständig 
und musste desshalb zu Interpolationen gegriffen werden. 
Diese Interpolationen wurden in folgender Weise vor- 
genommen : 

Zuerst wurden innerhalb eines jeden Abschnittes jene 
Jahre ausgesucht, von welchen für sämmtliche in dem be- 
treffenden Abschnitte benutzten Stationen, die a , b , c . . • n 
heissen mögen, Beobachtungen vorliegen. Dann wurden für 
jeden Ort die Summen der in diesen Jahren notirten 6e- 
vritter oder Gewittertage (die Art der Zählung ist hier gleich- 
gültig, wenn nur an jedem Orte derselbe Modus beibehalten 

wurde) gebildet, sie sollen durch S« , S^ . • . S» bezeichnet 

19* 



292 Sitzung der matK-phys. Glosse vom 7. November 1874. 

werden, während wir die in den einzelnen Jahren 1,2...)' 
an sämmtlichen Stationen zusammengeaommen beobachteten 
Gewitter s^ s^ . . . s^ nennen wollen« Sind nun an einem 
Orte m in einem Jahre $ die Beobachtungen ausgefallen, 
während sie von sämmtlichen anderen Orten vorliegen, so 
findet man die wahrscheinliche Zahl x der auf diese Station 
treffenden Gewitter in folgender Weise: Man bildet zuerst 
die Summe der an den übrigen Stationen in dem Jahre | 
beobachteten a^ so besteht zwischen der diesem Jahre zu- 
kommenden wahrscheinlichen Summe s^=a^+x und den 
übrigen Grössen die Proportion 

8^ : a^ = :SS : 2S-S« 



2S 

= CTjc . = rj- = CTjc . X 



woraus sj = cr^ . ^g— ^ 



und X = a>r — -2 — folgt. 

Sind an mehreren Stationen die Beobachtungen ausge- 
fallen, so kann man ein analoges Verfahren zu deren Er- 
gänzung anwenden, wobei natürlich der Werth des Resultates 
sich um so mehr vermindert, je grösser die Anzahl dieser 
Lücken ist. Jederzeit hat man zur Erlangung der Summe 
s die direct ermittelte a mit einem Goefificienten x zu multi- 
pliciren, der sich nach dem eben angeführten Gedankengang 
mit Leichtigkeit bestimmen lässt. 

Schliesslich mussten aber auch noch die einzelnen Ab- 
schnitte mit einander vergleichbar gemacht werden. Dies 
wurde dadurch ermöglicht, dass immer mehrere Jahrgänge 
den benachbarten, Abschnitten gemeinsam sind. 

Indem ich nun die^ sämmtlichen Zahlen des erst^. und 
dritten Abschnittes beziehungsweise mit Goefficienten multi- 
pUcirte die so bestimmt wurden, dass die schliesslich erhaltenen 



V Bezoid: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter. 293 

Zahlen der drei Reihen für die Zeiträume, wo sie über- 
einandergreifen, die gleichen Summen lieferten, wurden voll- 
kommen vergleichbare Resultate erzielt. 

Durch dieses Verfahren wird in die Gurven, durch welche 
sich die drei Reihen darstellen lassen, kein neues Element 
eingeführt, sondern sie werden streng genommen nur mit 
einem verschiedenen Maassstab der Ordinaten gezeichnet, 
der dann so gewählt ist, dass die Gurven in jenen Zeit- 
räumen, wo für die verschiedenen Abschnitte gemeinsame 
Beobachtungen vorhanden sind auch wirklich in einander 
greifen. 

Die durch die angegebenen Rechnungsoperationen er- 
haltenen Zahlen nenne ich „Relativzahl en^' um damit 
auszudrücken, dass nur ihr Verhältniss hier von Bedeutung 
ist, während die absoluten Werthe ganz gleichgültig sind. 
Dabei mag noch einmal daran erinnert werden, dass diese 
Zahlen im Abschnitte II durch einfache Summation, beziehungs- 
weise Interpolation erhalten wurden, während in I und III 
diese Summen noch mit Gonstanten multiplicirt sind. 

Aus diesen Relativzahlen wurden zur Erleichterung der 
graphischen Darstellung schliesslich noch dreijährige Mittel 
gebildet und zwar mit doppeltem Gewichte des mittleren 
Jahres. 

Nach diesen einleitenden Bemerkungen schreite ich nun 
zur Betrachtung der einzelnen Abschnitte sowie zum Naph- 
weise der benutzten Quellen, der hier zu umfänglich wird, 
um in blosse Anmerkungen verwiesen zu werden. 

Vor Allem gebe ich die Zusammenstellung über die 
zündenden Blitze im Königreiche Bayern, da diese jeden- 
falls einen höheren Werth besitzt als irgend eine Reihe von 
Beobachtungen über Gewitter an einem einzelnen Orte. Für 
diejenigen Leser, welchen mein oben citirter in Poggen- 
dorffs Annalen veröffentlichter Aufsatz nicht vorliegt, 
mag hier über diese Quelle das Folgende mitgetheilt werdeq, 



294 Sitzung der math.-phys, Classe vom 7. Nwsember 1874. 

Im Königreiche Bayern befindet sich die Brandassecuranz 
von Gebäuden ausschliesslich in den Händen des Staates, 
und zwar sind etwas mehr als 90 Procente sämmtlicher Ge- 
bäude wirklich versichert. Im Jahre 1833 betrug die Zahl 
der versicherten Gebäude 1020797, während sie bis zum 
Jahre 1872 auf 1316390 angewachsen ist. Von diesen Ge- 
bäuden deren Anzahl demnach im Mittel etwa 1170000 
betrug, sind während der genannten 40 Jahre 1842 durch 
Blitz entzündet oder so beschädigt worden, dass eine Ent- 
schädigung aus der Versicherungscassa geleistet werden 
musste. 

Jedes versicherte Gebäude ist hier gewissermassen ein 
Beobachtungsobject, so dass man mehr als eine Million 
solcher Probeobjecte über das ganze Land verbreitet hat, 
von denen thatsächlich die eben genannte Anzahl getroffen 
wurden. 

Da hier pecuniäre Interessen in's Spiel kommen, kann 
man sich mit Sicherheit darauf verlassen, dass kein Fall 
unbeachtet blieb und überdies bilden die gleichbleibenden 
gesetzlichen Bestimmungen über die Entschädigung einen 
festen Maassstab für die in J^tracht kommenden Fälle. 

Will man jedoch aus den hier vorliegenden Zahlen all- 
gemein gültige Schlüsse ziehen, so muss man die Anzahl 
der eingetretenen Brandfälle immer auf die nämliche Zahl 
versicherter Gebäude reduciren. Diess geschah in der fol- 
genden Tabelle, welche unter A die Anzahl der von 1 Million 
versicherter Gebäude in jedem Jahre durch Blitz getroffenen 
enthält und neben an unter M dreijährige Mittel nach dem 
oben angeführten Principe d. h. mit dem doppelten Gewichte 
des mittleren Jahres, 



V. BeecHd: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter* 295 





A. 


M. 




A. 


M. 


1833 


16,6 




1853 


57,7 


47,8 


34 


55,7 


43,3 


54 


33,1 


42,2 


35 


45,3 


40,0 


55 


45,1 


47,5 


36 


13,9 


27,5 


56 


65,7 


58,6 


37 


36,9 


27,9 


57 


57,8 


58,4 


38 


24,0 


29,3 


58 


52,5 


53,9 


39 


32,2 


31,7 


59 


52,9 


51,2 


1840 


38,6 


33,7 


1860 


46,6 


50,0 


41 


25,6 


27,7 


61 


54,1 


51,9 


42 


21,0 


22,3 


62 


52,8 


57,1 


43 


21,8 


21,6 


63 


68,8 


61,3 


44 


21,7 


24,8 


64 


54,7 


62,4 


45 


34,1 


34,7 


65 


71,5 


59,3 


46 


49,1 


39,9 


66 


39,6 


57,0 


47 


27,5 


32,4 


67 


77,5 


76,7 


48 


25,6 


25,0 


68 


112,4 


92,0 


49 


22,0 


24,0 


• 69 


65,8 


76,2 


1850 


26,4 


26,8 


1870 


60,7 


68,8 


51 


32,4 


34,1 


71 


88,0 


79,3 


52 


46,4 


45,2 


72 


80,6 





Der erste Blick auf diese Zahlen zeigt eine auffallende 
Gesetzmässigkeit, die besonders in den Mittelwerthen recht 
schlagend hervortritt. Eine Discussion derselben muss jedoch 
anf später verschoben werden. 

Jedenfalls sind diese Zahlen geeignet, zum ernsten Nach- 
denken anzuregen und zu nntersnchen, inwiefern sie durch 
meteorologische Beobachtung eine Unterstützung und Er- 
gänzung finden. Diess ist der Zweck des in den folgenden 
drei Abschnitten niedergelegten Beobacbtungsmateriales. 



296 Sitzung der matK-phys, Glosse vom 7. November 1874. 

Der Abschnitt I erstreckt sich über den Zeitraum 1764 
bis 1804 und stützt sich auf die Beobachtungen von Erems- 
münstor, Basel, Gurzeln und Sutz, Innsbruck und 
Kegensbnrg. 

Die Beobachtungen von Basel beginnen bereits mit 
dem Jahre 1755, da jedoch erst mit dem Jahre 1764 die 
von einem zweiten Orte nämlich yon Kremsmünster hin- 
zutreten, habe ich die eigentliche Untersuchung erst mit 
dem letzteren Jahre anfangen lassen. Doch habe ich die 
Summen für Basel auch von den Jahren 1755 — 1763 in 
dem Anhange nachgetragen. 

Die Beobachtungen in Basel wurden von J. J. d' Annone 
angestellt und in verschiedenen Bänden der „Schweizerischen 
meteorologischen Beobachtungen von B. Wolf veröffentlicht. 
Die Zusammenstellung habe ich selbst nach den täglichen 
Beobachtungen gemacht. 

Derselben Quelle (Bd. VIII.) entnehme ich die von 
Sprüngli angestellten Beobachtungen von Gurzeln und 
Sutz, und habe ich die Zahlen ebenfalls aus den täglichen 
Beobachtungen selbst abgeleitet. Hiebei musste jedoch noch 
ein Kunstgriff angewendet werden, um die beiden an ver- 
schiedenen Orten beobachteten Reihen mit einander zu ver- 
knüpfen. Es wurde nämlich der Factor gesucht, mit dem 
man die Beobachtungen von Gurzeln zu multipliciren hat, 
damit die Summe aller daselbst d. h. der während der Jahre 
1767 — 1784 verzeichneten Gewittertage zu der Summe der 
von 1785 — 1802 in Sutz beobachteten in dem selben Ver- 
hältnisse stehe, wie die entsprechenden Gesammtsummen 
für die beiden während dieser Zeiträume ununterbrochen 
vertretenen Stationen Basel und Kremsmünster. Diese 
Zahl ergab sich nahezu gleich 1,4 d. h. es fand sich, dass 
Gurzeln verhältnissmässig ärmer an Gewittertagen ist als 
Sutz. Es wurden desshalb sämmtliche für Gurzeln ermittelten 
Zahlen um da 0,4 fache ihres Wertbes vermehrt, was in der 




V. Bezold: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter. 297 

ZasainmeDstellung durch Hinzufügen einer zweiten Zahl an- 
gedeutet ist. Es bedeutet demnach die vor dem + Zeichen 
stehende Ziffer die wirklich beobachtete Anzahl der Gewitter- 
tage, während die hinter diesem Zeichen befindliche die Zahl 
ist, welche beizufügen war, um die beiden Reihen in eine 
einzige zu verschmelzen. 

Die Angaben für Innsbruck entnehme ich einer von 
Herrn Hann brieflich mitgetheilten Reihe aus einer noch 
ungedruckten Abhandlung des Herrn Carl dalla Torre. 

Die Regensburger Reihe endlich findet sich in dem 
Werkchen „Meteorologische Beobachtungen zu Regensburg 
in den Jahren 1774 bis 1834 bekannt gemacht von Fer- 
dinand Yon Schmöger. Nürnberg 1835^*. Die Benutzung 
dieses Buches, das ich in keiner der Münchener Bibliotheken 
finden konnte, wurde mir durch die Güte des Herrn Prof. 
Dr. Wittwer in Regensburg ermöglicht, der mir das der 
dortigen Sternwarte gehörige Exemplar zur Einsicht über- 
sandte. Da in dieses Exemplar die Beobachtungen von 
1836—1843 mit Tinte eingetragen sind, so konnte ich die 
Reihe in noch grösserer Ausdehnung benützen als man sie 
sonst an andern Orten findet. 

ursprünglich hatte ich in diesen ersten Abschnitt auch 
noch die Beobachtungen vom „Hohen Peissenberg*' auf- 
genommen, welche von 1781—1792 in den „Mannheimer 
Ephemeriden'^ von da an bis 1850 im ,,1. Supplementbande 
der Annalen der Münchener Sternewarte'* zu finden sind. 
Ich habe es aber bei der Ueberarbeitung räthlich gefunden, 
diese Reihe aus dem ersten Abschnitte wegzulassen. Es 
scheint nämlich von 1794 an ein anderer Modus der Auf- 
zeichnung gebräuchlich geworden zu sein, da die Zahlen von 
da ab plötzlich in ganz auffallender Weise steigen, und zwar 
nicht nur, wenn man die Anzahl der Gewitter rechnet, wie 
das bei der Zusammenstellung der Fall zu sein scheint, 
welche man auf S» XLI des genannten Supplementbandes 



298 SiUfung der math.-phys. Glosse vom 7. November 1874. 

findet, oder in der von mir selbst excepirten Reihe'), son- 
dern auch wenn man stets nur die Gewittertage zählt. Wären 
die Veröffentlichungen von dem genannten Zeitpunkte an 
eben so ausführlich, wie in den „Ephemeriden'' so Hesse 
sich die Frage leicht entscheiden, aber so ist man auf blosse 
Muthmassungen angewiesen und mfisste, um die beiden Beiheu 
vergleichbar zu machen wieder zu mehr oder weniger will- 
kürlichen Gorrectionen seine Zuflucht nehmen, so dass ich 
es vorzog, für diesen Abschnitt von den Peissenberger Beoly- 
achtungen ganz abzusehen. 

Diess vorausgeschickt, lasse ich nun die Zahlen selbst folgen : 





Basti 


Qnrzela u, 
Satz 


Inns- 
bruck 


Rejpeas- 
bnrg 


Krems* 
mfioster 


X 


Sammen 


B«UtiT- 
ZaUea 


HitUl 


1764 
65 


1— > H' 




— 


— 


30 
22 


1 1929 
i 741 


125 
107 


257 
219 


219 


66 


12 


— 


— 


— 


22 


1 


89 


182 


216 


67 


23 


26+10 


— 


— 


22 


^ 


137 


282 


2&9 


68 


27 


21+ 8 


— 


— 


28 




142 


292 


280 


69 


18 


25+10 


— 


— 


20 




124 


254 


253 


1770 


16 


19+ 7 


— 


— 


19 




103 


212 


214 


71 


14 


15+ 6 


— 


— 


16 


Il929 


8ß 


177 


197 


72 


19 


19+ 7 


— 


— 


19 


1140 


108 


222 


202 


73 


14 


14+ 5 


— 


— 


21 




91 


188 


204 


74 


17 


17+ 7 


— 


— 


22 




107 


219 


223 


75 


28 


12+ 5 


— 


— 


32 




130 


267 


231 


76 


16 


11+ 4 


— 


— 


18 




83 


170 


187 


77 


16 


13+ 5 


7 


18 


10 




69 


141 


165 


78 


26 


21+ 8 


9 


21 


17 


— 


102 


210 


172 


79 


17 


8+ 3 


5 


14 


15 


— 


62 


128 


152 


1780 


16 


12+ 5 


8 


19 


10 


— 


70 


143 


150 


81 


18 


9+ 3 


10 


28 


23 


— 


91 


188 


171 



2) Poggdff. Ann. Bd. 136 S. 684. 



V. BeBöld: Sehwanhungen in der Häufigkeit der Gewitter. 299 





BudI 


Onneln a. 
Bnti 


Inns- 
binek 


B*g*iu- 

bUTg 


Krenu- 
mftmter 


X 


SnmmeD 


BoUUt- 
ZaUen 


MitUl 


1782 


19 


9+3 


18 


20 


12 


^— 


81 


167 


191 


83 


20 


19+8 


19 


25 


27 


— 


118 


243 


220 


84 


22 


16+6 


26 


21 


18 


— 


109 


225 


209 


85 


13 


6 


21 


18 


11 


— 


69 


142 


159 


86 


12 


12 


10 


20 


8 


— 


62 


128 


136 


87 


17 


15 


12 


14 


12 




70 


144 


146 


88 


11 


15 


20 


24 


12 


■ — 


82 


169 


164 


89 


18 


16 


27 


16 


8 


— 


85 


175 


169 


1790 


14 


9 


15 


21 


17 


^■^^M 


76 


156 


175 


91 


21 


26 


14 


23 


19 


— 


103 


212 


190 


92 


19 


16 


10 


19 


22 


■~~ 


87 


197 


177 


93 


16 


9 


13 


17 


13 




68 


139 


176 


94 


20 


34 


19 


29 


18 


— 


120 


247 


207 


95 


17 


27 


15 


17 


17 


— 


93 


192 


207 


96 


15 


19 


22 


19 


20 


— 


95 


196 


209 


97 


18 


28 


32 


20 


23 


— 


121 


249 


219 


98 


20 


19 


15 


19 


14 


— 


87 


179 


192 


99 


21 


18 


10 


16 


12 


— 


79 


162 


165 


1800 


14 


23 


14 


26 


— 


11929 


94 


193 


171 


1 


18 


17 


8 


12 


— 


1688 


67 


138 


167 


2 


20 


— 


18 


25 


(13) 


)l939 


97 


199 


175 


3 
4 


17 


— 


11 
15 


15 
22 


(19) 
(32) 


il6lO 

1 1929 
#1145 


79 
117 


163 
240 


191 



Die Werthe von x wurden mit Hülfe der lückenlosen 
Beobachtnngen erhalten, welche die Jahre 1777—1799 (incl.) 
darboten. Es findet sich nämlich, dass die Oesammtsummen 
der während dieses Zeitraumes notirten Oewittertage in 
Basel 385, in Gurzeln und Sutz 399 in Innsbruck 347, 
in Krem9mttn8ter 346 und in Regensburg 442, also zu- 



300 Sitzung der math.'phys. plasse vom 7. November 1874. 

sammen 1929 waren, woraas dich die "Werthe von x mit 

Leichtigkeit ergeben. 

« 
Zur Ermittelung der Relativzahlen wurden sämmtliche 

Summen mit 2,05 multiplicirt. Es betrug nämlich die während 

der Jahre 1800 bis 1804 an den Stationen der Gruppe I 

notirten (beziehungsweise interpolirten) Gewitter 454, die 

entsprechende Summe für die unter II fallenden Stationen 

932, woraus sich -^ = 2,05 ergibt. Hinsichtlich der in 

Klammer gesetzten Zahlen für Eremsmünstär muss ich auf 
den nächsten Abschnitt verweisen. 



II 

Der Abschnitt II umfasst den Zeitraum von 1800 bis 
1842 und enthält die Beobachtungen von Mailand, Inns- 
bruck, Karlsruhe, Regensburg, Peissenberg, Krems- 
münster, Wien und Prag. 

Die Quellen für die schon im vorigen Abschnitte be- 
nutzten Stationen wurden bereits dort angeführt, die Zahlen 
für Wien, Mailand und Prag entnahm ich ebenfalls den 
Jahrbüchern der k. k. Gentralanstalt Bd. I. S. 64. 102. 139* 

Die Beobachtungen von Karlsruhe schöpfe ich aus 
einer Zusammenstellung, welche Hr* Forstrath Dr. Klaup- 
recht gemacht hat, und deren Benutzung mir durch die 
gütige Vermittelung des Herrn Prof. Dr. Sohnke ermög- 
licht wurde. Bei dieser Zusammenstellung sind nur Tage 
gezählt, an welchen Blitz und Donner wahrgenommen würde, 
während in der Reihe, die Eisenlohr (Ünsuchungen u. s. w. 
Heidelbg. 1837) mittheilt und die mir ebenfalls in Abschrift 
vorliegt, wurde auch solche mit blossem Wetterleuchten be- 
rücksichtigt sind. 



V, Bezcid: Schtoankungm in der Häufigkeit der Gewitter. 301 

Die 43 Jahre dieses Abschnittes zeigen verhältniss- 
mässig wenige Lücken, indem nur für 11 Jahre einzelne 
fehlende Beobachtungen durch Interpolation zu ergänzen 
waren. Dagegen mussten die Zahlen für Kremsmünster, 
wie man sie am angegebenen Orte findet, nach den oben an- 
geführten Mittheilungen des Herrn Dr« A. Reslhuber theil- 
weise einer Reduction unterworfen werden* Hiezu geben 
die Beobachtungen von 1858 bis 1873, welche nach den 
in Kremsmünster noch vorhandenen Aufzeichnungen eine 
derartige Scheidung gestatten, die Mittel an die Hand. Es 
fand sich nämlich, dass innerhalb jenes Zeitraumes die 
Anzahl der Gewitter zu jener der Gewittertage im Mittel 
in dem Verhältnisse 1 : 0,7 steht , so dass man die Zahl 
der angegebenen Gewitter mit 0,7 zu multipliciren hat, um 
die wahrscheinliche Zahl der Gewittertage zu erhalten. Die 
durch solche Multiplication erhaltenen Zahlen wurden in 
Klammer gesetzt. 

Auch für Innsbruck zeigten sich Reductionen erforder- 
lich» Es fallt nämlich auf, dass die von Herrn G. dalla 
Torre zusammengestellte Reihe vom Jahre 1835 an mit 
den im Bd. IV. S. 286 der Jahrbücher veröffentlichten 
Beobachtungen des nächst benachbarten Stiftes Wilten 
nicht mehr harmoniren wollen. Ich habe desshalb von dem 
genannten Jahre an aus den beiden Reihen die Mittel ge- 
bildet, beziehungsweise der InDsbrucker Zahl noch eine 
zweite hinzugefügt. Die linksstehende Zahl ist demnach die 
nach dalla Torre, die Summe beider Zahlen aber das eben 
ei wähnte Mittel. 

Es folgen nun abermals die Zahlen selbst. 



/ 



302 SiUfung der math.-phya, CUuse fx>m 7. November 1874. 





1 

1 


•8 



1 



d 


1 

'S 

M 


1 

• 



i 


1 
1 


m 

i 
1 




1 


1 


X 


i 
g 

00 


1 

a 


1800 


..»' 


14 


20 


26 


41 


— . 


20 


20 


)544S 
J8W8 


193 


.^ 


1 


— 


8 


29 


12 


38 





12 


15 


156 


173 


2 


— 


18 


25 


25 


39 


13 


16 


23 




188 


177 


3 


— 


11 


28 


15 


40 


19 


16 


23 


64M 


179 


190 


4 




15 


23 


22 


49 


82 


14 


28 


M17 


216 


187 


1805 


— 


6 


19 


22 


18 


16 


21 


14 




137 


156 


6 


23 


9 


22 


16 


26 


17 


17 


14 





144 


185 


7 


22 


26 


19 


23 


46 


27 


13 


14 


— 


189 


182 


8 


39 


11 


28 


23 


52 


17 


16 


22 


— 


208 


192 


9 


30 


10 


23 


17 


46 


11 


14 


12 




163 


179 


1810 


27 


16 


22 


24 


55 


13 


9 


16 





182 


182 


11 


37 


16 


28 


18 


— 


17 


19 


32 


15U3 
(4572 


199 


187 


12 


28 


19 


22 


17 


'— 


18 


18 


18 


167 


169 


13 


27 


12 


26 


19 


22 


9 


14 


15 


" 


144 


146 


14 


29 


9 


19 


17 


16 


11 


18 


10 


~~~ 


129 


146 


1815 


31 


12 


18 


23 


31 


22 


26 


20 


*"^ 


182 


170 


16 


34 


10 


15 


18 


32 


17 


9 


23 


.6443 


158 


176 


17 


24 


14 


34 


29 


— 


29 


15 


28 


}4672 


206 


182 


18 


35 


11 


20 


14 


24 


23 


12 


18 


— 


157 


183 


19 


34 


15 


32 


25 


38 


29 


14 


25 


^— 


212 


190 


1820 


34 


22 


20 


19 


29 


26 


6 


24 


■ 


180 


194 


21 


32 


12 


32 


31 


38 


24 


17 


17 


— — 


203 


211 


22 


29 


23 


32 


38 


55 


34 


16 


33 


— — 


260 


231 


23 


37 


19 


22 


16 


34 


29 


22 


24 


"— 


203 


210 


24 


21 


17 


13 


18 


29 


23 


26 


28 


— — 


175 


176 


1825 


22 


11 


17 


24 


25 


17 


13 


22 


— 


151 


173 


26 


31 


12 


19 


34 


89 


20 


28 


31 


— 


214 


201 


27 


43 


18 


37 


23 


33 


22 


19 


32 


— 


227 


223 


28 


31 


19 


39 


14 


15 


21 


25 


34 


— 


224 


206 


29 


23 


11 


26 


28 


20 


11 


9 


20 


— — 


148 


177 


1830 


24 


23 


22 


33 


16 


26 


18 


26 


— 


188 


170 


31 


20 


23 


31 


22 


17 


18 


16 


29 


--— 


176 


171 


32 


8 


13 


25 


17 


20 


26 


22 


18 


— 


149 


151 


33 


14 


14 


17 


13 


16 


10 


15 


33 


— 


132 


151 



V. BeMöld: Schwankungen in der Räufigheit der OemUer. 303 



'3 



I 



I 






I 



I 



• 



1834 
1835 
36 
37 
38 
39 
1840 
41 
42 



22 


14 


19 


25 


27 


(18) 


19 


20 


24 


(12) 


21 


16 


20 


4- -4 


25 


21 


9 


1+4 


16 


16 


24 


7+5 


12 


29 


34 


2H 


1-7 


17 


27 


21 


IH 


1-9 


24 


22 


26 


H 


h9 


11 


15 



34 
28 
12 

4 
13 

7 



Im 

s 

m 


1 

n 
I 
t 

M 



24 
17 
16 
24 
22 
28 
25 
23 
11 






19 
22 
23 
25 
29 
35 
24 
40 
26 



r 



B 

B 
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X 



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33 
22 
19 
16 
14 
25 
20 
23 
16 



I 



SMS 
467S 



190 
173 
143 
143 
124 
172 
186 
205 
118 



170 
167 
149 
140 
144 
163 
187 
178 



Relati?zahlen wurden, wie schon oben bemerkt, fdr 
diesen Abschnitt keine gebildet, da eben die Zahlen dieses 
Abschnittes als Ausgangspunkt benutzt wurden. 

Fär die Interpolationen dienten die Beobachtungen von 
1806 bis 1839 als Grundlage mit Ausschluss der Jahre 
1811 und 1812 sowie 1817, welche Jahre eiuzebe Lücken 
zeigen. Während der genannten Jahre mit ToUständigen Be- 
obachtungen ergaben sich für die Anzahl der an den einzelnen 
Stationen notirten Gewitter oder Gewittertage die Zahlen : 



Mailand 


. 826 


Peissenberg . 


871 


Innsbruck . 


. 447 


Kremsmnnster 


634 


Karlsruhe . 


. 708 


Wien . . . 


567 


Regensburg 


. 701 


Prag . . . 


689 



woraus sich die Gonstanten x mit Leichtigkeit ableiten lassen. 

m 

Dar letzte Abschnitt umfasst den Zeitraum von 1825 
bis 1868 d. i. die Zeit von der Begründung des Württem- 
berg'schen Beobachtervereins bis zu jenem Jahre, wo die 
Publicationen der k. k. Gentralanstalt eine Form erhielten, 



304 Sitzung der math.'phya. Classe vom 7. November 1874. 

welche eine unmittelbare Verlängerung der für die öster- 
reichischen Stationen geltenden Reihen nicht mehr gestatten. 
Hiebei wurden benutzt die Beobachtungen von: Stuttgart, 
Karlsruhe, Wien, Eremsmünster, Erakau, Prag, 
Basel, Zürich, Leipzig, Aschaffenburg, Petersburgi 
Gatharinenburg, Barnaoul, und Bern, wobei die Ord- 
nung der oben genannten Stationen zugleich andeutet, in 
welcher Reihenfolge ihre Beobachtungen benutzbar wurden. 
Vom Jahre 38 an liegen mit wenigen Ausnahmen die Beob- 
achtungen für alle diese Stationen vor. 

Mehrere der früher benutzten Reihen wurden in diesem 
Zeitraum zu lückenhaft um eine weitere Verwerthung zu 
gestatten. Die oben angeführte Innsbrucker Reihe nach 
Herrn dalla Torre reicht zwar bis in die neueste Zeit, 
aber einerseits zeigt sie von der Mitte der vierziger Jahre 
bis zur Mitte der fünfziger eine vollständige Unterbrechung, 
anderseits stimmen die späteren Jahrgänge mit den Beob- 
achtungen des Stiftes Wilten so schlecht überein, dass es 
mir besser schien, auf eine Benutzung dieser Zahlen in 
diesem Abschnitte gänzlich zu verzichten. 

Von den fünfziger Jahren fliesst das Material noch viel 
reicher. Die von da an neu hinzutretenden Stationen habe 
ich in eine besondere Gruppe IV vereinigt und die Summen 
vom Abschnitt III während der Jahre 1856—1867 durch 
jene der Gruppe IV verstärkt. 

Als Quellen traten in diesem Abschnitte zu den schon 
früher benutzten noch die folgenden hinzu: 

Die Beobachtungen für Stuttgart von 1825 — 54 finden 
sich in „Th. Plieninger, Beitrag zurmeteorol. klim. Statistik 
von Württemberg. Ergebnisse 30 jähriger Beobachtungen^* im 
11. Jahrgang der „Jahreshefte des Vereines für vaterländische 
Naturkunde in Württemberg. Stuttgart 1855. S. 428—429. 
Von 1855—64 in den „Resultaten der seit 1825 vom Württem- 
bergischen Beobachterverein angestellten Beobachtungen. 







17. Bezold: Schwankungen in der Häufigkeit der Geu)itter, 305 

Stuttgart 1868. Von da ab aus den Jahresübersichteu wie 
sie sich in den „Württembergischen Jahrbüchern*' finden. Es 
sind dabei, wenigstens für die ersten 30 Jahre, wo dies 
ausdrücklich bemerkt ist, vermuthlich aber während des 
ganzen Zeitraumes nur Tage gezählt, an denen Donner ver- 
nehmlich war. 

Die Beobachtungen von Aschaffeuburg verdanke ich 
schriftlichen detaillirten Mittheilnngen des Herrn Beobachters 
Hofrath Dr. Kittel in Aschaffenburg. 

Die Reihe von Basel ist die in den „Schweizerischen 
meteorologischen Beobachtungen vom Jahre 1867 S. 41'* 
unter Donner mitgetheilte. 

Die Reihen von Bern und Zürich habe ich selbst 
nach den in dem gleichen Werke abgedruckten täglichen 
Beobachtungen zusammengestellt. Hiebei wurden als Ge- 
wittertage solche gezählt, bei welchen sich unter den täg- 
lichen Beobachtungen die Buchstaben g oder do notirt fanden 
oder wo in den Anmerkungen ausdrücklich von einem Ge- 
witter gesprochen wurde. 

Die Leipziger Beobachtungen über Gewitter findet 
man in „Bruhns, Resultate aus den meteorol. Beob. an 
den k. sächs. Stationen. Jahrg. IL 1865. Lpzg. 1867. S. 139. 

Von den russischen Stationen habe ich jen/a drei aus- 
gewählt, für welche die Beobachtungen am Weitesten zurück- 
reichen und die Zusammenstellung selbst nach den täglichen 
Beobachtungen gemacht, wie sie sich in den von Eupffer 
und später von Kämtz und Wild herausgegebenen „Annales 
und Annaire de l'observatoire physique central etc.'* veröffent- 
licht .finden. Wenn ich das in diesen Publicationen nieder- 
gelegte reiche Material für meinen Zweck nicht noch weiter 
ausgebeutet habe, so liegt der Grund einfach darin, dass die 
Herstellung vieler solcher Auszüge für eine Person eben gar 
zu zeitraubend und mühsam ist, man müsste sich denn die 
Sache so leicht machen wie Herr Kuhn, dessen aus der- 

[1874, 3. Math.-phys. CI.] 20 



3Ö6 Sitzung äer maiK-phys. (Haue vom 7. Novemiber 1874. 

selben Quellen geschöpften und in Bd. XX von „Karsten's 
Encyclopädie*' auf S. 227 veröffentlichten Zusammenstellungen 
von Fehlern strotzen. Ich hatte Gelegenheit, mich von der 
Art und Weise virie Hr. Kuhn dabei verfuhr, zu überzeugen, 
da ich dasselbe Exemplar benützte, in virelches Herr Kuhn 
wenigstens für einige Jahrgänge die Ergebnisse seiner Zu- 
sammenstellung auf den Rand mit Bleistift eingetragen hatte, 
und sah, dass hier niemals eine Uebereinstimmung herbei- 
zuführen ist, wie man auch den Begriff „Gewitter" fassen 
mag. Glücklicher Weise sind die in den einzelnen Monaten 
gemachten Fehler von verschiedenem Sinne, so dass sie sich 
theilweise compensiren. 

Die Zahlen für die österreichischen Stationen sind ent- 
weder den im 1. und 2. Bande der Jahrbücher veröffent- 
lichten mehrjährigen Beobachtungen entnommen oder der 
Rubrik ,, Monatliche und jährliche Anzahl der Tage mit 
Gewitter". Für den Zeitraum von 1857— -63, während dessen 
die Herausgabe der Jährbücher eine Unterbrechung erlitt, 
hatte Herr Prof. Dr. Hann die Güte, meine Reihen zu 
ergänzen, ebenso verdanke ich ihm die Beobachtungsreihen 
von Arvavaralja, Bistritz (Wallendorf) in Siebenbürgen, 

Debreczin, Linz, Wüten und Pilsen. 

« 

Ich lasse nun die Zahlen selbst folgen und bemerke dabei 
nur noch, dass die eingeklammerten Zahlen bei Barnaoul 
aussagen, dass für die betreffenden Jahre die Beobachtungen 
lückenhaft waren und die Summen für einzelne Monate inter- 
polirt werden mussten, was bei der Vollständigkeit, mit 
welcher das Material für die übrigen Jahre vorlag, ohne 
Schwierigkeiten geschehen konnte. 





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1825 


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18 


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— 


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19 


20 


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(20) 


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31 


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— 


7544 
8487 


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— 


167 


170 


27 


31 


— 


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(22) 


19 


32 


25 


— 


— 


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229 


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28 


28 


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(21) 


25 


34 25 





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— 


8976 


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228 


207 


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26 18 


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31 


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(18) 


16 


29 28 


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20 


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11 


(26) 


22 


18 25 





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— 




288 


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171 


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33 


20 


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17 


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15 


3317 








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225 


— 


184 


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28 


— 


— 


19 


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11 


14 


24 


19 


38 


19 


— — 


— 


— 


48S6 


802 


— 


181 


168 


1835 


27 


— 


— 


19 


28 


13 


12 


17 


22 


22 


12 




— 


— 




268 


— 


157 


170 


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— 


12 


21 


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— 


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— 


144 


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— 


12 


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14 


24 


25 


1622 


12 


26 


— 


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272 


— 


162 


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18 


16 


16 


18 


15 


12 


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12 


14 


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19 


28 


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292 


— 


174 


164 


1840 


26 


16 


24 


17 


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14 


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270 


— 


161 


166 


41 


29 


18 


15 


24 


18 


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23 


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23 81 


— 


20 


(21) 


7544 
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312 


— 


186 


176 


42 


20 


28 


21 


11 


15 


20 


7 


11 


26 


16 


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280 


—^ 


167 


162 


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12 


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310 


— 


185 


168 


1845 


17 


17 


19 


20 


14 


19 


17 


26 


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24 31 


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17 




291 


— 


173 


181 


46 


29 


25 


19 


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22 


22 


17 


28 


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14 


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324 


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193 


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27 


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18 


17 


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12 


27 


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12 


30 


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275 


— 


164 


178 


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23 


21 


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29 


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18 


20 


16 




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— 


170 


167 


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168 


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1850 


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10 


27 


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329 


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196 


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51 


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23 


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15 


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— 


199 


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52 


26 


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1855 


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19 


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23 




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147 


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1860 


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15 


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14 


18 


18 


14 


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18 


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1865 


17 


14 


17 


19 


19 


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13 


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16 


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66 


16 


25 


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12 


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276 


450 


157 


164 


67 


19 


18 


15 


22 


19 


17 


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803 


514 


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ä08 Siitung der maih.-phys. Ctasse t)dm 7. November 187L 

Die von den fünfziger Jahren an neu hinzutretenden 
Beobachtungen wurden, wie schon bemerkt, zu einer beson- 
deren Gruppe IV vereinigt, deren Details die folgende Tabelle 
enthält. Sie wurde vom Jahre 1856 an bis zum Jahre 1867 
mit der Gruppe III verbunden, und zwar in der Art, dass 
zuerst für jedes Jahr die Gesammtsumme der aus III und 
IV resultirenden Gewitter gebildet und diese Zahlen dann 
sämmtlich mit einer Constanten E multiplicirt wurden, die so 
gewählt wurde, dass die Summe der so erhaltenen Zahlen 
gleich ist der Summe aller wälirend dieser 12 Jahre an den 
Stationen der Gruppe UI notirten Gewitter (beziehungsweise 
Gewittertage). Die Summe der während dieser Jahre an 
den zu III gehörigen Stationen notirten Gewitter betrug 

3176 an den unter IV fallenden 2238 so dass K = 223^176 
zu setzen war. Die Gruppe IV wurde demnach in der Art 
mit in Betracht gezogen, dass dadurch nur der Verlauf der 
den dritten Abschnitt versinnlichenden Curven im Einzelnen 
eine Modification erhielt, das mittlere Niveau hingegen das- 
selbe blieb, wie wenn nur die Gruppe III in Rechnung ge- 
zogen wäre. Bei dem yerhältnissmässig geringen Zeitraum, 
den die in IV vereinigten Beobachtungen im Verhältnisse 
zu den in III enthaltenen umfassen, schien es mir gerecht- 
fertigt, den letzteren durch diese Art der Berechnung, 
wenigstens im Grossen und Ganzen das Uebergewicht zu 
sichern. 

Ich lasse nun die Tabelle IV folgen, beschränke sie 
jedoch nicht auf die genannten in Rechnung gezogenen Jahre 
sondern theile die Zahlen mit, soweit sie eben aur Ver- 
fugung stehen. 



V, Bezold: Schwankungen in der Häufigkeit der Oewitter. 309 





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1855 


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10 


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15 


20 


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11 


29 


18 


121 


57 


14 


29 


21 


16 


8 


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27 


29 


18 


168 


58 


17 


18 


25 


14 


10 


8 


21 


30 


19 


162 


59 


13 


24 


32 


26 


15 


14 


37 


45 


17 


223 


1860 


18 


20 


14 


10 


14 


12 


18 


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20 


162 


61 


15 


22 


23 


14 


18 


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32 


12 


182 


62 


23 


36 


31 


17 


22 


10, 


38 


51 


24 


252 


63 


17 


30 


23 


18 


19 


13 


26 


25 


19 


. 190 


64 


17 


36 


22 


8 


28 


11 


15 


21 


27 


185 


1865 


13 


30 


28 


14 


27 


10 


24 


27 


35 


208 


66 


10 


22 


12 


11 


34 


12 


23 


23 


27 


174 


67 


11 


44 


34 


17 


21 


11 


30 


25 


18 


211 


68 


14 





21 


22 


— 


13 


35 


25 


• 





69 


— 


— 


17 


17 


■■ 


11 


25 


21 





— — 



Die Verknüpfung des Abschnittes III mit II geschah 
nach den schon oben dargelegten Grundsätzen also ^anz 
in derselben Weise wie die von I und II. Nur befindet 
man sich hiebei in viel günstigerer Lage als oben, da 
die Reihen II und III während eines langen Zeitraumes 
ineinander greifen nämlich von 1825 bis 1842 incl. Es 
fand sich nun, dass während dieser 18 Jahre an den im Ab- 
schnitte II berücksichtigten Stationen 3063 Gewitter (be- 
ziehungsweise Gewittertage) notirt sind, an den in III zu- 
sammengefassten Stationen 5144 so dass die Summen in III 



310 Sittimg der mcah.-plu/s. Gasse vom 7. November 187i. 

mit ^ = 0,595 zu multipliciren waren , um beide Reihen 
unmittelbar vergleichbar za machen, d. h. um die sogenannten 
Relativzahlen zu finden. Dabei ergibt sich ein gewichtiger 
Beweis dafür, dase trotz des mangelhaften BeobacbtungS' 
materialeB and trotz der nicht zu vermeidenden Willkürlich- 
keit in der Art der Interpolation, die erhaltenen Zahlen eine 
tiefere Bedeutung haben aus dem Umstände, dass man auch 
Unter Zugrandel^nng kürzerer Zeiträume dennoch nahezu 
anf die gleiche ReductioDSzahl kommt. 

Sucht man nämlich das Verhältniss der auf beide Qrappen 
treffenden Zahlen während der nennjährigen Perioden von 
1625 — 1833 und von 1834—1842 so findet man im ereteren 
Falle ^ = 0,605 im letzteren ^ == 0,585, eine üebereiu- 
stimmuDg, welche um so überraschender ist, wenn man be- 
denkt, dasB den beiden Reihen nur 4 Stationen gemein- 
schaftlich sind. 



Zum Zwecke besseren Ueberblickes über das gewonnene 
Zahlenmaterial sollen nun zunächst die RelaÜYzahlen (R) und 
die daraus abgeleiteten Mittelwerthe (M) in eine einzige den 
ganzen Zeitraom umfassende Tafel vereinigt werden, wobei 
für jene Jahre, wo zwei benachbarte Gruppen übereinander- 
greifen, die Mittel aus den den beiden Gruppen angehörigen 
Zahlen gebildet und in die Tabelle eingesetzt sind. 
BelatlTzahlen fllr die HSnfiffkelt der Gewitter. 



164 
169 
175 
190 
177 
176 
207 
207 





K, 


M. 




K. 


M. 




a. 


M. 


B. 


1761 


257 


_ 


1772 


222 


202 


1780 


143 


160 1788 


169 


1765 


219 


219 


73 


188 


204 


81 


188 


171 89 


175 


66 


182 


216 


74 


219 


223 


82 


167 


191 1790 


156 


67 


282 


259 


1775 


267 


231 


83 


243 


220 91 


212 


68 


292 


280 


76 


170 


187 


84 


22B 


209 92 


197 


69 


254 


253 


77 


141 


165 


1785 


142 


159 93 


139 


1770 


212 


2U 


78 


210 


172 


86 


138 


136 94 


247 


71 


177 


197 


79 


128 


162 


67 


144 


146 1795 


192 



V. Bezoldi Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter, 311 





R. 


M. 




R. 


M. 




R. 


M. 




R. 


M. 


1796 


196 


209 


1814 


129 146 


1832 


160 


160 


1850 


196 


188 


97 


249 


219 


15 


182 


170 


33 


133 


153 


51 


199 


204 


98 


179 


192 


16 


158 


176 


34 


186 


167 


52 


224 


207 


99 


162 


165 


17 


206 


182 


1835 


165 


168 


53 


179 


187 


1800 


193 


173 


18 


157 


183 


36 


143 


150 


54 


168 


171 


1 


147 


170 


19 


212 


190 


37 


152 


147 


1855 


169 


151 


2 


193 


176 


1820 


180 


194 


38 


136 


151 


56 


134 


147 


3 


171 


190 


21 


203 


211 


39 


173 


163 


57 


152 


147 


4 


228 


191 


22 


260 


231 


1840 


173 


176 


58 


149 


160 


1805 


137 


156 


23 


203 


210 


41 


195 


176 


59 


192 


168 


6 


144 


185 


24 


175 


176 


42 


142 


153 


1860 


139 


154 


7 


189 


184 


1825 


154 


173 


43 


132 


154 


61 


146 


169 


8 


208 


192 


26 


190 


185 


44 


185 


168 


62 


181 


165 


9 


163 


179 


27 


228 


218 


1845 


173 


181 


63 


152 


158 


1810 


182 


182 


28 


226 


206 


46 


193 


180 


64 


146 


151 


11 


199 


187 


29 


146 


173 


47 


164 


173 


1865 


162 


154 


12 


167 


169 


1830 


176 


169 


48 


170 


167 


66 


157 


164 


13 


144 


146 


31 


189 


178 


49 


163 


173 


67 


180 


..^ 



Schon bei einer obei-flächlichen Betrachtung dieser 
Zahlen entdeckt man sehr bald, dass sie während längerer 
Zeiträume im Allgemeinen in einem steten Wachsthum in 
anderen in fortgesetzter Abnahme begriffen sind. 

Noch besser übersieht man dies, wenn man den Gang 
der Mittel aus den Relativzahlen durch eine Curve versinn- 
licht. Eine solche Darstellung findet man in der beigegebenen 
Tafel in der durch G bezeichneten Curve, deren Abscissen- 
axe 00 ist. Hier sind die Jahre als Abscissen, die ge- 
nannten Mittel als Ordinaten eingetragen. Hiebei sind die 
Ordinaten so gewählt, dass die Entfernung zweier Vertical- 
liuien des Netzes auf der Ordinate aufgetragen gleich 100 
gesetzt ist. Dabei sind die Gurven , welche sich auf die 
Gruppen I und III beziehen, punktirt, während die auf II 
bezügliche ausgezogen wurde, um ein Urtheil zu gewinnen, 
hinsichtlich der Uebereinstimmung, welche an jenen Stellen, 
wo die Reihen übereinander greifen, zwischen den aus ver- 
schiedenem Materiale geschöpften Zahlen besteht. 



312 Sitzung der math,'phy8. Glosse vom 7. November 1874, 

Diese UebereiDstimmuDg ist , wie man auf den ersten 
Blick sieht, eine höchst befriedigende, und liegt hierin wohl 
ein gewichtiger Beweis für den Werth der erhaltenen Zahlen. 

Fragt man nun, von welchen anderen meteorologischen 
Elementen diese Zahlen, die man als ein Maass für die 
„Häufigkeit'^ und in gewisser Hinsicht wegen des zwischen 
„Häufigkeit'^ und „Heftigkeit'' bestehenden Zusammenhanges 
auch als ein solches für die letztere betrachten darf, ab- 
hängig sein könnten, so muss man dabei zunächst an die 
Temperatur denken. 

Auch empfiehlt es sich wegen der vielfachen Bezieh- 
ungen, welche man in neuerer Zeit zwischen Sounenflecken 
und meteorologischen Vorkommnissen entdeckt hat, auch 
diese mit in Betracht zu ziehen. 

Ich habe desshalb in der beiliegenden Tafel auch noch 
die Gurven für die Häufigkeit der Sonnenflecken nach Wolf 
sowie die Abweichungen der mittleren Jahrestemperatur von 
dem Gesammtmittel für unsere Breiten d. h. Europa und 
die Neuenglandstaaten nach Koppen (Ztschft. f. Meteoro- 
logie, Bd. Vni S. 241 u. 257) in die Tafel mit aufgenommen. 
Hiebei ist die Sonnenfleckencurve so gezeichnet, dass die Ordi- 
naten negativ genommen wurden, so dass den tiefsten Punkten 
der Curve Maxima der Sonnenflecken, d. h. der Wolf- 
schen Relativzahlen entsprechen und umgekehrt. Hiebei ist 
eine der Entfernung zweier Verticallinien gleiche Länge 
gleich 10 gesetzt und die obere Begrenzung der Tafel als 
Axe benutzt. Die Temperaturcurve wurde nach Koppen copirt, 
wobei ein der Entfernung zweier Verticallinien gleicher Ab- 
stand von der durch bezeichneten Abscissenaxe , eine 
Abweichung von einem Grade Celsius vom langjährigen 
Mittel bezeichnet. Hiebei mag daran erinnert werden, dass 
Koppen bei Herstellung dieser Curve gerade so wie ich 
dreijährige Mittel mit doppeltem Gewichte des mittelsten 
Jahres benutzt hat. 



t). Bezd'äi Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter. 313 

Vergleicht man nun diese Curven miteinander so findet 
man in überraschender Weise, dass die Gurve für die Ge- 
witter gewissermassen die Vermittelung zwischen den beiden 
anderen bildet. 

Während der Gang der Gewittercurven im Allgemeinen 
«inen unverkennbaren Zusammenhang mit jener der Sonnen- 
flecken zeigt, so dass z. B. für beide Gurven innerhalb der 
Jahre 1775 bis 1822 die Maxima der Gewittercurven beinahe 
genau mit den höchsten Punkten der Sonnenfleckencurve 
zusammenfallen, so schliesst sie sich in ihren Einzelnheiten 
vielmehr den Tempera turcurven an und lässt beinahe jeden ein- 
zelnen Berg und jedes Thal der letzteren unzweideutig wieder 
erkennen. Dieser Zusammenhang zwischen den Gewittern und 
den Abweichungen der Jahrestemperaturen vom Gesammt- 
mittel tritt auch noch da deutlich hervor, wo der zwischen 
Gewitter und Sonnenfleckencurve ziemlich gelöst scheint, 
nämlich von den Vierziger Jahren an bis auf die neueste 
Zeit. 

Uebrigens fallen doch auch während dieses Zeitraumes 
Minima der Gewittercurve immer noch mit den tiefsten 
Stellen der Sonnenfleckencurve zusammen. 

Diese Minima bieten überhaupt ein besonderes Interesse 
und sie wurden desshalb auch in der letzten Zahlentabelle 
mit fetten Ziffern gedruckt. 

Fasst man zunächst die tiefsten Punkte der Sonnen- 
fleckencurve in's Auge, so findet man sie, wenn man vom 
Jahre 1870, für welches die übrigen Zahlen noch nicht voll- 
ständig genug vorhanden sind, absiebt, bei den Jahren 1789 
und 1837. Ganz nahe dabei beziehungsweise auf dasselbe 
Jahr fallen auch die tiefsten Minima der Gewittercurven 
nämlich auf 1786 und auf 1837. Was das letztere Jahr 
betrifft, so kommt zwar unter Zugrundelegung der aus 
Gruppe II und III abgeleiteten Mittel noch einmal ein 
Minimum von gleicher Tiefe vor (in den Jahren 1813 und 



314 Sitzung der math.-phys, Classe vom 7. November 1874. 

1814) nicht aber, wenn man nur die Zahlen des Abschnittes 
III benatzt; auch erhält man ein absolutes Minimum, wenn 
man statt 3 jähriger Mittel mit doppeltem Gewichte des 
mittleren Jahres solche bildet, bei welchen die 3 Jahre mit 
gleichem Gewichte in Rechnung gezogen sind. Immerhin 
handelt es sich hier um so kleine Abweichungen, dass sie 
weit unterhalb die wahrscheinlichen Fehlergrenzen herab- 
sinken. 

Hinsichtlich der ersten tiefen Einbiegung, welche bei 
der Sonnenfleckencurve auf das Jahr 1789 bei der Gewitter- 
curve auf 1786 fällt, möchte man Anfangs die üeberein- 
stimmuDg für weniger befriedigend halten. Aber gerade 
hier tritt ein höchst merkwürdiger Umstand ein, es findet 
sich nämlich, dass die allertiefste Stelle der Temperaturcurve 
noch um zwei Jahre früher auftritt nämlich 1785, so dass 
gerade hier die Gewittercurve eine trefifliche Vermittelung 
zwischen den beiden Gruppen von Erscheinungen darbietet. 
Auch mag daran erinnert werden, dass nach den Zusammen- 
stellungen von Loomis^) das Maximum der Nordlichter, die 
ja sonst eine so gute Uebereinstimmung mit dem Gange der 
Sonnenflecken zeigen, nicht auf 1789 sondern auf 1787 fällt, 
also ein ähnliches Verhalten darbietet wie die Gewittercurve. 

Auffallend ist, dass die tiefste Stelle jener Gurve, 
welche die Zahl der in Bayern unter einer Million Gebäuden 
vom Blitze getroffenen angibt, und die einen so auffallend 
consequenten Gang zeigt , nicht auf 1837 sondern auf 1843 
fallt. Die aus dem anderen Materiale gewonnene Gewitter- 
curve zeigt bei 1842 ein Minimum, welches dem absoluten 
sehr nahe kommt aber doch nicht vollkommen gleich ist; 
dies gilt jedoch nur von den Mittelwerthen, die Relativzahlen 
selbst erreichen im Jahre 1843 ihren absolut geringsten 
Werth unter allen seit 1814 bis in die neueste Zeit. Es 



3) Silliman'fl Journ. (2) L. p, 153 u. 171, 



V. Bezold: Schwankungen in der HättfigJceit der Getoitter, 315 

ist also auch hier wieder der engste Zusammenhang zwischen 
den aus so verschiedenen Quellen geschöpften Zahlen er- 
sichtlich. Die Jahre 1786 und 1842 oder 43 dürften aber 
80 ziemlich mit den Endpunkten der grossen Wolf sehen 
Sonnenfleckenperiode von circa 56 Jahren zusammenfalleu, 
eine Periode deren Ausdruck man besonders in der Gurve 
über zündende Blitze finden möchte und die gewiss auch in 
den Gewittercurven noch deutlicher hervortreten würde, wenn 
man etwas homogeneres Material zur Verfügung hätte. 

Dabei bleibt es jedoch immerhin auffallend « dass 
die Gewittercurve nicht jene vom Jahre 1843 beginnende 
fortgesetzte Hebung des Niveau's zeigt, welche in der Curve 
der zündenden Blitze so entschieden hervortritt^). Die Lösuug 
dieses Räthsels muss vorerst noch dahingestellt bleiben, doch 
mag es gestattet sein, wenigstens eine Yermuthung aus- 
zusprechen. 

Während nämlich die Beobachtungsobjecte , die den 
Zahlen über Verheerung durch Blitz zu Grunde liegen, über 
ein grösseres Areal ziemlich gleichförmig wenigstens mit 
gewisser Stetigkeit vertheilt sind, so stützt sich die Gewitter- 
curve auf die Beobachtungen meteorologischer Stationen, 
die sich grösstentheils in oder bei grösseren Städten befinden. 
Wäre es nun nicht denkbar, dass der bedeutende Zuwachs, 
den beinahe alle diese Städte im Laufe der letzten Decennien 
erfahren haben, dass die im Umkreise derselben rasch über- 
handnehmende Entwaldung, dass endlich die industriellen 
Etablissements mit den enormen Rauchmassen, die sie in 
immer steigenden Mengen in die Luft senden, auf die Gewitter- 
erscheinungen an solchen Orten einen Einfluss haben sollten ? 

Diese Vermuthung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn 
man sich an die in meiner älteren Abhandlung (S. 531) 
nachgewiesene Thatsache erinnert, dass Häuser in Städten 



4} S. den Nachtrag, 



316 SiUung der math^-phys. CUuse votn 7. November 1874. 

im Mittel kaum halb so oft vom Blitze getroffen werden, 
also solche iu deren ferneren Umgebung. Sie wird aber 
«luch noch dadurch unterstützt, dass jene wenigen Stationen 
die an kleineren Orten ihren Sitz haben wie Eremsmünster, 
Debreczin, Arvavaralja und theilweise auch Aschaffen- 
burg wirklich eine ähnliche Zunahme der Gewittertage 
zeigen, wie man sie nach den zündenden Blitzen erwarten 
sollte. Auch die Gewitter in Athen zeigen nach den Mit- 
theilungen welche man in „Mommsen. Griechische Jahres- 
zeiten'* findet, und die ich auch im Anbange zum Abdruck 
gebracht habe, einen analogen Gang. In die Untersuchung 
selbst wollte ich diese Zahlen nicht aufnehmen, da sie einen 
zu kleinen Bruchtheil der dort vertretenen Jahre umfassen. 

Um die Rolle, welche die Gewittercurve als Vermittlerin 
zwischen jener der Temperaturabweichungen und zwischen 
der Sonnenfleckencurve spielt, noch besser in's Licht zu 
setzen, habe ich in die Tafel noch eine mit MM bezeichnete 
Gurve eingetragen, welche einfach durch Uebereinander- 
lagerung der beiden letztgenannten Curven erhalten wurde. 
Diese Curve zeigt nun besonders während des Zeitraums 
von 1784 bis 1835 eine ganz überraschende Ueberein- 
stimmung mit der Gewittercurve, während sich von 1846 
an bis in die Neuzeit wenigstens alle Biegungen der Curve 
der zündenden Blitze an ihr erkennen lassen. So wenig 
einwurfsfrei auch eine solche Uebereinanderlagerung zweier 
so verschiedener Elemente wie Wolf sehe Belativzahlen 
und Abweichungen von Temperatur-Mitteln ist, ja so sonder- 
bar eine derartige Operation erscheinen mag, so wird da- 
durch doch immerhin dargethan, dass zwischen den Gewitttern 
und den beiden anderen Gruppen von Erscheinungen ein 
ziemlich enger und verhältnissmässig einfacher Zusammen- 
hang besteht. 

Ein strenger Nachweis eines solchen Zusammenhanges 
kann natürlich erst auf Grundlage umfangreicheren Materiales 



V. Bezifld: Schwankungen in der Häufigkeit der Gewitter, 317 

geführt werdeo. Jedenfalls glaubt der Verfasser durch diesen 
wenn auch lückenhaften Versuch den Beweis geliefert zu 
haben, dass auf diesem Gebiete ein Erfolg zu erwarten 
steht. Und während er noch einmal all' den Herren, die 
ihn bisher bei seinen Bemühungen so freundlich unterstützt 
haben, seinen besten Dank ausspricht, möchte sich er an 
alle Meteorologen, welche ähnliches Material besitzen, mit 
der Bitte wenden, ihm dasselbe in gleicher Weise zur späteren 
Bearbeitung mittheilen zu wollen. 

Sollte diese Bitte Erfolg haben und sollte diese Arbeit 
eine Anregung geben, dem Gewitter an den meteorologischen 
Stationen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als dies bisher 
vielfach der Fall war, so hat die Arbeit ihren Zweck 
erreicht. 

Fassen wir zum Schlüsse das gewonnene, oder, wenn 
man will, wahrscheinlich gemachte Resultat zusammen, so 
fand sich: 

Hohe Temperaturen sowohl als fleckenfreie 
Sonnenoberfläche bedingen gewitterreiche Jahre« 
Da nun die Maxima der Fleckenbedeckung mit der 
grössten Itensität der Polarlichter zusammenfallen, 
so folgt daraus, dass beide Gruppen von elektri- 
schen Erscheinungen, Gewitter und Polarlichter, 
einander gewissermassen ergänzen, so dass gewitter- 
reiche Jahre nordlichtarmen entsprechen und um- 
gekehrt. 

Ein solcher Zusammenhang zwischen Sonnen- 
flecken und Gewittern bedingt keineswegs die An- 
nahme einer unmittelbaren elektrischen Wechsel- 
wirkung zwischen Erde und Sonne, sondern kann 
einfach eine Folge der von der Fleckenbedeckung 
abhängigen Grösse der Insolation sein. Diese Aen- 
derungen der Insolation werden nacjb Koppen in 
den verschiedenen iBreiten nicht gleichzeitig son- 



318 Sitzung der matK-phys. Olasse vom 8. November 1871. 



dern successive fühlbar. Dieüewitter^rsclieinungen 
hingegen hängen nicht nur von den Temperatur- 
Verhältnissen des betreffenden Ortes ab, sondern 
auch von dem Zustande der Atmosphäre an weit 
entfernten einer anderen Zone angehörigen Punkten, 
wie dies am Deutlichsten bei den die Stürme be- 
begleitenden Gewittern hervortritt. Auf diese 
Weise dürfte die eigenthümliche vermittelndeStell- 
ung, welche die Gewittercurve zwischen der Flecken- 
und Temperaturcurve einnimmt, vielleicht einmal 
ihre Erklärung finden. 



Anhang. 

I. Gewittertage in Stuttgart von 1795 bis 1824 nach 
Th. von Plieninger. 



1795 

96 

97 

98 

99 

1800 

1 

2 



15 


1803 


9 


1811 


13 


1819 


13 


4 


18 


12 


12 


20 


18 


5 


7 


13 


11 


21 


U 


6 


12 


14 


8 


22 


5 


7 


12 


15 


10 


23 


9 


8 


15 


16 


13 


24 


12 


9 


12 


17 


9 




4 


1810 


9 


18 


7 





19 

13 

6 

14 

3 

3 



II. Gewittertage in Athen nach Mommsen. 

Die vor dem + Zeichen stehenden Zahlen bedeuten die 
Tage mit Donner, die rechts stehenden jene mit blossem 
Wetterleuchten. 



1859 
60 
61 
62 



11+59 
15+84 
17+22 
11+46 



1863 


lOH 


-27 


1867 


12-1 


64 


34 ^ 


- 2 


68 


24- 


65 


20+59 


69 


19- 


66 


29 H 


1-36 


1870 


15- 



55 
59 
54 
82 



«. Sezctd: Sehwanhungtn in der Bäu/igleeit der OewitUr. 319 

ni. Gewitterbeobachtnngen zn Kremsmünster während 
der Jahre 1758—1873 nach Dr. A. Reslhuber. 

D = Tage mit Donner. G = Gewitter. W = Tage 
mit blossem Wetterleuchten. 



W 

19 
21 

27 
20 





D 


G 


W 




D 


G 


W 




D 


G 


1858 


27 


36 


20 


1864 


22 


27 


23 


1870 


34 


49 


59 


32 


48 


37 


65 


32 


57 


29 


71 


21 


32 


60 


23 


30 


18 


66 


23 


32 


16 


72 


23 


33 


61 


25 


31 


17 


67 


34 


55 


20 


73 


26 


36 


62 


27 


37 


18 


68 


34 


47 


41 








63 


27 


38 


26 


69 


26 


30 


26 









IV. Anzahl der Oewittertage für yerschiedene der oben 
berücksichtigten Stationen unter Hinzufügung der Tage mit 
blossem Wetterleuchten. Die vor dem + Zeichen stehende 
Ziffer bedeutet die Tage mit Donner, die dahinter stehende 
jene mit Wetterleuchten. 





Basel 


Qnrzeln 




Basel 


Gnrzeln 




Basel 


Gnrzeln 






o. Sntz 






a. Sntz 


^ 




n. Sntz 


1755 


16H 


hl 




1772 


19J 


h3 


19 


1789 


18- 


-1 


16 


56 


16- 


-3 




73 


14- 


-1 


14+2 


90 


14- 


-3 


9 


57 


15 




74 


17- 


-1 


17 


91 


21- 


-3 


26+1 


58 


16H 


hl 




75 


28- 


-2 


12H 


-1 


92 


19-1 


-4 


16 


59 


17- 


-2 




76 


16- 


-1 


11- 


-1 


93 


16H 


-3 


19+2 


1760 


14-Hl 




77 


16- 


-3 


13- 


-2 


94 


20- 


-5 


34 


61 


25 




78 


26- 


-2 


21- 


-4 


95 


17- 


-1 


27+1 


62 


11 




79 


17- 


-1 


8- 


-1 


96 


15 


19 


63 


23-1-1 




1780 


16- 


-4 


12+2 


97 


18H 


-4 


28+1 


64 


18 




81 


18- 


r2 




98 


20- 


-5 


19+1 


65 


19 




82 


19 


9 


99 


21 


18 


66 


12 




83 


20+1 


19+2 


1780 


14-1 


-2 


23 


67 


23+6 


26 


84 


22 H 


h3 


16+2 


1 


18- 


-2 


17 


68 


27-1-2 


21 


85 


13- 


-2 


6 


2 


20- 


-3 


^""^ 


69 


18-1-3 


26 


86 


12 


12 


3 


17-1 


-2 





1770 


16 


19 


87 


17 


15 


4 


— 





71 


14H 


r4 


15H-1 


88 


IH 


-2 


15H 


-1 








- 



320 SüBung der math.'phys, Glosse wm 7. November 1874. 



1826 
27 
28 
29 
SO 
81 
82 

8ä 
84 
86 
86 
87 
88 
89 
40 
41 
42 
48 
44 
45 
46 
47 
48 
49 
ÖO 
Öl 
62 
63 
64 
65 
56 
57 
58 
59 
00 
61 
62 
63 
65 
65 
66 
67 
68 
69 



Bern 



10 
14 

7 

6 

7 
12 

8 

6 

4 
15 
19+ 1 

6+ 1 
18+ 1 
13+ 4 
16+ 1 
18+ 1 
28+ 4 
16 
19 
17 

25+ 8 
27+ 2 
23+ 1 
27+ 1 
21+ 1 
23 
29 

30+ 2 
26+ 9 
24+17 

9+18 
11+ 8 
15+ 5 
28+ 4 

V' 

8+8 
18+4 
14+18 
14+13 
257HI6 
18+14 
18+14 
18+ 4 



Zürich 



16- 

17- 

9 



1 
2 
2 



12+ 1 
12 

16+ 1 
19+ 2 
24 

15+ 1 
21+ 1 
5+ 1 
17+ 2 
19+14 
19+ 8 
16+ 4 
17+ 4 
15-t- 9 
24+ 8 
27+ 8 
30+ 7 
29+ 6 
20+ 2 
164- 3 
15+ 4 
13+ 5 
21 

27+ 6 
16 

12+ 1 
17 
18 

15+11 
17+ 7 
23 

15+ 2 
23+ 6 
25— 6 



Petersburg 



7+1 
12 

8 
19 
14 

86+ 8 
14 # 

9+ 1 

5 

14 
12 
13 
12 
10 
12+ 2 

6 

8 

6+ 1 

9 

9 

7 

9 
22 

14+ 1 
15 

8+ 1 
12^ 1 
19 

4 

9 

9 

4 



Katharinen- 
bürg 



Barnaonl 



19+ 4 
26+ 3 
22 

23+ 1 
28+ 1 
20+ 2 
29 

25+ 4 
37+ 1 
34+ 1 
85+ 8 
30+ 1 
20+ 1 
26+ 4 
27+ 1 
36+ 5 
28+ 5 
25+ 9 
38+ 9 
24+ 2 
18+ 2 
28+ 5 
31+ 1 
27 
28 

20+ 8 
26+ 2 
22+ 4 
25+ 1 
16+ 2 
21 

87+ 2 
84 



16+ 2 

16+ 7 
14+ 7 

(21)+(1) 
21 

21+ 1 
19+ 4 
17+ 4 
19+ 5 
21+ 2 
16+11 
11+ 2 
25 
26 

29+ 4 
21+ 2 
21+6 
26 

25+ 9 
23+ 6 
21+ 3 
26+ 7 
22+ 2 
85 
25+ 3 

(23)+(l) 
12+ 1 
19+ 6 
22+ 6 
18+ 2 
25+ 5 



:ie^' 






<i 



.^:3 




D. Bezciä: Schwankungen in äer Sä 



Nachtrag. 

Erst während des Druckes dieser Abhandlung lerne ich 
noch eine Untersuchung kennen , welche fär die vorliegende 
Frage von höchstem Werthe ist. Sie rührt von Herrn 
Regierungsrath Gutwasser in Dresden her, und findet sich 
unter dem Titel „Ueber die Blitzschläge auf Oebäude im 
Königreich Sachsen*' in den „Protocollen der 76. Haupt- 
versammlung des Sächsischen Architekten- und Ingenienr- 
vereines'^ Auszugsweise in „ H i r z e 1 und Oretschel Jahrb. 
d. Erfind. VHI. 191.'' Ich entnahm daraus ^ie folgenden 
Angaben : 

In Sachsen, wo alle Hochbauten bei der vom Staate 
geleiteten Feuerversicherungsanstalt versichert sein müssen, 
ergaben sich folgende Zahlen für beschädigende Blitzschläge : 



Jahrg. 


SoU&ge 


Mittel 


Jahrg. 


Sohl&ge 


1841 


14 


— 


I«63 


64 


42 


9 


12 


64 


70 


43 


16 


n 


65 


103 


44 


8 


11 


66 


92 


45 

• . • • 


14 


^~' 


67 
68 


112 
138 


1859 


* ' '64 ' 


— 


69 


76 


60 


77 


75 


70 


122 


61 


83 


72 


71 


105 


62 


44 


. 59 







Mittel 

61 
77 
92 
100 
113 
116 
103 
106 



Für die Jahre von 1846 bis 1858 fehlen die Angaben. 

Bei diesen Zahlen muss man nun freilich berücksichtigen, 
dass erst mit dem Jahre 1859 die Oberlausitz zu der Staats- 
anstalt hinzugezogen wurde, wodurch aber die Gesammtzahl 
der versicherten Gebäude keine sehr erhebliche Zunahme 
erfuhr, und dass seit 1859 die Anzahl der versicherten 
Gebäude ungefähr um 3 Procente gewachsen ist. Ausdrück- 

[1874, 8. Math.-ph78. Gl.] 21 



322 SitnMg der maihrphys. dasse wm T. November iSH, 

lieh wird bemerkt, dass so geringe Zahlen wie in den Jahren 
1842 und 1844 in dem ganzen Zeitraum, för welchen die 
Zahlen nicht mitgetheilt sind, niemals wieder beobachtet 
wurden. Es fällt demnach das Minimum der Blitz- 
schläge wieder auf dieselbe Zeit, welche sich 
aus dem bayrischen Materiale ergeben hatte. 

Ferner macht sich das Steigen der verheeren« 
den Blitze von jenem Zeitpunkte an in Sachsen 
noch entschiedener geltend als in Bayern, und 
endlich ist die Uebereinstimmung im Gange 
einer Gurve, welche die (von mir gezogenen) 
Mittel V ersinn licht, mit der Sonn enflecken cur ve 
noch viel auffallender, als bei den früher berück- 
sichtigten Angaben. 



tt. V. ScÜagintweit: Üeber das Oenua tU)9a äc. 323 



Herr Hermann yon Schlagintweit-Sakünlfi'nski 
berichtet 

„Ueber das Genus Rosa 

in Hochasien, 

und fiber Rosenwasser und Rosenöl". 

Die systematische Untersuchung des Materiales aus 
dem Genus Rosa, das im Herbarium unserer indischen 
Reise enthalten ist, hatte gefälligst Herr Prof. Grepin in 
Brüssel übernommen; ich habe yon ihm im Laufe des yer- 
gangenen Sommers Bericht darüber erhalten in der Form 
zahlreicher Erläuterungen, bei den Exemplaren des Herba- 
riums eingetragen. Ausführlidie yergleichende Mittheilungen 
wird er im 3. Fasciculum seiner Primitiae Monographiae 
Rosarum geben, für das er jedoch die Zeit des Erscheinens 
noch nicht bestimmen konnte. 

Im Folgenden habe ich in Kürze zusammengestellt, 
was sich mir jetzt, in Verbindung mit der yon Grepin durch- 
geführten Bearbeitung der Species und Varietäten, für die 
pflanzengeographische Vertheilung nach topographischen und 
climatischen Verhältnissen ergeben hat; auch der indu- 
striellen Verwendung der Rosen werde ich dabei erwähnen. 

Das Genus Rosa, das gegenwärtig in der ganzen nörd- 
lichen Hemisphäre, auch in Amerika, yon hohen Breiten bis 
in die Tropen sich erstreckt, während es in der südlichen 
Hemisphäre, in Brasilien ebenso wie in Australien, als frei 
yorkommende Pflanze fehlt, tritt in Indien yielfach auf. 
Dabei ist anzunehmen, dass auch das Genus Rosa, nach 
Art der Pflanzenyertheilung im Allgemeinen, seine Höhen- 
grenzen und die Grenzen seiner horizontalen Verbreitung 

21* 



324 Sitzung der math.-phys. Olasse vom 7. November 1874. 

stufenweise , in Zeit und Raum , erreicht hat, mit Ausgehen 
von Gentren grosser Häufigkeit; eine natürliche Verbreitung, 
die — in gleichen Höhen wenigstens — noch jetzt eben so ver- 
änderlich sein müsste, wenn nicht anzunehmen wäre, dass 
sich jetzt mit den climatischen Bedingungen nach den geo- 
graphischen Positionen auch jene der topographischen Ver- 
hältnisse (Auftreten von Wasser, Stellung der Gebirge, u. s. w.) 
meist ins Gleichgewicht gesetzt haben. 

Für die Rose lässt sich schon nach der allgemeinen 
Gestaltung der Verbreitungsfläche voraussetzen, dass dieselbe 
in Indien und auch auf der indischen Seite des Himälaya ^) 
später sich zeigte als weiter westlich und nördlich. Ja, für 
die betreffenden Gebiete, in welchen gute Sprachen-Entwicklung 
so weit zurückreicht, kann man auch, in seltener Weise, aus 
den für diese Pflanze und deren Producte gebrauchten Namen 
schliessen, und folgern, dass dieselben in Indien später erst 
bekannt wurde als bei den Persern und bei den Semiten 
Eleinasiens und Arabiens. Es wäre sonst sehr unwahr- 
scheinlich, dass für diese Blume, auch bei der Benützung 
derselben, wie sich zeigen wird, im gegenwärtigen Hi n do- 
st äni nur Benennungen vorkommen^), welche auf jene 
Völker hinweisen, obwohl das Sanskrit im Hindostani 
sonst reich vertreten ist. Als ich Gelegenheit hatte mit 
Herrn Prof. Hang als Philologen darüber zu sprechen, 
theilte mir derselbe in Betreff des Sanskrit mit, dass die 
Rose überhaupt in der Literatur des Altindischen fehlt. 

Jetzt ist die Rose in Indien nur begrenzt durch Extreme 
hoher Temperatur sowie durch feuchte .Wärme in Ver- 
bindung mit schwerem thonigen Boden. In Bengalen kömmt 



1) Ueber Transscription sei bemerkt : Yocale gleich den deutschen; 
ch = tsch, j = dsch, sh = seh, v = w, z = weiches s ; Accente auf 
den betonten Sylben. Wie früher. 

2) Zu vergleichen S. 229 und 230. 



H. V. SMagintweit: üeber das Genus Bosa etc. 325 

die Bosa invölucrata Rozb. mit Bestimmtheit wild vor; 
andere Species und deren Varietäten sind gleichfalls sehr 
verbreitet, doch mag das Auftreten für den grösseren Theil 
derselben mit der Einführung aus dem Nordwesten als 
erster Bedingung sich verbinden. Im Dekhan sind die Rosen 
begünstigt durch die Verminderung der tropischen Hitze 
mit der Höhe; das Auftreten wird häufiger, und es zeigen 
sich dort auch neue Formen in Arten und in Varietäten. 
Das Gleiche gilt für die Gebirge von Mexico im tropischen 
Nordamerika. In den Nilgiris, die zum grössten Theile 
eine Region starker atmosphärischer Feuchtigkeit und be- 
deutender Regenmenge sind, lässt sich analoge Vermehr- 
ung nicht erkennen. 

In den Gebirgsläudern Hochasiens gibt es Rosen- Arten 
im wilden Zustande zahlreich über das ganze Gebiet ver- 
breitet. Als Zierpflanzen sind sie im Allgemeinen selten zu 
nennen, jedenfalls ausserhalb Eashmirs. Die Givilisations- 
stufe der Bevölkerung, auch der arischen, ist meist so nieder, 
dass kein Bedürfniss nach Gartenanlageo und Blumen als 
solchen sich fühlbar macht. 

Auf der Südseite des Himälaya sind uns bis jetzt als 
Höhengrenze Standorte von 13,000 bis 14,000 engl. Fuss 
Höhe, letztere in Eämäon, bekannt geworden. 

In Tibet, wo Formen und Exemplare in unerwarteter 
Anzahl noch sich fanden, werden bedeutend grössere Höhen 
als südlich vom Himälaya-Eamme erreicht, zugleich an 
Standorten, welche schon rings umgeben sind von der Region 
des durch seine Trockenheit und anhaltende Besonnung 
charakterisirten tibetischen Glimas. Aus Spiti, aus Ladäk 
und aus Gnäri Khorsum befinden sich in unserem Her- 
barium Exemplare aus Höhen noch von 15,000 bis nahezu 
16,000 Fuss. 

In Turkistan, nördlich von der wasserscheidenden Eamm- 
linie des Earakorüm*Gebirges^ hatten wir in der verhältniss- 



326 Sitzung der math.-phya. Glosse wm 7. November 1874, 

massig geringen Senkung zwischen dieser und der Kamm- 
linie des EünluQ das Genus Rosa nirgends gefunden; für 
den Nordabfall des Künlun liegen noch zu wenig Beobacht- 
ungen vor, um mit Bestimmtheit über die Höhengrenze zu 
sprechen. 

Die beiden Species, welche an den höchsten Standorten 
uns vorkamen, sind die Bosa macrophylla Lindl. und die 
22. Webbiana Wall. Die erstere zeigte sich in Spiti 
(No. 6961 des Herbariums) bis zu 15,000 Fuss; die zweite 
kam in Spiti am gleichen Standorte yor, in Gnari Ehorsum 
aber wurde die R. Webbiana noch bei etwas über 15,500 Fuss 
Höhe gefunden. (Herb.-No. 7096). 

Als Mittelwerthe der Lufttemperatur an den höchsten 
Standorten im Südabfalle des Himalaja und in Tibet lassen 
sich, aus meinen allgemeinen Tabellen und aus den 
Isothermen-Profilen Hochasiens'), entnehmen, 

für E£m&on, am Südabfalle des Himälaya, 
bei 14,000 engl. Fuss Höhe: 

Jahr Winter Sommer 

35-5«F.=l-90C. 221«F.=— 5-5«C. 50-2*F. = 101«C.; 

für Tibet, von Spiti und Ladak bis Gnari Khorsum, 

bei 15,500 engl. Fuss Höhe, 

Jahr Winter Sommer 

33-7«F. = l-0«C. 14-30F.=— 9-8«C. 55-0<>F.=12-8«O. 

In Europa ergibt sich für die Gentralalpen eine Höhen- 
grenze der Rosen von 5400 engl. Fuss (= 5200 P. Fuss), 



S) „Besults of a scientific Mission to India and High Asia etc." 
Vol. lY, S. 548 u. ff., und 4 Atlasblätter (1 Zahlentabelle, 2 Iso- 
thermentafeln in Mercators Protection und 1 Isothermentafel in Höhen- 
profilen). Als nnmittelbar dort entnommene Daten habe ich, auch 
bieri die Zahlenwerthe in Fahrenheit beig^efügt. 



B. V. SiMagintwHti Ueher das Genua Bo9a eU. 327 

und das entsprechende Mittel der Jahrestemperatur ist zu 
36*5^ F. = 2'5^ C. anzunehmen^); dabei sind nicht nur die 
Temperatur-Verhältnisse sondern auch jene der atmosphäri- 
schen Feuchtigkeit dem Glima an der Höhengrenze in Kä* 
maon sehr ähnlich. 

Als Breitengrenzen des Auftretens des Oenus Rosa gegen 
Norden sind Standorte an der Hudsons Bay bei 56^ n. Br., 
in Schweden bei 65^ n. Br., in Kamtschaka bei 60^ n* Br. 
zu nennen; (aus den continentalen Theilen des nördlichen 
Asien sind mir keine bestimmten Angaben darüber bekannt.) 

Als die entsprechenden Temperaturen jener Regionen 
erhält man, aus der Gestaltung der Isothermen in genäherten 
Werthen abgeleitet, 

für Hudsons Bay, bei 56^ n. Br.: 

Jahr Winter Sommer 

230<>F.=— 5-0«C. — 4-0*F.=:— 20-0«C. 48'PF.=8-9<>C.; 

für Schweden, bei 65^ n. Br.: 
35-9<>F.=2-2*C. 16-7<>F.=— 8-50C. 56-3«F.=13-5»C.; 

für Kamtschaka, bei 60^ n. Br«: 
28-7<>F.=— 1-8«C. 9-2«F.=— 12-700. 52-30F.=ll-30C. 

Die Goi'ncidenz der Grenzen mit solchen thermischen 
Verhältnissen lässt sogleich erkennen, dass die Lufttemperatur 
des Winters verhältnissmässig geringen Einfluss hat, und, 
was ebenso hervorzuheben ist, dass in Kamtschaka und be- 
sonders an den Ufern der Hudsons Bay, ungeachtet der 
niedrigeren Jahres- und Sommer-Mittel der Lufttemperatur, 



4) Berechnet aus der Tabelle Bd. I S. 845 unserer „Unters, über 
die pbysia Geographie der Alpen^'. — An den höchsten Standorten in 
den Alpen finden sich Exemplare von £. alpina L. ; in den östlichen 
Alpen kömmt auch B, pomifera Herrmann yor, deren Höhengrenze 
die näohsthohe ist. 



828 SiUung der matK-phya, Claase wm 7. November 1874, 

j3&e der Breite wegen grössere Sonnenhöhe — also die stärkere 
Insolation sowie die damit sich verbindende Bodenwärme — 
grössere Widerstandsfähigkeit bedingt 

Sehr wohl übereinstimmend mit dem E£fecte der Ver- 
schiedenheit der Sonnenhöhe nach der Breite ist der 
Umstand 9 dass das Genus Rosa (wie die meisten ähnlich 
entwickelten holzbildenden Gewächse) in Tibet, wo die Inso- 
lation der geringeren Bewölkung wegen die häufigere und 
ihr Effect also gleichfalls der stärkere ist, zu kälterem Jahres- 
mittel der Lufttemperatur hinaufreicht als auf der Südseite 
des Himälaya. 

Ganz allgemein verglichen weisen die angeführten 
Zahlenwerthe darauf hin, dass die Höhengrenzen schon 
mit wärmeren Jahresmitteln der Lufttemperatur coi'ncidiren, 
also verhältnissmässig „enger gezogen sind'*, als die ßreite- 
grenzen. Hauptursache ist, dass die Bodentemperatur in 
den Höhen die ungünstigere ist, da mit der Höhe die Grösse 
der der Besonuung sich bietenden Masse abnimmt und da 
mit Verminderung des Luftdruckes der Wärmeverlust durch 
Strahlung sich mehrt; letzteres wirkt auch auf die Pflanzen 
als solche ungünstig ein. 

Veränderlichkeit der Formen innerhalb der Species 
war am grössten bei B, Webbiana; diese variirte deutlich 
nicht nur nach Temperatur und Feuchtigkeit sondern auch 
nach der Bodenbeschaffenheit. 

In Betreff dieser Species schrieb mir Professor Grepin 
über systematische Gliederung und über Zwischenformen wie 
folgt : „Von der JR. Webbiana fand ich besonders zahlreiche 
Varietäten vor; sie ist so polymorph, dass ich dieselbe, 
den Irrungen der Schule der Subdivisionen folgend, in Ihrem 
mir vorliegenden Herbarium leicht in ein Halbdutzend 
secundärer Species hätte tbeilen können/' 



H. «• SMagintweit: Heber das Oenus Bosa etc. 329 

Die bedeutendste Verschiedenheit in der Grösse der 
Bliithen zeigte sich bei der IL macrophylla; die Unterschiede 
waren unmittelbar vom Clima abhängig: grösste Dimensionen 
bei grösster Wärme und Feuchtigkeit, so lange diese über- 
haupt die Existenz der Species gestatteten. In Sikkim , in 
Höhen von 6000 bis 8000 Fuss, kamen mir Bliithen von 
mehr als einem Decimeter Durchmesser vor ; an ihrer oberen 
Höhengrenze hatten diese Rosen Oberflächen, die kaum den 
zehnten Theil so gross waren, mit Durchmessern von wenig 
über 3 Gentimeter. Aber auch diess ist eine überraschende 
Grösse in solchen Höhen. 

Für Indien und Eashmir ist noch die Herstellung von 
Rosen wasser und Rosenöl zu erläutern; die Bereitung 
ist durch die Perser und Araber dort eingeführt worden. 

Das Rosenwasser ist in Indien und Kashmir persisch 
(neupersisch) benannt, nemlich Gul-ab „Rosen-Wasser^^ In 
Indien hört man Guläb auch für „Rose'* und dann Guläb- 
pani für „Rosenwasser*^ Pani gehört zur Sanskrit-Gruppe 
des Hindostani; Anwendung eines entsprechenden Sauskrit- 
Componens statt Gul oder Gulab ist mir nicht bekannt. 

Im Mittelpersischen (im Pehlevi), dem treuesten Reflexe 
des Altpersischen, lautet, wie ich von Professor H a u g 
erfuhr, der Name der Rose „Vard'^ Die ursprüngliche 
Bedeutung, die jetzt auch noch coexistirt, ist „Blume** im 
Allgemeinen, sowie „Blumenblatt**. Es hat sich Yard in 
gleicher Form und Deutung im Arabischen sowie im Hin- 
dostani und im Armenischen erhalten. Im Neupersischen 
ist es in Folge lautlicher Veränderung zu Gul geworden. 
Der Verkehr der Pböniker hat den Namen Vard gegen 
Westen verbreitet, und es ist dabei durch die äolische Form 
ßqodov im Griechischen in ^dov und im Lateinischen in rosa 
übergegangen. Da soviel des Arabischen in das Hindostani 
aufgenommen wurde, unterscheidet man gewöhnlich in Indien 



330 Sitzung der mathrphya. CUuse vom 7. November 1874. 

nicht zwischen directem Uebertragen aus dem Arabischen 
und dem weit selteneren Falle, dass das betre£fende Wort 
für beide Sprachen einer dritten entnommen ist. (Auch in 
Forbes' „Hindustani Dictionary" z. B. ist var als arabisch, 
also als semitisch bezeichnet.) 

Der Name des Rosenöles in Indien ist der arabische, 

Atr, genauer transscribirt 'Atr (mit spiritus asper für das 

•• 

arabische „ain^*, mit t für das arabische „to'O* ^^ ^^^ ^^^^^ 
ein semitisches, sehr verbreitetes Wort, welches auch im 
Hebräischen vorkömmt. Die allgemeine Bedeutung des 
Wortes (das in unserem „Aether" sich wiederholt) ist „Wohl- 
geruch'^ Die im Handelsverkehr, auch im indischen, meist 
gebrauchte Bezeichnung ist Xttar; sie hat auch die Formen 
Uttur (mit dem englischen u in „but'Oi sowie Odo und Otto 
erhalten. 

Die Bereitung des Rosenwassers wird durch einfache 
Destillation ausgeführt. Die Rosen kommen mit Wasser im 
Verhältnisse von 2 zu 3 in Retorten aus gebranntem Thon 
oder aus Metall ; von den letzteren sah ich in Indien Appa- 
rate, welche an 100 Pfund solcher Fällung fassen. Der 
Dampf geht durch eingesetzte Bambusröhren und condensirt 
sich in langhalsigen Gefässen, welche in Wasserbecken stehen, 
deren Füllung man, wenn zu warm geworden, erneuert. Da 
über ein Drittel des Dampfes verloren geht, rechnet man 
auf ein Pfund Rosen (ungefähr) das gleiche Gewicht Rosen- 
wasser. Der Preis des besten Rosenwassers ist iVs bis 
2 Rupis per Ser.^) (1 Ser, oder 80 Tolas, deS' indischen Bazar- 



5) In Grammgewicht ist 1 Ser = 933005 Gramm. -- 1 Rapi 
warde 1836» zur Zeit der allgemeinen Einfuhrang des Gompany*8 
Rupi, zu 2 sh. 7* dl. gerechnet. Auch diess ist dabei zu erwähnen 
— was Bestimmungen und Vergleiche nach Werth und Gewicht in 
Indien erleichtert — dass der Rupi zugleich als Gewichtseinheit 
hergestellt wird, nemlich als 1 Tola. Details „Reisen'* Bd, I S« 88« 



H, V. ScMagintweii: Ueber ä(M Genus Bosa etc. 331 

Gewichtes ist jetzt als genau 2 Vt Troy-Pfund des englischen 
Gewichtes definirt; 1 Rupi ist in rander Zahl = 2 Shilling 
oder 2 deutsche Reichsmark. 

Das in den Baz&rs zu Verkauf kommende Rosenwasser 
ist gewöhnlich sehr viel billiger, ist aber auch auf alle mög- 
liche Weise verdünnt, und mit anderen wohlriechenden fie- 
standtheilen gemischt. Unter den wohlfeilen Sorten kömmt 
auch jene Flüssigkeit zu Markt, welche bei der A'ttat-Bereit- 
ung übrig bleibt. 

Das Rosenwasser wird von den Eingebomen nicht nur 
als wohhriechende Substanz verwendet, sondern gehört zugleich 
zu ihren häufig gebrauchten iniferen Arzneien. Aus Rosen- 
blättern wird auch eine Gonserve gemacht, welche der Gul&b- 
^and oder „der Rosen-Zucker' ' heisst, und als süsse Speise 
genossen wird. 

Zur Gewinnung reinen iittars oder Rosenöles wird mit 
Herstellung stärkeren Rosenwassers begonnen, indem das 
gewöhnliche nochmals mit Rosenblättern gemengt und ein 
zweitesmal destillirt wird; das so erhaltene wird in flache 
metallene Becken gegossen, welche in kleine Vertiefungen 
vorher befeuchteten Bodens gestellt und der Abkühlung 
durch nächtliche Strahlung ausgesetzt sind. Es bildet sich 
dann an der Oberfläche eine feine Lage dickflüssigen, zum 
Theil festen Rosenöles, welches mit Vogelfedern oder mit 
kleinen Holzstückchen abgestreift und in Fläschchen gesam- 
melt wird. Das Befeuchten des Bodens ist in trockenen 
Nächten günstig sowohl wegen des Gebundenwerdens von 
Wärme durch Verdunstung aus dem Boden als auch, be- 
deutend mehr noch, wegen Anhäufung von Feuchtigkeit in 
der die Becken zunächst umgebenden Atmosphäre, wodurch 
der Verlust an Gel, das sonst verdunsten würde, sieb sehr 
vermindert. 



83 2 SiUung der tnathrphys. Classe vom 7. November 1674. 

Eine andere Art das Oel der Rosen sich zu verschaffen 
besteht darin, dass zwischen hohe Lagen von Bosenblättern 
kleine Schichten geölter Baumwolle, oder, was als das bessere 
gilt, ölhaltige Samen, meist Sesam-Körner, eingelegt werden, 
und dass dann die Oelpresse angewendet wird. Das so er- 
haltene Oel hat zwar stets einen verhältnissmässig geringen 
Gehalt an Xttar, aber der Geruch kann dessenungeachtet 
sehr lebhaft sein. 

Di6 Quantität der Rosen, die zur Herstellung von 1 Tola 
reinen A^ttars nöthig ist, wurde auf 7 bis 8 Sers geschätzt; 
das Gewicht des gewonnen A'ttars verhält sich dabei zu 
jenem der Rosen wie 1 zu 600. 

Ganz allgemein sind es dunkle rothe Rosen-Species die 
gebaut werden, in Hindostan zahlreich die B. indica L. 

Unsere B, centifolia L., die auch in Arabien, in Persien 
und in Indien sich findet, als cultivirte Zierpflanze wenigstens, 
soll aus Syrien stammen , und von dort nach Europa ge- 
kommen sein. Standorte freien Auftretens werden aber mit 
Bestimmtheit auch für die östlichen Theile des Kaukasus 
angegeben. In Deutschland kommt sie bekanntlich, unge- 
achtet ihrer Häufigkeit als Gartenpflanze, nirgend wild oder 
verwild<art vor. 

Wie zu erwarten ist das Oel der Rosen von dem Farbe- 
stoff der Blumen nicht afficirt. Frisch abgenommen ist es 
etwas trüb und dabei grünlich-gelb; wenn es sich geklärt 
hat ist es im flüssigen Zustande von sehr heller gelber 
Farbe und lebhaft glänzend. 

Es tritt sehr leicht Erstarrung ein; sie beginnt schon 
bei Lufttemperatur von 25, selbst von 28^ C, wenn in klaren 
Nächten Strahlung lebhaft mitwirkt. Der Anfang der Ver- 
änderung des Aggregatzustandes bedingt zugleich „eine Aus- 
scheidung^^ in der Masse. 

Das Rosenöl, ein ätherisches Oel, besteht nemlich aus 
zwei unter sich sehr verschiedenen Tbeilen. Der eine, 



B, V. Schlagintweit: tJeber das Oenus li(Aa ttc, 933 

ein Kohlenwasserstoff «Stearopten , ist auch der zuerst fest 
werdende Theil; er ist geruchlos. Das Aroma bietet der 
Elaeopten-Theil des Oeles. 

Die relative Menge der beiden Substanzen kann sehr 
verschieden sein, und solches macht sich in den physikalischen 
Eigenschaften bemerkbar. Im Allgemeinen, scheint es, haben 
die persischen und indischen Oele etwas mehr del Stearopten, 
des Theiles mit hohem Schmelzpunkte, da sie in ganzer 
Masse meist schon bei 18 bis 20^0. fest werden, jenes aus 
Eashmir dagegen erst bei Abkühlung, die mehrere Grade 
tiefer gesunken ist. Dessenungeachtet lässt sich der Oeruch, 
also die Qualität des Elaeopten-Theiles, bei den Oelen aus 
heisser Lage meist als intensiver wirkend erkennen. 

In Eashmir ist die Herstellung von Rosenproducten, 
wenn auch im Kleinen, ziemlich allgemein. Rosenculturen 
gibt es bis hinan zu 6000 Fuss und neben den Rosenbeeten 
findet man dort auch eine vortreffliche Rebe an den Mauern. 
Das Glima in den Mittelstufen Kashmirs^), in Lagen wie 
jene der Hauptstadt Srinager, Höhe 5146 engl. Fuss, lässt 
sich von Mitte Juli bis Ende August als entsprechend jenem 
des südlichen Frankreich bezeichnen; in den übrigen Theilen 
des Jahres ist das Glima von Srinager das mildere, sehr 
erfrischend im Frühling und Herbste, und im Winter weniger 
kalt. Dabei ist die nördl. Br. von Srinager 34^4*6^ jene 
von Montpellier 43^36'; die geringere nördliche Breite 
Eashmirs, auch die Abnahme des Luftdruckes, machen sich 
in der bedeutend stärkeren Wirkung directer Besonnung 
fühlbar. 

In Indien scheint die -Rosenindustrie auf das Ganges- 
gebiet, vorzugsweise auf Ghäzipur und Umgebungen beschränkt. 



6) Erläutert in ^^Resnlts" vol. lY S. 505 ff.; Zahlentabelle der 



v& 



Temperatur für Srinager ib. S. 514, 



334 SiteuHg der inath,^phy8. Otasae t)om 7. Ifaeemher 1874. 

Nach dem westlichen und sädUcheo Indien wird noch jetzt 
viel zu Schifif aus Persien über Bombay eingeführt. 

Oh&zipur ist Hauptort eines gleichnamigen Districtes, 
der unter dem Lt. Oovernor der Nordwest-Provinzen steht; 
die Stadt ist am linken Ufer des Ganges gelegen und hat 
eine Einwohnerzahl, die uns (1856) auf nahezu 40,000 an- 
gegeben wuiale. Unsere Routen nach den centralen und den 
westlichen Theilen des Himälaya hatten uns zu wiederholten- 
malen durph dieses Oebiet geführt* Als geographische 
Positionen, auf den Däk-Bangalow daselbst bezogen, hat 
sich ergebet! : Nördliche Breite 25^33*6'; östliche Länge 
von Greenw. 83^31*8', Höhe ü. M., nach Adolphs Bestimm- 
ung am 4. April 1855, 351 engl. Fuss^). 

Das Clima in solcher Lage ist ganz characteristisch 
für das subtropische indische Tiefland; es zeigt sich eine 
gemässigte „kühle Jahreszeit'^ aber sehr grosse Wärme 
von April bis Ende August, wobei der Monat Mai der 
wärmste des Jahres ist. (Dnser Sommer ist dort die B^en- 
zeit.) 

Das Blühen der Rosen und die Benützung derselben 
dauert von Ende Februar bis ungefähr zur zweiten Woche 
Aprils. Während der Zeit der Rosenblüthe ist das Tages- 
mittel dei* Lufttemperatur Ende Februar 75^ F. oder 
24^ G. und erreicht Anfangs April 84^ F. oder 29<^G. Als 
Monatsmittel hatte ich erhalten: für Februar 71*8* F. = 
22-l«C.; für März 80-9^ F. = 27-2« C.; für April 88-1 <> F. 
= 31-2« C. Als Jahresmittel ergab sich 81-9«F. = 27-7«F.«). 

Der Absatzort der Rosenproducte für Ghäzipur ist 
Benares, das in westlidier und etwas südlicher Richtung 
thalaufwärts am Ganges gelegen ist; Entfernung 71 engl. 
Meilen zu Wasser, 46 engl. Meilen zu Land. In Ben&res 



7) „Results** vol. II S. 131. 

8) „Results" voL IV S. 258. 



B. V. Schiagintweit: Ueher Aas Genui ßosa ete. 335 

sind die Haupt-Bazars Hiodostdns für den Osten und für 
die Gebirge. 

Der Preis des A'ttar in Indien ist ein sehr hoher und 
er ist in den verschiedenen Jahren sehr ungleich, weit mehr 
noch wechselnd als jener des Rosenwassers. 

Als Werth reinen A'ttar-Rosenöles wurde uns 1855 und 
1856 meist 40 bis 50 Rupis (= 80 bis 100 R.-Mark) für 
1 Töla (= 11*663 Gramm) angegeben, und zwar mit dem 
Bemerken, dass derselbe oft auch bis 80 und 90 Rupis steige. 

Der billigste Preis, den ich, für Ghäzipur selbst, weiss ^), 
ist 1 Töla zu 15 Rupis, oder 10 Gramm zu 25*7 R.-Mark. 

Als Maximum dagegen ist anzuführen, dass nach Hooker, 
ebenfalls zu Ghäzipur und zwar unmittelbar zur Zeit der 
Bereitung, im März 1858 der Preis von 1 Tola gleich 100 
Rupis gewesen ist^^). 

Doch es sind, nach meiner Ansicht, diese Zahlen nicht 
ganz als Preise im {[ewöhnlichen Sinne zu verstehen'^); es 
sind diess mehr Schätzungen des Werthes, der für den reinen 
A'ttar nach den Preisen der Markt-Producte sich ergäbe. 
Die Quantität, die als ganz reiner A'ttar abgesetzt wird, ist 
verhältnissmässig sehr gering. Solcher wird meist nur in 
Probengrösse abgenommen, gelegentlich von einzelnen Gross- 
händlem der Baz4rs, noch häufiger von Europäern in In- 
dien; für diese ist er eine Nippsache, welche durch den 
hohen Preis nicht ausgeschlossen ist, um so weniger, da man 
überhaupt nur selten ihrer sich bedient. 



9) Nach Simmonds, in Balfoor's Cyclopaedia of India, p. 1613; 
es ist dort als aasnahmsweise niedrig „1 Unze OA« Ib. Troy) zu 
40 Rapis" angegeben. 

10) Hooker, Himalayan Journals, Vol. I, p. 78. 

11) Die Preise des Gegenstandes im europäiscben Handelt die 
ich nun ebenfalls, allerdings erst nach meiner Rückkehr nnd fcLr die 
jüngst vergangenen Jahre, kennen lernte, bestätigten mir diess. 



9 96 Siiiung der matk-phys. Classe tarn 7. Ifovember 1874. 

Was in den Handel kömmt hat ungleich niedrigere und 
unter sich sehr verschiedene Preise. Dieses ist immer schon 
sehr stark gemischt, selbst der in den gewöhnlichen Bazars 
verkaufte „reine A'ttar'S wenn auch die Bezeichnung als 
solche gerade nicht selten ist. 

Oanz besonders ist der Verbrauch in grosser Menge 
durch die Anwendung des A^ttar bei all den Festen der Ein- 
gebomen bedingt Die Hindus bedienen sich desselben selbst 
vielfach bei religiösen Ceremonien. 

Was ^ Europa von „orientalischem Rosenöle^' vorkömmt, 
wird aus der Türkei, meist über Constantinopel, in Handel 
gebracht. Die Bereitung von Rosenwasser und Rosenöl war 
in der Tärkei lauge schon verbreitet, nicht nur in den 
asiatischen Provinzen, sondern auch in den europäischen Ge- 
bieten und deren Nachbarstaaten. In den südlichen Theilen 
des Balkangebirges ist in neuerer Zeit Rosencultur im 
Grossen, und locale damit verbundene Industrie, in fünf 
Districten entstanden^'), deren Hauptbezirk die Umgebungen 
von Eisanlik (Kezanlyk) sind; Höhe der Stadt 536 Meter 
= 1759 engl. Fuss "). 

Für den Balkan ist die relative Menge des ge- 
wonnenen Rosenöles, in Gewicht, als der 250. Theil der 
Bosenblätter bei kühler und feuchter Witterung, und als 
der 400. Theil bei grosser Wärme angegeben. In Indien 
mag die noch immer bedeutend höhere Temperatur eben- 
falls an der verhältnissmässig grösseren Verbrauchsmenge von 
Rosenmaterial Antheil haben; doch ein directer Vergleich 
lässt sich nicht anstellen, da mir von dort nur von Masse 



12) Eingehender Bericht darüber ist enthalten im Artikel „Olenm 
Rosarnm** des J. E. König'schen Drognerie-, Speoerei- und Farb- 
Waarenlexicons. 7. Auflage, bearbeitet von F. Geith. München, 
Ch. Kaiser, 1871—72, S. 272—276. Es sind darin die Bereitung nnd 
der Absatz, auch die bis jetzt bekannten Fälschungen besprochen. 

13) Nach üebersichtskarte zu F. Eanitz* „Reisen in Bulgarien'*, 
in Petermann's Mitth. Bd. XX. Hft. 11, 1874. 



E. V, Schlagintweit : üeber das Genua Basa etc. 337 

der Rosen, als ganzer Blumen und Knospen, nicht von der 
Masse getrennter Blätter, wie hier, Angaben vorliegen. 
Jedenfalls ist im Balkan auch das sorgfältigere Verfahren 
in der Bereitung von begünstigendem Einflüsse. 

Nach den wohlbekannten Dresdner Preislisten von 
Gehe & Co. ergibt sich , d. d. September 1874, der Preis 
des reinen Rosenöles im Handel Deutschlands 

für 10 Gramm (1 N.-Lth.) 1. Qualität, sign. No. 00 zu 

3 Thl. 12 sgr. = 51 ßp, 

für 10 Gramm (1 N.-Lth.) 2. Qualität, sign. No. zu 

3 Thl. 2 sgr. = 46 Rp. 

An der Nordkuste von Afrika, in Tunis, wird gleich- 
falls normales Rosenöl bereitet, aber im Ganzen nur in 
geringer Menge**). 

Im westlichen und etwas nördlichen Europa, ebenso 
wie in den höheren Theilen der Rosen-Gebiete Hochasiens, 
sind der climatischen Verhältnisse wegen die Rosenspecies, 
die wild sich finden, auch jene, deren Gultur versucht 
wurde, von so geringem Gehalte an Gel, dass die Ver- 
wendung derselben auf vereinzelte Fälle der Herstellung 
von Rosenwasser sich beschränkt. 



Nachsehrift. Januar, 1875. Ich habe jetzt auch 
noch des indischen Jävä zu erwähnen, auf welchen seit 
meiner Akademie- Mittheilung mein Bruder Emil mich auf- 
merksam machte, da dieser meist als „chinesische Rose^' 
bekannt ist. Der Jävä kömmt schon in der Sanskrit-Literatur 
vor; im Amarakösha ist er unter den Gultur- und Zierde- 



14) Die SpecieS; die in Tunis benützt wird und anch ihre Heimath 
dort haben soll, ist die B. moschatajt,] die gleiche ist die Cultur- 
pflanze in der Türkei. 

[1874. 3. Math.-ph7s. CI.] 22 



338 Siteung der tnatK-phys, Classe «om 7. November 1874. 

Pflanzen hinter den Aloen and Barlerien geschildert. In 
der tibetischen Uebersetzung des Ämarakösha (No. 459 der 
Handschriften der St. Petersburger Akademie, von welcher 
sich mein Bruder eine Abschrift fertigte) fand er die Be- 
nennung Java in das Tibetische nicht übersetzt, sondern 
lediglich als Sanskritwort übertragen. 

Im Hindostani hat sich das Wort Java für diese Pflanze 
in derselben Form wie im Sanskrit erhalten; die Bezeich- 
nung als chinesische Rose bei den Europäern ist die der 
gegenwärtigen Ansicht der Indier entsprechende. Botanisch 
ist die Benennung des Java Hibiscus JRosa chinensis L. 

Sprachlich ist Hibiscus die griecLische Form von Jävä, 
wobei die ältere Consonanten- Aussprache , mit „j^' gleich 
im Deutschen lautend, den üebergang bildete. Bei uns 
kömmt „Ibisch^' vor, als Name für dieses Genus angenommen, 
sowie „Eibisch''; letzterer ist das Genus Älthaea. 

Systematisch gehören diese beiden Genera, in Deutsch- 
land mit jenen der Malva, der Lavatera und des Abutilon 
zusammen, zur Familie der Malvaceefiy welche noch durch 
zahlreiche und einige grosse Familien, so durch jene der 
Geraniaceen und der Papilionaceen von den Bosaceen ge- 
trennt ist. Das Hihiscus-Qenus ist bei uns nicht gross, 
wogegen es über 100 Species in den Tropen zählt; seine 
Verbreitung ist eine sehr allgemeine, in der nördlichen und 
südlichen Hemisphäre. Viele Species werden wegen ihrer 
hanfähnlichen Fasern als Nutzpflanzen verwendet; auch solche 
gibt es darunter, welche Blätterknospen und Saamen bieten, 
die als Gemüse essbar sind. 



Sitzung vom 5« Dezember 1874. 



Mathematisch - physikalische Glasse. 



Herr Max yod Pettenkofer spricht: 

„lieber den Kohlensäuregehalt der Luft 
ia der libyschen Wüste über und unter 
der Bodenoberfläche^'. 

Als College Dr. Zittel sich zu der von Dr. Rohlfs 
unternommenen und von dem Vicekönig Ismail von Aegypten 
unterstützten Reiseexpedition in die libysche Wüste aus- 
rüstete, entschloss er sich auch zur Sammlung einiger Luft- 
proben in der Wüste, um sie nach München zurückzu- 
bringen, und da auf ihren Kohlensäuregehalt untersuchen zu 
lassen. Meines Wissens ist bisher wohl der Kohlensäure- 
gehalt der freien Atmosphäre, namentlich auch in Nieder- 
ungen, auf hohen Bergen und über der Meeresfläche, sowfo 
der Luft in unseren Wohnungen, aber noch nie in einer 
Sandwüste bestimmt worden, jedenfalls ist noch nie die 
Kohlensäure bestimmt worden, welche sich in der Luft 
unter der Oberfläche der Wüste, im Boden derselben 

befindet. Da in neuester Zeit regelmässig fortlaufende Be- 

22* 



340 Sitzung der mathrphys. Glosse vom 5. Dezember 1874, 

stimmaDgen in der Gründluft von München und Dresden 
gemacht werden, und diese Untersuchungen unerwartet grosse 
Mengen Kohlensäure zu Tage gefördert haben^ selbst in sterilem 
Geröll- und Sandboden, welcher eine nur wenige Zoll hohe 
vegetirende Schichte auf sich trägt, so schien es mir von 
besonderem Interesse zu sein, auch einmal die Grundluft 
einer nahezu ganz vegetationslosen Fläche auf Kohlensäure 
zu prüfen. Das Resultat konnte zur Entscheidung der Frage 
über den Ursprung der Kohlensäure in unserer Grundluft bei- 
tragen, die am wahrscheinlichsten von organischen Stoffen 
stammt, welche mit dem Regen von der Oberfläche in die 
Tiefe geführt werden und dort allmälig verwesen, während 
die daraus entstehende Kohlensäure nach dem Gesetze der 
Diffusion und Ventilation fortwährend aus dem Boden in 
die freie Atmosphäre entweicht, soweit sie nicht von den 
verschiedenen Pflanzenorganen in und über dem Boden zu 
organischen Neubildungen verwendet wird. 

Wenn diese Vorstellung eine richtige ist, so durfte sich 
die Grundluft dar Wüste in ihrem Kohlensäuregehalte nicht 
wesentlich von der darüber befindlichen atmosphärischen 
Luft unterscheiden. 

Da die Bestimmung der Kohlensäure in der Luft bis 
zum Grade grosser Genauigkeit entwickelt und leicht aus- 
zuführen ist, so bestand die einzige Schwierigkeit, welche 
zu überwinden war, nur darin, aus der Wüste soviel Luft 
und Grundluft nach München zu bringen, dass damit Be- 
stimmungen der Kohlensäure vorgenommen werden konnten. 
Es wurden dazu Glasröhren gewählt, welche etwa 5 Genti- 
meter Durchmesser und 50 Centimeter Länge hatten, und 
an beiden Enden in viel engere Glasröhren von einigen 
Millimetern Durchmesser übergingen. Die dünnen, aus leicht 
schmelzbarem Glase bestehenden Endröhren waren offen. 
Diese Röhren konnten daher leicht voa irgend einer Luft 
vollgesogen, und dann an beiden Enden mit einer Spiritus- 



V, Feitenkofer: Kohlensäuregehält der Luft etc. 341 

lampe abgeschmolzen werden. Sie sollten etwa 1 Liter Luft 
fassen, was allerdings für eine genauere Untersuchung etwas 
wenig war, aber bei der Empfindlichkeit der Methode doch 
noch für genügend angesehen werden konnte. Röhren von 
weiterem Durchmesser waren in der Schnelligkeit nicht auf- 
zutreiben, und sie viel länger zu nehmen, hätte für den 
Transport und die Handhabung zu grosse Schwierigkeiten 
gemacht. — 

Zittel hat an zwei Stationen in der Wüste in Faräfreh 
und in Dachel solche Röhren mit Luft gefüllt, die dünnen 
Röhren abgeschmolzen, und unversehrt von seiner Expedition 
im Mai 1874 mit nach München zurückgebracht. Ich fand 
leider erst im November Zeit, an die Untersuchung zu gehen. 

Das Verfahren der Untersuchung war Folgendes: Die 
Röhre mit Luft wurde in einem Stativ senkrecht gestellt. 
Ueber die nach oben sehende, abgeschmolzene enge Glas- 
röhre wurde ein kurzes enges dickes Kautschukrohr mit 
einem T-Rohr aus Glas gesteckt. Ein Ende des horizontalen 
Theiles des T-Rohres wurde mit einem Quecksilbermanometer, 
das entgegengesetzte mit einer Absorptionsröhre in Verbind- 
ung gesetzt, in welcher sich 90 Cubikcentimeter Barytwasser 
befanden, welches so viel Aetzbaryt enthielt, dass 30 Cubik- 
centimeter von 25.25 Cubikcentimeter einer Oxalsäure- 
lösung gesättigt wurden, von welcher 1 Cubikcentimeter stets 
1 Milligramm Kohlensäure äquivalent ist. Durch Quetsch- 
hähne konnte sowohl gegen das Manometer hin, als gegen 
die Barytlösung hin abgesperrt werden. 

Das untere Ende der Röhre wurde in ein enges längeres 
Kautschukrohr gesteckt, dessen anderes Ende mit einem 
grossen Trichter verbunden war, welcher eine Flüssigkeit 
enthielt, mit der die Luft aus der Röhre in das Barytwasser 
getrieben werden sollte. Dieser Trichter war so hoch über 
der die Luft enthaltenden Röhre gestellt , das9 das Gefalle 



342 Sitzung der math.-phys. Gasse vom 5. Dezember 1874. 

hinreichte, alle Luft auszatreiben. — Auoh diese Röhre war 
mit Quetschhahn versehen. 

Als Flüssigkeit zum Austreiben der Luft war eine bei 
20^ C. gesättigte Lösung von neutralem Chlorcaicium gewählt. 

Zuerst wurde oben das T-Rohr aufgesetzt, mit dem 
Manometer und der Barytröhre verbunden, und die Leit- 
ungen nach beiden Seiten hin durch die beiden Quetsch- 
hähne wieder abgeschlossen. Dann wurde das aus dem 
hochstehenden Trichter kommende Eautschukrohr, nachdem 
es ganz mit Flüssigkeit gefüllt und von Luft freigemacht 
war, über die untere abgeschmolzene Glasröhre geschoben 
und auch der an ihm befindliche Quetschhahn geschlossen. 

Nun wurde zum Oeffaen der die Luft enthaltenden 
Röhre geschritten, und zwar zuerst an ihrem oberen Ende. 
Mittels einer Kneipzange wurde die abgeschmolzene Spitze 
in dem dicken Kautschukrohre, welches das obere Glasrohr 
luftdicht umschloss, abgebrochen und dann der Quetschhahn 
nach dem Manometer hin geöffnet. Es zeigte sich nun, unter 
welchem Druck die in der Glasröhre eingeschmolzene Wüsten- 
luft stand. Da die beiden Stationen, wo die Röhren gefüllt 
wurden, viel niedriger liegen als München, so ergab sich 
bei allen Röhren ein beträchtlicher Ueberdruck über den 
Druck der Atmosphäre in München. Das war zugleich ein 
sicherer Beweis, dass alle Röhren vollkommen luftdicht ver- 
schlossen hieher gekommen waren. Der am Manometer ab- 
gelesene Druck wurde zum jeweiligen Barometerstande addirtj 
wie er sich zur Zeit der Untersuchung in München ergab. 
Man darf selbstverständlich nicht erwarten, dass der Druck 
am Manometer und der Druck des Barometers in München ad- 
dirt in allen Fällen der genaue Ausdruck des Barometerstandes 
sein müsste, unter welchem die Röhre in der Wüste gefüllt 
wurde, denn es kommt nebenbei auch auf die Temperatur 
an, welche die Röhre und die Luft in ihr während der 



t^. Pettenkofer: KohlenßäuregehoHt der Luft etc, 343 

Manipulation des Füllens und des Zuschmelzens ange* 
nommen hatte. 

Nachdem das Manometer und die Temperatur der Bohre 
abgelesen war, wurde der Quetschhahn gegen das Manometer 
hin wieder geschlossen, und dafür der nach der Barytröhre 
hin geöffnet. Entsprechend dem üeberdrucke des Mano- 
meters über den Barometerdruck trat sofort ein Tbeil der 
Luft durch das Barytwasser. 

Als keine Luftblase mehr weiter im Barytwasser auf- 
stieg, wurde nun das untere Ende der Röhre ebenso durch 
Abbrechen der Spitze im Kautschukröhre geöffnet, um die 
Ghlorcalciumlösung eintreten zu lassen und alle Luft aus 
der Röhre zu verdrängen. Als auch die untere Spitze ab- 
gebrochen war, wurde der Quetschhahn an dem zum Trichter 
mit Ghlorcalciumlösung führenden Kautschukrohre geöffnet, 
und in Zeit von etwa 15 Minuten alle Luft aus der Röhre 
durch das Barytwasser in kleinen sich regelmässig folgenden 
Blasen getrieben. — 

Nachdem das Barytwasser abgenommen war, Hess man 
aus der Röhre die Ghlorcalciumlösung in einen Messcylinder 
auslaufen, und bestimmte dadurch zugleich das Volumen der 
Röhre, und damit auch das Volum der untersuchten Luft. 

Unter Ausserachtlassung der Tension des Wasserdampfes 
in der Luft und unter Berücksichtigung der beobachteten 
Druck- und Temperaturverhältuisse der auf diese Art ge- 
messenen Luftmenge, wurde mit Hilfe der Bunsen'schen 
Tafeln das Volumen auf 0° und 760 Millimeter Barometer- 
druck berechnet. 

Das Barytwasser, durch welches die Luft gegangen 
war, wurde auf gewöhnliche Weise titrirt, daraus das Ge- 
wicht der absorbirten Kohlensäure erfahren und auf Volumen 
bei 0® und 760 Millimeter Barometerdruck berechnet. 



344 Sitzung der math^-phys, Glosse vom 5. Dezember 1874, 

Bestimmungen mit Wfisten-Lnft« 

I. 

Farafreh. Atmosphärische Luft. 
Manometer 33 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
738 „ 
Temperatur 20.8^ Cels. 

Luftvolum 0.945 Liter = 0.848 Liter bei 0" und 760 
Mllm. Barometer druck. 30 Cub.-Ccntim. Barytwasser er- 
forderten zur Neutralisation Oxalsäure 

vor dem Versuche 25.25 cc. 
nach „ „ 25.0 

Differenz 0.25 
90 Cub.-Cent. Barytwasser hatten 0.75 Mllgr. COg = 
0.381 Cub.-Centm. absorbirt. 

In 10000 Yolumtheilen Luft sind 4.47 Volumtheile 
Kohlensäure. 

IL 

Farafreh, Grundluft im Wüstenboden aus einer Tiefe 
von V« Meter. 

Manometer 10 Millimeter. 
Barometer 707 



91 



717 „ 
Temperatur 18.2° Geis. 

Luftvolum 0.740 Liter = 0.640 Liter bei 0° und 760 
Mllm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytwasser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 24.95 „ 

Diflferenz 0.30 
90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.9 Mllgr. CO, = 
0.508 Cub.-Centim. absorbirt. 

In 10000 Volumtheilen Grundluft sind 7.93 VolamtbeÜQ 
Kohlensäure. 



V. Pettenhofer: Kohlensäuregehält der Luft etc. 345 

Die Röhre war bei dieser und den übrigen Luftproben 
mit Grundluft von Zittel auf folgende Art gefüllt worden: 

Eine eiserne Röhre mit Stahlspitze, wie sie zur Anlage so- 
genannter amerikanischer Brunnen mitgefiihrt wurden, wurde 
in den Boden gerammt, dann bei einer bestimmten Tiefe an- 
gelangt deren obere Oeffnung mit einem Kautschukpfropfe 
geschlossen, welcher in einem Bohrloche eine luftdicht ein- 
gepasste, rechtwinklig gebogene Glasröhre hatte. Mit dem 
Munde am Glasrohr wurde dann so lange gesogen, bis man 
sicher sein konnte, die in der Röhre enthaltene Luft mehr- 
mals ausgesogen und mit Luft aus dem Boden gefüllt zu 
haben. Nun wurde die Röhre für die zur Untersuchung 
bestimmte Luft mittels eines kurzen Kautschukschlauches 
damit verbunden, und die Grundluft längere Zeit durchge- 
sogen, bis man erwarten konnte, all^ darin vorhandene Luft 
mit Grundluft ersetzt zu haben. Schliesslich wurde mit 
einer Spirituslampe an beiden Enden abgeschmolzen. — 
Professor Zittel erfreute sich bei allea^ derartigen Füllungen 
der sorgsamen Assistenz des Herrn Philipp Remele, des 
Photographen der Expedition. 

Prof. Zittel hat mir nachträglich mitgetheilt, dass das 
Füllen und Abschmelzen der Röhren fast immer leicht von 
Statten ging, mit Ausnahme des Versuches IL Hier aber 
hätte schon der sehr compakte Boden beim Einrammen 
•der eisernen Röhre sehr grosse Schwierigkeiten geboten, 
und sei auch das Durchsaugen der Luft nur mit einer ge- 
wissen Anstrengung möglich gewesen, so dass er schon in 
Farafreh befurchtet habe, dass gerade das Resultat dieses 
Versuches kein ganz reines sein könnte. Sehr leicht und 
regelmässig hingegen m Alles bei 4en folgenden Füllungen 
yor sich gegangen, 



346 Sitzung der math.'phy8, Clasae vom ö, Dezember 1874. 

III. 

Farafreh. Grundluft aus einem Palmengarten, 1 Meter 
tief anter der Oberfläche. 

Manometer 44 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
"749" „ 
Temperatur 20.3^ Geis. 

Luftvolum 0.820 Liter = 0.748 Liter bei 0° und 760 
MUm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytwaser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 23.7 „ 

Differenz 1.55 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 4.65 Mllgr. CO, 
= 2.365 Cub.-Centim. absorbirt. 

In 10000 Volumthl. Grundluft sind 31.52 Volumthl. CO,. 

IV. 

Dackel. Atmosphärische Luft. 

Manometer 30 Millimeter. 
Barometer 702 „ 

732 
Temperatur 18.2* C. 

Luftvolum 0.860 Liter = 0.771 Liter bei 0^ und 760 
Mllm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytwasser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 25.0 „ 

Differenz 0.25 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.75 Mllgr CO, 
absorbirt = 0.381 Cub.-Centim. CO,. 

In 10000 Volumtheilen Luft sind 4.94 Volumtheile 
Kohlensäure. 




V, PettenJcofer : Kohlensäuregehalt der Luft etc. 347 

V. 

Dachel. Atmosphärische Luft. (Diese Röhre war innen 
nicht ganz rein. Zittel.) 

Manometer 30 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
■^35" „ 
Temperatur 20.4' C 

Luftvolum 0.900 Liter = 0.805 Liter bei 0' und 760 
Mllm. Barometer. 30 Gub.-Centim. Barytwaser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 25.0 „ 

Differenz 0.25 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.75 Mllgr. CO, 
absorbirt = 0.381 Cub.-Centim. CO,. 

In 10000 Volumtheilen Luft 4.73 Volumthl. Kohlensäure. 

VL 

Dachel. Grundluft in Sand und Thon aus einer Tiefe 
von 1 Meter. 

Manometer 30 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
"735" „ 
Temperatur 20.5' C. 

Luftvolum 0.970 Liter = 0.868 Liter bei 0' und 760 
Mllm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytwasser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 25.10 „ 

Differenz 0,15 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.45 Mllgr. Kohlen- 
säure absorbirt = 0.229 Cub.-Centim. Kohlensäure. 

In 10000 Volumtheilen Grundluft 2.64 Volumtheile 
Kohlensäure, 



348 Sitzung der mathrphys. Classe vom 5. Dezember 1874. 

m 

VII. 

Dachel. Grundluft in Sand und Tbon aus einer Tiefe 
von IV* Meter. 

Manometer 33 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
"73F „ 
Temperatur 20.7^0. 
Luftvolum 1,028 Liter. 

Dieser Versuch ist leider verunglückt, weil wegen mangel- 
haften Schlusses des Quetschhahnes an dem Eautschuk- 
schlauche, welcher die Ghlorcalciumlösung vom Trichter ia 
die Röhre fährte, diese Lösung theilweise bis in die Baryt- 
lösung geführt und deren Titrirung nach dem Versuche nicht 
mehr vorgenommen werden konnte, da sie resultatlos ge- 
wesen wäre. 

VIII. 

Dachel. Grundluft in Sand und Thon aus einer Tiefe 
von iVa Meter. 

Manometer 33 Millimeter. 
Barometer 705 „ 
"738" „ 
Temperatur 20.7' C. 

Luftvolum 1.012 Liter = 0.927 Liter bei 0" und 760 
Mllm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytwasser 

vor dem Versuche = 25.25 cc. Oxalsäure 
nach „ „ 25.0 „ 

Differenz 0.25 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.75 Mllgr. CO, 
absorbirt = 0.381 Cub.-Centim. CO,. 

In 10000 Volumtheilen Gruudluft sind 4.10 Volum* 
tbeile Kohlensäure. 



V. PtUefikofer : KohUnsäuregehdlt der Luft etc. 



349 



Der leichtern Uebersicht wegen stelle ich die Resultate 
der 8 Untersuchungen zusammen: 

Kotalensänregehalt der Luft in der Wflste in 10000 Yolomtheilen. 



Farafreh 

Atmosphäriscbe 

Luft 


Farafreh 

Grundluft V» M. 
tief. Compakt. 
Wüstenboden 


Farafreh 
Grundluft 1 M 
tief Palmgarten 


Dachel 

Atmosphärische 

Luft 


4.47 


7.93 


31.52 


4.94 



Dachel 

Atmosphärische 

Luft 



Dachel 

Grundluft 1 M. 

tief Sand und 

Thon 



Dachel 

Grundluft iV* M 

tief Sand und 

Thon 



Dachel 

Grundluft 1 V« M. 

tief Sand und 

Thon 



4.73 



2.64 



4.10 



Aus diesen Resultaten geht mit Bestimmtheit hervor, 
dass der Eohlensäuregebalt der atmosphärischen Luft in der 
Wüste kein anderer ist^ wie bei uns in Thälern und auf 
hohen Bergen, wo er zwischen 2Vs und 5 Zehntausend- 
theilen schwankt. 

Mit gleicher Bestimmtheit geht daraus auch hervor, 
dass der Eohlensäuregehalt der Grundlufb im vegetations- 
losen Wiistenboden wesentlich kein anderer ist, als der der 
darüber hinziehenden atmosphärischen Luft, er erreicht in 
keinem Falle 1 pro mille, ja er ist in zwei Fällen sogar 
unter dem der atmosphärischen Luft, und der Versuch II, 



350 Sitzung der tnath.-phys. Classe vom 5. Dezember 187L 

welcher die höchste Ziffer ergeben hat, ist nach Zittels 
Angabe nicht ganz yerlässig. 

Nur der vegetirende Boden in einem Palmengarten 
bei Farafreh zeigt einen erhöhten Gehalt an Kohlensaure 
in der Grandluft, und zwar gleich in einem Maasse, 31.5 
Zehntausend theile, dass darüber kein Zweifel bestehen kann, 
weil das Resultat die Fehlergrenzen der angewandten Methode 
weit überschreitet 

• Dieser grosse Unterschied zwischen der Grundluft im 
Palmengarten, und der Grundluft im Wüstenboden und in 
der atmosphärischen Luft hat sich bei den Untersuchungen 
auch dadurch ganz augenscheinlich kundgegeben, dass das 
vorgelegte Barytwasser sich nur bei Untersuchung der Grund- 
luft aus dem Palmengarten sichtlich getrübt und eine merk- 
liche Menge Niederschlag von kohlensaurem Baryt abgesetzt 
hat. Bei allen übrigen Proben blieb das Barytwasser fast 
klar und zeigte auch nach längerem Stehen nur eine Spur 
N^edp'" chlag. — 

Dieser Umstand lässt mich daher sicher behaupten, dass 
auch die verunglückte Analyse VII der Grundluft von Dachel 
dasselbe Resultat ergeben hätte, wie die beiden andern 
Proben von dorther, denn auch da zeigte sich vom Anfang 
bis zum Ende des Versuches keine merkliche Trübung des 
Barytwassers, was der Fall hätte sein müssen, wenn diese 
Luft wesentlich mehr Kohlensäure enthalten hätte. 

Zu einem erhöhten Kohlensäuregehalt der Grundluft in 
gewöhnlichem Boden, in welchen nicht etwa vulkanische 
oder mineralische Quellen von Kohlensäure ausmünden, ge« 
hören also jedenfalls organische Substanzen und Wasser, 
welches dieselben in den Boden hinabführt. 

Schliesslich war mir noch daran gelegen, auch dafür 
einen Anhaltspunkt zu gewinnen, wie gross etwa der Fehler 
sein könnte, den meine immerhin nicht ganz vollkommene 
und tadellose Untersuchungsweise verursacht haben könnte. 



V. Pettenkofer: KohlenaäuregehaU der Luft etc. 351 

Za diesem Zwecke füllte ich eine der von Zittel schon 
benutzten und von mir untersuchten Röhren am 21. Not. 
1874 mit atmosphärischer Luft von München im Freien, 
schmolz die Enden der Röhren ab, und bestimmte den 
Eohlensäuregehalt der darin eingeschlossenen Luft ganz in 
derselben Weise, wie ich es mit den von Zittel aus der 
Wüste mitgebrachten Luftproben gethan hatte. 

Gleichzeitig aber wurde eine Bestimmung der Kohlen- 
säure in der atmosphärischen Luft auf gewöhnliche regel- 
rechte Weise in einer 4 Liter haltenden Flasche vorgenommen. 

Das Resultat war folgendes: 

a) Bestimmung der Kohlensäure der Luft in der Röhre. 
Manometer 2 Millimeter minus. 

Barometer 7t2 „ 
710 „ 
Temperatur 21.2' C. 

Luftvolum der Röhre 0.950 Liter = 0.818 Liter bei 0* 
und 760 Mllm. Barometer. 30 Cub.-Centim. Barytvvabser 
vor dem Versuche = 25.25 cc. Ox.wlsäure 
nach „ „ 25.0 „ 

Differenz 0.25 „ 

90 Cub.-Centim. Barytwasser hatten 0.75 Mllgr. CO, 
= 0.318 Cub.-Centim. absorbirt. 

In 10000 Volumthl. Luft 4.65 Volumthl. Kohlensäure. 

b) Die regelrechte Bestimmung ergab 3.79 Volumtheile 
CO, auf 10000 Theile Luft. 

Die Uebereinstimmung der beiden Versuche und damit 
die Gfri:"nigkeit des von mir angewandten Verfahrens ist 
hinreichend, um die aus den Resultaten der Untersuchung 
gezogenen Schlüsse als gerechtfertigt erscheinen zu lassen. 



352 Einsendungen van Druckschriften. 



Terzeiclmiss der eingelaufenen Bflchergesclienko. 



Van der deutschen gedlagischen Gesellschaft in Bei^n\ 
Zeitschrift. Bd. XXVI. 1873—74. 8. 

Vam Verein für Natur^ und Heilkunde in Presshurg: 
Verbandlungen. Neue Folge. Heft 2. (Jahrg. 1871—1872.) 8. 

Van der h k. Sternwarte in Wien: 
Annalen. III. Folge. Bd. XXI. Jahrg. 1871. 8. 

Vam Verein für Naturkunde in Offenbach: 
13. u. U. Bericht, 1871-1872 u. 1872—73. 8. 

Van der naturfarschenden Qeselhchaft in Basel: 
Verhandlungen. Theil VI. 1874. 8. 

Van der Sternwarte des eidgenössischen Polytechnikums in Zürich: 

Schweizerische meteorologische Beobachtungen. November 1872 bis 
März 1873. 4. 

Van der a^stronomischen Gesellschaft in Leipzig: 

a) Viertel] ahrsschrift. Jahrg. IX. Leipzig 1874. 8. 

b) Publication No. XIII. Beobachtungen der Sonnenflecken zu 
Anclam von G. Spörer. 1874. 4. 

Von der kgl, ungarischen Akademie der Wissenschaften in Pest: 

Icones selectae Hymenomycetum Hungariae, per Stephanum Schulzer 
et Carolum Ealchbrenner. Pars I. 1873. Fol. 



Einsendungen von BmckschrifUn, ' 363 

Von der kgl, ungarischen geologischen Anstalt in Pest: 

a) Mittheilungen aas dem Jahrbuche. Bd. II. 1873. 8. 

b) „ „ „ „ Bd. III. 1874. 8. 

c) A Magyar Kiralyi földtani intezet evkönyve. Bd. III. 1874. 

Vom Verein für Erdkunde in Dresden: 

a) 10. Jahresbericht, 1873. 8. 

b) 11. Jahresbericht. Wissenschaftlicher Theil. 1874. 8. 

Von der Lesehalle der FoHytechniJcer in Dresden: 
Schiassbericht. 1873/74. 8. 

Von der landwirthschaftUchen Centralschule in Weihenstephan: 
Jahresbericht pro 1873/74. Freising 1874. 8. 

Von der physikalisch-medicinischen Gesellschaft in Würzhurg: 
Verhandlungen. Neue Folge, Bd. VII. 1874. 8. 

Vom siehenhürgischen Verein für Naturtoissenschaften zu Hemianstadt: 
Verhandlungen. Jahrg. XXIV. 1874. 8. 

Vom naturwissenschaf^ichen Verein für die Provinz Sachsen 

in Halle: 

Zeitschrift für die gesammten Naturwissenschaften. Bd. 43 (= Neue 
Folge Bd. IK.) 1874. Berlin. 8. 

Vom St. Gallischen naturwissenschaftlichen Gesellschaft zu SL Gallen : 
Bericht über ihre Thätigkeit während d. J. 1872-73. 8. 

Von der geographischen Gesellschaft in Wien : 
Mittheilungen. XVI. Bd. (= N. F. Bd. VI.) 1873. 8. 

Von der geologischen BeichsandM in Wim; 
Abhandlungen. Bd. VII. 1874. Fol. 

Von der naturforschenden Ges^chaft in Emden: 

59. Jahresbericht 1873. 8. 
11874. 3. Math.-phys. Cl.] 28 



354 Einsendungen van Druckschriften, 

Vom Verein für Naturkunde in Zwickau: 
Jahresbericht 1871. 1872. 1873. 8. 

Vom naturhistorisch-medicinischen Verein in Eeiddbergi 
Verhandlangen. Neue Folge. Bd. I. 1874. 8. 

Vom naturwissenschaftlich-mediciniscTien Verein in Innsbruck: 
Berichte. IV. Jahrg. 1874. 8. 

Von der naturforsclienden GeseUscJMft in Freiburg i.fB,: 
Berichte über die Verhandlungen der Gesellschaft Bd. VI. 1873. 8. 

Von der schweizerischen naturforschenden GestXlschaft in 
' Schaffhausen : 

Verhandlungen. 56. Jahresversammlung. Jahresbericht 1872—73. 8. 

Vom natunoissenschaftlicJien Verein von Neupammem und Bugen 

in Greifswaid: 

Mittheilungen. 5. u. 6. Jahrgang. Berlin 1878/74. 8. 

Vom k, b, Ministeridl'Forstbureau in München: 
Forstliche Mittheilungen. IV. Bd. 1874 8. 

Von der Geölogical Society in London: 
The quarterly Journal. Vol. 80. 1874. 8. 

Vom Museo civico di storia naturale in Genova: 
Annali. Vol. IIL IV. 1872—73. 8. 

Von der SocUte botaniq^ue de France in Paris: 

a) Bulletin. Tom. XXI. 1874. Revue bibliographique A. 1874. S. 

b) Bulletin. Tom. XXI. 1874 „ „ C. 1874. 8. 

Von der SociHi Impiraie des Naturälistes in Moskau: 
Bulletin. Ann6e 1873. 8. 

Von der deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde 

Ostasiens in Yokohama: 

Mittheilungen. 1874. Fol. 



wT. 



Einsendungen von Druckschriften. 355 

Von der Zoologicäl Society in Fhüadelphiax 
II<^anDaal Report, read April 1874. 8. 

Von der Royal Society in London: 

a) Philosophical Transactions. Vol. 163. 1874. 4. 

b) List of tbe fellowa of the Royal Society, 30. Nov. 1873. 4. 

c) The Anatomy of the Lymphatio System. By £. Klein. Part. I. 
1873. 8. 

Vom Reale Osservatorio di Brera in Müano: 
PubbHcazioni No. II. 1873. 4. 

V<m der Äccademia Gioenia di scienze naturali in Catania: 

Carta geologica della citta di Catania per Carmelo Sciuto-Patti 
1873. Fol. 

Vom Bureau de la Recherche giologique de la Suhde in Stockholm: 

a) Carte geologique de la Suede. Livr. 46 — 49, accompagnees de 
renseignements. 1873. Fol. 

b) Description de la formation carbonifere de la Scanie, par 
Ed. Erdmann 1873. 4. 

Von der Sociedad antropolögica espahola in Madrid: 
Revista de antropölogfa. Cuaderno 5. 1874. 8. 

Von der Zoologicäl Society in London: 

a) Proceedings. 1874. 8. 

b) Transactiona. Vol. VIII. Part. 9. 1874. 4. 

Von der Society of Natural History in Boston: 

a) Proceedings Vol. XVI. 1873-74. 8. 

b) Memoirs. Vol. III. 1873-74. 4. 

Von der Society of NaturaH Sciences in Buffalo: 
Bulletin, ^ol. I. 1874. 8. 

Von der Staats-ÄckerhaU'Behörde von Ohio in Columhus: 

27. Jahresbericht für das Jahr 1872. 8. 

23* 



356 Einsendungen von Druckschriften. 

Von der American FhHosophicai Society in Philadelphia: 

a) Transactions. Vol. XV. 1878. 4. 

b) Proceedings. Vol. XIII. 1873. 8. 

Von der American Pharmaceuticäl Society in Fhiladelphia : 

Proceedings of the 21*^. annnal Meeting held at Elchmond, Sep- 
tember. 1873. 8. 

Von der State Agricultural Society in New York: 
Transactions for the year 1871, Albany 1872. 8. 

Von der Academy of natural Sciences in Philadelphia : 

a) Proceedings 1873. Part I— III. 1873. 8. 

b) Journal. New Series. Vol. VIII. 1874. 4. 

Von der Peahody Academy of Science in Salem : 

a) 5^ annaal Report for the year 1872. 8. 

b) The American Naturalist. Vol. VIII. 

Vom Lyceum of natural History in New York: 

a) Annais. Vol. X. 1872—73. 8. 

b) Proceedings. Vol. I. 1872—78. 8. 

Vom Essex Institute in Salem: 
Bulletin. Vol. 5. 1878. 8. 

Vom Harvard College in Cambridge, Mass: 

a) 21^^ annaal Report of the Secretary of the Massaschusetts Board 
of Agriculture for 1873. Boston. 8. 

b) Annual Report of the Trastees of the Maseum of Comparative 
Zoölogy at Harvard College, for 1873. Boston 1874. 8. 

Vom United States Navdl Ohservatory in Washington: 

Astron omical and Meteorological Observations mado during the 
year 1871. 4. 

Von der Sociedad Mexicana de historia natural in Mexiko: 
La Naturalaza. Tomo II. 1878. 4 



Einsendungen von Bruekechriften, 357 

Von der Societä Beate di NapoU: 

a) Atti delP Accademia delle scienze fisiche e matematiche. 
Vol. V. 1873. 4. 

b) Bendiconti dell' Accademia delle scienze fisicbe e matematiche. 
Anno IX. X. XL 1869—71. 4. 

Von der Sociite nationale des sciences naturelles in Cherhourg: 

a) Memoires. Tom. XVIII. Paris 1874. 8. 

b) De la redaction de Flores locales au point de vae de la geo- 
grapbie botaniqae. Reflexions soumises a la Societe Linneenne 
de Normandie par Augaste Le Jolcs. 1874. 8. 

Von der Redaction des American Chemist^ en New York: 
The American Chemist. Vol. 5. 1874. gr. 8. 

Von der mineralogischen Gesellschaft in St, Petersburg: 
Materiali dla Geologiy Rossiy. Bd. 5. 1873. 8. 

Von der Societe d^ anthropdlogie in Paris: 
Balletins Tom. IX. 1874. 8. 

Vom Baddiffe Olservatory in Oxford: 
Observations. Vol. XXXI 1871. 8. 

Von der Societi des sciences physiques et natureÜes in Bordeaux: 

a) Memoires. Tome X. 1874. 8. 

b) Extrait des proces-yerbaux des seances 1873-74. 8. 

»1 . M w j» »* lo74, 8, 

Von der Sociäi Impiriale des Naturalistes in Moskau: 
Bulletin. Annee 1874. 8. 

Vom Musium d'histoire naturelle in Paris: 
Nouvelles Archives. Vol. IX. 1872—73. 4. 

Von der Idnniean Society in Limdon: 

a) Transactions. Vol. 30. 1874. 4. 

b) Additions to the library. June 1872— June 1873. 8. 

c) List ol the Society. 1873. 8, 



358 Einsendungen van Bruchschrifttn. 

V(m der SoeiitS des seieneea naturelles in Neuchatel: 

a) Memoires. Tom. IV. 1874. 4. 

b) Bulletin. Tom. X. 1874. 8. 

Von der Soeiite hoUandaise des sciences in Hartem : 

a) Natuurkandige Verband elingen 3 Serie. Tom. II. 1874. 4. 

b) Archives Neederlandaises. Tom. IX. 1874. 8. 

c) Programme. Annees 1874. 8. 

d) Naamlijst van Directeuren en Leiden 21. Mei 1874. 4. 

Von Teylers Oenootschap in Hadern : 
Verbandelingen. Nieuwe Serie. III. 1874. 8. 

Vom h Nederlandsch meteorologischen Instiiuut in Utrecht, 
Jaarbock voor 1870. 4. 

Von der Äccademia Pontißcia di Nuovi Lincei in Born: 
Atti. Anno XXVII. Sessione 6. 1874. 4. 



Vom Herrn Gerhard vom Bath in Berlin: 

a) Mineralogiscbe Mittbeilungen XIII. Leipzig 1874. 8. 

b) Worte der Erinnerung an Dr. Friedr. Hessenberg. Bonn 1874. 8. 

Vom Herrn L. Kronecher in Berlin: 

Ueber die cougruenten Transformationen der bilineareu Formen. 
1874. 8. 

Vom Heim Ernst HäcJcel in Jena: 
Antbropogenie. Entwicklungsgescbicbte desMenscben. Leipzig 1874. 8. 

Vom Herrn Adolf WfJiUner in Aachen: 

a) Lebrbucb der Experimentalpbysik. Bd. I. II. Leipzig 1863—66. 8. 
n. Auflage 4 Bände. Leipzig 1870—72. 8. III. Auflage Bd. I. 
Leipzig 1874. 8. 

b) Einleitung in die Dioptrik des Auges. Leipzig 186'). 8, 



Einsendungen van Druchtchriften. 359 

Vom Herrn Jos. Heine in Speier: 
Die epidemische Cholera. Würzbarg 1874. 8. 

Vom Herrn D, Tommasi in Paris: 

Action of Ammonia on Phenyl-Chloracetmide and Cresyl-Cbloraceta- 
mide London 1874. 

Vom Herrn Ä. 8. Fackard in Salem: 

a) Tbe Ancesiry of Inscets. Salem 1873. 8. 

b) CaUlogue of the Pyralidae of California. New York 1873. 8. 

c) Catalogue of the Phalaenidae of California. Boston 1874. 8. 

Vom Herrn Eduard Begel in St. Petersburg: 

Gartenflora. Allgemeine Monatsschrift für Gartenkunde. Jahrg. 1873 
u. 1874. Erlangen 1873—74. 

Vom Herrn E. H. von Baumliaucr in Harlem: 

Sur un meteorographe universel destine aux observatoires solitaires. 
1874. 8. 

Vom Herrn B. A. Gould in Boston: $ 

Reception of Dr. Benjamin A. Gould by bis Fellow-Citizens of Boston, 
June 22, 1874. 8. 

Vom Herrn J. D. Whitney in Cambridge, Mass.: 

a) Geological Survey of California. Palaeontology Vol. 1. 2. 1864—69. 
Geology Vol. 1. 1865. Ornithology Vol. 1. 1870. Philadelphia. 4. 

b) The Yosemite Guide-Book: a Description of the Yosemite 
Valley. 1870. 4. 

Vom Herrn Maximiano Marques de Carvalho in Bio de Janeiro: 
Memoria sobre o fluide electrodynamico. 1874. 8. 

Vom Herrn Süvestro Zinno in Neapel: 
Memoria sulP ozono. 1874. 8* 

Vom Herrn E. Smeets in Liige: 
Note sur un nouvel nrinal pour la nuit. 



"i 



360 Einsendungen von Druckschriften, 

Von den Herten Oemminger und B. de Harcid in München: 

Catalogns Goleopteromm hucusqae descriptoram eynonymicus et 
systematicas. Tom, XL 1871. 8. 

Vom Herrn Alois F. P. Nowak in Prag: 

Ueber dasVerbältniss der Grandwasser-Schwankungen zn den Schwank- 
ungen des Luffcdrackes und sa den atmosphärischen Nieder- 
schlägen. 1874. 8. 

Votn Herrn Stern in Göttingen: 
Zur Theorie der Eulerschen Zahlen. 1874. 4. 

Vom Herrn Ernst Chantre in Lyon: 

a) Projet d'une legende internationale pour les cartes archeologique 
prehistoriques. 1874. 8. 

b) Les Faunes mammalogiques tertiaire et quatemaire du bassin 
du Rhdne. 1874. 8. 

Vom Herrn Gabriel De Mortillet in St, Germain en Laye: 

a) Geologie du tunnel de Frejus. Annecy 1872. 8. 

b) Classification des diverses periodes de Tage de la pierre. 
Bruxelles 1873. 8. 

c) Notes sur le precurseur de l'homme. Paris 1873. 8. 



Sach-Eegister. 



Aotztigaren an Krystalleii 48. 
Aetzfigaren an Mineralien 245. 
Antigorit 165. 



Bienen, über Fermente in diesen etc. 204. 
Büchergeschenke, eingelaufene 93. 233. 352. 
Buntsandstein aus den Alpen 192. 



Cardita-Schichten 190. 200. 

Chinone, deren relatfve Constitution 210. 

Chrysotil 165. 

Cyanamid 21. 



Derivate des SulfoharnstoÖs 1. 

Diazoverbindungen, deren relative Constitution 208. 



Fermente in den Bienen etc. 204. 

Ferment, ein diastatisches und peptonbildendes in den Wicken- 
samen 241. 



Geognostiscbe Mittheilungen aus den Alpen 177. 

Gewitter, gesetzmässige Schwankungen in der Häufigkeit derselben 284. 

Gletscher-ErscheinuDgen in der bayerischen Hochebeae 252. 

Granat, dessen Aetzfiguren 245. 

Guanidin 11. 

24 



362 Sach'llegidcr, 

Honigs Bestandtheile desselben 204. 



Jadeit vom Eünlnn-Gebirge 63. 



Kaliglimmer, dessen Aetzfiguren 245. 
Kobaltnickelkies, dessen Aetzfiguren 245. 
Kohlensäuregehalt der Luft in der libyschen Wüste 83!). 



Magnete, über deren Darstellung auf electrolytischem Wege 35. 

Marmolith 165. 

Melam 25. 

Methyläther, über dessen Darstellung 33. 

Methylalkohol aus Holzgeist 213 

Milch^ über dessen specifische Wärme und Volumenveränderung etc. 97. 

Muschelkalk aus den Alpen 194. 



Nephrit vom Künlun-Gebirge 63. 



Oxalsäure-Methylester 213. 

Oxydationsmittel, über das Verhalten derselben gegen organische 

Substanzen 32. 
Ozon in der Luft der libyschen Wüste 215. 



Partnachschichten aus den Alpen 106. 

Pflanzenformen, deren Verdrängung durch ihre Mitbewerber 109. 



Raibler-Schichten 200. 

Rhinoceros tichorhinus ausgegraben im südlichen Bayern 273. 

Rosa, deren Genus in Hochasien 323. 

Hoseuwasser und Rosenöl o2ü. 



Such-Begister. 363 

Säugethier-Reste, fossile im Büdlichen Bayern 274. 
Salze, saure schwefelsaure über deren Analogie mit den ameisen- 
sauren- 28. 
Saussürit vom Eünlun-Gebirge 68. 
Senfolessig-Säure 1. 
Serpentin und dessen Verwandte 109. 
Silber, dessen massanalytische Bestimmung 54. 
Sulfoharnstoff 5. 



Taurin, über dessen Constitution 28. 



Wetterstein kalkstufe 106. 



Namen-Retfister. 



Ag^ssiz (Nekrolog) 84 



Baumbauer 48. 245. 
Beetz 85. 284. 
V. Bezold 284. 
Breithaupt (Nekrolog) 76. 



Du Bois-Reymond in Tübingen (Wahl) 231. 



Erlenmeyer 28. 204. 208. 241. 



Fischer 63. 
Fleischmann 97. 



V. Gorup-Besanez 241. 
Gümbel 177. 



Hansteen (Nekrolog) 71. 



y. Kobell 48. 60. 165. 281. 245. 
Knndt in Strassburg (Wahl) 281. 



NantetirEeg ister. 365 

V. Mädler (Nekrolog) 91. 



Nägeli 109. 

Naumann (Nekrolog) 81. 



V. Pettenkofer 339. 



Quetelet (Nekrolog) 88. 



V. Kegel in St. Petersburg (Wahl) 232. 
de la Rieve (Nekrolog) 79. 
Rose (Nekrolog) 79. 



Sachs in Würzburg (Wahl) 232. 
V. Sohlagintweit-Sakünlünski 63. 323. 
Schnitze (Nekrolog) 87. 
Studer in Bern (Wahl) 231. 



Vogel 97. 
Volhard 1. 54. 



Wüllner in Aachen (Wahl) 232. 



Zantedeschi (Nekrolog) 70. 
Zittel 215, 252. 




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